Serie: Der Buchdruck in Europa

Die ersten Bestseller in der Geschichte des Buchdrucks waren Bibeln, Lateingrammatiken und Klassiker der Antike wie Cicero oder Vergil.

Urs Leu

Urs Leu ist Historiker und leitet die Abteilung Alte Drucke und Rara in der Zentralbibliothek Zürich.

Schon im Mittelalter gab es Bestseller: Zu den am meisten gedruckten Werken des 15. Jahrhunderts gehörten Liturgica, Lateingrammatiken (Donat und Alexander de Villa Dei) sowie Schulklassiker (Cicero, Vergil und Ovid) und Scholastiker (Thomas von Aquin und Albertus Magnus). Insgesamt sind es 38 Autoren oder Texte, die mehr als 100 Mal aufgelegt worden sind und die knapp 8000 (fast 30 Prozent) der insgesamt etwa 27 000 gedruckten Inkunabeln ausmachen. Daraus lässt sich ableiten, dass dieselben Titel immer und immer wieder aufgelegt wurden. Für etliche der genannten Verfasser bestand im Inkunabelzeitalter eine fortdauernde Nachfrage, sodass sie vielen Druckern als sichere Einnahmequellen dienten. Da im 15. Jahrhundert kein eigentliches Urheberrecht existierte, konnten von gut laufenden Titeln beliebig viele Nachdrucke hergestellt werden. Weitaus die meisten dieser wichtigen Autoren hatten vor der Erfindung des Buchdrucks gelebt, was beweist, wie stark die Lektürestoffe in der Tradition, insbesondere der kirchlichen, verhaftet waren – eine Situation, die sich im 16. Jahrhundert mit der Etablierung des Humanismus und dem Aufkommen der Reformation komplett änderte. Ein eindrückliches Zeugnis für diese Wechsel in der Bestsellerliste und den Lektüregewohnheiten, die der Humanismus nördlich der Alpen verursachte, legen die berühmten, 1515 erstmals erschienenen Dunkelmännerbriefe ab. Sie stellten direkt oder indirekt verschiedene mittelalterliche Autoritäten infrage. Es erstaunt daher nicht, dass sich unter den bedeutenden Autoren des 16. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum keine des Mittelalters mehr finden, sondern dass die Bestsellerliste angeführt wird von Martin Luther, Philipp Melanchthon, Bibelausgaben und Erasmus von Rotterdam.

Im Deutschen Reich entstanden jährlich etwa 15 000 bis 20 000 Handschriften. Ab 1469 übertraf die mechanische Buchproduktion die handschriftliche. Die Ursache dafür, dass sich der Buchdruck um 1470 in Europa durchsetzte, lag in der schnelleren Verfügbarkeit der Texte begründet ebenso wie in der Unfähigkeit der manuellen Produktionsweise, die gesteigerte Nachfrage zu befriedigen. Die Handschriftenproduktion nahm im Reich zwischen 1470 und 1490 auf unter 30 Prozent des Niveaus der 1460er-Jahre ab. Nach 1468 wurden von den Bibliotheken kaum mehr Manuskripte angeschafft, ausser von den Kartäusern, wo eine Umstellung erst seit 1476 zu konstatieren ist.

Textblatt aus der ersten gedruckten Aristoteles-Ausgabe, Venedig, 1495-1498. Foto: Zentralbibliothek Zürich

Anzahl datierter Inkunabeln pro Jahr. Grafik: Zentralbibliothek Zürich

Buchpreise

Während sich die Preise für Handschriften und Drucke anfänglich etwa die Waage hielten, verminderten sich beinahe gleichzeitig mit der 1469/70 einsetzenden Massenproduktion die Buchpreise. Noch vor 1480 pendelte sich der Preis bei durchschnittlich vier Gulden für 500 Folioblätter ein, er sank in den folgenden Jahrzehnten auf zwei bis drei und fiel in der Reformationszeit sogar auf zwei Gulden. Griechische Texte waren infolge des aufwendigen Satzes etwas teurer. So kostete beispielsweise die 1498 in Venedig gedruckte Ausgabe der Werke von Aristoteles in fünf Bänden etwa gleich viel wie ein gutes Reitpferd (15–20 Gulden). Die Professorengehälter lagen in Köln, Ingolstadt, Löwen und Tübingen bei maximal 150 Gulden pro Jahr, in der Regel aber nur bei 50 bis 70 Gulden. Renommierte Hochschullehrer mit zusätzlichen hohen individuellen Einnahmen dürften auf 500 bis 1000 Gulden gekommen sein. Die Einkommen schlechter gestellter Leute lagen sehr viel niedriger. Ein Handwerksgeselle musste mit etwa einer Gulde monatlich auskommen. Vor dem Hintergrund beider skizzierten Lohnniveaus wird jedenfalls deutlich, dass das gedruckte Buch im 15. Jahrhundert einen stattlichen Wert darstellte und bei Weitem nicht für jeden erschwinglich war. Auch angehende Mönche konnten sich kaum sofort ihr eigenes Brevier, Missale oder gar eine Bibel leisten. Ein ungebundenes Messbuch kostete zwischen zwei und vier, ein gebundenes sogar fünf Gulden. Der Preis für die vierbändige Nürnberger Bibel von 1485 wie auch derjenige für die 1498 bis 1502 in Basel gedruckte Heilige Schrift belief sich auf sechs Gulden.

Auch im wohlhabenden Venedig, der wohl reichsten Stadt Europas im Inkunabelzeitalter, waren die Verdienstmöglichkeiten für einfache Leute nicht viel besser. Um die vom venezianischen Erstdrucker Johannes von Speyer besorgte Plinius-Ausgabe für acht Dukaten erwerben zu können, musste ein Vorarbeiter einen ganzen Monatslohn investieren. In der Lagunenstadt wurden Malerarbeiten eines Künstlers im Palazzo Ducale um die Jahrhundertwende mit zwei bis fünf Dukaten pro Monat entlohnt. Sein Handlanger erhielt nur einen halben Dukaten. Auf der anderen Seite war ein Palazzo am Canale Grande durchaus seine 20'000 Dukaten wert, und Adlige leisteten sich Wohnungen mit Mieten von 100 bis 120 Dukaten jährlich.

Ein ähnliches Bild ergibt sich beim Studium der Biografie Michelangelos. Sein Vater verdiente als unterer Zollbeamter 24,5 Florin im Jahr. Die frühesten Werke des Sohnes kosteten 12 bis 30 Dukaten und die 1496 für Kardinal Raffaele Riario geschaffene Bacchus-Statue 160 Florin. Für die Fresken in der Sixtinischen Kapelle erhielt er 3200 Dukaten, und für die nie ausgeführte Gestaltung der Fassade der Kirche San Lorenzo in Florenz stellte ihm der angehende Medici-Papst Leo X. die gewaltige Summe von 40'000 Dukaten in Aussicht. Die wenigen aufgelisteten Zahlen belegen, dass bildende Kunst und Buchkultur im 15. Jahrhundert weitgehend den geistlichen und weltlichen Oberschichten vorbehalten blieben. Auch wenn der Buchdruck Texte in hundertfacher Ausführung unter die Leute brachte und die Preise sanken, dauerte es noch bis in die 1520er-Jahre, bis sich eine breitere Bevölkerungsschicht wenigstens Einblattdrucke, Flugblätter und gelegentlich auch ein Buch leisten konnte.

Flugschrift von Georg Kreydlein, Nürnberg, 1561. Die Schrift zeigt und beschreibt Nordlichter, welche im Dezember 1560 über Nürnberg erschienen sind. Kreydlein interpretiert das Naturphänomen als Zeichen Gottes. Foto: Zentralbibliothek Zürich

Die durchschnittliche Auflagenhöhe stieg von wenigen hundert Exemplaren in den ersten zwei bis drei Jahrzehnten des Buchdrucks stellenweise auf über 1000 Stück zur Jahrhundertwende und pegelte sich im Lauf des 16. Jahrhunderts bei 1300 ein. Die Drucke des Inkunabelzeitalters erschienen vorwiegend im Folio- oder Quartformat. Nur wenige Werke, wie etwa Breviere, wurden im handlichen Oktavformat gedruckt, das sich erst im 16. Jahrhundert durchsetzte. Analog den Handschriften wiesen auch die ersten Druck-Erzeugnisse keine Titelblätter auf. Der Inhalt musste am Schluss des Bandes dem Kolophon entnommen werden. Noch 1481 verfügten in Deutschland nur 0,5 Prozent aller Ausgaben über ein Titelblatt. 1489 waren es bereits 80 Prozent und 1500 über 90 Prozent. Die Beifügung von Zierleisten, Titeleinfassungen, Druckermarken und Titelholzschnitten als Blickfang nahm ab 1486 sprunghaft zu, sodass schliesslich über ein Drittel aller zwischen 1496 und 1500 in Deutschland gedruckten Werke solche Elemente aufweisen.

Vertrieb

Der Buchdruck als frühkapitalistisches Gewerbe konzentrierte sich auf die grossen Handels- und Gewerbestädte, deren Vertriebsnetze auch für Bücher genutzt werden konnten. Der frühe Buchhandel wurde weitgehend von reisenden Kaufleuten oder Buchführern betrieben. Mit der Zeit löste sich die anfängliche Einheit von Druck, Verlag und Vertrieb auf. Grossbuchhändler traten auf, die in der Regel auch einen Verlag, aber nicht mehr unbedingt eine Druckerei betrieben. Sie richteten an wichtigen Handelsplätzen Niederlassungen ein und besetzten sie mit Agenten. Anton Koberger, der kurz nach 1470 mit dem Buchdruck begann und 1489 die grösste Druckerei Deutschlands sein Eigen nennen konnte, verfügte über Niederlassungen in Venedig, Mailand, Paris, Lyon, Breslau, Wien, Passau, Krakau und Ofen. In seinen letzten Lebensjahren, zwischen 1505 und 1513, war er nur noch als verlegender Buchführer tätig. Gelegentlich schlossen sich auch verschiedene Drucker zusammen und engagierten gemeinsam einen Vertreter im Ausland wie etwa im Fall der venezianischen Drucker, die einen Repräsentanten in Valencia unterhielten. Köln war Umschlagplatz für den Handel mit den Niederlanden und England, über Basel und Strassburg lief der Frankreichhandel (Lyon, Paris), Lyon war Drehscheibe für den Buchhandel mit der Iberischen Halbinsel sowie Augsburg und Nürnberg für den mit Italien und Osteuropa. Wichtig waren auch die Messen von Venedig, Lyon, Antwerpen und Frankfurt, die ständig von Buchführern besucht wurden. Um ein breiteres Publikum über das angebotene Sortiment in Kenntnis zu setzen, wurden bereits in den 1460er-Jahren Buchhändler-Anzeigen gedruckt.

Die Bücher wurden zu Land oder zu Wasser in Fässern transportiert, die sie vor Feuchtigkeit schützten. Die Zugleistung eines Pferdes belief sich auf 280 Kilogramm, doch waren die meisten Alpenübergänge nicht befahrbar, weshalb man auf Saumpferde oder Maultiere umsteigen musste, die mit bis zu 168 Kilogramm Traglast beladen werden konnten. In der Ebene legte ein Frachtwagen etwa 30 Kilometer pro Tag zurück, am Berg etwas weniger. Der wichtigste und am häufigsten genutzte Alpenübergang war der über den Brennerpass, von Basel nach Italien blieb aber die Gotthard-Strecke die Hauptroute. Die zahlreichen Zölle verteuerten die Waren und führten gelegentlich dazu, dass nicht die kürzeste, sondern die billigste Wegverbindung gewählt wurde.

Entwicklung der Auflagehöhe 1450 bis 1600. Grafik: Zentralbibliothek Zürich

Erasmus von Rotterdam, «Adagiorum chiliades tres, ac centuriae fere totidem», Basel, 1513. Gedruckt wurde dieses Werk vom Basler Johannes Froben. Foto: Zentralbibliothek Zürich

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