Die «Buchenwaldkinder» auf dem Zugerberg
Museum Burg Zug

Von Buchenwald auf den Zugerberg

«Gezeichnet» – unter diesem Titel zeigt das Museum Burg Zug mehr als 150, bisher noch nie öffentlich gezeigte, Zeichnungen der so genannten «Buchenwaldkinder»: Eine höchst eindrückliche Dokumentation der Erfahrungen von jugendlichen Überlebenden aus den Nazi-KZs, die nach dem 2. Weltkrieg zur Erholung in die Schweiz geholt wurden.

Sie haben kilometerweise Stacheldraht gespannt, horizontal und vertikal, vor allem dicht und gleichmässig. Er bildet meterhohe, unüberwindliche Gehege, zieht die brutale Grenze zwischen Leben und Tod. Der Stacheldraht ist ein dominierendes Element in den Zeichnungen. Manchmal sind die Stacheln riesig gross dargestellt, wie unter einem Vergrösserungsglas. Man versteht sofort: Aus dem System der Mörder gibt es kein Entrinnen.

Einmal breitet ein Männchen in blauweiss gestreifter Häftlingskleidung, das so klein ist, wie es Opfer gemeinhin sind, seine Arme vor der Stacheldrahtwand aus. «Tot durch Elektrische Dratt», steht drüber in ungeübter Schrift. Auch die Rechtschreibfehler sagen etwas aus: Die jugendlichen Urheber der Zeichnungen waren zur Zwangsarbeit verurteilt statt zur Schule zu gehen.

«Gezeichnet», heisst der absichtsvoll doppeldeutige Titel einer Ausstellung im Museum Burg Zug, die unter die Haut geht. Denn die Zeichnungen stammen von den sogenannten «Buchenwaldkindern», Kinder und Jugendliche aus dem Nazi-Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Das dominante Thema ist der von den Nazischergen streng geregelte und brutal überwachte Lageralltag mit Prügel-Bock, Zählappell und Galgen. Auch das Eintrittsprozedere sieht man öfters: «Duschen», «Desinfizieren», «Gold suchen», illustriert durch einen Arzt, der einem Neuankömmling in den offenen Mund greift. Alle haben offenbar das «KZ-ABC» gelernt («Appell, Block, Capo, … Impfung, Muselmann, ... Tätowierung, Unkrautsuppe, Zaun»).

«Fon Heimat ins Lager» und «Z. Arbeits Lager», Kalman Landau, 1945.
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich

Wie kommt ausgerechnet das Zuger Museum dazu, nun diese Zeugnisse des Holocaust erstmals öffentlich zu zeigen? Die Kurzfassung lautet: Das auf dem Zugerberg gelegene Jugendheim «Felsenegg», Teil des heutigen Internats Institut Montana, diente im Sommer 1945 als Aufenthaltsort zu Erholungszwecken für Kinder und Jugendliche. Diese kamen aus dem kurz zuvor von den Alliierten befreiten KZ Buchenwald. Die Betreuerinnen und Betreuer bewahrten die Zeichnungen auf, ja pausten sie sogar sorgfältig durch, weil sie deren Wert als Zeitdokumente sofort erkannten. Einige wurden schon 1946 vom damaligen Chefredaktor Arnold Kübler und Charlotte Weber in der Zeitschrift «du» publiziert.

Doch es geht in der Ausstellung nicht nur um die Zeichnungen, so aussagekräftig und erschütternd sie sind. Vor allem der Kontext ihrer Entstehung ist exemplarisch sorgfältig dargestellt. Dabei beziehen sich die Ausstellungsmacher unter anderem auf bereits publizierte Zeitzeugnisse und aktuelle Studien, die man vor Ort einsehen kann.

Blick in die Ausstellung im Museum Burg Zug.
Foto: Regula Bearth, © ZHdK

Warum landeten diese «Buchenwaldkinder» ausgerechnet in die Schweiz und auf den Zugerberg – und weshalb begannen sie zu zeichnen? Denn anders als beispielsweise die heute bekannten Kinderzeichnungen aus dem KZ Theresienstadt sind die Bilder der Buchenwaldkinder nachträglich entstanden. Es sind erste Gedächtnisprotokolle der wenigen KZ-Überlebenden. Jedes einzelne Blatt öffnet den Blick in einen Abgrund.

Der Kontext ist die «Schweizer Spende». Die vom Bundesrat 1944 initiierte, bis 1947 dauernde, gross angelegte Spendenaktion sollte ein humanitäres Zeichen der Schweiz an das vom Krieg verwüstete Europa sein. Um die Geldbörsen der Schweizer zu öffnen, arbeitete man mit der Erschütterung und Beschämung der Verschonten. Werbebroschüren stellten Fotografien hungernder oder gar ermordeter Kinder den Aufnahmen satter und umhegter Schweizer Kinder gegenüber. Insgesamt kamen so einschliesslich Bundesmittel rund 200 Millionen Franken (nach heutigem Wert rund eine Milliarde) zusammen.

Die Aktion war, wie man erfährt, nicht ganz selbstlos: 1944 zeichnete sich ab, dass die Alliierten den Krieg gewinnen würden. Die offizielle Schweiz wollte mit der Geste ihre eigene aussenpolitische Isolation während des Krieges überwinden. Die Durchführung der Hilfsaktionen in rund 18 europäischen Ländern inklusive Deutschlands lag unter anderem beim Roten Kreuz, das beispielsweise Kinder wie jene aus Buchenwald zur Erholung in die Schweiz brachte.

So empfing man 1945 also auch die 107 Jugendlichen auf der «Felsenegg». Man sollte sich den Ort nicht als Wellness-Oase vorstellen. Im Gegenteil: Die dem Tod knapp Entronnenen wurden erneut militärischem Drill ausgesetzt. Denn das verantwortliche Rote Kreuz stand unter Aufsicht des Militärs. Hinzu kamen praktische Probleme: Die eilig rekrutierten Betreuer, idealistische Frauen und Männer, zumeist noch jung und relativ unerfahren, hatten mit Kindern zwischen sechs und zwölf Jahren gerechnet. Doch gerade diese waren in den Nazilagern zuerst ermordet worden, da sie kaum als Arbeitskräfte taugten. Stattdessen sah man sich eher mit jungen Männern konfrontiert, manche schon gegen zwanzig Jahre alt, die es irgendwie in den Transport geschafft hatten.

«Zugerberg» Zeichnung von Michael Urich, 1945.
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich

«Wir sind frei!!!», Kalman Landau, 1945.
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich

Wie es gelang, die schwer traumatisierten Überlebenden wieder ein stückweit in die Normalität zurückzuholen, geht höchst anschaulich aus den Tagebüchern und Briefen der Betreuenden und ihrer Zöglinge hervor. Die Ausstellung lässt hier nicht nur die Dokumente sprechen, die Schülerschriften und –basteleien auf schlechtem Papier. Nebst Filmausschnitten werden an zahlreichen Audiostationen gut portionierte, lebendig vorgetragene Ausschnitte aus diesen Texten geboten. Anhören kann man sich aber auch die Erinnerungen einiger der letzten «Buchenwaldkinder» und Holocaust-Zeitzeugen, die noch leben, zumeist in Israel. Die Schweiz, aber auch die jüdischen Verbände waren daran interessiert, die «Buchenwaldkinder» rasch dorthin weiterzuleiten. Ein Kapitel für sich, das nur kurz anklingt.

Das Kernstück der unter Mitarbeit des Institute for the Performing Arts and Film an der Zürcher ZHdK entstandenen Ausstellung aber bleiben die Zeichnungen. Besonders eindrücklich ist die Serie von Kalman Landau, die fast an einen Comicstrip erinnert. Der 17-Jährige hält alle Aspekte des Lagerlebens in Vignetten systematisch fest, mitsamt ihrer schrecklichsten Auswüchse, den Leichenbergen in den Gaskammern. In der Sachlichkeit, mit der er den Massenmord zeichnet, liegt eine distanzierte Kälte, die einen schaudern lässt. Man spürt, dass diese Distanz der Schutzpanzer ist, den man sich im KZ zulegen musste, um nicht am Grauen zu zerbrechen.

Es ist der Ausstellung hoch anzurechnen, dass sie durch die zurückhaltende Inszenierung die eher leisen Zwischen- und Untertöne, etwa die emotionalen Beziehungen zwischen den Betreuenden und den tief traumatisierten, aber zugleich zur Dankbarkeit verpflichteten Zöglingen in den Zeichnungen und Texten hervortreten lässt. Genau sieht man nun in der Burg Zug auch mehr als «nur» ein weiteres Kapitel in der historischen Aufarbeitung des Holocaust. Menschen, die Dinge erlebt haben, die die meisten von uns sich kaum vorstellen können, sind auch heute mitten unter uns. Die Frage, wie wir ihnen begegnen, ob und wie wir ihnen helfen können, den Schrecken hinter sich zu lassen, ist nicht historisch, sondern brandaktuell.

gezeichnet. Die «Buchenwaldkinder» auf dem Zugerberg

Museum Burg Zug

21.11.2018 – 31.03.2019

Empfohlen ab 12 Jahren. Unter anderem Führungen für Schulklassen.

www.burgzug.ch

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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