Freiübung beim SATUS-Verbandsfest 1946 in Basel (Ausschnitt). Schweizerisches Sozialarchiv F 9028-008

Sport als Klassenkampf

«Den Sport» gibt und gab es nie, zu stark ist er von gesellschaftlichen Faktoren und Milieus geprägt. So gab es früher zum Beispiel eine starke Sportbewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter.

Christian Koller

Christian Koller

Historiker, Titularprofessor an der Universität Zürich und seit 2014 Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs.

«Nicht Sport des Sportes willen, nicht Sport als individueller Konkurrenzkampf mit Ruhm und Preis für den Rekordmenschen, nicht Sport zum Gaudium und Nervenkitzel eines sensationslüsternen Publikums und am allerwenigsten Sport als Geschäft will und darf der Arbeitersport sein. Nein! Der Sport, der aus den Niederungen der kapitalistischen Klassengesellschaft zu den lichten Höhen der freien Menschheit drängenden Arbeiterschaft ist seelische und körperliche Schulung und Vorbereitung der Menschen, die die neue Gesellschaft zu bilden und ihre Kultur mit gesundem Geist und starken Schultern zu tragen haben.» Diese Zeilen aus der Arbeiter-Turn- und Sportzeitung von 1928 verknüpften unübersehbar Sport und sozialistische Politik.

Arbeiter­sport und «bürger­li­cher» Sport im Zeichen gesell­schaft­li­cher Spaltung

Die Entstehung des schweizerischen Arbeiterbewegungssports reicht ins späte 19. Jahrhundert zurück. Mit der zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Polarisierung nach der Jahrhundertwende und insbesondere nach dem Landesstreik von 1918 grenzte sich der Arbeiterbewegungssport dann scharf vom «bürgerlichen» Sport ab und verstärkte seine Bande zur Sozialdemokratischen Partei und den Gewerkschaften. Neben den Arbeiterturn- und Arbeiterschützenvereinen entstanden neue Sportorganisationen: 1905 die Naturfreunde, die sich auf Wandern und Bergsteigen spezialisierten, 1916 der Arbeiterradfahrerbund «Solidarität», 1922 der Arbeiter-Schachbund und der Schweizerische Arbeiter-Turn- und Sportverband (SATUS). In verschiedenen Disziplinen fanden nun eigene Wettkämpfe statt. So gab es ab 1920 eine Arbeiterfussball-Meisterschaft und ab 1933 jährliche Schweizerische Arbeiterskirennen.
Vereinsfahne der Arbeiterradfahrer von Klus-Balsthal.
Vereinsfahne der Arbeiterradfahrer von Klus-Balsthal. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_5016-Oa-0001b
Die Arbeitersportorganisationen kritisierten die Nähe des «bürgerlichen» Sports zu Armee und paramilitärischen Organisationen – der Eidgenössischen Turnverein und der Schweizer Alpen-Club (SAC) waren wichtige Stützen der antisozialistischen Bürgerwehren –, ebenso Kommerzialisierungs- und Professionalisierungstendenzen, wie sie etwa im Fussball und Radsport deutlich spürbar waren. Die armeekritische Haltung führte dazu, dass 1933 dem SATUS nach einer Kampagne des Vaterländischen Verbandes, einer rechtsbürgerlichen Bürgerwehr-, Lobby- und Spitzelorganisation, die Bundessubventionen vorübergehend entzogen wurden.
Das grosse Osterskilager 1941 der Naturfreunde in Zermatt sorgte für Aufsehen.
Das grosse Osterskilager 1941 der Naturfreunde in Zermatt sorgte für Aufsehen. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_5043-Fb-004
Die sozialistische Ausrichtung der Arbeitersportorganisationen zeigte sich in der Symbolik von Vereinsemblemen, in Hilfsdiensten bei Wahlkämpfen und Streiks sowie der Teilnahme an Maidemonstrationen. Auch in der konkreten Ausübung des Sports war sie spürbar. Einerseits wollte der Arbeiterbewegungssport Arbeiterinnen und Arbeitern den Zugang zu Disziplinen ermöglichen, die wie der Skilauf bislang gehobenen Gesellschaftsschichten vorbehalten waren, andererseits ging es um eine spezifisch «sozialistische» Sportpraxis. So setzte der SATUS den als militaristisch empfundenen Leibesübungen des «bürgerlichen» Turnens ein rhythmisches Bewegungsturnen entgegen, das ein freieres Körpergefühl vermitteln sollte. Die Arbeiterradfahrer betrieben Ausfahrten und kollektive Veloakrobatik, lehnten dagegen Wettrennen strikt ab. Hinzu kam das Engagement für die Emanzipation der Frau: Der Frauenanteil im SATUS blieb zwar weit unter 50 Prozent – er stieg von 1925 bis 1945 von 7,6 auf knapp 21 Prozent – war aber im Vergleich zu anderen Sportorganisationen relativ hoch und wuchs kontinuierlich. Als Zeichen der Gleichberechtigung trugen schon in den 1920er-Jahren beide Geschlechter Hosen und Leibchen.
Turnhose als Symbol der Gleichberechtigung: Turnerinnen des SATUS Wiedikon in den 1930er-Jahren.
Turnhose als Symbol der Gleichberechtigung: Turnerinnen des SATUS Wiedikon in den 1930er-Jahren. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_5091-Fe-012
Stolze proletarische Männlichkeit: Die Männerriege des Arbeiterturnvereins Wiedikon im Jahre 1923.
Stolze proletarische Männlichkeit: Die Männerriege des Arbeiterturnvereins Wiedikon im Jahre 1923. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_5091-Fe-005

Zwischen proleta­ri­schem Interna­tio­na­lis­mus und Geistiger Landesverteidigung

Entsprechend dem Bekenntnis zu proletarischem Internationalismus und Völkerversöhnung betätigten sich die Arbeitersportorganisationen auch auf der internationalen Bühne. So gab es im Arbeiterfussball Länderspiele, zu deren Beginn aber statt der Nationalhymnen die «Internationale» gespielt wurde. 1925, 1931 und 1937 fanden Arbeiterolympiaden mit Sommer- und Winterspielen statt, die nebst sportlichen Wettkämpfen auch kulturelle Veranstaltungen und Massendemonstrationen für Frieden und Demokratie umfassten.
Schweizer Delegation an der Arbeiterolympiade 1931 im «Roten Wien», dem bis dahin grössten internationalen Sportanlass überhaupt.
Schweizer Delegation an der Arbeiterolympiade 1931 im «Roten Wien», dem bis dahin grössten internationalen Sportanlass überhaupt. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_5046-Fd-014
Zugleich machte sich die Spaltung der internationalen Arbeiterbewegung seit der Russischen Revolution auch im Sport bemerkbar. Als Gegenorganisation zur Sozialistischen Arbeitersport-Internationale, die 1920 in Luzern aus der Taufe gehoben wurde und zur Sozialdemokratie neigte, gründeten die Kommunisten 1921 in Moskau die Rote Sportinternationale. 1930 entstand nach dem Ausschluss verschiedener kommunistisch dominierter Vereine aus dem SATUS die «Kampfgemeinschaft für Rote Sporteinheit», die sogenannte «Landesspartakiaden» sowie eine eigene Fussballmeisterschaft veranstaltete und rege Kontakte zur Sowjetunion pflegte. In den späten 1930er-Jahren näherte sich der Arbeiterbewegungssport dann angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung dem «bürgerlichen» Sport an. 1935 anerkannte der SATUS die militärische Landesverteidigung, trat in der Folge dem Schweizerischen Landesverband für Leibesübungen bei und beteiligte sich 1939 an der Landesausstellung in Zürich, die einen Höhepunkt der Geistigen Landesverteidigung darstellte.
Turnvorführung des SATUS Basel im Juni 1944.
Turnvorführung des SATUS Basel im Juni 1944. Im Zeichen der Geistigen Landesverteidigung trugen nun die Turnerinnen wieder Röcke statt Hosen. Schweizerisches Nationalmuseum

Bedeutungs­ver­lust im Wirtschaftsaufschwung

Nach dem Zweiten Weltkrieg verzeichneten die Arbeitersportorganisationen zunächst weitere Mitgliederzuwächse. Die Abschwächung der Klassengegensätze in der Phase des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs und Ausbaus des Sozialstaates in den ersten zwei Nachkriegsjahrzehnten liess weltanschauliche Sportverbände aber immer stärker als etwas Veraltetes erscheinen. Zunehmend gab es nun Kooperationen, etwa zwischen dem SATUS-Fussball und den unteren Ligen des Schweizerischen Fussball-Verbandes oder den Naturfreunden und dem SAC. Um die Jahrtausendwende fusionierten dann der Arbeiter-Schachbund und die Arbeiterschützen mit ihrem jeweiligen «bürgerlichen» Pendant, während sich der SATUS und die Arbeiterradfahrer für politisch neutral erklärten und mit den neuen Labeln «SATUS – der Sportverband» sowie «ATB – Verband für Sport – Freizeit – Verkehr» ohne «Arbeiter-» im Verbandsnamen auskamen. Die Naturfreunde behielten eine gewisse politische Stossrichtung, die sich nun aber verstärkt ökologisch ausrichtete. In der Gegenwart haben die noch bestehenden (ehemaligen) Arbeitersportorganisationen Mitgliederzahlen, die etwa dem Niveau der 1930er-Jahre entsprechen.
Als die Grasshoppers aus Basel kamen und die Damen weniger Eintritt bezahlen mussten: Finalspiel der Schweizer Arbeiterfussball-Meisterschaft 1973.
Als die Grasshoppers aus Basel kamen und die Damen weniger Eintritt bezahlen mussten: Finalspiel der Schweizer Arbeiterfussball-Meisterschaft 1973. Schweizerisches Sozialarchiv Sozarch_F_Pd-0887

Swiss Sports History

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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