Kurze einschneidige Griffwaffen zwischen Messer und Degen, sogenannte Bauernwehre, die von den Bauern im Bauernkrieg 1653 eingesetzt wurden.
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

«Von wegen ganzen Batzen ist dieser Krieg herkon»

Schon vor 1648 setzt eine wuchtige Nachkriegsdepression ein. Die Bauern haben Schulden, die Kornpreise brechen ein, die Bevölkerung wächst: Existenzangst macht sich breit. Ende 1652 wird eine Abwertung zum Dammbruch.

Nach dem Dreissigjährigen Krieg bleiben die «frömbden Kauflüth» aus. Die Bauern klagen über «böse Läufe». Zudem wird das Land überschwemmt mit schlechten Münzen. Längst ist der Silbergehalt nicht mehr, was er einmal war. Eine Abwertung ist unumgänglich. In Bern, Freiburg und Solothurn ersetzt man den Untertanen die Währungsverluste, nicht aber in Luzern wenig später. Hier wird sogar noch eins draufgegeben.

«Welcher Gott, die Oberkeit und dz Wätter tadle, der sye ein Narr.»
Ein Bote aus der Stadt, der am 28. Dezember 1652 den Entlebuchern die Nachricht von der Batzenabwertung überbringt und von diesen sogleich mit Vorwürfen eingedeckt wird.
Illustration: Ludwig Suter, Beromünster

Insider und Gislifresser

Nachdem die Luzerner Regierung beschlossen hat, die Handmünzen abzuwerten, stossen sowohl die Luzerner Staatskasse als auch vorinformierte Gläubiger ihre schlechten Batzen möglichst rasch ab, systematisch: Um Verluste zu vermeiden, werden mit den minderwertigen Münzen umgehend fällige Rechnungen beglichen und «allerhand Wahren erkaufft», Realwerte. Die zu diesem Zeitpunkt noch ahnungslosen Untertanen, denen für den Umtausch der schlechten Batzen nur drei Tage eingeräumt wird, mögen selber sehen, wie es ihnen mit den abgewerteten Münzen ergeht. Insidergeschäfte anno 1653.

Gewisse Geldgeber haben für Schuldscheine von 100 Gulden nur 95 bezahlt, um Zinsvorschriften zu umgehen. Andere beauftragen Schuldboten, ins Wirtshaus zu hocken und sich dort auf Kosten der Schuldner zu verköstigen, bis die ausstehenden Schuldbeträge in vollem Umfang auf den Tisch gelegt werden. «Gislifresser» nennt man sie. Verhasst sind sie ärger als der Leibhaftige.

Erstes Fiasko, erste Demütigung der Bauern

Am 9. Januar 1653 spricht eine Entlebucher Delegation beim Rat in Luzern vor. Dort lässt man die Gesandten über Gebühr warten. Diese bekommen es mit der Angst zu tun, reisen fluchtartig ab. War vor langer Zeit, 1478, nicht schon ihr angesehener Landeshauptmann Peter Amstalden in den Wasserturm geworfen, «hinder die muren kommen» und dann geköpft worden?

Der Blick in die Vergangenheit ist immer wieder mit der zentralen Frage verbunden: Was wird zum Hebel der Geschichte? Vielleicht ist es in diesem Falle nicht zuletzt die Demütigung der Bauernführer, die ins Entlebuch zurückkehren und ihren Leuten berichten müssen, eine Anhörung habe gar nicht erst stattgefunden.

Heiligkreuz, Wallfahrtsort, 1130 Meter über Meer, heimlicher Hauptort des Entlebuchs; Blickrichtung Nordost, gegen Werthenstein und Malters.
Bild: © Josef Brügger Heiligkreuz

«Purentagsatzung»

Einen Monat später, am 10. Februar 1653, hallt Kanonendonner vom «Dach des Entlebuchs», vom Heiligkreuz. Im Tal wird der Weckruf mit allen Kirchenglocken verbreitet. Was er zu bedeuten hat, wissen alle: Landeswallfahrt zum Heiligkreuz.

Nach der Messe wird aus der Landeswallfahrt eine Landsgemeinde. Die Entlebucher Untertanen wollen ihre alten Rechte wieder haben. «Denkt an den Bruder Klaus», singen sie im Neuen Tellenlied. Aber damals, 1481, haben die eidgenössischen Regierungen derartige politische Landsgemeinden nicht etwa erlaubt, sondern im Gegenteil unter strengster Strafandrohung verboten. Zudem haben sich die Regierungen im Falle von Untertanenerhebungen gegenseitige Hilfe zugesagt. «Stans» ist eine verquere historische Vorstellung der Bauern.

«Abbildung etlicher Waaffen und Prügel / welche die Entlibucher im Schweytzerland gebraucht.»
Bild: Schweizerisches Nationalmuseum

Schwurgemeinschaft und Knüppelweihe

Auf Heiligkreuz halten die Untertanen nicht bloss eine rechtswidrige Versammlung ab. Sie schwören auch einen Bund – ein zweites Sakrileg. Und die Geistlichkeit gibt, hoch bedeutsam, den Segen dazu und weiht die mitgebrachten Knüppel. Diese unförmig-archaischen «Waaffen und Prügel» (siehe unten) werden mit Weihwasser besprengt. Aus der religiösen Versammlung ist eine politische geworden. Wie entschlossen die Entlebucher sind, zeigt ein sofortiger Zins- und Zehntenstreik.

So könnte sich die Landeswallfahrt der Entlebucher zum Heiligkreuz 1653 abgespielt haben.
Illustration: Ludwig Suter, Beromünster

Der Schuss geht nach hinten los

Die Berichte der herrschaftlichen Spione fahren ein. Die Luzerner Obrigkeit erfasst den Ernst der Lage. Bereits nach vier Tagen trifft eine Delegation in Schüpfheim ein. Aber das gemeinsame Essen nach alter Tradition wird von den Untertanen verweigert, das von den Herren mitgebrachte Fass Wein nicht angestochen. Stattdessen paradieren 700 bewaffnete Entlebucher durch das Dorf und stören «die gantze nacht durch» mit provorzierenden Liedern den Schlaf der hohen Gäste. Am anderen Tag ziehen bereits 1400 Mann demonstrativ durch Schüpfheim, angeführt von drei Tellen, «bekleidt, wie man die drei Eidtgnossen zu malen pflegt». Ihre Kostüme hat Pannermeister Hans Emmenegger bezahlt, dem die Obrigkeit in Luzern vor kurzer Zeit eine Audienz verweigerte. Jetzt sind die Entlebucher am Zug. Sie weigern sich zu huldigen und erklären rundheraus, dass sie ihre Ansprüche von nun an mit Gewalt durchsetzen werden. Die Zeichen stehen auf Sturm.

Das Lauffeuer der Rebellion

Zwei Wochen später wird in Wolhusen ein zweiter, grösserer Bund geschlossen. Die Inszenierung ist ebenso einfach wie spektakulär. «Inmitten der Kirchen» von Wolhusen steht ein grosser Tisch, «wie ein Theatrum». Auf diese Bühne steigen die Vertreter aus zehn Landvogteien und Ämtern aus dem ganzen Luzernbiet und bringen ihre Klagen und Forderungen vor, zehn Abgeordnete, einer nach dem andern. Eine explosive Kumulierung.

Wieder eine verbotene Landsgemeinde, wieder in der Kirche, wieder wird der Herrgott als Zeuge angerufen. Dieser zweite Bund umfasst nun alle Luzerner Untertanen. Ein dritter Bund wird bald noch weiter ausgreifen. – Die Luzerner Regierung erkennt: Sie allein kommt mit diesem Gegner nicht zurecht. Gesandte der katholischen Orte werden hergebeten. Sie sollen vermitteln. Aber bereits dehnt sich der Aufstand der Untertanen aus, erfasst Bern, Solothurn und Basel. Was die Herren können, sich zusammenschliessen, das können die Untertanen auch.

→ Das zentrale Dokument des Bauernkriegs von 1653 gehört in die (Wochen-)Mitte. Erfahren Sie deshalb morgen Mittwoch, dass der Huttwiler Bund das Potenzial hatte, die Eidgenossenschaft grundlegend zu verändern.

«Min arme Bauernzüttel»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der Bauernkrieg von 1653! Dieser Aufstand droht die Herrschaftsverhältnisse in der Eidgenossenschaft auf den Kopf zu stellen.

Montag:
Was beginnt, hat immer vorher schon begonnen
Nach dem Dreissigjährigen Krieg ist vor dem Bauernkrieg. Fette Gewinne verlocken die Untertanen zu hoher Verschuldung. Die Nachkriegsdepression wird verschärft durch neue Steuern und hohe Bussen.

Dienstag:
«Von wegen ganzen Batzen ist dieser Krieg herkon»
Nach einer verlustreichen Abwertung proben die Untertanen den Aufstand, grenzüberschreitend. Bald werden die politischen Forderungen wichtiger als die wirtschaftlichen.

Mittwoch:
Unerhört: Bauernbund gegen Herrenbund!
Das Epizentrum des Aufstands ist das Entlebuch. Was die vereinigten Bauern im Huttwiler Bundesbrief fordern, ist für diese Zeit unerhört, europaweit.

Donnerstag:
Abrechnung mit den «Herrgotts Lumpen»
Teile und herrsche: Mit Lug und Trug hebeln die Herren den revolutionären Bauernbund aus. Danach lassen sie den Aufstand brutal niederschlagen.

Freitag:
Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»!
Grausame Hinrichtungen sollen weiteren Aufständen vorbeugen. Trotz der Niederlage der Untertanen kann die Obrigkeit nach 1653 nicht schalten und walten, wie sie will.

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

Kategorien

Sharing is caring
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on LinkedIn
Linkedin
Email this to someone
email

Ihr Kommentar





Ein Kommentar

Nach wie vor ein bereichernder Genuss, die Geschichte(n) von Kurt Messmer zu lesen. Herzlichen Dank.