Der Denker-Club, 1819, anonym (Ausschnitt).
Germanisches Nationalmuseum, Foto: Georg Janssen

1819 Maulkörbe, doch «die Gedanken sind frei!»

Geschichte ohne Rückgriff funktioniert nicht. Ein Bericht über den «zweiten Anlauf» von 1830 muss beim «ersten Anlauf» von 1798 ansetzen. Historische Logik. Den Anfang macht hier der verspottete Napoleon.

Das «Rad der Geschichte» ist als Vorstellung einfach, eingängig, aber auch eindimensional, unheimlich. Dreht dieses Rad einfach vorwärts, gleichförmig, in derselben Bahn, im gleichen Tempo, unaufhaltsam? So lässt sich Zeit charakterisieren, nicht Geschichte. Die Geschichte macht lauter Bocksprünge. 1813 zum Beispiel.

«Warte, Bonaparte; warte nur, warte, Napoleon, warte, warte, wir kriegen dich schon.» Man liest den eindringlichen «Berliner Spottvers» von Theodor Fontane (1819–1898) wie eine nachträgliche Beschwörung. Sie macht deutlich, dass es damals eine Frage der Zeit war, bis sich Europa von der Herrschaft Frankreichs befreien konnte. Nach dem Russlandfeldzug 1812 und der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig im Oktober 1813 hatte das Warten ein Ende. Die Franzosen zogen sich über den Rhein zurück. Die alten Mächte setzten zur Reaktion an, auch in der Schweiz. Noch vor Jahresende wurde die Mediationsverfassung aufgehoben.

«Gewidmet dem besten Schicksall»

Stets eine Frage des Standpunkts, was das beste Schicksal sei, so auch 1814, als Bern seine ehemaligen Untertanengebiete zurückforderte, die Waadt und den Aargau. 1803 hatte sie Napoleon zu neuen Kantonen gemacht.

Der Berner Bär will 1814 seine Untertanengebiete zurück. Das verwehrt ihm der russische Zar im Kosaken-Gewand. Wäre der Kaiser Österreichs, Franz Joseph, mit auf dem Bild, hätte er gesagt: «Ich glaube nicht an die Volksherrschaft. Da hatten die französischen Revolutionäre Unrecht. Ein gottgewollter gütiger Monarch regiert besser. Aber dass die Berner unsere Stammburg, die Habsburg, wieder ihrem Untertanenland einverleiben wollen, das geht mir dann doch zu weit.»
Kolorierter Kupferstich, vermutlich 1815, David Hess zugeschrieben, Staatsarchiv Aargau, StAAG GS/00807-2.

Das Berner Wappentier ist zwar währschaft ausgerüstet, aber seine Körperhaltung verrät, dass es seiner Sache nicht recht sicher ist. Wohl deshalb wählt der Bär als Standfläche demonstrativ eine Krone (klicken, um zu vergrössern). Als Symbol rechtfertigt sie die Ansprüche, die diesem Herrschaftszeichen eingeschrieben sind. Mit dem «Rachschw[ert] f[ür] unsre Unter-Drücker» kämpft der Bär gegen die Kritiker seiner Politik. Die angehängte Tasche, der «Ballotenpeutel für verarmte patrizier Famillien», erinnert daran, dass die Familien des Berner Patriziats 1798 mit einer Sondersteuer belegt wurden. Nach Ansicht des Zeichners sollen mit einem solchen Beutel zudem wieder, wie damals im Ancien Régime, die einträglichen Regierungsämter ausgelost werden. Der Hinweis «Valeur 20 tausend Pfund» über der runden Kopfbedeckung des Ratsherrn-Bären ironisiert wohl den Aufwand für den Aufstieg zu Amt und Würden. Der Rucksack ist überschrieben mit «Conto von Auslagen der Grenz Vertheidigung in Basel». Darauf folgen drei Namen hochrangiger Offiziere dieses Einsatzes im Jahre 1813. Der gut informierte Zeichner hätte hier wohl am liebsten gleich die ganze Geschichte Berns ausgebreitet.

In seinen Pranken hält das Wappentier Berns eine «Proclamation an unsre Unterthanen» mit dem Ziel, den prächtigen Weinstock (Cant. de Vaud) und die nicht minder respektable Getreidegarbe (Cant. Argovie) zurückzugewinnen. Ein russischer Kosak, bewehrt mit Degen und Pistolen, drängt den Bär aber zurück und macht dessen Anspruch mit seiner Lanze zunichte. Pikant: Unterzeichnet ist die «Proclamation» von zwei führenden Berner Magistraten, Mutach und Tscharner. Abraham Friedrich von Mutach (1765–1831) präsidierte im Jahr darauf die Vereinigungskommission für den Jura. Waadt und Aargau gingen definitiv verloren. Am Wiener Kongress von 1815 wurde Bern für diese Einbussen jedoch mit dem Jura entschädigt, ein Erbe, das hüben und drüben zu schaffen machte.

Im Fahrwasser der Reaktion

Religion ist wichtig. Noch wichtiger ist die Erhaltung der Macht. 1815 schlossen ihre Majestäten, der katholische Kaiser von Österreich, der evangelische König von Preussen und der orthodoxe Zar von Russland die «Heilige Allianz». Angestossen von Russland, bestand ihr dehnbarer Zweck darin, die «gegenseitigen Beziehungen auf die erhabenen Wahrheiten zu begründen, die die unvergängliche Religion des göttlichen Erlösers lehrt». Geschlossen wurde das Bündnis «im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit». Unter Führung Metternichs mutierte die Allianz allerdings rasch zum Werkzeug der Reaktion, mit dem nationale und liberale Strömungen der Bevölkerung unnachsichtig verfolgt wurden. Fast alle europäischen Monarchien traten bei – 1817 auch die Schweiz. Die Aristokraten des Ancien Régime hatten die Revolution überlebt, die Macht zurückerobert.

Der Denker-Club, 1819, anonym. «Wichtige Frage, welche in heutiger Sitzung bedacht wird. Wie lange möchte uns das Denken wohl noch erlaubt bleiben?» Über dem blauen Vorhang Maulkörbe für weitere Teilnehmer.
Germanisches Nationalmuseum, Foto: Georg Janssen

«Schweigen ist das erste Gesetz dieser gelehrten Gesellschaft»

Nach dem Wiener Kongress griffen die alten Mächte zu Mitteln, die schonungslos offenbarten, wie gross ihre Angst vor der Freiheit der andern war. 1819 stellten sie kritische schriftliche Äusserungen unter Strafe. Studentenvereine wurden verboten, die Universitäten überwacht, die Turnplätze geschlossen, Zeitungen und Bücher streng zensiert. Wer für die Freiheitsrechte eintrat, hatte mit Entlassung und Berufsverbot zu rechnen.

In der Schweiz schuf die kantonale Souveränität vorerst einen gewissen Freiraum. Manche Kantone entzogen sich der europaweiten Repression noch, nahmen politische Flüchtlinge auf und liessen die Presse gewähren. Daraufhin drohte Metternich mit dem Verlust der Neutralität und drängte die Tagsatzung 1823 zum Erlass des restriktiven «Press- und Fremdenkonklusums». Das bedeutete Gleichschritt mit der Heiligen Allianz. Als die Liberalen 1829 gegen das Luzerner Pressegesetz protestierten, setzten sie just jene Karikatur «Denker-Club» ein, mit der zehn Jahre vorher in Deutschland die Pressezensur bekämpft worden war. «Auf dass kein Mitglied in Versuchung gerathen möge, seiner Zunge freien Lauf zu lassen, so werden beim Eintritt Maulkörbe ausgetheilt», hatte es dort spöttisch geheissen.

«Die Gedanken sind frei!»

Bei dieser zündenden Losung denkt man unwillkürlich an das 19. Jahrhundert, an die persönlichen Freiheitsrechte, an die Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen. Allerdings verwundert kaum, dass die Wurzeln weiter zurückreichen. Der zentrale Gedanke war bereits in der Antike bekannt. Im Hochmittelalter tönte Walther von der Vogelweide das Motiv an, und Freidank, ein Kleriker, fasste es 1229 in eine wunderbare Strophe:

diu bant mac nieman vinden,
diu mîne gedanke binden.
man vâhet wîp unde man,
gedanke niemen gevâhen kan.

Das Band kann niemand finden,
das meine Gedanken bindet.
Man fängt Weib und Mann,
Gedanken niemand fangen kann.

«Die Gedanken sind frei!» Melodie in der Fassung der Schlesischen Volkslieder von 1842,
aus: wikipedia.org; hier gesungen von Stefan Christen, Luzern, www.frank-trio.ch

2. Strophe

Ich denke, was ich will,
und was mich beglücket,
doch alles in der Still,
und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren
kann niemand verwehren,
es bleibet dabei:
die Gedanken sind frei.

4. Strophe

Und sperrt man mich ein
im finsteren Kerker,
das alles sind rein
vergebliche Werke;
denn meine Gedanken
zerreissen die Schranken
und Mauern entzwei:
die Gedanken sind frei.

Wie so oft, ging der Text der Melodie voraus. Die ermutigende Botschaft tauchte erstmals in den Jahren vor der Französischen Revolution auf. Um 1780 wurde sie auf Flugblättern verbreitet. Zwischen 1810 und 1820 entstand die Melodie dazu. Das Lied ist nicht Weltkulturerbe. Zumindest sein Text müsste es sein. «Einen bessern findst du nit.»

Freiheit kann man nicht essen

Die Gedanken sind frei – aber sie machen nicht satt. Was ist mit einem, der um 1820 zum Dieb wird, weil er nichts zu essen hat? Was ist mit seinen Kindern, die seine Ausweglosigkeit erben? Wohlhabenheit und scheinbare Idylle hier, fürchterliche Armut dort. Neu an dieser Armut war, dass sie vererbt wurde, wie eine zeitgenössische Stimme die damalige Massenarmut charakterisierte. «Darum müssten wir den Armen das Heiraten so schwierig wie möglich machen», hiess es. Und wenn man aus Armut stahl? 1822 wurden in Schwyz zwei Männer zum Tode verurteilt. Der eine hatte veruntreut, der andere gestohlen, weil er am Verhungern war.

«Dieser J.[Johann] B.[Baptist] Wild ist den 18ten Hornung [Februar] 1822 hingerichtet worden», hier dargestellt als gefesselter Gefangener im Blockhaus Bern.
Historisches Museum Bern

Das Landbuch von Uri nannte noch 1823 als die drei schwersten Verbrechen «Ketzerei in Glaubenssachen, Unholderey und schwere Gotteslästerung». In Schwyz wurde ein vermuteter Mörder innert zehn Wochen mehr als 50 mal gefoltert, «mittels Stock- und Rutenstreichen bei ausgespanntem Leibe, durch Daumenschrauben, feurigem Schwamm zwischen den Zehen, Aufziehen am Seil mit und ohne Gewichtssteine usw.» Manchmal wurden fünf Folterungen am gleichen Tag durchgeführt. In keinem Länderort war die Folter abgeschafft. Weil Strafanstalten meist fehlten, kamen Geldstrafen zur Anwendung, das Halseisen, der Lasterstein, das Tragen entehrender Abzeichen, die Prügel- und Todesstrafe. Wer in Obwalden über die Religionsgrenze hinweg heiratete, verlor seinen Besitz, in beiden Appenzell das Landrecht. Ach, gute alte Zeit, hol dich der Teufel!

→ Lesen Sie morgen, dass es um 1830 nur so wimmelte von listigen Volksverführern und schauerlichen Ungeheuern.

1830 – Der zweite Anlauf

In mehreren Wochenserien präsentiert der Historiker Kurt Messmer den Weg der Schweiz vom Feudalismus in die Demokratie.

Das historische Thema dieser Woche: Der liberale Umschwung zwischen Wienerkongress und Bundesstaat, die Zeit der Regeneration um 1830.

Montag:
1819 Maulkörbe, doch «die Gedanken sind frei!»
Nach der Franzosenzeit gewannen ab 1813 wieder reaktionäre Kräfte die Oberhand in Europa und der Schweiz, doch die Liberalen hielten dagegen. In der Biedermeierzeit gab es neben Wohlstand bittere Armut, dazu eine drakonische Justiz.

Dienstag:
«Aufruf zur Freyheit ist Rebellion und Meüterey»
Wie viel Sprengkraft die liberalen Freiheitsrechte hatten, zeigt die Schärfe, mit der sie von den Konservativen bekämpft wurden. Karikaturen jener Zeit berichten von listigen Volksverführern und schauerlichen Ungeheuern.

Mittwoch:
Studenten, Sänger, Schützen, Turner
Nach 1815 waren die Kantone wieder unabhängige Staaten. Als einigende Kraft über die Grenzen hinweg erwiesen sich die Vereine. Die Festhütten von Studenten, Sängern, Schützen und Turnern wurden zu Kathedralen der Idee Schweiz.

Donnerstag:
«Die alte Herre müesse wäg! Mi nimmt se bi de Chräge.»
Die liberale Erneuerung der Schweiz nahm im Sommer 1830 Fahrt auf. Tausende strömten zu Volkstagen, die sich wie ein Lauffeuer entzündeten: von Weinfelden nach Wohlenschwil, Sursee und Uster, von Wattwil und Altstätten SG nach Balsthal und Münsingen.

Freitag:
«Stehet auf, Eidgenossen, rettet das Vaterland!»
Die Volkstage von 1830/31 brachten liberale Kantonsverfassungen hervor, aber noch keinen starken Bund. Das verlangte eine Volksversammlung 1836 in Flawil. – Das letzte Wort hat eine Frau, Katharina Morel, und wie!

Kurt Messmer
(*1946) von Emmen LU war Fachleiter Geschichte an der Pädagogischen Hochschule Luzern und Lehrbeauftragter für Geschichtsdidaktik an der Universität Freiburg CH; seither freischaffender Historiker mit Schwerpunkt Geschichte im öffentlichen Raum.

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Ihr Kommentar





2 Kommentare

Steffen Walter sagt:

Ein faszinierender Artikel über die Restauration. Dass bereits Walther von der Vogelweide ein „Liberaler im Stile von 1848“ war, wusste ich nicht. Es freut mich aber ganz besonders.

Eckhart Nikolai sagt:

Die Hintergründe der Revolution sind sehr interessant. Jedem Gestrigen müsste doch eigentlich klar sein, dass nur Veränderungen Wohlstand und den Seelenfrieden bringen.