Detail des Kiosks von Locarno
Detail des Kiosks von Locarno: Er stand rund hundert Jahre an verschiedenen Orten in der Stadt und befindet sich heute in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums. Schweizerisches Nationalmuseum

Ein Kiosk auf der Höhe seiner Zeit

Der Kiosk von Locarno war weit mehr als nur ein kleiner Verkaufsort. Im Laufe seiner rund hundertjährigen Geschichte war er Zeitungskiosk, Anlaufstelle für Abenteuer und Internetcafé – und damit ein vielschichtiger Zeuge von wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Wandel.

Aaron Estermann

Aaron Estermann

Aaron Estermann hat Geschichte, Medienwissenschaft und Visuelle Kommunikation studiert und ist Kurator für Historische Fotografie beim Schweizerischen Nationalmuseum.

Die Geschichte des Detailhandels ist von einer Tendenz zum Grossen geprägt. Ausgehend von der erhöhten Warenproduktion der Industrialisierung entstanden ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Vielzahl an neuen und innovativen Orten und Formen des Verkaufs. Dazu gehören Warenhäuser, Supermärkte, Einkaufszentren und nicht zuletzt der Onlinehandel. Sie alle umwerben ihre Kundschaft mit einer möglichst grossen Auswahl an Produkten zu möglichst tiefen Preisen. Im sich um 1900 verdichtenden Versorgungsnetz konnten sich aber auch kleine Verkaufsorte einen Platz ergattern. In der Geschichtsschreibung werden sie zuweilen etwas übersehen, auch wenn ihre Bedeutung für den Alltag der Menschen keineswegs zu unterschätzen ist. Ein Beispiel hierfür ist der Kiosk. Die ersten Kioske waren – aus architektonischer Sicht – leichte Bauten aus Holz oder Eisen und Glas. Als freistehendes Strassenmobiliar konnten sie auf Gehwegen, Plätzen oder in Parks schnell aufgebaut, aber auch schnell wieder versetzt oder entfernt werden. Nicht zuletzt diesem mobilen, flüchtigen Charakter ist es wohl zu verdanken, dass 2011 ein vollständig erhaltenes Kioskhäuschen aus Locarno Eingang in die Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums finden konnte. Ab wann genau der Kiosk in Locarno stand, konnte bisher nicht eruiert werden. Eine Fotopostkarte aus der Zeit um 1910 zeigt ihn neben dem «Hotel Bahnhof» und gegenüber der Standseilbahn, die das Stadtzentrum ab 1906 mit der Wallfahrtskirche Madonna del Sasso verband. Typisch für einen Kiosk befand er sich also an einem Ort, wo viel – und in diesem Fall auch touristische – Laufkundschaft zu erwarten war. Das auf Deutsch beschriftete Schild und die Auslage machen deutlich, dass am Kiosk Zeitungen und andere Druckerzeugnisse erhältlich waren. Damit war er Teil eines zunehmend massenmedial geprägten Nachrichtenmarktes, der das wachsende Interesse der Kundschaft nach Aktualitäten und Unterhaltung ebenso ankurbelte wie bediente.
Um 1910 stand der Kiosk vis-à-vis der Talstation der Standseilbahn Locarno–Madonna del Sasso.
Um 1910 stand der Kiosk vis-à-vis der Talstation der Standseilbahn Locarno–Madonna del Sasso. Schweizerisches Nationalmuseum
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Der Kiosk nach seinem ersten Umzug am Viale Francesco Balli, 1926.
Der Kiosk nach seinem ersten Umzug am Viale Francesco Balli, 1926. Archivio di Stato del Cantone Ticino
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Eine Nische im urbanen Raum: Zwischen Parkplatz und Restaurantterrasse versprühte der Kiosk um 1970 sommerliche Leichtigkeit.
Eine Nische im urbanen Raum: Zwischen Parkplatz und Restaurantterrasse versprühte der Kiosk um 1970 sommerliche Leichtigkeit. Schweizerisches Nationalmuseum
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Ein erster Umzug erlebte der Kiosk spätestens 1926. Eine Fotografie aus diesem Jahr zeigt ihn nun sechzig Meter weiter südöstlich am Viale Francesco Balli und damit etwas näher am Lago Maggiore. Es ist wahrscheinlich, dass der Kiosk an seinem alten Standort dem «Palazzo Funicolare» weichen musste, dem neuen und repräsentativen Firmensitz der Standseilbahngesellschaft. Über mehrere Jahrzehnte wurde der Kiosk von Teresa Cacciamognaga geführt. Ihr Grossneffe Giancarlo Cacciamognaga erinnert sich, dass die Italienerin den Kiosk mit Ausnahme von Weihnachten das ganze Jahr über offenhielt. Bei der Arbeit wurde sie von ihrem Sohn Rolando unterstützt, der das Geschäft spätestens nach ihrem Tod 1963 definitiv übernahm und bis Mitte der 1990er-Jahre zusammen mit seiner Frau Mary, einer gebürtigen Polin, führte. Weitere Erinnerungen von Giancarlo Cacciamognaga betreffen das durchaus typische Angebot, das einen jeden Kiosk zu einem vielfach nostalgisch erinnerten Ort des kleinen Glücks – und des kleinen Lasters macht. Nebst Zeitungen, Zeitschriften und Postkarten waren Tabakprodukte wie Zigaretten oder Zigarren erhältlich und selbstverständlich auch Süssigkeiten. Schokoladen und Glacen seien insbesondere bei der italienischen Kundschaft beliebt gewesen, die am Wochenende einen Schiffsausflug nach Locarno unternahm. Und nicht zuletzt sorgten Wettspiele wie das Schweizer und das italienische Sport-Toto für regelmässige Rückkehrer. Denn wer weiss, vielleicht folgt ja dieses Mal auf das Kribbeln im Bauch, das einem beim Kreuzchen-Setzen begleitet, schon bald der grosse Jubel über den richtigen Tipp?
Der Kiosk als «Visitors Center» und «Cyberbox», 2005.
Der Kiosk als «Visitors Center» und «Cyberbox», 2005. Ralph Heksch
Für Nervenkitzel und Endorphin-Ausschüttung der anderen Art sorgte der Kiosk auch in seinem letzten Jahrzehnt. 1998 übernahm Armino Kistler den Betrieb. Er begann, zusätzlich zu den klassischen Kioskartikeln, die Aktivitäten seiner Segelschule anzubieten. Durch die Zusammenarbeit mit Organisatoren weiterer Outdoor-Sportarten wie beispielsweise Canyoning, Rafting, Bungee-Jumping, Klettern oder Gleitschirmfliegen entwickelte sich der Kiosk zum «Visitors Center». Auf das abenteuerliche Angebot machte Kistler mit von ihm bunt und händisch gestalteten Werbeschildern aufmerksam, die er am Dach und an den Aussenflächen des Kiosks befestigte oder an die umstehenden Bäume lehnte. Sie sind es, die dem Kiosk zusammen mit Leuchtschildern und Aufklebern von bekannten Marken wie Swisslos, Coca-Cola oder Schweiz Tourismus sein charakteristisches, von Spontaneität und sommerlicher Lebenslust geprägtes Aussehen verleihen, das uns heute überliefert ist.
Ein Tor zur Welt: Nicht mehr Zeitungen und Zeitschriften, sondern Computer mit Internetzugang prägten in den 2000er-Jahren das Medienangebot am Kiosk, 2005.
Ein Tor zur Welt: Nicht mehr Zeitungen und Zeitschriften, sondern Computer mit Internetzugang prägten in den 2000er-Jahren das Medienangebot am Kiosk, 2005. Mo Peerbacus / Alamy Stock Photo
Der Kiosk hatte auch selbst einen Auftritt im Internet – inklusive animierter Startseite, 2007. Internet Archive
Mit Schildern und Aufklebern prominent beworben ist auch die letzte Erweiterung des Angebots. 2003 installierte Armino Kistler vier Computer mit Internetzugang am Kiosk. In einer Zeit, in der die grosse Smartphone-Revolution noch bevorstand, ermöglichte die Open Air-Internetstation der Kundschaft, sich auch von unterwegs mit dem World Wide Web in Verbindung zu setzen. Zehn Minuten Surfen, Chatten oder E-Mailen kosteten zwei Franken; verbrachte man eine ganze Stunde im Internet, belief sich dies auf neun Franken. Insbesondere während des internationalen Locarno Film Festivals mutierte der Kiosk so zu einem rege genutzten «Tor zur Welt», an dem die Leute Schlange standen.
Postkarten, die bis zuletzt am Kiosk erhältlich waren.
Postkarten, die bis zuletzt am Kiosk erhältlich waren. Schweizerisches Nationalmuseum / © Foto Video Garbani, Locarno
2008 wollte Armino Kistler den Kiosk einer Nachfolge übergeben. Doch die Gemeinde Locarno entschied sich, die Stellfläche nicht mehr weiter zu verpachten. Da sie an seiner Stelle zwei Parkplätze einrichten wollte, trug sie Kistler auf, den Kiosk zu beseitigen und den Ort in den Zustand vor der Installation zurückzuführen. Im Wissen um die lange Geschichte des Kiosks legte Kistler beim Tessiner Staatsrat Rekurs ein. Zugleich informierte er die Medien und bot das Häuschen – im Sinne eines weiteren Protests – auf eBay zum Verkauf an. Mehrere Zeitungen im Tessin und in der Deutschschweiz berichteten. Letzteres führte dazu, dass der Kiosk auf der Online-Auktionsplattform mit dem Basler Kurator und Künstler Klaus Littmann tatsächlich einen Käufer fand. Littmann fand den Kiosk als ein Stück Alltagskultur von Interesse und konnte sich ursprünglich vorstellen, ihn im Rahmen eines künstlerischen Projekts als «Ready-made» auszustellen. Als sich ein solches nach dem Abtransport nicht unmittelbar ergab, übergab Littmann den Kiosk, auch in Anerkennung seines kulturhistorischen Werts, 2011 dem Schweizerischen Nationalmuseum.
Für die Ausstellung «Konsumwelten. Alltägliches im Fokus» wurde der Kiosk 2024 aufwändig restauriert.
Für die Ausstellung «Konsumwelten. Alltägliches im Fokus» wurde der Kiosk 2024 aufwändig restauriert. Schweizerisches Nationalmuseum
Am 20. Dezember 2024 eröffnete im Landesmuseum Zürich die Ausstellung «Konsumwelten. Alltägliches im Fokus». Ein Herzstück der Ausstellung ist der Kiosk. Gezeigt wird er nicht als «Ready-made», sondern als vielschichtiges Exponat, das ebenso für die Anpassungs- und Innovationsfähigkeit von Verkaufsorten steht wie für den Wandel von Medien-, Konsum- und Erlebnisbedürfnissen im (Ferien-)Alltag.

Konsum­wel­ten. Alltäg­li­ches im Fokus

20.12.2024 21.04.2025 / Landesmuseum Zürich
Ob an Märkten, im Warenhaus oder online: Wo und wie wir einkaufen, hat sich in den letzten 170 Jahren stark verändert. Und auch das Konsumieren selbst befindet sich in ständigem Wandel. Die Ausstellung schöpft aus den Foto- und Grafikbeständen der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums und zeigt eine vielschichtige und abwechslungsreiche Bildwelt mitten aus dem Alltag.

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