Reliquiar mit Papier roulé - Arbeiten aus dem Kloster Visitation in Solothurn.
Reliquiar mit Papier roulé - Arbeiten aus dem Kloster Visitation in Solothurn. Symbolische Blumen- und Tierdarstellungen aus Papierstreifen mit Goldschnitt. Sander Kunz

Kloster­ar­bei­ten – virtuoses Kunsthandwerk

Im Zuge der Gegenreformation gewannen Reliquien wieder an Bedeutung. In Frauenklöstern verzierten Ordensschwestern in stundenlanger Handarbeit die Gebeine von Heiligen, um sie – ganz im Stil des Barocks – in Klosterkirchen den Gläubigen zu präsentieren.

Sander Kunz

Sander Kunz

Sander Kunz ist Kulturvermittler mit Schwerpunkt auf altem Kunsthandwerk und dessen aussterbenden Techniken.

Website: sanderkunz.ch
Im Jahre 1733 fand im Kloster Namen Jesu in Solothurn ein feierlicher Moment statt. Die Ordensschwestern Maria Generosa Bachmann, Maria Josepha Keller, Maria Carolina Zurmatten und Maria Johanna Rosalia Settier beendeten ihre Arbeiten an sechs neuen Reliquiaren: «…in disen 6 Stucken [verwendeten sie ] zechen taussent bärlin, und etwelche hundert sechs und dreissig ring von goldt und köstlichen Steinen, auch vill hundert guete granaten, welche nit gezelt werden…» Dass die Namen der vier Ordensschwestern und ihre Arbeiten in den Klosterannalen erwähnt wurden, ist ein Glücksfall, wie auch die dort überlieferte Anleitung zur Montage der Skelette der 1753 im Kloster eingetroffenen Katakombenheiligen Candidus und Clara.
Der Heilige Candidus, heute im Museum Blumenstein
Der Heilige Candidus, heute im Museum Blumenstein. Die Kiste mit den Gebeinen wurde am 9. Januar 1753 geöffnet, in Anwesenheit von Klerus, Adel und Konvent wurde das «Hl. Haubt allen Gägenwärtigen zue küssen gäben». Museum Blumenstein
Im Zuge der Gegenreformation «bediente» man sich aus den Katakomben, den unterirdischen Gräbern Roms, mit sterblichen Überresten frühchristlicher Menschen – sogenannten Katakombenheiligen. Sie galten als Märtyrer, deren Gebeine in den Kirchen und Klöstern Europas als Reliquien dienten. Gut betuchte Rom-Pilger brachten die sterblichen Überreste auch in die katholischen Orte der Eidgenossenschaft, wo man sie – wie im Kloster Namen Jesu – zusammensetzte, verzierte und in Glassärgen zur Schau stellte. Seit der letzten grossen Liturgiereform um die Mitte des 20. Jahrhunderts verschwanden viele glänzend geschmückte Märtyrer und Reliquiare hinter Abdeckungen von Seitenaltären oder auf Dachböden von kirchlichen Gebäuden. So wurden auch Candidus und Clara nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) aus der Klosterkirche Namen Jesu entfernt.
Handwerkskunst trifft auf Kunsthandwerk
Handwerkskunst trifft auf Kunsthandwerk. Manche Reliquiare aus der Sammlung des Museums Blumenstein verbinden Silberschmiedearbeit mit Klosterarbeiten in harmonischer Weise. Dank der Dokumentationsarbeit zu sakralen Kunsthandwerken in Solothurn (u.a. durch das Historische Museum Blumenstein), konnten Klosterarbeitenfragmente gesichert und für die Öffentlichkeit wieder sichtbar gemacht werden. Sander Kunz
Die üppigen und filigranen Techniken der barocken Reliquienverzierungen, die meist als anonyme Kunsthandwerke in Frauenklöstern ausgeführt wurden, unterscheiden sich deutlich von früheren oder zeitgenössischen Gold- und Silberschmiedearbeiten (zur Aufbewahrung und Präsentation von Reliquien) aus Werkstätten ausserhalb der Klöster und bilden eine Kunstform für sich. Heute werden diese Techniken unter der Bezeichnung «Klosterarbeiten» zusammengefasst. Ein Begriff, der oft für Verwirrung sorgt, denn im Zuge der Wiederbelebung sakraler Kunsthandwerkstechniken im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts entwickelte er sich als Sammelbegriff für verschiedene Verarbeitungen unterschiedlicher Materialien, wie Draht, Perlen, Glassteine, Papier, Wachs, etc. in kunsthandwerklichen Tätigkeiten für die Liturgie, in der Volksfrömmigkeit und als profane Freizeitbeschäftigung. Im Laufe der Zeit wandelte sich die einst klösterliche Fronarbeit zur Liebhaberei für Nichtgeweihte. Durch den Unterbruch der mündlichen Überlieferung und nur vereinzelten schriftlichen Quellen zu Techniken und Materialien, entstanden grosse Wissenslücken, die es der Klosterarbeit heute erschwert, sich aus dem Hobbybereich zu emanzipieren.
Nonnen bei der Arbeit, Gemälde aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Nonnen bei der Arbeit, Gemälde aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. The Metropolitan Museum of Art
Als Vermittler oder Beistand stehen Heilige zwischen Irdischem und Himmlischem und übernehmen als Patrone die wichtige Aufgabe, die Anliegen der Gläubigen vor Gott zu vertreten. Entsprechend bedeutsam ist die Präsentation ihrer Reliquien. Die Klosterarbeiten erhöhten die Wirkung der heiligen Gebeine zusätzlich. Wie das biblische Paradies ist eine virtuos gestaltete Klosterarbeit nicht auf einen Blick zu erfassen und dient zusätzlich auch als kontemplatives Andachtsbild. Sie verzichtet gleichzeitig aber nicht auf festlichen Pomp, wie er auch in Mysterienspielen, die vielerorts bei der der Übertragung von Heiligen an ihren Bestimmungsort, der sogenannten «Translation», oder bei Prozessionen üblich war. In den Verzierungen für Katakombenheilige oder Reliquientafeln stecken nicht selten Hunderte von Arbeitsstunden.
Detail der Verzierungen aus Drahtarbeiten, Stickereien, Glasperlen und eingefügten Schmuckstücken der Heiligen Clara.
Detail der Verzierungen aus Drahtarbeiten, Stickereien, Glasperlen und eingefügten Schmuckstücken der Heiligen Clara. Museum Blumenstein
Verschiedene Faktoren führten zu einem Rückgang des sakralen Kunsthandwerks im 19. Jahrhundert. Durch die Säkularisierung verschwanden die «Klosterarbeiterinnen» und der Zeitgeschmack störte sich zunehmend an der zweifelhaften Authentizität der Heiligen und den zur Schau gestellten Knochen. Ausserdem wurde 1881 in Rom ein Verbot gesprochen, weiterhin Heilige aus den Katakomben zu heben. Schliesslich liessen die Industrialisierung und der Wandel der Gesellschaft das zeitaufwändige und teure Kunsthandwerk langsam aber stetig verschwinden. Und heute? Vielleicht mögen uns Klosterarbeiten und ihre Herstellung nicht mehr zeitgemäss erscheinen. Ist es sakrales oder profanes Kunsthandwerk, das nur als Randerscheinung wahrgenommen wird oder doch Kunst, die mit ihrer konzeptionellen Gestaltung und plakativen Erscheinung die Betrachtenden spiegelt? Klosterarbeiten bleiben komplexe sinnliche, kreative und handwerkliche Gestaltungsarbeiten mit einer unendlichen Vielfalt an Möglichkeiten, die auch Menschen des 21. Jahrhunderts zu faszinieren vermögen.
Das Kloster Namen Jesu in Solothurn.
Das Kloster Namen Jesu in Solothurn. Schweizer Luftwaffe

Barock. Zeitalter der Kontraste

16.09.2022 15.01.2023 / Landesmuseum Zürich
Die Kulturepoche des Barock ist eine Zeit der Kontraste: Opulenz und Innovation auf der einen, Tod und Krisen auf der anderen Seite. Die Ausstellung präsentiert kostbare Objekte aus der barocken Architektur, Gartenkultur, Mode und Kunst und fokussiert dabei auf deren historischen Kontext, um diese schöpferische Epoche in ihrer ganzen Ambivalenz zu beleuchten.

Weitere Beiträge

Adresse & Kontakt
Schweizerisches Nationalmuseum
Landesmuseum Zürich
Museumstrasse 2
Postfach
8021 Zürich
info@nationalmuseum.ch

Design: dreipol   |   Realisation: whatwedo
Schweizerisches Nationalmuseum

Unter dem Dach des Schweizerischen Nationalmuseums sind die drei Museen – Landesmuseum Zürich, Château de Prangins und das Forum Schweizer Geschichte Schwyz – sowie das Sammlungszentrum in Affoltern am Albis vereint.