Das Pferd – Männlichkeitssymbol und Mädchentraum zugleich. Pinselzeichnung von Simon Volmar, um 1830.
Das Pferd – Männlichkeitssymbol und Mädchentraum zugleich. Pinselzeichnung von Simon Volmar, um 1830. Schweizerisches Nationalmuseum

Von Männer­sa­che zu Mädchentraum

Ponys als samtigweiche Projektionsfläche weiblichen Einfühlungsvermögens, Reiten als pinker, herzchenförmiger Mädchentraum. Bei der heutigen Präsenz dieses kulturellen Bildes wird schnell übersehen, dass dieses Narrativ erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts entstand.

Noemi Steuerwald

Noemi Steuerwald

Noemi Steuerwald ist Historikerin und Spezialistin der Kulturgeschichte des Pferdesports im 19. und 20. Jahrhundert.

Bis in die Nachkriegszeit war Reiten und Pferdesport eine Männersache durch und durch. Im Militär leisteten Kavalleristen mit ihren Pferden bewaffneten Dienst an der Nation. In Wirtschaftszweigen wie der Landwirtschaft, dem Post-, Forst- und Fuhrwesen verdienten Männer mit und durch Pferde ihren Lebensunterhalt. Auf dem Land und in der Stadt prägten Fuhrhalter, Bauern oder Kutscher auf den Böcken ihrer pferdebetriebenen Gefährte und Gerätschaften das öffentliche Bild. Auch in Kunst und Literatur waren es Eroberer und Herrscher, die auf ihren stolzen Rossen durch die Kultur galoppierten, von einem Alexander dem Grossen mit seinem Bukephalos bis zu Napoleon I., der sich auf seinem Schimmelhengst Marengo auf Gemälden verewigen liess. Kurzum: Über Jahrhunderte hinweg war der Umgang mit Pferden eine ernste, zweckbezogene Männersache.
Napoleon auf seinem Pferd Marengo. Gemälde von Jean-Louis-Ernest Meissonier, 1862.
Napoleon auf seinem Pferd Marengo. Gemälde von Jean-Louis-Ernest Meissonier, 1862. Wikimedia
Als sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts Reiten von einer Alltagsnotwendigkeit zu einer exklusiven Sport- und Freizeitbeschäftigung wandelte, änderte sich daran vorerst rein gar nichts. Sowohl im Freizeit- als auch im Turniersport blieben Männer weiterhin unter sich, insbesondere in der Schweiz. Grund hierfür war der Einfluss des Militärs im Turniersport. Im Unterschied zu vielen anderen Ländern war in der Schweiz nämlich auch die Kavallerie eine Miliz-Truppe. Nach ihrer Dienstzeit konnten die Angehörigen dieser Truppengattung, die «Kavalleristen», ihre Pferde, die sogenannten «Eidgenossen», zu einem meist günstigen Preis vom Bund erwerben. Besonders für bäuerliche Schichten war das ein attraktives Angebot, weil sie die «Eidgenossen» als Arbeitspferde auf den Höfen einsetzen konnten. Für das Militär bedeutete es jedoch, dass Strukturen geschaffen werden mussten, welche die «Kavalleristen» zum «ausserdienstlichen Reiten» animieren würden. Im Kriegsfall wollte die Schweizer Armee schliesslich stramme Reiter mit dienstfähigen Pferden und nicht aus der Übung gekommene Bauern mit ihren Ackergäulen einziehen. Diesen Zweck sollte der Turniersport erfüllen. Die Armee wurde dadurch zur alleinigen «Förderin des Reitsportes», wie es in Reiten und Fahren: ein Schweizer Handbuch von 1924 zu lesen war.
In der Armee spielten Pferde bis Mitte des 2o. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Hier ein Bild aus den 1930er-Jahren.
In der Armee spielten Pferde bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle. Hier ein Bild aus den 1930er-Jahren. historic admin
Auch im internationalen Spitzensport war das Militär massgebend. An den Olympischen Reitwettkämpfen von 1936 in Berlin nahmen von insgesamt 133 Reitern nur zwei «Zivilisten» teil. Reiten war nicht nur eine Männer-, sondern immer auch eine Militärangelegenheit. Das Bild, das sich dem Publikum an Turnieren bot, machte das unmissverständlich deutlich. Annemarie Schwarzenbach, Schriftstellerin, Fotografin und selbst Tochter einer ambitionierten Turnierreiterin, schilderte das typische Zeremoniell mit «Militärmusik, […] Nationalhymnen, Flaggen, Aufmarsch der Equipen» und an den Siegerehrungen «eisern grüssende» Offiziere.
Die Schweizer Springreitmannschaft 1956 in Luzern.
Die Schweizer Springreitmannschaft 1956 in Luzern. FEI-Archiv Lausanne
Und die Frauen? Die hatten schon vor dem Zweiten Weltkrieg rege und auch recht erfolgreich am Pferdesport teilgenommen, blieben aber dennoch eine verschwindend kleine Minderheit. Ein paar Zahlen: Im berühmten «Grossen Preis von Aachen» bewegte sich die weibliche Beteiligung in den 1930er-Jahren um drei Prozent. 1952 wurden Frauen erstmals zu den Olympischen Spielen in der Disziplin Dressur zugelassen. Die «Feminisierung» des Pferdesportes war eine Entwicklung, die ab den 1960er-Jahren einsetzte. Weshalb aber genau dann? Und wie konnte ein so altes wie auch eindeutiges kulturelles Skript innerhalb weniger Jahrzehnte umgeschrieben werden? Dass Reiten sowohl als Produkt als auch als Symbol von Männlichkeit an Bedeutung verlor, stand in engem Zusammenhang mit drei auf die Nachkriegszeit zu datierende Entwicklungen.
Erstens verlor das Pferd in Bereichen an Bedeutung, die in engem Zusammenhang mit Männlichkeit standen. In der Sphäre der Arbeit wurden sie ab den 1950ern sukzessive durch Autos, Lastwagen oder Traktoren ersetzt, in der Öffentlichkeit verschwanden sie von den Strassen und Feldern, im Militär lösten zahlreiche Länder ihre Kavallerieeinheiten auf. Als Folge büsste das Militär auch seine Vormachtstellung im internationalen Spitzensport ein. Diese Entwicklungen führten zweitens dazu, dass sich das Mensch-Tier-Verhältnis verschob. Die militärische Ratgeberliteratur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konzipierte die Beziehung zum Pferd entlang von Aspekten, die in enger Referenz zu Männlichkeit standen. Das Pferd galt es zu beherrschen, zu unterwerfen und bei Widersetzlichkeit zu strafen, mitunter auch mit brachialer Gewalt. Das konnte von einem «kräftigen Spornstich» über einen «scharfen Ruck mit der Trense ins Maul» bis hin zu einem «festen Schlag mit dem Stock auf die Nase» reichen. Als das Pferd in der Nachkriegszeit sich vermehrt von einem Arbeits- zu einem Freizeitpartner wandelte, erhielten jene Werte grösseres Gewicht, die stereotypen Weiblichkeitsvorstellungen näherstanden. Anstelle von Unterwerfung und Dominanz strebte das neue Ideal eine Beziehung an, die auf Vertrauen, Empathie und Verständnis basierte. Die Leistungsfähigkeit trat gegenüber der emotionalen Verfügbarkeit des Tieres zurück, dessen Nutzen gegenüber seiner Pflege, die Zweckgemeinschaft wurde zu einer Partnerschaft.
Pferd zieht einen Heuwagen, um 1905.
Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich das Pferd immer mehr vom Arbeitstier ... Schweizerisches Nationalmuseum
Bild einer Frau mit einem Pferd, 1970er-Jahre.
... zum Freizeitpartner des Menschen. Tom Kelley Archive / Retrofile RF / Getty Images / Universal Images Group
Mit diesen beiden Prozessen ging drittens eine tiefgreifende Neuinterpretation von Pferden in der Popkultur einher. Während Pferde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vor allem als mächtige, kraftvolle Tiere dargestellt wurden, popularisierten Bücher, Filme und Zeitschriften ab den 1960er-Jahren ein gänzlich anderes Bild. Wendy, My Little Pony oder die Ostwind-Filmreihe drehen sich im Kern eigentlich immer um Themen wie Freundschaft, Empathie, Pflege und Fürsorge. In dem pony book-Genre ist dieser Wandel besonders deutlich. Der erste Band der berühmten Buchreihe Blitz – der schwarze Hengst (1941) handelt von einem Jungen, der nach einem Schiffbruch allein mit einem wilden schwarzen Araberhengst auf einer Insel strandet. Während ihres Überlebenskampfes entsteht eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden, die sie nach ihrer Rettung durch einen Sieg in einem prestigeträchtigen Rennen besiegeln.
Walter Farleys The Black Stallion erschien 1941. In der deutschen Übersetzung erhielt der Hengst den Namen Blitz.
Walter Farleys The Black Stallion erschien 1941. In der deutschen Übersetzung erhielt der Hengst den Namen Blitz. Wikimedia
Gut 50 Jahre später ist das Genre von seinem Inhalt her kaum mehr wiederzuerkennen. Im 2012 erschienen Buch Sternenschweif. Geheimnisvolle Verwandlung geht es etwa um ein Mädchen, das ein altes Pony namens Sternenschweif findet. Sternenschweif ist aber in Wirklichkeit – aufgepasst – ein Einhorn, das nur von der Hauptfigur wieder in diesen Zustand verwandelt werden kann. Ein besonders emsiger Fabrikant dieser und ähnlicher Mädchenträume ist schliesslich die Spielwarenindustrie. Unermüdlich und mit immer wieder neuen Kreationen reproduziert sie das niedliche pinke Image des Pferdesports, sei es durch pinke Sättel von Barbie-Pferden, einem Plüschpferd der Marke Baby Born mit dem einschlägigen Namen Cutie oder den Strut Runway Magic Ponies von Toys R’Us, einer besonders – ähem – drolligen Ausgeburt der 2000er-Jahre.
Werbespot für Struts. YouTube
In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlor der Pferdesport also sozusagen seine Männlichkeit. Der Effekt dieser Entwicklung auf den Reit- und Turniersport wäre nun denkbar eindeutig. Der Pferdesport wurde zu dem «Frauensport» schlechthin – ein schönes, glattes Narrativ. Beim Blick auf einige statistische Zahlen scheint sich diese Annahme zunächst zu bestätigen. 80 Prozent der Mitglieder des Schweizerischen Nationalverbandes sind weiblich. In anderen Ländern, wie zum Beispiel Schweden, ist der Anteil sogar noch höher. Diese Daten legen nahe, dass die ab den 1960ern einsetzende kulturelle Umsemantisierung nicht nur zu einer stärkeren Beteiligung von Frauen im Pferdesport geführt hat, sondern dieser auch zu einem Schulbeispiel weiblicher Emanzipation im und durch Sport avancierte. Dieses Bild wird von den Medien rege bedient, etwa wenn die NZZ über den «Reitsport und seinen Kampf gegen Chauvinisten» schreibt oder die Deutsche Welle über die im Turniersport herrschende «Chancengleichheit zwischen Frauen und Männer».
Tatsächlich aber kann das, was in der Geschlechterforschung als leaky pipeline bezeichnet wird, auch im Pferdesport beobachtet werden: An der Basis sind es vor allem Frauen und Mädchen, die diesen Sport ausüben, doch im Spitzensport hat sich dieses Geschlechterverhältnis fast ins Gegenteil verkehrt. An den Olympischen Reitwettkämpfen von 2024 waren lediglich 36 Prozent der Teilnehmenden weiblich. Das Schweizer Elitekader der Disziplin Springreiten besteht zu 29 Prozent aus Frauen und die ersten 19 Plätze der aktuellen Weltrangliste im Springreiten verzeichnet keine einzige Reiterin.
Auch heute ist der Reitsport noch sehr männlich dominiert. Siegerehrung der EM 2023 mit dem Schweizer Sieger Steve Guerdat.
Auch heute ist der Reitsport noch sehr männlich dominiert. Siegerehrung der EM 2023 mit dem Schweizer Sieger Steve Guerdat. Dukas
Auch auf institutioneller Ebene haben Männer das Sagen. Im siebenköpfigen Vorstand des Nationalverbandes Swiss Equestrian sind gerade einmal zwei Frauen vertreten. Diese Zahlen verdeutlichen, dass es auch im Pferdesport Strukturen gibt, die Frauen systematisch benachteiligen. Gleichzeitig zeigen sie aber auch, dass der enge Zusammenhang zwischen Männlichkeit und Reiten seine Gültigkeit noch nicht ganz eingebüsst hat. Den pinken Ponys von Toys R’Us und Co. stehen immer noch ernst dreinblickende Männer an den Siegerehrungen internationaler Turniere gegenüber. Je nach Blickwinkel kann der Pferdesport also immer noch eine ziemliche Männersache sein.
Zwei Spielzeugfiguren von My Little Pony.
An dieser maskulinen Dominanz im Pferdesport ändern auch die millionenfach verkauften Pony-Spielzeuge nichts. Keystone

Swiss Sports History

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Dieser Text ist in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal zur Schweizer Sportgeschichte, entstanden. Die Plattform bietet schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit. Weitere Informationen finden Sie unter sportshistory.ch.

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