Nach der Annexion des Aargaus als «Gemeine Herrschaft» trafen sich eidgenössische Gesandte regelmässig an der Tagsatzung in Baden, hier dargestellt im Jahre 1531.
Schweizerisches Nationalmuseum

Gemeinsam ins Feld gezogen

Die Eroberung des Aargaus durch die Eidgenossen verband diese trotz Differenzen zu einer festen Gemeinschaft. Aus dem Bündnis wurde ein Bund.

18. April 1415. Von der Stadtmauer schweift der Blick der Wachen über die Umgebung. Über Felder, Wälder, Jurahügel und ein erdrückend überlegenes Heer. Hellebarden, Speere, Rüstungen blitzen im Sonnenlicht; auf Bannern prangt ein Bär auf gelb-rotem Grund. Die Wächter sind wenig überrascht. Sie haben es kommen sehen. Vor zwei Wochen hat König Sigismund persönlich die Eidgenossen aufgefordert, den Aargau zu attackieren.

Etwas Hintergrund: Sigismund war Herrscher des «Heiligen Römischen Reichs». Einem Gebiet von Kiel bis Siena, dessen Landkarte etwa so unübersichtlich war, wie der Fussboden eines Kinderzimmers. Es bestand aus zahllosen Fürstentümern und Grafschaften. Die Eidgenossenschaft gehörte genauso dazu wie das Herzogtum der Habsburger. Diese ursprünglich aargauische Dynastie wurde immer einflussreicher. Zu einflussreich für Sigismund. Er suchte nach einem Weg, sie zu schwächen und fand ihn mithilfe des Papstes beziehungsweise der Päpste. Denn 1415 gab es drei Anwärter und Friedrich von Habsburg unterstützte einen anderen Kandidaten als König Sigismund. Deshalb «ächtete» ihn Sigismund: Jeder war dazu aufgerufen, den Habsburgern zu schaden.

König Sigismund in einem Porträt aus dem 16. Jahrhundert.
Wikimedia

Die Berner Eroberung der Habsburg im Jahre 1415, dargestellt in der handschriftlichen «Spiezer Chronik» von Diebold Schilling.
Burgerbibliothek Bern

Die Luzerner, Zürcher und Innerschweizer kümmerte das wenig – sie hatten erst vor Kurzem einen Friedensvertrag mit Habsburg unterzeichnet. Die Berner hingegen waren auf Expansionskurs. Schnell marschierten sie los und wenige Tage später standen sie mit wehenden Bannern vor Zofingen. Was dann geschah, war nicht unüblich: Statt gekämpft wurde verhandelt. Und wenig später öffneten die Wachen die Tore. In den nächsten Wochen gingen auch Aarau, Lenzburg und Brugg fast kampflos an Bern. Die Eidgenossen machten der Oberschicht verlockende Angebote und für die Untertanen war ohnehin egal, wer das Sagen hatte. Habsburger oder Eidgenossen, was spielte das schon für eine Rolle? Inzwischen waren auch Luzerner, Zürcher und Innerschweizer ins Feld gezogen und die Eidgenossen trafen sich keine drei Wochen nach Beginn des Berner Feldzugs in Baden. Habsburgs Statthalter gaben nach kurzer Belagerung auf.

Für die Eroberer änderte sich von da an alles. Baden und das Freiamt wurden «Gemeine Herrschaften»: die Eidgenossen verwalteten das Gebiet zusammen. Dafür trafen sie sich nun mehrmals im Jahr zu Besprechungen in Baden. Der Aargau war ihr erstes gemeinsames Projekt, er zwang sie dazu, sich über alle Gräben zusammenzuraufen. Andere Bündnisse hatten kein solches verbindendes Element – und sind längst verschwunden. Durch den Aargau wurde das Bündnis zum Bund, hier wurde die Schweiz zur Schweiz.

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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