Flugblatt zum Westfälischen Frieden von 1648 (Ausschnitt)
Bild: Alamy

Was beginnt, hat immer vorher schon begonnen

Krass. 1648 frohlockt Europa: «Der Frieden ist gemacht, gewendet alles Leid.» In der Eidgenossenschaft aber gibt’s Krieg. 1653 erheben sich die Bauern. Es ist der bedeutendste Aufstand der alten Schweiz.

Der Bauernkrieg von 1653 ist kein Ruhmesblatt der Schweizer Geschichte, eher eine Ansammlung von Tolggen. Zwar gab es auf der untertanen Landschaft nicht nur Lämmer. Aber die Böcke trugen Perücken und residierten in der Stadt, angeblich gottgewollt.

«Da herrschet Lasterschwarm / und Tugend hat nicht stadt»

Die europäische Vorgeschichte dieses Aufstands, das sind dreissig Jahre Krieg, von 1618 bis 1648, umfangreicher, grässlicher, verheerender als alles Bisherige. Dabei geht es um zwei Dinge: a) um Macht und Politik, um die Vorherrschaft im Heiligen Römischen Reich und in Europa, vorab zwischen Habsburg und Frankreich, b) um Macht und Religion: hier der Kaiser und die katholische Liga, dort die protestantische Union. Erstmals sind die Söldnerheere so gross, dass sie gar nicht mehr finanziert werden können. Die Folgen sind Raub, Plünderungen, Verwüstungen, wo immer die Heere auftauchen. «Der Krieg ernährt den Krieg». Man muss sich dieses Zitat aus Schillers «Wallenstein» konkret vorstellen, dazu zeitgenössische Darstellungen betrachten mit Bäumen voll von Gehenkten – sofern einem dabei nicht schwarz wird vor den Augen, denn «da herrschet Lasterschwarm, und Tugend hat nicht stadt.»

«Neuer Auss Münster vom 25. dess Weinmonats im Jahr 1648 abgefertigter Freud- und Friedenbringender Postreuter». Flugblatt zum Ende des Dreissigjährigen Krieges.
Bild: Universitätsbibliothek Frankfurt am Main

«Der Fried kömt Gott lob mit schnellem Flug geflogen»

Das Flugblatt, das am 25. Oktober 1648 in Münster/Westfalen erscheint, ist ein Ausdruck glückhafter Befreiung von unglaublicher Last: Friede allenthalben! Das Kriegsgerät liegt zerbrochen am Boden, die Trommel ist endlich verstummt. Postreiter und Rösslein, beide wieder wohlgenährt, setzen kraftvoll über die zerstörten Waffen hinweg. Mit dem Posthorn kündigt der Reiter, bald da, bald dort, freudig seine Ankunft an. Er ist im Auftrag des Heiligen Römischen Reichs unterwegs, wie der Reichsadler zweifach bezeugt: am Haus, von dem der Reiter herkommt, und auf der Brust seines Kleids. Die Botschaft PAX, die mit dem Schiff auch über das Meer verbreitet wird, ist ein Geschenk des Himmels. Götterbote Merkur deutet mit seinem Stab die Rückkehr von Handel und Wohlfahrt an. Während er den Frieden überbringt, verkündet ihn ein Engel gleichzeitig über alle Lande, die Posaune FAMA wiederum geschmückt mit einem Doppeladlerfähnlein. In der linken Hand hält der Engel einen Palmzweig und dieselbe Friedensfahne, wie sie bereits auf dem Kirchturm von Sankt Stephan in Wien und Sankt Nikolai in Stockholm weht, vermutlich auch in Paris am Turm der Notre Dame. Die Menschen erkennen die Weihestunde, nehmen ergriffen den Hut vom Kopf. Endlich Frieden, «Gott lob»!

Steigende Preise, sinkende Vorsicht

Szenenwechsel, Eidgenossenschaft. Man stelle sich vor, ein junger Bauer im Luzernbiet, im Emmental, im Solothurnischen oder in der Basler Landschaft, den späteren Aufstandsgebieten, übernimmt 1618, als der Dreissigjährige Krieg ausbricht, den Hof. Er weiss kaum, wie ihm die nächsten zwanzig Jahre geschieht. Für sein Getreide bekommt er auf dem Markt immer mehr und noch mehr. Es gibt keine schlechten Jahre, keinen Rückschlag! Schliesslich kann er sein Getreide doppelt so teuer verkaufen. Hochkonjunktur ohne Ende, scheinbar. Die Nachfrage aus dem verwüsteten übrigen Europa hält an. Gefragt sind Vieh, Käse, Wein, aber auch Hanf und Flachs. Im Inland tragen Flüchtlinge zu einem grösseren Absatz bei. Da wird man sich doch ein wenig verschulden dürfen. – Die durchschnittliche Verschuldung der 1653 hingerichteten 13 Bauernführer im Luzernbiet und der acht mit dem Tode bestraften Basler Bauern beträgt schliesslich mehr als 50 Prozent. Im Schnitt mehr als die Hälfte, teils bis drei Viertel des bebauten Bodens gehört städtischen Financiers.

Gülten des Luzerner Landvogts Ludwig Meyer (1587–1663) bei seinem Tod; fast ausnahmslos beschränkt auf das Herrschaftsgebiet der Stadt, vergleichbar einer heutigen Staatsgarantie.
Grafik: Helmut Bühler, Seminarbeit Universität Bern 1996, 37.

Mehr Bussen und Steuern, weniger Handlungsspielraum

Auf die guten Geschäfte folgt im Amt Willisau bald eine beispiellose Vermehrung und Erhöhung der Bussen. Mit ruheloser Vielregiererei schröpft die Obrigkeit, wo sie kann. Der Wille zur Intensivierung der Herrschaft hat bereits vor 1600 eingesetzt und wird von zwei Faktoren noch gesteigert: Zum einen erfordern Wehranlagen und Schanzenbau der Obrigkeiten mehr Geld, zum anderen gehen im Dreissigjährigen Krieg die Pensionsgelder aus Frankreich und Spanien zurück oder bleiben ganz aus. Im Gegenzug werden die Geldbussen im Zeitraum 1630 bis 1650 mehr als verdoppelt (unten rechts).

Zu den Bussen kommen die Steuern. Bereits 1629–1636 schwelt ein Konflikt um Steuern im Entlebuch, 1641 im Bernbiet, 1645/46 auf der Zürcher Landschaft. Die Lage ist angespannt. Viel hängt ab vom Verhalten der Obrigkeit. Ob die Gnädigen Herren aus Einsicht oder Angst handeln, ist für die Bauern letztlich einerlei – wenn sie bloss damit leben können.

Der Luzerner Landvogt Eustach Sonnenberg verhängt 1644 im Amt Rothenburg 135 Bussen, die sich auf 1187 Gulden belaufen. Im folgenden Jahr sind es 377 Bussen, die 3569 Gulden einbringen sollen. Was wundert‘s, dass die Bauern den Landvögten vorwerfen, die Gerichte würden zu Steuerschrauben.

→ Sie ahnen oder wissen: Das kommt nicht gut. Lesen Sie morgen, wie der Konflikt ausbricht und das bestehende System von Macht und Herrschaft in der damaligen Schweiz tiefgreifender in Frage stellt als alles andere in der Zeit zwischen 1500 und 1800.

Getreidepreise in Basel 1600–1700 (Pfund pro Sack Roggen)
Grafik: Schweizerisches Nationalmuseum (nach Suter, Bauernkrieg, Habil 1997, 361)

Geldbussen im Amt Willisau 1600–1700
Grafik: Schweizerisches Nationalmuseum (nach Bartlome, Jb. HGL 11, 6)

«Min arme Bauernzüttel»

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der Bauernkrieg von 1653! Dieser Aufstand droht die Herrschaftsverhältnisse in der Eidgenossenschaft auf den Kopf zu stellen.

Montag:
Was beginnt, hat immer vorher schon begonnen
Nach dem Dreissigjährigen Krieg ist vor dem Bauernkrieg. Fette Gewinne verlocken die Untertanen zu hoher Verschuldung. Die Nachkriegsdepression wird verschärft durch neue Steuern und hohe Bussen.

Dienstag:
«Von wegen ganzen Batzen ist dieser Krieg herkon»
Nach einer verlustreichen Abwertung proben die Untertanen den Aufstand, grenzüberschreitend. Bald werden die politischen Forderungen wichtiger als die wirtschaftlichen.

Mittwoch:
Unerhört: Bauernbund gegen Herrenbund!
Das Epizentrum des Aufstands ist das Entlebuch. Was die vereinigten Bauern im Huttwiler Bundesbrief fordern, ist für diese Zeit unerhört, europaweit.

Donnerstag:
Abrechnung mit den «Herrgotts Lumpen»
Teile und herrsche: Mit Lug und Trug hebeln die Herren den revolutionären Bauernbund aus. Danach lassen sie den Aufstand brutal niederschlagen.

Freitag:
Das letzte Wort hat «der uf der blauwen dillen»!
Grausame Hinrichtungen sollen weiteren Aufständen vorbeugen. Trotz der Niederlage der Untertanen kann die Obrigkeit nach 1653 nicht schalten und walten, wie sie will.

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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