Mitteleuropa um 1670
Mitteleuropa um 1670, ab 1604 konnten Spanische Truppen auf dem Weg in die Niederlande unter strengen Voraussetzungen die katholischen Kantone der Eidgenossenschaft passieren. Universitätsbibliothek Bern

Der «Camino Español» durch die Schweiz

Während der Gegenreformation knüpften die katholischen Kantone der Schweiz starke Bande mit Spanien, um den Ambitionen der Reformierten entgegenzuwirken. Für kurze Zeit führte die «Spanische Strasse» – ein besonders wichtiger Nachschubweg zwischen Spanien und den Vereinigten Niederlanden – sogar durch die Schweiz.

James Blake Wiener

James Blake Wiener

James Blake Wiener ist Autor, PR-Spezialist, Historiker und Mitbegründer der World History Encyclopedia.

Spaniens Goldenes Zeitalter hatte einen nicht zu unterschätzenden kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Einfluss auf die gesamteuropäische Geschichte. Spanien kontrollierte breite Landstriche in Amerika, Westeuropa, Afrika und Asien – so beneidete ganz Europa Spaniens Macht und Ansehen. Dank der Bodenschätze in Amerika und den Handelsbeziehungen mit China und Japan konnten die Spanier Frankreichs Ambitionen in Europa eindämmen, die Interessen der römisch-katholischen Kirche während der Reformation verteidigen und als Hauptbollwerk gegen das wachsende Osmanische Reich fungieren. Während der Italienischen Kriege kämpften die Eidgenossen kurzzeitig als Verbündete der Spanier gegen die französische Vorherrschaft in Norditalien. Es sei zudem daran erinnert, dass es eine spanische Armee war, die die im französischen Sold stehenden Schweizer Pikeniere in der Schlacht bei Pavia 1525 zerschlug und so den Beginn der militärischen Vormachtstellung Spaniens in Europa einläutete. Spaniens beispiellose Macht und Grösse faszinierte die Eidgenossen. Die Neugier reichte von der spanischen Politik über die Sprache bis zur Mode. Das Interesse spiegelt sich in der beeindruckenden Anzahl an Büchern über Spanien, die von 1527 bis 1610 in Basel herausgegeben wurden: insgesamt 184 Titel.
Die Schlacht bei Pavia 1525 in einem Gemälde von Rupert Heller.
Die Schlacht bei Pavia 1525 in einem Gemälde von Rupert Heller. Erik Cornelius / Schwedisches Nationalmuseum
Die spanische Macht stand im starken Gegensatz zur religiösen Spaltung und den gesellschaftlichen Problemen der Alten Eidgenossenschaft. Nach den zwei Kappelerkriegen 1529 und 1531 herrschte ein brüchiger Frieden auf der Grundlage der mehrheitsbasierten Religionshoheit gemäss dem Leitsatz cuius regio, eius religio. Die Kantone Zug, Schwyz, Luzern, Unterwalden, Uri, Solothurn und Freiburg behielten den katholischen Glauben ihrer Vorfahren bei. Appenzell und Glarus hingegen entwickelten sich zu Spannungszentren gemischter Konfessionen. Den katholischen Schweizern entging die Tatsache nicht, dass die reformierten Kantone Zürich, Bern, Basel und Schaffhausen mehr Einwohner und wirtschaftlichen Wohlstand aufwiesen als alle anderen Kantone. Aus Angst vor der vollständigen politischen und wirtschaftlichen Überlegenheit ihrer reformierten Nachbarn strebten die Schweizer Katholiken ein ausländisches Bündnis und eine Religionspolitik an, die ihre Interessen schützen und ihre Geschäfte antreiben würde. Dabei war Österreich keine Hilfe, denn das Land entschied sich für die religiöse Neutralität und dafür, den Frieden im Heiligen Römischen Reich zu fördern. Der traditionelle Bündnispartner Frankreich wäre die offensichtliche Wahl gewesen, doch das Land hatte sich im religiösen Konflikt ebenfalls entzweit. Von 1562 bis 1598 erlebte Frankreich acht verheerende religiöse Bürgerkriege. Die Eskalation dieser französischen Religionskriege verschärfte die konfessionelle Spaltung in der Schweiz, denn Schweizer Soldaten kämpften sowohl auf der Seite der katholischen Franzosen als auch der Hugenotten. Da die blutigen Religionskriege in Frankreich mit nur kurzen Unterbrechungen anhielten, wurde Spanien für viele Schweizer Katholiken zum einzigen verlässlichen Partner in Europa.
Die konfessionelle Teilung der schweizerischen Eidgenossenschaft um 1536 durch die Reformation.
Die konfessionelle Teilung der schweizerischen Eidgenossenschaft um 1536 durch die Reformation. Wikimedia / Marco Zanoli

Ludwig Pfyffer und das Bündnis mit Spanien

Der mächtigste Mann der Schweiz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts war Ludwig Pfyffer von Altishofen, von Luzern. Der glühende Verfechter des Katholizismus und Veteran der französischen Religionskriege regierte Luzern zunächst als Schultheiss und später auch als Landvogt von 1571 bis zu seinem Tod mehr als zwei Jahrzehnte später. Er war enttäuscht über die Unfähigkeit der französischen Katholiken, die Hugenotten zu besiegen, und die Zukunft der katholischen Kantone bereitete ihm Sorgen. So griff Pfyffer die Ziele und Ideale der Gegenreformation auf. Als die Jesuiten in Luzern ankamen, empfing er sie herzlich und förderte den Bau ihres Kollegiums 1574 mit 30’000 Gulden. Die Jesuiten und Kapuziner genossen in der katholischen Schweiz bereits einen starken Rückhalt und finanzielle Unterstützung von Kardinal Karl Borromäus, dem ehrgeizigen Erzbischof des von Spanien kontrollierten Mailand. Pfyffer fand im eifrigen Kardinal eine verwandte Seele und die beiden setzten sich gemeinsam für die Erreichung ihrer weltlichen und geistlichen Ziele ein: Borromäus ermutigte Pfyffer, härter gegen Häresie vorzugehen und die katholischen Kantone der Schweiz durch ein Bündnis mit Spanien zu einen, während Pfyffer Borromäus beim Aufbau des namhaften Collegium Helveticum für die Ausbildung des Schweizer Klerus in Mailand unterstützte. Pfyffers Politik wirkte sich stark auf militärische Allianzen, Vereinbarungen und die Rekrutierung Schweizer Söldner durch ausländische Mächte aus – dies brachte ihm den Namen «Schweizerkönig» ein. Pfyffer war Hauptinitiant des 1586 entstandenen Goldenen Bundes, ein Verteidigungsbündnis zwischen den sieben katholischen Kantonen, später Borromäischer Bund genannt. Kurz darauf, 1587, schlossen die katholischen Kantone – mit Ausnahme des Frankreich zugetanen Kantons Solothurn – ein offizielles Bündnis mit Spanien. Appenzell Innerrhoden stiess 1598, nach der Trennung von Appenzell Ausserrhoden, zum Bündnis dazu.
Ludwig Pfyffer, in einem Gemälde von um 1700.
Ludwig Pfyffer, in einem Gemälde von um 1700. Gregor Meier, Merenschwand / Schloss Heidegg LU
Kardinal Karl Borromäus
Andachtsbildchen von Kardinal Karl Borromäus, später als Heiliger verehrt, um 1630. Schweizerisches Nationalmuseum
Philipp II. von Spanien war über die wohlwollende Haltung der katholischen Schweizer Spanien gegenüber hocherfreut. 1571 richtete Philipp II. in den Schweizer Kantonen eine ständige Botschaft ein, blieb jedoch extrem vorsichtig, was die Nutzung dieses neuen Einflusses in der Eidgenossenschaft anging. Seine Hauptsorge galt dem Aufstand in den Niederlanden, die von Spanien als Teil des wertvollen «Burgundischen Erbes» der Habsburger verwaltet wurden. Gewisse Massnahmen Spaniens in den Niederlanden lösten beachtliche Unruhen aus, die im Achtzigjährigen Krieg (1566–1648) mündeten. Die Spanier stiessen beim Transport von Truppen, Söldnern und schweren Geschützen in die Niederlanden auf grosse Hindernisse. Zudem waren spanische Schiffe, die von den Atlantikhäfen La Coruña, Laredo und San Sebastián ausliefen, in der Biskaya und im Ärmelkanal mit feindlichen niederländischen, englischen und französischen Schiffen konfrontiert. Es galt, eine sichere alternative Route über das Mittelmeer und die Alpen zu finden, wenn die Spanier Recht und Ordnung in den Niederlanden aufrechterhalten wollten. Philipps Gedanke war, dass die katholischen Schweizer bei der Errichtung eines solchen militärischen Korridors hilfreich sein könnten. Entsprechend seinen Erwartungen war die Haltung der Schweiz gegenüber des niederländischen Aufstands entlang der konfessionellen Spaltung geteilt. Die Reformierten, von denen viele enge wirtschaftliche und theologische Beziehungen mit den niederländischen Calvinisten pflegten, sprachen sich vehement für die aufständischen Niederländer aus. Die Katholischen ihrerseits unterstützten die Position der spanischen Behörden in Brüssel und empfanden die Notlage der flämischen Katholiken nach.

Poner una pica en flandes

«Eine Lanze in Flandern setzen» – spanische Redensart für «das Unmögliche erreichen». Der Ausdruck nimmt Bezug darauf, wie schwierig der Transport der spanischen Streitkräfte in die Niederlande während des Achtzigjährigen Kriegs war.
Philipp II. von Spanien auf seinem Thron, um 1590.
Philipp II. von Spanien auf seinem Thron, um 1590. Graphische Sammlung ETH Zürich

El Camino Español de Suizos und die globale hispani­sche Welt

Philipp II. hatte bereits 1566 Sondergesandte in die Schweizer Kantone, nach Lothringen und Savoyen geschickt, um das Interesse an einem Truppenkorridor über die Alpen und entlang des Rheins auszuloten. Die 1000 Kilometer lange «Spanische Strasse» von Genua nach Brüssel diente dem doppelten Zweck des Transports und der Anwerbung von Soldaten für den Krieg in den Niederlanden. Auf dem Weg in die spanischen Niederlanden reisten Rekruten aus Spanien, Neapel und der Lombardei durch Mailand, Savoyen, die Freigrafschaft Burgund, das Elsass, Lothringen und Luxemburg. Nach fast 40 Jahren sorgfältiger Gespräche verhandelte der Goldene Bund 1604 seinen Bündnisvertrag mit Spanien neu: unter sehr strikten Bedingungen durften spanische Truppen von da ab die katholischen Kantone durchqueren. Soldaten durften nur in kleinen, 200-köpfigen Gruppen und unbewaffnet reisen. Waffen und schwere Munition mussten separat und in eigens gekennzeichneten Kästen mit speziellen Ausmassen vorausgeschickt werden. Die Spanier mussten die Gebiete umgehen, die den protestantischen Kantonen, Genf, Frankreich und Venedig gehörten. Die reformierten Kantone waren schlau gewesen und hatten 1602 ihre eigene Allianz mit Frankreich und Venedig gebildet, um Übergriffe vonseiten Spanien und Savoyen abzuwenden. Einer der Korridore zwischen der Lombardei und dem Elsass führte durch Domodossola, Brig, über den Simplon- und den Furkapass, durch Schwyz, Zug, Baden und Waldshut. Die stärker genutzte Route verlief von Como nach Bellinzona, über den Gotthardpass nach Altdorf, Zug, Baden und Waldshut. Spanische Söldner fuhren manchmal mit dem Schiff über den Vierwaldstättersee, um sich in Luzern, Meggen oder Küssnacht mit Proviant zu versorgen, bevor sie nach Zug fuhren. Die Nutzung der spanisch-schweizerischen Wege über die Alpen reduzierte die Reisezeit nach Brüssel um eine Woche und ersparte Spanien ein Vermögen. Insgesamt durchquerten von 1604 bis 1610 Truppen für sechs grosse Feldzüge die Eidgenossenschaft. Die wichtigste und dauerhafteste Folge der spanisch-schweizerischen Strasse war ein erhebliches Wirtschaftswachstum in den katholischen Kantonen. Spanien zahlte den Kantonen jährliche Zuschüsse in Höhe von über 33’000 Escudos und leitete Warenkonvois direkt über Schweizer Gebiete um. Der Bedarf so vieler Männer an Nahrung, Unterhaltung und Unterkunft stimulierte die städtische Erneuerung und den internationalen Handel über viele Jahrzehnte hinweg.
Die Routen des «Camino Español» durch die Eidgenossenschaft.
Die Routen des «Camino Español» durch die Eidgenossenschaft. elcaminoespanol.com
Die Ermordung Heinrichs IV. von Frankreich 1610 und der Beginn des Dreissigjährigen Kriegs veränderte das geopolitische Gefüge in Europa nachhaltig. Die Spanier kämpften mit Krisen sowohl in ihrer Heimat als auch im Ausland und konnten den Aufstieg Frankreichs, der Vereinigten Niederlanden und Schweden nicht aufhalten. Dank intensiver Bemühungen von Staatsmännern wie Maximilien de Béthune, Kardinal Richelieu und Kardinal Mazarin wurde Frankreich mächtig wie nie zuvor. Die Übernahme des Elsass und der Freigrafschaft Burgund durch Frankreich sowie Frankreichs Bündnisse mit Savoyen und den Vereinigten Niederlanden erschwerte Spanien den Landtransport von Truppen in die Niederlande. Die katholischen Kantone erspürten die Machtverschiebung in Europa und verbündeten sich ihrerseits bereits 1613 mit Frankreich. Durch den diplomatischen Druck Frankreichs standen die Schweizer erneut unter starkem französischen Einfluss und so war die Erneuerung des Bündnisvertrags zwischen Spanien und dem Goldenen Bund 1634 eher symbolischer Natur. Dennoch verlor Spanien nie ganz seine Anziehungskraft auf die katholischen Schweizer. Im 17. und 18. Jahrhundert reisten Schweizer Jesuiten, Kapuziner und Benediktiner in die Kolonien in Mexiko, Kuba und auf die Philippinen, um zu missionieren. Viele Generationen Schweizer Soldaten strebten als Mitglieder der spanischen Streitkräfte nach Ruhm und Ehre, sowohl in Europa als auch ausserhalb. Schweizer Kaufmänner gründeten in allen kosmopolitischen, barocken Städten des spanischen Reichs von Neapel bis Mexiko-Stadt oder von Lima bis Manila erfolgreiche Unternehmen. Ein neues Kapitel des weiterführenden diplomatischen, wirtschaftlichen und kulturellen Austauschs verwob die Schweiz eng mit einer vernetzten, globalisierten hispanischen Welt.
Luzerner Chügelipastete
Luzerner Chügelipastete (Nachbildung). Das für so bekannte Luzerner Gericht mit cremiger Fleischfüllung wurde von Schweizer Söldnern aus Spanien in die Schweiz mitgebracht. Wikimedia / Sandstein

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