Luise und Leopold, um 1900.
Luise und Leopold, um 1900. Wikimedia

Flucht in die Schweiz

Die Geschwister Luise und Leopold, Habsburger Adlige, fliehen in die Schweiz – um ihre Lieben leben zu können. Damit entfachen sie einen europäischen Skandal.

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw

Michael van Orsouw ist promovierter Historiker, Bühnenpoet und Schriftsteller. Er veröffentlicht regelmässig historische Bücher.

Heute sind ihre Namen fast unbekannt. Dabei waren Luise, die Kronprinzessin von Sachsen, und ihr Bruder Leopold Ferdinand, Erzherzog von Österreich-Toskana, zu ihrer Zeit bekannte Grössen – wegen ihren zahlreichen Skandalen. Im Dezember 1902 treffen sich beide in ihrem Elternhaus in der Residenz von Salzburg. Dort besprechen sie ihre misslichen Lagen: Luise musste den Thronfolger von Sachsen aus politisch-diplomatischen Gründen heiraten, auch ihre fünf Kinder machen sie nicht wirklich glücklich. Deshalb hat sie sich in den Sprachlehrer ihrer Kinder verliebt, was sich für eine Kronprinzessin gar nicht ziemt. Zudem ist sie mit dem sechsten Kind schwanger, wobei pikanterweise unklar ist, wer die Vaterschaft beanspruchen kann: Ihr Ehemann, der zukünftige König von Sachsen, oder doch der belgische Sprachlehrer André Giron?
Für ihre Freiheit tauschten Luise und Leopold ein Leben in der noblen Residenz in Salzburg ein.
Für ihre Freiheit tauschten Luise und Leopold ein Leben in der noblen Residenz in Salzburg ein. Wikimedia
Ihr Bruder Leopold hat es nicht leichter: Er ist zwar noch ledig, hat sich aber unsterblich in eine Prostituierte verliebt. Das kam bei Adeligen öfters vor, und Leopold sorgt für den Lebensunterhalt der Frau, damit sie nicht mehr auf den Strich gehen muss. Doch jetzt will er sie heiraten, was im Haus Habsburg tiefe Abscheu hervorruft. Damit stecken Luise und Leopold gleichzeitig in der Bredouille. Sie lieben Menschen, die sie wegen ihrer noblen Herkunft nicht lieben dürfen. Also beschliessen die Habsburger Hochadeligen, dem komfortablen Leben zu entfliehen. In der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember 1902 reissen Luise und Leopold aus und fliehen über eine Bedienstetentreppe in den Schlosshof, das Thermometer zeigt in dieser klaren Mondnacht eisige 16 Grad unter null. Ihr Ziel ist die Schweiz.
Der Bahnhof Buchs auf einer Fotografie von 1905.
In Buchs überqueren die Habsburger-Geschwister die Grenze. Sie hoffen, in der Schweiz ein ruhiges und angenehmes Leben führen zu können. Wikimedia
Mit ihrer Flucht versetzen sie den Adel in Aufruhr und werden in ganz Europa bekannt. Ja, sogar darüber hinaus. Selbst der New York Herald wird über sie und ihre klandestine Flucht berichten. Mit der rauchspeienden Dampfeisenbahn fahren Luise und Leopold quer durch Österreich in die Schweiz. Als Flüchtige fürchten sie sich davor, dass österreichische Beamte sie unterwegs entdecken und zurückschicken könnten.
Luise und Leopold, das Geschwisterpaar mit einem Faible für Fettnäpfchen. Das Bild entstand um 1900.
Luise und Leopold, das Geschwisterpaar mit einem Faible für Fettnäpfchen. Das Bild entstand um 1900. Wikimedia

Kein roter Teppich in Zürich

Zwischen Schaan und Buchs überqueren sie ohne Zwischenfälle die Schweizer Grenze. Entlang des Zürichsees liegt dichter Nebel und schon bald treffen Luise und Leopold in Zürich ein. Später beklagt sich Luise in ihren Memoiren: «Für mich war kein Empfang bereit, kein roter Teppich und keine Freunde oder Verwandte, die auf mich warteten». Dazu muss man wissen: Luise war zuerst Erzherzogin, dann Kronprinzessin, sie wurde ständig verwöhnt, verzärtelt und auf Händen getragen. Doch hier im geschäftigen Zürich bemerkt gar niemand, dass es sich bei den Reisenden um zwei echte Royals handelt. Leopold hat eines der besten Hotel ausgewählt, das Grandhotel Bellevue. Es steht im Strassendreieck am südlichen Ende des Limmatquais und hat dem benachbarten Bellevueplatz den Namen gegeben: Denn vom Hotel mit seinen vier Etagen und den markanten drei Türmchen aus hat man tatsächlich eine «belle vue» auf den See und die Berge.
Das Grandhotel Bellevue in Zürich. Hier kamen die Flüchtlinge im Dezember 1902 unter.
Das Grandhotel Bellevue in Zürich. Hier kamen die Flüchtlinge im Dezember 1902 unter. ETH Bibliothek Zürich
Dort, im Grandhotel, folgt die nächste Überraschung. Die noblen Geschwister treffen auf eine Frau, von deren Anwesenheit Luise nichts wusste. Dafür freut sich Leopold umso mehr, denn es handelt sich um seine Geliebte Wilhelmine Adamovic, eine ehemaliger Prostituierte. Luise zeigt sich perplex, weil er sie nicht darüber informiert hat. Als Wilhelmine freudigen Schrittes auf Luise zugeht und sie überschwänglich begrüsst, ist Luise irritiert und schreibt später: «Die Neuangekommene gehörte sicher nicht in meine Welt», da sie ganz offensichtlich weder eine Ahnung habe von einer gepflegten Konversation unter Damen noch von den einfachsten Anstandsregeln zu Tisch. Eine (ehemalige) Prostituierte benimmt sich eben ganz anders als eine (geflohene) Kronprinzessin.
Wilhelmine Adamovic.
Wilhelmine Adamovic. Wikimedia
Leopold hingegen ist in Gesellschaft seiner Geliebten Wilhelmine voller Glücksgefühle. Sein Übermut zeigt sich, als er sich etwas verwegen als verheiratetes Ehepaar ins Fremdenbuch einträgt, nämlich als «Herr und Frau Wölfling». Luise lässt mehr Vorsicht walten und benützt den Decknamen «Frau von Oppen». Sie fühlt sich schlecht: Als sie in ihr Hotelzimmer geht, lässt sie sich nach der aufregenden Flucht auf das Bett fallen und weint in ihr Kissen. Sie empfindet alles als schrecklich fremdartig, «keine Kammerfrau, die mir alles herzurichten gewohnt war, kein seidenes Hausgewand, damit ich nur hineinzuschlüpfen brauchte, keine Kristall- und Silberflaschen voll duftender Essenzen» – die verzogene Prinzessin hat nur mitnehmen können, was in ihrem Handkoffer Platz fand. Dafür trifft Erzherzog Leopold hier in der Stadt Zürich einen weitreichenden Entscheid, er setzt im Hotel einen wichtigen Brief an Kaiser Franz Joseph auf, an das Oberhaupt des Herrscherhauses Habsburg: «Ich bitte Eure Majestät, meine Stellung und Rang als Erzherzog ablegen und den Namen Wölfling annehmen zu dürfen.»
Erzherzog Leopold Ferdinand von Österreich-Toskana
Leopold bittet das Oberhaupt der Habsburger, ihn aus den Pflichten als Erzherzog zu entlassen. Er will ein bürgerliches Leben führen. Wikimedia
Porträt des Kaisers Franz Joseoph I. im Ornat des Ordens vom Goldenen Vlies, 1902.
Der Kaiser muss sich immer wieder mit «abtrünnigen» Habsburgerinnen und Habsburger auseinandersetzen. Das gefällt ihm gar nicht. Wikimedia
Ein Satz mit ungeheurer Sprengkraft. Der Erzherzog will nicht mehr, er verzichtet auf Titel und Rang und will bürgerlich leben. Vielleicht hat Franz Joseph beim Lesen des Briefs seinen berühmten Spruch ausgerufen: «Mir bleibt gar nichts erspart!» Auf jeden Fall wird er sich darüber geärgert haben, dass schon wieder ein Erzherzog aus der Reihe tanzt. Die unglaublich lange Zeit von 54 Jahren wirkt er schon als Kaiser, sodass eine gewisse Amtsmüdigkeit nachvollziehbar ist. Dazu haben ihn die verlorenen Kriege ebenso erschüttert wie tragische Ereignisse im Privaten. Im Gebälk der jahrhundertealten Habsburgermonarchie knirscht es seit Jahrzehnten bedenklich. Franz Joseph versucht mit eiserner Disziplin das zusammenzuhalten, was nach links und rechts wegzubrechen droht. Deshalb ärgert er sich so sehr auf über diejenigen Familienmitglieder des Hauses Habsburg, die neben der Spur laufen. Zuerst seine Nichte Luise mit ihrer Liebschaft. Und dann die vielen Erzherzöge, die sich daneben benehmen wie dieser Leopold. Das wird Folgen haben...

Luise und Leopold

1902 flüchteten Kronprinzessin Luise und Erzherzog Leopold von Österreich-Toskana in die Schweiz. Die Geschwister wollten dem engen Korsett der Habsburger-Familie entkommen. Das gelang, doch das Leben der beiden wurde zu einem mit Skandalen gespickten Abstieg in eine normale bürgerliche Existenz und endete schliesslich in Armut und Einsamkeit. Teil 1: Flucht in die Schweiz Teil 2: Der Skandal wird öffentlich Teil 3: Der Erzherzog wird Schweizer Teil 4: Leopold und die Frauen Teil 5: Regensdorf vs. Erzherzog Den ausführlichen Weg von Luise und Leopold gibt es im gleichnamigen Buch von Michael van Orsouw zu lesen. Es ist im Verlag Hier und Jetzt erschienen.

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