Im Juni 1712 wurde der katholische Klostervogt von Magdenau geköpft. Er hatte den Konfessionskonflikt im Toggenburg tüchtig angeheizt. Illustration von Marco Heer.

Lieber ohne Kopf…

Am 9. Juni 1712 verlor Christoph Lieber seinen Kopf. Der katholische Klostervogt war mit ein Grund, warum der Konflikt zwischen den eidgenössischen Konfessionen Anfang des 18. Jahrhunderts wieder ausbrach.

Andrej Abplanalp

Andrej Abplanalp

Historiker und Kommunikations-Chef des Schweizerischen Nationalmuseums.

Am 9. Juni 1712 wurde Christoph Lieber in Lichtensteig enthauptet. Der Vogt des Klosters Magdenau war den Reformierten ein Dorn im Auge. Lieber, auch Lüber genannt, überzeugter Katholik und Vertrauter des St. Galler Fürstabts, machte sich im damals mehrheitlich reformierten Toggenburg für den katholischen Glauben stark. Damit provozierte er die Reformierten und heizte den bereits einige Jahre schwelenden Konflikt zwischen dem Kloster St. Gallen und dessen mehrheitlich reformierten Untertanen weiter an. Begonnen hatte der Konflikt, der Lieber schliesslich den Kopf kosten sollte, bereits zwei Jahrhunderte früher. Nach dem Zweiten Kappeler Krieg, in welchem die Reformierten 1531 vernichtend geschlagen wurden, schien sich in der Alten Eidgenossenschaft ein fragiles Gleichgewicht zwischen den Konfessionen zu bilden. Doch die Reformierten wurden mit den Jahren und Jahrzehnten immer stärker. Wirtschaftlich und militärisch. Und mit dieser wachsenden Macht kamen auch die Rachefantasien für die Schmach von 1531 wieder auf. Diese Fantasien wurden zusätzlich von einer massiven Verschärfung der Konfessionskonflikte im 17. Jahrhundert genährt.
Im Oktober 1531 kam es in Kappel zur Schlacht zwischen Protestanten und Katholiken. Erstere mussten eine empfindliche Niederlage einstecken. 
Im Oktober 1531 kam es in Kappel zur Schlacht zwischen Protestanten und Katholiken. Erstere mussten eine empfindliche Niederlage einstecken. Zentralbibliothek Zürich
Zur Eskalation kam es schliesslich 1698. Fürstabt Leodegar von St. Gallen wollte eine Passstrasse über den Ricken bauen lassen, um einen direkteren Weg zu den katholischen Schwyzern zu haben. Damit wäre der Fürstabt unabhängiger vom mächtigen und reformierten Zürich geworden und hätte zugleich seine Macht im Toggenburg demonstriert: Denn, er verlangte von der Gemeinde Wattwil, die Strasse durch ihr Gebiet auf eigene Kosten zu bauen. Doch statt einem Statuszuwachs und einer neuen Strasse, erreichte Leodegar das Gegenteil. Es bildete sich ein starker Widerstand gegen den Fürstabt und seine Politik. An einem «kleinen Strassenprojekt» in einer Toggenburger Gemeinde entzündete sich ein überregionaler Konfessionskonflikt, der erst Jahre später sein Ende fand und die Eidgenossenschaft verändern sollte.
Leodegar Bürgisser, Fürstabt des Klosters St. Gallen auf einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert.
Leodegar Bürgisser, Fürstabt des Klosters St. Gallen auf einem Gemälde aus dem 18. Jahrhundert. Wikimedia
Das Nein zu Leodegars Strasse ermutigte die reformierten Toggenburger Gemeinden, sich weiter zu entfalten. Sie bildeten zaghaft eine eigene Regierung und begannen, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Das passte dem Fürstabt gar nicht. Und als Bern und Zürich die reformierten Toggenburger 1707 unter ihre Schutzherrschaft stellten, platzte Leodegar in St. Gallen der fürstäbtliche Kragen. Nicht mit mir, dachte er sich und setzte zur Gegenoffensive an. Unter der Führung von Christoph Lieber und mit Hilfe diverser Priester gelang es ihm, mehrere Toggenburger Gemeinden auf seine Seite zu ziehen. Das wiederum ging den Reformierten zu weit. Besonders ärgerte sie der katholische «Chefintrigant» Christoph Lieber, der in den Tälern und Dörfern geschickt die Fäden zog. Im April 1712 besetzten reformierte Truppen die Klöster Magdenau und Neu St. Johann und nahmen Christoph Lieber gefangen.
Das Kloster Magdenau steht auf der Liste der Kulturgüter von nationaler Bedeutung.
Das Kloster Magdenau steht auf der Liste der Kulturgüter von nationaler Bedeutung. ETH Bibliothek Zürich
Und der reformierte Feldzug ging gleich weiter. Auch die fürstabtliche Stadt Wil und das Kloster St. Gallen wurden angegriffen und erobert. Inzwischen waren nicht mehr nur reformierte Toggenburger am Werk, sondern es standen auch Zürcher und Berner Truppen im Einsatz. Die fünf inneren Orte Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern und Zug schlugen sich auf die Seite des Fürstabts und fielen in die Herrschaft Baden und ins Freiamt ein. Damit blockierten sie den Weg zwischen Bern und Zürich. Es kam, wie es kommen musste: Im Mai 1712 standen sich im heutigen Aargau reformierten und katholische Truppen gegenüber. Im Zweiten Villmerger-Krieg wurde das Heer der inneren Orte vernichtend geschlagen. Auf Druck diverser neutraler Orte wie Basel, Glarus oder Solothurn begannen im Juni Friedensverhandlungen in Aarau. Am 11. August 1712 wurde in Aarau schliesslich der Vierte Landfrieden geschlossen.
Brief von Christoph Lieber an den Abt des Klosters St. Gallen, 31. Mai 1712.
Brief von Christoph Lieber an den Abt des Klosters St. Gallen, 31. Mai 1712. Stiftsarchiv St. Gallen, R28, F8, Nr. 119
Die Einigung in Aarau erlebte Christoph Lieber nicht mehr. Sein Kopf rollte am 9. Juni 1712. In seinem letzten Brief an den Abt von St. Gallen bekräftigte der Klostervogt seine Treue zum katholischen Glauben: «Ich stirb ehrlich, und das umb der gerechtigkeit meines Herren treüw und der catholischen Religion willen.» Er bat in diesem Schreiben ausserdem, man möge sich um seine Familie kümmern. Sein letzter Wunsch wurde Christoph Lieber erfüllt. Das Kloster Magdenau nahm die Hinterbliebenen auf. Der Vierte Landfrieden von Aarau verschob das Kräfteverhältnis zwischen Katholiken und Refomierten allerdings zugunsten von Letzteren. Hätte das der Klostervogt aus dem Toggenburg noch wissen wollen? Lieber nicht...

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