Postkarte von Zimmerwald. Hier trafen sich im September 1915 die führenden Sozialisten Europas.
Schweizerisches Nationalmuseum

Rote Reden in Zimmerwald

Im September 1915 trafen sich die führenden Sozialisten Europas in Zimmerwald. Im beschaulichen Berner Dorf planten sie den Klassenkampf.

Die Pferde schnaubten, der Kies knirschte unter den Rädern und die Umrisse Berns rutschten in den Hintergrund. Langsam schoben sich die vier Gespanne den Berg hoch. Auf den Bänken hinter den Kutschböcken sassen Männer und Frauen, die sich angeregt unterhielten. Man hätte sie für Sonntagsausflügler halten können, oder für eine Hochzeitsgesellschaft. Vielleicht sogar für den ornithologischen Verein, als den sie sich ausgaben. Aber die Damen und Herren an diesem Septembertag 1915 waren das «Who is Who» des sozialistisch gesinnten Europas.

Organisiert hatte die Zusammenkunft Robert Grimm. 33 Jahre alt, schütteres Haar, Schnauz, Pfeifenraucher, Nationalrat und Redaktor der «Tagwacht». Angesichts des Ersten Weltkriegs wollte Grimm die sozialistischen Kräfte im friedlichen und neutralen Bern zusammenbringen und neu organisieren. Grimm mietete das «Beau Séjour», eine schlechtgehende Pension in Zimmerwald, einem Bauerndorf auf dem Längenberg. Dort diskutierten die Sozialisten vier Tage lang, beschlossen den Klassenkampf anzufachen und so auf ein Ende des Krieges hinzuwirken. Grimms Scharade funktionierte: weder die örtlichen Bauern, noch die Berner Polizei nahmen gross Notiz von dem klandestinen Treffen der internationalen Linken.

Presse-Porträt von Nationalrat Robert Grimm, circa 1930.
Wikimedia

Nicht alle Teilnehmer waren von weit her angereist. Einer, der schon länger in Bern wohnte, war ein Russe namens Wladimir Uljanow. Der Mann mit dem Spitzbart, den stechenden Augen und dem Spitznamen «Lenin» lebte im Länggasse-Quartier und war Anführer der Bolschewisten, einer unauffälligen, aber radikalen Splittergruppe. Im Berner Exil brütete Lenin über Möglichkeiten für den revolutionären Umsturz in seiner Heimat, schärfte seine Reden, agitierte bei linken Debatten, führte mit seiner Frau und seiner Geliebten eine ménage à trois und ärgerte sich über seine Vermieterin, die ihn wegen Gottlosigkeit aus dem Haus warf. Schon bei ihrem ersten Treffen waren sich Grimm und Lenin ins Revier geraten. Und auch in Zimmerwald trafen die beiden aufeinander – mit dem besseren Ende für Grimm. Lenin blieb auf der Konferenz eher unscheinbar und die Schlussresolution lag nicht auf seiner radikalen Linie.

Viel banalere Probleme hatte Lenin mit dem Geld und den Berner Behörden. Der Revolutionär war chronisch knapp bei Kasse und so musste er sich Geld leihen, um seine Aufenthaltsbewilligung wenigstens bis Ende 1915 zu verlängern. Dann zog er nach Zürich, von da weiter nach St. Petersburg und von dort nahm dann die ganze Geschichte mit Kommunismus und Kaltem Krieg ihren Lauf. Aber auch Robert Grimm sollte noch von sich reden machen.

Lenin auf der Titelseite der Schweizer Illustrierten, Dezember 1917.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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