Abfahrt im Hauptbahnhof Zürich, vermutlich Lenins Zug am 9.4.1917. 
Universitätsbibliothek Basel, Handschriften und Alte Drucke, NL 340 Platten, Fritz N.

Mit dem Zug zur Revolution

Heute vor genau hundert Jahren besteigt Lenin mit rund 30 weiteren Passagieren in Zürich einen Zug Richtung Sankt Petersburg.

Als am 23. Februar 1917 in Russland – am 8. März nach der heutigen Zeitrechnung – die Februarrevolution ausbricht, lebt Lenin im Schweizer Exil an der Spiegelgasse 14 in Zürich. Für Lenin ist die Stunde der Wahrheit gekommen. Nun gilt es, seine Theorien in die Tat umzusetzen. Da er dies jedoch nicht in der Schweiz tun kann, will er schnellstmöglich zurück nach Russland. Der Schweizer Sozialdemokrat Robert Grimm setzt die grundsätzliche Bewilligung der Durchreise in Zusammenarbeit mit der Deutschen Regierung durch. Lenin kann dank der Organisation seines Vertrauten Fritz Platten am 9. April die Heimreise am Zürcher Bahnhof antreten. Die Unterstützung der deutschen Regierung bei der Organisation der Reise wird von den Bolschewiki später abgestritten – Lenin sei kein deutscher Spion – entgegen anderslautender Gerüchte.

Wie ist dies mitten im Ersten Weltkrieg möglich? Die Entente-Mächte wollen keine Anhänger revolutionärer Gruppen, die für den sofortigen Frieden sind, passieren lassen. Aus diesem Grund müssen die russischen Revolutionäre durch das Gebiet der verfeindeten Mittelmächte reisen. Die deutsche Regierung erhofft sich mit der Heimkehr der Revolutionäre die Umsetzung einer der Hauptforderungen der Revolution – sofortiger Frieden und damit das Ausscheiden Russlands aus dem Krieg.

Fritz Platten (1883–1942), Sozialdemokrat und Kommunist, organisiert als enger Vertrauter Lenins dessen Rückreise nach Petrograd. Universitätsbibliothek Basel.

Ein Genossengruss zum Abschied

Lenin auf dem Titelbild der Schweizer Illustrierten Zeitung, Nr. 50, 15.12.1917.

Am 9. April 1917 besteigen Lenin und rund 30 Mitreisende, unter anderen Nadeschda Krupskaja, Karl Radek und Grigori Sinowjew, den Zug am Hauptbahnhof Zürich. Vor und während der Abreise kommt es zu tumultartigen Szenen auf dem Bahnsteig zwischen Anhängern und Gegnern der Heimreisenden. Bevor er den angeblich plombierten Zug besteigt, verliest Lenin einen Abschiedsbrief und sendet einen Genossengruss an die Schweizer Arbeiter. Die Plombierung des Zuges ist nur einer der vielen Mythen, welche bis heute um Lenin kursieren. Mit einem Kreidestrich wird der extraterritoriale Charakter innerhalb des Zuges markiert: es gibt keine Passkontrollen und es darf niemand den Zug betreten oder verlassen. Die Abfahrt erregt ausserhalb der Emigrantenkreise keine Aufmerksamkeit, die Schweizer Öffentlichkeit nimmt keine Notiz davon. Erst nach der Oktoberrevolution wird die Bedeutung Lenins wahrgenommen, am 15. Dezember 1917 zeigt die Schweizer Illustrierte Zeitung sein Porträt auf dem Titelbild.

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Marina Amstad
Marina Amstad ist Historikerin und Slawistin und arbeitet als Praktikantin am Schweizerischen Nationalmuseum.

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