Frauen hatten es im 19. Jahrhundert nicht leicht. Dieses Gemälde von Elizabeth Thompson war 1881 in aller Munde. Trotzdem blieb ihr die Aufnahme in die Royal Academy of Arts verwehrt.
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Generi­sches Maskulinum

Sie waren intelligent, kreativ und talentiert. Trotzdem durften die Frauen im 19. Jahrhundert dies nicht ausleben, wie das Beispiel von Emilie Kempin-Spyri zeigt.

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer

Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

Endlich! Endlich referierte Emilie Kempin-Spyri vor Gericht. Nur leider nicht als Anwältin, sondern als Klägerin. Denn genau darum ging es im Prozess im neu erbauten Lausanner Bundesgericht: Die Zürcherin wollte Anwältin werden – und durfte es nicht. Es fehle ihr das «aktive Bürgerrecht» hatten die Behörden erklärt. Anders gesagt: Emilie Kempin-Spyry konnte weder wählen noch abstimmen, denn sie war kein Mann.

Johanna Spyris Nichte hielt frech, clever und hartnäckig dagegen. Die Verfassung spreche diese Rechte «allen Schweizern» zu, meinte sie – das sei ein generisches Maskulinum. Die Frauen seien stillschweigend mitgemeint. Das Gericht erklärte, diese Ansicht für «ebenso neu als kühn» – und wies die Klage ab.

Im Jahr darauf emigrierte die erste Schweizer Doktorin der Rechte nach New York. Zwar baute Kempin-Spyri dort eine private Schule für Juristinnen auf und wurde nach ihrer Rückkehr 1891 immerhin Privatdozentin an der Uni Zürich. Doch sie rieb sich am Unrecht des verweigerten Anwaltspatents auf. 1897 wurde sie in eine Nervenklinik eingewiesen. 1898 liess der Kanton Zürich Frauen als Anwältinnen zu – aber Kempin-Spyri wurde im gleichen Jahr entmündigt. Ob sie wirklich psychisch krank war, ist zumindest fraglich. Sie starb 1901 in Basel, verarmt und erst 48-jährig an Gebärmutterkrebs.

Kempin-Spyri stiess nicht an eine gläserne Decke, sondern an einen rostigen Käfig. Sie war eine von vielen, die nicht dorthin gelangten, wohin sie hätten gelangen können, weil Frauen eben nicht Euler, Escher, Einstein werden konnten. Sogar wenn sie Elizabeth Thompson waren.

Porträt von Emilie Kempin-Spyri, circa 1885.
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Elizabeth Thompson? Eben auch so ein Fall. Die Britin wurde sieben Jahre vor Emilie Kempin-Spyri in Lausanne geboren. Sie wurde Malerin und schuf mit «The Roll Call» ein Bild, welches die Londoner Kunstwelt 1874 auf den Kopf stellte. Als das Gemälde auf Tournee ging, trugen Leute Plakate mit der Aufschrift «The Roll Call is coming» durch die Städte. Ausdruck, Komposition, Dynamik: Thompsons Bilder waren rundweg spektakulär. «Remnants of an Army», «Missed» und ganz besonders «Scotland Forever!». Zwei Stimmen fehlten Thompson zum finalen Durchbruch, zur Aufnahme in die Royal Academy. Doch die Herren waren noch nicht soweit. Immerhin ertrug sie die Zurückweisung besser als Kempin-Spyri. Sie heiratete William Butler, einen Offizier, Schriftsteller und Abenteurer. Sie zog nach Irland und schuf weiterhin grossartige Bilder. In der Autobiografie ihres Mannes wird Elizabeth Butler-Thompson mit keinem Wort erwähnt. Aber wer weiss: vielleicht wurde sie ja stillschweigend mitgemeint.

Selbstporträt von Elizabeth Butler-Thompson.
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