Darstellung des Grenzübertritts der Bourbaki-Armee. Druckgrafik von 1875.
Schweizerisches Nationalmuseum

Bourbaki

1871 flüchtete die französische Bourbaki-Armee in die Schweiz. Bei dieser Tragödie kam das Rote Kreuz zu seinem ersten Grosseinsatz.

Die Szenerie war gespenstisch. Das Vallée de Joux war tief verschneit, die Sicht trüb und die Gesichter ausgemergelt und blass. Zu Hunderten, ja Tausenden standen sie an der Schweizer Grenze, bewaffnet, und verlangten Einlass.

Der Deutsch-Französische Krieg im Winter 1870/1871 war grässlich, und noch grässlicher war der Winter selbst. Die Armée de l’Est von General Charles Denis Soter Bourbaki sollte die deutschen Truppen angreifen, die Belfort belagerten. Sie wurde jedoch zurückgeschlagen, zog sich nach Süden zurück und wurde schliesslich bei Pontarlier eingekesselt. Bourbakis Truppen fehlte es an Essen und Kleidung und der General selbst versuchte am 26. Januar, sich das Leben zu nehmen, um einer Amtsenthebung zu entgehen. Der daraufhin ernannte General Clinchant führte die verbliebenen Männer unter grossen Verlusten in Richtung Schweizer Grenze und bat den Bundesrat am 28. Januar um militärisches Asyl. Der Schweizer General Hans Herzog unterschrieb in der folgenden Nacht den Vertrag von Les Verrières. Daraufhin überquerten 87 000 entkräftete Soldaten mit 12'000 Pferden die Schweizer Grenze. Zuvor mussten sie Waffen, Munition und Material abgeben.

Soldaten der Bourbaki-Armee werden von Vertretern des Roten Kreuzes gepflegt. Das Bild entstand 1871 und wurde von Auguste Bauernheinz gemacht.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die Schweizer Bevölkerung reagierte ausgesprochen hilfsbereit. Vielerorts wurde spontane Hilfe geleistet und das IKRK kam zu seinem ersten Grosseinsatz. Aber damit allein war es nicht getan. Über Nacht war die Bevölkerung um drei Prozent gewachsen. Die Soldaten wurden über alle Kantone, ausser im Tessin, verteilt, interniert, bewacht und gepflegt. Der Aufwand dafür war riesig und trotz medizinischer Versorgung starben in den nächsten Wochen 1700 Soldaten an Entkräftung, Wunden und Krankheiten.

Der Deutsch-Französische Krieg endete bereits im Februar, Frankreich verlor das Elsass und Lothringen. Schon im März wurden Bourbakis Soldaten zurückgeschickt. Die Kosten für ihren Aufenthalt übernahm der französische Staat.

In Genf wurde zehn Jahre nach dem Ereignis ein 110 mal 14 Meter grosses Panorama-Rundbild enthüllt, das den Übertritt der Bourbaki-Armee bei Les Verrières zeigt. Rundbilder waren ein beliebtes Medium des 19. Jahrhunderts. Sie sind inzwischen aber grösstenteils verschwunden. Das Bourbaki-Panorama ist deshalb gleich doppelt interessant: Es ist eines der wenigen, die sich kriegskritisch geben und zugleich ist es eines der letzten, die überhaupt noch existieren.

Beinprothese, getragen von einem Internierten der Bourbaki-Armee.
Schweizerisches Nationalmuseum

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Historiker Benedikt Meyer ist auf historische Reportagen spezialisiert. Er schreibt unter anderem für das Reisemagazin Transhelvetica.

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Ihr Kommentar





2 Kommentare

Elias sagt:

Der Aufenthalt der internierten Bourbaki-Armee hat die Urner Fasnacht stark geprägt – bis heute.

Neuhaus sagt:

Wieviele unehliche Kinder gab es danach im Oktober 1871 in der Schweiz.?