Curling in Graubünden, um 1940.
Curling in Graubünden, um 1940. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Von schotti­schen Gentlemen zu Eisgenossinnen

Wie ein schottisches Volksspiel in der Schweiz zunächst zum Glamoursport und später wieder ein Volkssport wurde: Eine kleine Geschichte des Curlings in der Schweiz.

Simon Engel

Simon Engel

Simon Engel ist Historiker und bei Swiss Sports History für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Sporthistoriker werden oft nach dem Ursprung einer Sportart gefragt. Häufig ist dieser aber schwammig, so auch beim Curling. Ein Gemälde von Pieter Bruegel aus dem Jahre 1565 zeigt zwar Menschen, wie sie eine Art Curling spielen. Jedoch gibt es aus dieser Zeit keine schriftlichen Hinweise auf Regeln und Verbreitung des Spiels in den Niederlanden. Die frühesten Beweisstücke stammen ausschliesslich aus Schottland. Aus dem Jahre 1638 datiert zum Beispiel ein Prozessbericht über den Bischof John Graham. Er habe den Sonntag entheiligt, weil er Curling gespielt habe: «He was a curler on the ice on the Sabbath day.» Curling war in Schottland schon früh ein Volkssport, im 18. Jahrhundert soll es bereits 42 Clubs gegeben haben. Curling-Spiele wurden zuweilen auch in der Kirche angekündigt.
Pieter Bruegel: Menschen am Eis.
Pieter Bruegel: Menschen am Eis. Wikimedia
Geburtsort und -jahr des Curlings in der Schweiz sind hingegen eindeutig festgeschrieben, zumindest wenn man einer mündlichen Überlieferung glaubt: St. Moritz im Jahre 1880. Eine erste schriftliche Beglaubigung dazu lieferte zwölf Jahre später die Zeitung Alpine Post & Engadin Express: «Zur Zeit, in der St. Moritz als Winterkurort noch in den Kinderschuhen steckte, war der Manager des Kulm Hotels, Caspar Badrutt, ängstlich bemüht, den Kurort für Sportsleute attraktiver zu gestalten. Sein Wunsch fand bei einem schottischen Gast Gehör, weil dieser die klimatischen und topographischen Verhältnisse erfasste und darauf die Einführung des Curlingspiels vorschlug. Um Herrn Badrutt eine Vorstellung zu vermitteln, sandte er ein paar Curlingsteine [...] nach St. Moritz. Dadurch hatten die interessierten Kurgäste die Möglichkeit, das Spiel zu versuchen, was sie denn auch taten.» Ob man diese Story glauben möchte oder nicht, fest steht jedenfalls, dass die ersten Curler in der Schweiz schottische gentlemen waren, die das Spiel aus ihrer Heimat kannten und es in ihren Winterferien in der Schweiz ausübten. Analog zu vielen anderen Sportarten kam also auch das Curling über Touristen von den britischen Inseln in die Schweiz. In der Folge wurde die Schweiz als Curling-Eldorado bei den Touristen immer bekannter, vor allem wegen des keen ice: Aufgrund der Höhenlage hatte es eine lange Lebensdauer und war von hervorragender Qualität, denn die Kurorte überboten sich geradezu im Anlegen von künstlichen ice rinks.
In Arthur Noel Mobbs’ guide ‘Curling in Switzerland’ von 1929 fanden die Touristen genaue Angaben zu allen bestehenden Curlingrinks in der Schweiz.
In Arthur Noel Mobbs’ guide ‘Curling in Switzerland’ von 1929 fanden die Touristen genaue Angaben zu allen bestehenden Curlingrinks in der Schweiz. Bildarchiv BASPO
Präsentation der curling personalities in Arthur Noel Mobbs’ ‘Curling in Switzerland’ von 1929: Alles noble Herren aus Grossbritannien.
Präsentation der curling personalities in Arthur Noel Mobbs’ ‘Curling in Switzerland’ von 1929: Alles noble Herren aus Grossbritannien. Bildarchiv BASPO
Zwar finden sich in den ersten Mitgliederverzeichnissen auch hin und wieder Schweizer, in der Mehrheit werden jedoch britische Adlige oder Berufsoffiziere – vom Hauptmann bis zum Admiral fehlt kaum ein Dienstgrad – aufgeführt. Curling strahlte in seinen Schweizer Anfängen – gerade im Kontext des Wintertourismus – Exklusivität in Bezug auf Status und Vermögen aus. Ein Volkssport wie in Schottland war das Curling zunächst nicht. Trotzdem wurde das Curling auch bei der einheimischen Bevölkerung immer beliebter, Anfang der 1920er-Jahre wurden unter anderem der CC Wengen Jungfrau oder der CC Engiadina St. Moritz gegründet. Der neue St. Moritzer Curlingclub verfolgte gemäss Gründungsprotokoll quasi eine Demokratisierung des Sports: «Der neue Club soll jedermann, nicht nur Engländern, zugänglich sein und Gelegenheit bieten, das Curlingspiel nach den richtigen Regeln zu erlernen und zu fördern. Er soll keineswegs in ein Concurrenzverhältnis zum alten Curling Club St. Moritz treten oder einen Spiess gegen denselben bedeuten. Im Gegenteil, es sollen unter den beiden Clubs friedliche Wettkämpfe ausgetragen und gute Beziehungen gepflogen werden.»
Curlingmatch in St. Moritz, 1938. YouTube / British Pathé

Langsame Verschwei­ze­rung des Sports

Über die genauen Beweggründe der Initianten lässt sicher aber nur spekulieren: Ein Statement patriotischer Eisgenossen mit gleichzeitiger Loslösung vom elitären gentlemen-Image war es kaum, weil der Club ja für «jedermann» offen sein sollte und zudem Kleidung und Vereinsbankette in der Aufmachung stark den Gepflogenheiten der britischen upper class ähnelten. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass die einheimischen Curler keinen Eintritt in den bestehenden, exklusiven Curlingclub fanden und deshalb einen eigenen Verein gründeten. Die «Verschweizerung» des Curlings ging denn auch schleppend voran, 1929 waren von den 40 bestehenden Curlingclubs immer noch erst sechs «schweizerisch». Dies änderte sich erst ab den 1950er-Jahren, als sich mit dem Bau von Eishallen die exklusive Bindung des Curling an die Winterkurorte allmählich aufzulösen begann und für breitere Volksschichten attraktiv wurde. Wegen der langen britischen Dominanz wurde auch erst im Jahre 1942 der Schweizerische Curling-Verband gegründet. Bis dahin galt deshalb auch der 1897 von britischen Touristen ins Leben gerufene Jackson Cup quasi als Schweizermeisterschaft.
Curling für alle, 1965 in Grindelwald.
Curling für alle, 1965 in Grindelwald. Wikimedia
Eine Demokratisierung betreffend Geschlecht hingegen hatte das Curling weniger nötig, denn bereits auf Fotos um 1900 sind spielende Frauen abgebildet. In vielen Sportarten wurden Frauen früher von Männern ausgeschlossen, weil sie körperlich zu schwach seien, im Curling konnte diese Argumentation aber schlecht angewendet werden: Köpfchen sowie Geschicklichkeit spielen eine grössere Rolle als Kraft und zudem passte es gut in die damalige (männliche) Vorstellung der «elegant-sportlichen Frau». Zunächst waren es bei den Frauen auch britische Touristinnen, die in den Schweizer Winterkurorten dem Curling frönten. In den 1920er-Jahren gab es in der Schweiz sogar drei reine Frauenwettwerbe.
‘When ladies curl’: Fotoreportage über curlingspielende Touristinnen in Arthur Noel Mobbs’ ‘Curling in Switzerland’ von 1929.
‘When ladies curl’: Fotoreportage über curlingspielende Touristinnen in Arthur Noel Mobbs’ ‘Curling in Switzerland’ von 1929. Bildarchiv BASPO
War das Curlingspielen unter den noblen Britinnen aufgrund ihres sportaffinen sozialen Milieus verbreiteter, so ging es bei den «normalen» Schweizer Curlerinnen etwas länger, bis sie akzeptiert wurden und andere Frauen zum Spielen motivieren konnten. Es gab zwar hin und wieder Frauen, die dank Beziehungen Clubmitglied wurden und die Männerbastion durchbrachen. Reine Frauenteams gab es aufgrund der wenigen Aktiven lange nicht, erst 1952 wurde in Grindelwald der erste Damen-Curlingclub gegründet. Die Skepsis bei gewissen Curlingmännern schien dennoch weiter gross zu sein, denn die Aufnahme in den Schweizerischen Curling-Verband wurden den Grindelwaldner Frauen sieben Jahre lang (aus unbekannten Gründen) verwehrt. Danach wurde die Akzeptanz immer grösser, dass auch Spitzencurlerinnen die Schweiz in der Welt repräsentieren, wurde zur Normalität. Auch gerade dank der vergleichsweisen frühen Integration der Frauen ist das Curling übrigens eine der wenigen Sportarten, in der geschlechtergemischte Teams Standard sind.
Curling in der Schweizer Film Wochenschau.
Mit der Integration der Schweizer Frauen wurde das Curling in der Schweiz definitiv zum Volkssport und näherte sich den «Ursprüngen» in Schottland wieder etwas an. Die upper class hat sich derweil neue, exklusive Sportarten gesucht: Das Spiel beginnt von vorne.

Swiss Sports History

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Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Swiss Sports History, dem Portal für Schweizer Sportgeschichte. Schulische Vermittlung sowie Informationen für Medien, Forschende und die breite Öffentlichkeit stehen im Zentrum des Portals. Mehr dazu auf sportshistory.ch

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