Daumiers Birnenkarikatur von König Louis-Philippe I. wurde 1831 sofort konfisziert. Trotzdem machte sie im ganzen Land die Runde.
Wikimedia / Gallica Digital Library

Mensch, ärgere dich nicht!

Karikaturen ecken an. Kritik an den humoristischen Darstellungen ist so alt wie die Satire selbst. Gewandelt hat sich jedoch die Art und Weise, wie das Unbehagen ausgedrückt wird.

Die New York Times hat sich entschieden: Seit Sommer 2019 druckt sie in der internationalen Ausgabe keine politischen Cartoons mehr. Die amerikanische Zeitung folgt damit konsequent dem eigenen Anspruch nach politischer Korrektheit.

Von diesem Entscheid betroffen ist auch der international bekannte Karikaturist Patrick Chappatte. Politisch pointiert kommentiert der Sohn einer Libanesin und eines Schweizers mit seinen Cartoons das Weltgeschehen in der NZZ am Sonntag und Le Temps – und bis vor Kurzem auch in der New York Times. In der Debatte um die Grenzen politischer Karikaturen fragte Chappatte nach seinem Rauswurf bei der amerikanischen Zeitung: «Besteht heute, 200 Jahre nach Daumier, das Risiko, dass politische Cartoons verschwinden?»

Er spielte damit auf den Franzosen Honoré Daumier an, der im 19. Jahrhundert für das Aufblühen politischer Karikaturen sorgte. Seine überspitzte Darstellung des Königs Louis-Philippe I. mit birnenförmigem Kopf erlangte im Jahre 1831 landesweite Bekanntheit und wurde – trotz sofortiger Konfiszierung – zum Symbol der Satire. Schöpfer Daumier erhielt eine saftige Geldstrafe und wurde für sechs Monate eingesperrt. Dessen ungeachtet hatte er den Grundstein für politische Karikaturen gelegt.

Patrick Chappatte auf einem Bild von 2018.
Wikimedia

Kommt nach dem Humor der Fall?

Auf Daumier folgen unzählige Zeichner, die mit messerscharfem Verstand das Weltgeschehen künstlerisch kommentieren. Im Verlaufe des 19. und 20. Jahrhunderts werden Karikaturen zum festen Bestandteil von Zeitungen, Zeitschriften und der Werbung. Es entstehen populäre Satire-Magazine wie der englische «Punch» (Erstausgabe 1841), die deutsche Wochenschrift «Fliegende Blätter» (1845) und der schweizerische «Nebelspalter» (1875), die Cartoons in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung stellen. Scharfsinnige Zeichner wie Horst Haitzinger, Carl Böckli und Peter Gut halten mit spitzer Feder den Strippenziehern dieser Welt einen Spiegel vor die Nase. Mit nur einem Bild bringen sie ganze Leserschaften zum Nachdenken. Sie zeigen die Zusammenhänge komplizierter Sachverhalte pointiert auf – ungeachtet der Kritik derjenigen, in deren Wunden Salz gestreut wurde.

Kritik sind die Karikaturisten seit jeher gewohnt. Neu scheint in jüngerer Zeit jedoch die Art und Weise, wie das Missfallen zum Ausdruck gebracht wird. In Zeiten freier Meinungsäusserung müssen die Künstler wüste Empörungsstürme in den sozialen Medien über sich ergehen lassen. In den USA und Kanada verloren Karikaturisten ihren Job, weil den Verlegern ihre Arbeit zu kritisch ist. In der Türkei, Venezuela, Russland und Syrien wurden Karikaturisten ins Exil getrieben oder inhaftiert und gefoltert. Und die Redaktion von «Charlie Hebdo», Ziel des grausamen Anschlags im Januar 2015 in Paris mit zwölf Todesopfern, arbeitet heute unter ständiger Bewachung an einem geheimen Ort.

Über den Inhalt der Zeichnungen zu diskutieren ist richtig – eine Karikatur hätte ansonsten schlicht ihren Sinn verfehlt. Die Darstellungsform anzuprangern, schiesst jedoch über das Ziel hinaus. In Zeiten reisserischer Tweets und Facebook-Posts, die viel Empörung, aber wenig Substanz vermitteln, kommen Karikaturen einem Marschhalt gleich. Denn sie regen zum Nachdenken an und bieten Platz für Diskussionen.

Die ersten Nummern des britischen Satire-Magazins Punch und des Nebelspalters.
Wikimedia

Made in Witzerland

Forum Schweizer Geschichte Schwyz

bis 24. Januar 2021

Worüber lachen Schweizerinnen und Schweizer und wofür werden wir belächelt? Diese und weitere Fragen beantwortet die Ausstellung «Made in Witzerland» in einer Reise durch die facettenreiche Welt von Humor, Witz und Satire. Die vielfältige, multimediale Ausstellung wirft einen differenzierten Blick auf die humorvolle Seite der Schweiz – mit Karikaturen seit dem 19. Jahrhundert, zeitgenössischen Cartoons und national wichtigen Figuren wie HD Läppli und Clown Grock. In der guten alten Fernsehstube begeistern Ausschnitte von Schweizer Comedy-Sendungen und Kinokomödien.

Sara Gianella
Sara Gianella ist Germanistin und Publizistin sowie Inhaberin der Texteria Gianella.

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