Jack Günthard Mitte der 1950er-Jahre an einem Wettkampf.
ETH-Bibliothek, Bildarchiv

Der Vorturner der Nation

Jakob «Jack» Günthard war nicht nur ein erfolgreicher Sportler, sondern auch ein Medienstar. Mit einer eigenen Fernsehsendung animierte er in den 1970er-Jahren das Land und machte die Schweiz fit.

Jakob Günthard hatte das, was heute ein Roger Federer hat: Charisma, ein Gespür für die eigene Vermarktung und natürlich sportlichen Erfolg. Der Zürcher steckte die ganze Schweiz mit dem Kunstturner-Virus an und machte aus dem Sportevent ein Anlass für die ganze Familie. Wenn er mit seinen Mitstreitern in Aktion trat, füllten sich die Stadien. Der Schweizerische Turnverband ist mit seinen landesweit rund 380'000 Mitgliedern nicht zuletzt dank dem «Vorturner der Nation» einer der grössten Sportverbände der Schweiz.

Angefangen hatte Günthard, der während seiner Schriftsetzerlehre noch die Matura nachholte, als Turner. Er gewann 1952 in Helsinki Olympiagold am Reck und holte sich fünf Jahre später zwei Goldmedaillen an den Europameisterschaften in Paris. Damals war Günthard bereits 37 Jahre alt. Nachdem der Zürcher als Sportler aufgehört hatte, versuchte er sich als Trainer. Aber nicht etwa in der Schweiz, sondern in Italien. Seine Bewerbung als Schweizer Nationaltrainer lehnte der Turnverband ab. Jakob Günthard war den Verantwortlichen zu modern. Enttäuscht ging der Oberturner der Nation in den Süden und holte mit Italien 1960 Team-Bronze an den Olympischen Spielen in Rom. Vier Jahre später gewann Franco Menichelli in Tokio Gold am Boden. Diese Leistungen beeindruckten auch den eidgenössischen Turnverband und weil die Schweizer Sportler parallel zum italienischen Höhenflug immer weiter tauchten, gab es nur eine Lösung: Jakob Günthard musste die Schweizer Nationalmannschaft trainieren.

Jack Günthard 1956 an einer Veranstaltung in den USA.
Wikimedia

Jack Günthard gewinnt 1957 an der EM in Paris zwei Goldmedaillen.
YouTube

Zurück in heimischen Gefilden, begann Jakob Günthard sofort, Trainingsstrukturen zu ändern. Er strebte auch eine Professionalisierung des Sports an, beispielsweise mit dem Einsatz von Video, um die Fehler der Turner zu analysieren. Zum wirklichen Star wurde er aber durch seine Turnsendungen in Radio und TV. In den 1970er-Jahren war Jakob Günthard auf Radio Beromünster zu hören. Jeden Morgen zwischen sieben und acht Uhr brachte er mit in seiner Sendung «Frühturnen mit Jack» Herr und Frau Schweizer auf Touren. Später schaffte es der Zürcher auch ins Fernsehen, wo er im modischen Trainer Tipps und Tricks für einen gesunden Alltag verriet und auch gleich vormachte. Die Sendung erhielt den Namen «Fit mit Jack» und war ein riesiger Erfolg. 1974 veröffentlichte Günthard zusätzlich ein Buch mit dem gleichen Namen, das sich ebenfalls gut verkaufte.

1976 wurde «Fit mit Jack» aus dem Programm genommen. Der Schweizer «Fitnesspapst» geniesst jedoch bis heute in gewissen Kreisen Kultstatus und wird immer wieder gerne verlinkt oder zitiert. Jack Günthard starb am 7. August 2016 im Alter von 96 Jahren. Er war bis ins hohe Alter topfit und macht damit seinem Credo alle Ehre.

Der Vorturner der Nation im Schweizer Fernsehen, 1976.
SRF

«Frühturnen mit Jack», Sendung von Jakob Günthard auf Radio Beromünster, 1975.
SRF

Andrej Abplanalp on Wordpress
Andrej Abplanalp
Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

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Ihr Kommentar





Ein Kommentar

Arthur Caccivio sagt:

Jack war unter anderem Turnlehrer an der Sekundar- und Verkehrsschule in Luzern. Zudem gab er dort auch Unterricht in Stenographie. Er war wohl einer der polysportivsten Turnlehrer der Nachkriegsjahre. Er war auch ein sehr guter Leichtathlet und war kantonaler Meister im Stabhochsprung. (Stabhochsprung war damals an den eidgenössischen Turnfesten noch eine Disziplin des Kunsttuner-Mehrkampfes!). Viele seiner Schüler wurden dank seinem vielseitigen Unterricht ausgezeichnete Fussballer und spielten, kaum 16-jährig, bei Emmenbrücke (1. Liga), Luzern (NLB) und sogar in der NLA bei YB.