«EXECUTION. geschechen in Basel» 1653 (Ausschnitt)
Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»!

Im schweizerischen Bauernkrieg von 1653 kommen durch die Strafgerichte der Obrigkeit – durch Erhängen und Enthaupten – mehr Menschen ums Leben als auf dem Schlachtfeld. Hat dieser Aufstand überhaupt etwas bewirkt?

Was sollen Gnadengesuche der Regierungen der Waldstätte und des Abts von Einsiedeln, von Untertanen, Frauen und Kindern, wenn die «Herrgotts Lumpen» endlich hinter Schloss und Riegel sind? Nein, jetzt wird abgerechnet. Im ganzen Aufstandsgebiet werden Hunderte von Bauern verhört, teilweise gefoltert, verurteilt: zu Hausarrest und Verbannung, Kriegsdienst gegen die Türken und Ruderdienst auf venezianischen Galeeren, was einem Todesurteil gleichkommt. 45 Untertanen werden von den Gnädigen Herren als «Rädlifuerer» zum Tode verurteilt und hingerichtet, in Bern 23, in Basel acht, in Luzern 13, in Solothurn einer.

Hans Emmegger (1604–1653) von Schüpfheim LU, Landespannermeister im Entlebuch, enthauptet.
Bild: Wikimedia commons

Niklaus Leuenberger (1615–1653) von Rüderswil BE, Anführer der bernischen Aufstandsbewegung, enthauptet.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Angeführt von den Wägsten und Besten

Der Anführer der Berner Aufständischen, Niklaus Leuenberger, gehört als hablicher Bauer und Mitglied des Landgerichts Ranflüh zur ländlichen Oberschicht. Das trifft auf den Entlebucher Landeshauptmann Hans Emmenegger erst recht zu. Seine Güter sind mehr als 30‘000 Gulden wert. Für den Kirchenbau in Schüpfheim stiftet er 500 Gulden, dazu eine Glocke. Zuerst ist er Weibel, dann Landeshauptmann, schliesslich Landespannermeister, eine Identifikationsfigur, so einflussreich, dass er der Luzerner Obrigkeit die Stirn bieten kann. Bereits 1635 ruft er zur Verweigerung des Huldigungseids auf und wird nur auf Bitten seiner Familie begnadigt. Später wird er wegen kritischer Äusserungen zum Pensionenwesen mit 300 Gulden gebüsst. Das sind zwei bis drei Jahreslöhne eines Handwerkers in der Stadt. Angeführt werden die Bauern nicht von verarmten, verelendeten «Bauernzütteln», sondern von ihren Spitzenkräften.

Gasthäuser als Informationszentren und Drehscheiben

Als einer der reichsten Untertanen der alten Basler Landschaft seiner Zeit reiht sich hier Hans Gysin ein, Wirt in Hölstein, an der Hauensteinroute. Er verfügt über reichlich Land und Vieh und hat als Geldgeber grossen Einfluss. Kein Zufall, dass er wirtet. Im Luzernischen gehören mehrere Wirte zum Führungskreis der Bauern. Christian Schibi, der charismatische Haudegen, wirtet im «Drei Königen» in Entlebuch. Johann Ulrich Amstein, Sternenwirt in Willisau, wird 1653 mit zehn Jahren Galeerendienst bestraft. Schliesslich verdient Heinrich Peyer Erwähnung. Nach den ersten Hinrichtungen von Bauern äussert der Willisauer Kronenwirt seinen Zorn zwar verschlüsselt, aber alle verstehen ihn. Nicht die Obrigkeit werde das letzte Wort haben, meint Peyer, sondern «der uf der blauwen dillen», gemeint der Herrgott im Himmel, auf der blauen Diele. Er werde «entlich gross und klein richten».

«Schibi auf der Folter», Disteli-Kalender 1839. Das wohl bekannteste Bild vom Bauernkrieg wurde nicht 1653, sondern fast zweihundert Jahre später geschaffen.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Der Verlierer als Sieger

Willisau war ein wichtiger Treffpunkt der Aufständischen. Sursee hingegen hat von Beginn weg zur Obrigkeit gehalten. Das mag dazu geführt haben, dass der Entlebucher Bauernführer Christian Schibi im Rathaus von Sursee gefoltert wird. – Auf der rechten Seite drei Vertreter der Macht. Ratsherr Kaspar Pfyffer, behangen mit Pelz und goldener Kette, leitet Verhör und Folterung. Die eine Hand auf der Bibel, vereinnahmt er das göttliche Recht für die Obrigkeit. Der Protokollführer krümmt sich angestrengt und entsetzt zugleich über sein Buch, bemüht, nichts zu verpassen. Zur nachträglichen Rechtfertigung des peinlichen Verfahrens soll ihm keine Äusserung entgehen. Der Dritte im unseligen Bund demonstriert mit einem Szepter Rang und Würde der Ratsvertretung. Das Kreuz auf dem Tisch bringt zum Ausdruck, dass hier die Stellvertreter Gottes auf Erden am Werk sind.

Gottes Sohn aber befindet sich den Machthabern gegenüber, in der Gestalt von Schibi. Grausam gemartert auf einer Folterwinde, dennoch kraftvoll und unbeugsam, überragt Schibis Kopf unübersehbar alle anderen. Man wird ihn töten. Aber er stirbt für eine gerechte Sache und bleibt Sieger. So jedenfalls sieht es der Zeichner Martin Disteli, der klar Partei ergreift. Zu beiden Seiten Schibis, wie damals auf Golgatha, der Kreuzigungsstätte Christi, zwei Mitgefangene; direkt über ihnen Ketten, zu denen auch sie verdammt sind. In einer Maueröffnung stehen als Gefängniskost Wasser und Brot bereit. Disteli macht daraus einen Tabernakel mit Brot und Wein für das (letzte) Abendmahl. Das massive Gitter in der Maueröffnung deutet an, dass es hier kein Entrinnen gibt. Aber das helle Licht, das aus dieser Öffnung dringt, fällt nicht etwa auf die Peiniger, sondern auf Schibi. Diese Tortur mitansehen zu müssen, ist selbst einem Tier zu viel. Der Hund kriecht unter den Tisch.

«EXECUTION. geschechen in Basel den 7 vornembsten Rebellen. Baslischen Unterthanen», kolorierte Radierung in den «Frankfurter Relationen», Ostern – Herbst 1653 (Ausschnitt).
Bild: Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung und Fotoarchiv

Öffentlich inszenierte Abschreckung

Überall soll das grauenhafte Spektakel der Hinrichtungen vor möglichst zahlreichem Publikum stattfinden. Mit theatralisch inszenierten Strafaktionen schüchtert die Obrigkeit die Untertanen ein und beugt weiterem Aufbegehren vor. Zu diesem Zweck werden die Leichen auf den Richtstätten demonstrativ zur Schau gestellt. Noch ein halbes Jahr nach der Hinrichtung hängt der Leichnam des Emmentaler Bauernführers Ueli Galli am Galgen. «Im Mai hat man den erhenkten Ulli Galli von dem Galgen abgeschnitten, welcher hernach aus oberkeitlichem Befehl vom Meister Michel, dem Scharpfrichter, wiederum mit einer Kette unter den Armen aufgehenkt und der abgehowene Kopf an das Corpus gesetzt wurde. Ist dieser also zum anderen [weiteren] Mal gehenkt und einmal geköpft worden.»

Religiöse Medaillons und Kreuze, Fundstücke von Hingerichteten, Luzerner Richtstätte beim Gaugewäudli, Gemeinde Emmen.
Bilder: Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Luzern

Deckelpokal, Silber, teilvergoldet, Höhe 44 cm, um 1653, Geschenk der Berner Obrigkeit an Hauptleute für ihre Verdienste im Bauernkrieg.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

«S‘tuet doch de Luzärner d’Augen uf.»

Nach dem Bauernkrieg nehmen die «Wallfarten zu der Rihtstatt by dem Hochgericht» für die Obrigkeit bedrohliche Ausmasse an. Die Bittgänge rücken in die Nähe volkstümlicher Heiligenverehrung. Die Luzerner Regierung sieht in diesen Wallfahrten politische Kundgebungen und verbietet sie bei Todesstrafe. Viele Angehörige lassen sich jedoch nicht abhalten, wie das Lied vom Buecher Fridli dokumentiert:

«s‘Mareili gieng untern Galgen zu bäte
Die Here täten ihm das abspräche:
‹Der Galge ist ja keis Gotteshus,
s‘ist süst nur in den Chirchen der Bruuch.›
s‘Mareili gab zur Antwort druf:
‹Das Bäte ist überall der Bruuch.
Und ist der Galge keis Gotteshus,
s‘tuet doch de Luzärner d‘Augen uf.›»

Alles bleibt beim Alten. Genau das ist das Neue.

Wie so oft in der Geschichte, ist die Frage nach den Siegern von 1653 vordergründig rasch beantwortet: die Herren natürlich, wer denn sonst?! Jedenfalls nicht die «armen Bauernzüttel», die aufs Rad geflochten und von Galgenvögeln gefressen werden. Wenn man Geschichte allerdings als Prozess begreift, ergibt sich auch hier ein differenziertes Bild.

Die Obrigkeiten können nach 1653 selbst von Gottes Gnaden nicht mehr schalten und walten, wie sie wollen. Systematisch direkte Steuern zu erheben, ist kaum möglich. Damit fehlt das Geld für ein stehendes Heer zur dauernden Disziplinierung der Untertanen. Damit fehlen auch die Mittel für einen Verwaltungsapparat, für städtische Beamte auf dem Land. Die Untertanen haben zwar keine politischen Rechte, aber sie verwalten sich weitgehend selber. Das trägt wohl zur bemerkenswerten Entwicklung der Vorindustrialisierung bei. Jedenfalls ist die Schweiz um 1800, am Vorabend der technischen Revolution, womöglich der grösste Hersteller von Baumwollwaren in ganz Westeuropa.

→ Die nächste Serie der Historischen Fabrik befasst sich nach der Sommerpause wiederum in fünf Folgen mit der Helvetik 1798–1803, die den Umbruch von der alten Eidgenossenschaft zum demokratischen Bundesstaat von 1848 einleitet.

«Min arme Bauernzüttel»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der Bauernkrieg von 1653! Dieser Aufstand droht die Herrschaftsverhältnisse in der Eidgenossenschaft auf den Kopf zu stellen.

Montag:
Was beginnt, hat immer vorher schon begonnen
Nach dem Dreissigjährigen Krieg ist vor dem Bauernkrieg. Fette Gewinne verlocken die Untertanen zu hoher Verschuldung. Die Nachkriegsdepression wird verschärft durch neue Steuern und hohe Bussen.

Dienstag:
«Von wegen ganzen Batzen ist dieser Krieg herkon»
Nach einer verlustreichen Abwertung proben die Untertanen den Aufstand, grenzüberschreitend. Bald werden die politischen Forderungen wichtiger als die wirtschaftlichen.

Mittwoch:
Unerhört: Bauernbund gegen Herrenbund!
Das Epizentrum des Aufstands ist das Entlebuch. Was die vereinigten Bauern im Huttwiler Bundesbrief fordern, ist für diese Zeit unerhört, europaweit.

Donnerstag:
Abrechnung mit den «Herrgotts Lumpen»
Teile und herrsche: Mit Lug und Trug hebeln die Herren den revolutionären Bauernbund aus. Danach lassen sie den Aufstand brutal niederschlagen.

Freitag:
Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»!
Grausame Hinrichtungen sollen weiteren Aufständen vorbeugen. Trotz der Niederlage der Untertanen kann die Obrigkeit nach 1653 nicht schalten und walten, wie sie will.

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





5 Kommentare

Robert Bucheli sagt:

Als Bauernsohn bin ich von diesem Beitrag ganz besonders berührt. Er zeigt erneut auf, wie Ereignisse im Ausland unsere Wirtschaft und unsere Politik bestimmen und wie betroffene Volksgruppen auf die Auswirkungen dieser äusseren Einflüsse reagieren. Zudem wird klar, dass es in solchen Krisenzeiten immer Verlierer und Gewinner gibt – Krise 2008! – und meistens sind die Gewinner jene, welche die Macht entweder über Geld, Politik und dank der Angstmacherei immer hatten und sie auf ihre Weise weiter behalten werden!

Suzanne sagt:

Diese Bauernkriegsserie ist ein Bijou der (Lokal-)Geschichtsschreibung: anschaulich, die Motive kurz und einleuchtend erklärt und mit Quellen belegt, Sozialgeschichte und Ereignisgeschichte zu einem Krimi verwoben. Eine Freude, so etwas lesen zu dürfen. Merci!

Nur noch eine kleine Frage zum letzten Disteli-Bild „Schibi auf der Folter“: Die beiden Figuren rechts und links von Schibi seien seine Mitgefangenen. Wieso? Sind es nicht eher die Folterknechte? Mussten Mitgefangene als Folterknechte dienen, aber wer würde sie dann dazu pressen (man sieht keine Bewaffneten). Reicht die obrigkeitliche Autorität, die Anwesenden zu bezwingen? Also immer gem. Distelis Erfindung der Szene. Eine Darstellung struktureller, kirchengestützter Macht? Das war ja im Vorfeld von 1848 immer noch ein Thema …

Kurt Messmer sagt:

Vielen Dank für den freundlichen Kommentar und den klärenden Hinweis. Die Bezeichnung «Mitgefangene» könnte tatsächlich falsch verstanden werden. Suzanne Salvisberg stellt mit Recht fest, dass die zwei Folterknechte nicht ebenfalls verurteilte Bauern sein können. Mit den Ketten, die an der Wand hängen, macht der Zeichner Martin Disteli (1802–1844) deutlich, dass die beiden jederzeit (wieder) in Ketten gelegt werden könnten – wie alle Untertanen. Folgt man der Annahme, Schibi verkörpere Christus, repräsentieren die zwei Folterknechte nach biblischer Lesart die beiden Schächer. So verstanden sind sie «Mitgefangene».

Markus Müller sagt:

Danke für diesen Blog-Beitrag. Bildbeschreibungen habe ich schon immer geliebt! Die Beschreibung des Schibi-Bildes ist einmal mehr ein eindrückliches Beispiel. Eine Frage hätte ich aber zu den beiden Figuren links und rechts von Schibi. Woran sieht man, dass das Mitgefangene sind? Meines Erachtens sind es Folterer: einer dreht an der Kurbel, der andere hängt Schibi schuldbewusst Gewichte an die Füsse.

Heinz Gadient sagt:

Herzlichen Dank Kurt für die grossartigen Blogs! Ach hätte ich doch bei dir Geschichtsunterricht gehabt. Ich erinnere mich noch genau an einen Hefteintrag in der 5. Primarklasse unter dem Titel „Edle Herren im Sarganserland“. An den Text, von der Wandtafel abgeschrieben, erinnere ich mich nicht mehr, aber ich bin mir sicher, es war eine Lobhudelei auf die Obrigkeit.