Truppenaufmarsch auf dem Bubenbergplatz in Bern während des Landesstreiks. Foto: Swiss Federal Archives / Wikimedia Commons

Landes­streik 1918

Der Landesstreik von 1918 hätte sich wohl in anderen Ländern in einen Bürgerkrieg verwandelt. Nicht so in der Schweiz. Hier siegte letztlich auf beiden Seiten die Vernunft.

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Die Schweiz gilt seit langer Zeit als friedliche und stabile Nation. Weder sprachliche noch politische Differenzen teilen das Land in unversöhnliche Gruppen. Vor 100 Jahren, im November 1918, stand dieser Frieden auf der Kippe. Während des mehrtägigen Landesstreiks drohte das Land auseinanderzubrechen. Zum einzigen Mal nach der Gründung des Bundesstaates 1848.

Am 12. November 1918 streikten über 250’000 Arbeiterinnen und Arbeiter in der ganzen Schweiz. Sie forderten die 48-Stunden-Woche, eine Altersvorsorge oder das Frauenstimmrecht. Ihnen gegenüber standen 95’000 Soldaten. Sie waren vom Bundesrat aufgeboten worden, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Die Gemüter waren erhitzt, die Stimmung angespannt. In Grenchen kam es sogar zu drei Toten. Nach drei Tagen wurde der Streik abgebrochen, doch er blieb nicht ohne Folgen. Viele Anliegen der Arbeiterschaft flossen in den folgenden Jahren in die politische Diskussion ein. So wurde bereits 1919 die 48-Stunden-Woche eingeführt und 1925 die für die Alters- und Hinterbliebenenversicherung (AHV) nötige Verfassungsgrundlage geschaffen. Das entsprechende Bundesgesetz trat nach einer Volksabstimmung am 1. Januar 1948 in Kraft und ist noch heute die tragende Säule für Rentnerinnen und Rentner.

Streik des Bankpersonals in Zürich, Ende September 1918. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv

In Grenchen kommt es am letzten Streiktag zu einem Schusswaffengebrauch. Drei Menschen sterben. Foto: Kulturhistorisches Museum Grenchen

Die Ursachen des Landesstreiks

Wie konnte es in der Schweiz überhaupt zu einer derart aggressiven Stimmung kommen? Einer der Hauptgründe war der Erste Weltkrieg. Dieses Ereignis hatte Europa grundsätzlich verändert und auch in der Schweiz die bereits bestehenden politischen und gesellschaftlichen Spannungen verschärft. Auf der einen Seite standen die Arbeiterinnen und Arbeiter, die immer vehementer auf ihre Rechte pochten, auf der anderen Seite das Bürger- und Unternehmertum, das von Verlust- und Revolutionsängsten geplagt wurde. Die durch den Krieg ausgelöste schlechte Versorgungslage der Bevölkerung beschleunigte den Prozess zusätzlich. Gleichzeitig löste die Russische Revolution von 1917 grosse Ängste aus. Viele Menschen begannen sich zu fragen, ob die Schweiz bald einen bolschewistischen Umsturz erleben würde. Dadurch kam 1918 eine Dynamik gegenseitigen Misstrauens in Gang. Die militärische Besetzung Zürichs führte schliesslich am 12. November 1918 zum Ausbruch des Landesstreiks.

Suppenküche in Basel. In den letzten Kriegsjahren war über ein Viertel der städtischen Bevölkerung von staatlicher Lebensmittelunterstützung abhängig. Foto: Staatsarchiv Basel-Stadt

Vernunft statt Gewalt

Dass die Ereignisse letztlich einigermassen glimpflich endeten, verdankt die Schweiz dem vernünftigen Handeln auf beiden Seiten. Der Bundesrat stellte den Streikführern zwar ein Ultimatum, kündigte aber auch soziale und politische Reformen an. Die Streikführung war um die Verhinderung eines Blutvergiessens bemüht und beschloss in der Nacht vom 13. auf den 14. November den Streikabbruch. Trotz der heftigen politischen Polarisierung blieben beide Seiten mehrheitlich auf dem Boden der Demokratie. Seit 1919 wird die Schweiz durch Stabilität geprägt. Sie gehört im 21. Jahrhundert zu den reichsten Staaten der Welt. Grund dafür ist nicht zuletzt die nach dem Landesstreik beginnende Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgebern und -nehmern, die sich bis heute positiv auf die Leistung der einheimischen Wirtschaft auswirkt.

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