Druckgrafik von 1780: Der Schnitzturm in Stansstad.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die Festung am See

Wie halte ich mir die Feinde vom Hals? Das fragte sich ein Adliger im Mittelalter und fand die Antwort am Vierwaldstättersee: mit Wasser. Er baute eine von drei Seiten durch Wasser geschützte Festung.

Im Winter des Jahres 1319 stand ein Adeliger, nennen wir ihn Graf Werner, in Stansstad am Ufer des Vierwaldstättersees. Im Hintergrund waren vielleicht einige Mauern und Türme der Stadt Luzern zu sehen, im Vordergrund waren Werners Untertanen dabei, Pfähle in den Seegrund zu treiben. Der Wasserspiegel war ungewöhnlich tief und so wurden die Pfähle in drei Reihen rund um den Stansstader Schnitzturm angelegt. Der Schnitzturm war Werners Wohnturm, Teil einer kleinen Burganlage und auf drei Seiten von Wasser umgeben. Auf dem Landweg war die Festung fast uneinnehmbar und im Frühling, wenn sich der Seespiegel normalisierte, mussten Angreifer an einer Palisade aus etwa zwei Meter aus dem Wasser herausragenden Pfählen vorbeikommen. Werner war Reichtsvogt der Vogtei Waldstätte, und dass er seine Burg und den kleinen Handelshafen so schützen liess, lag an den unsicheren Zeiten: Angriffe drohten vonseiten der Habsburger, aber auch von Luzern.

Druckgrafik der Verteidigung des Wachturms von Stansstad.
Schweizerisches Nationalmuseum

Werner von Homberg auf dem Pferd sitzend in einem Bildnis, das die Schlacht bei Soncino darstellt.
Univeristätsbibliothek Heidelberg

Ob Werner wirklich Werner hiess, ob es sich vielleicht um Werner von Homberg handelte, der ein bekannter Minnesänger war, ob er tatsächlich im Schnitzturm direkt am See lebte, sogar ob er wirklich ein Graf und Reichtsvogt war: wir wissen es nicht. Es ist noch nicht einmal geklärt, wie der Schnitzturm zu seinem speziellen Namen kam. Sicher ist, dass das Gebäude und einige nicht mehr erhaltene Anlagen Anfang des 14. Jahrhunderts gebaut wurden. Und dass es gegen den See hin durch eine dreifache Reihe von Palisaden geschützt war, von denen heute noch etwa 4500 Stümpfe im Seegrund stecken. Die Anlage verlor indes schon relativ bald an Bedeutung: Mit den Siegen gegen die Habsburger und  dem Beitritt Luzerns zur Eidgenossenschaft wurde ein Angriff immer unwahrscheinlicher.

Das änderte sich einige Jahrhunderte später: Als die Armee Napoleon Bonapartes 1798 in die Schweiz einmarschierte, leisteten die Nidwaldner neben den Bernern als Einzige nennenswerten Widerstand. Sie richteten die Palisaden wieder her und die Festung am Ufer hielt einem ersten französischen Angriff auch tatsächlich stand. Schliesslich zog die Revolutionsarmee aber doch in Stansstad ein, plünderte das Dorf und setzte die Häuser in Brand. Auch der Schnitzturm ging dabei in Flammen auf.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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