Die Pässe Splügen, San Bernardino, Septimer und Julier gehörten um 1700 zu den wichtigsten Alpenüberquerungen und waren damit von strategischer Bedeutung für die kriegsführenden Mächte. Hier abgebildet ist der Splügenpass um 1810.
Die Pässe Splügen, San Bernardino, Septimer und Julier gehörten um 1700 zu den wichtigsten Alpenüberquerungen und waren damit von strategischer Bedeutung für die kriegsführenden Mächte. Hier abgebildet ist der Splügenpass um 1810. Wikimedia

Der Schmug­gel­kö­nig von Chur

Anders als heute tobte im 17. und 18. Jahrhundert fast ständig ein Krieg direkt an den Grenzen der Alten Eidgenossenschaft. Diese Kriege waren mehr als eine Synthese der Krise – sie eröffneten Akteuren wie Thomas Massner einträgliche neue Geschäftsfelder.

Noah Businger

Noah Businger

Noah Businger ist Historiker und doktoriert in älterer Schweizer Geschichte an der Universität Bern.

Das Leben von Thomas Massner (1663-1712) war das Leben eines Kriegsprofiteurs. Er brachte es im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) zu grossem Reichtum und in die höchsten politischen Ämter. Doch Massners Karriere war kometenhaft: Sein Stern verglühte ebenso schnell, wie er aufgestiegen war.

Im Auge des Hurrikans

Thomas Massner stammte aus einer Churer Kaufmannsfamilie. Er begann seine Laufbahn als Speditionsunternehmer, der Güter aus Norditalien über die Bündner Pässe nach Süddeutschland und Tirol brachte oder umgekehrt.
Als 1701 zwischen Frankreich und den Habsburgern ein Krieg um die Nachfolge des kinderlos verstorbenen spanischen Königs, des Habsburgers Karl II., ausbricht, erhalten die Bündner Pässe eine strategische Bedeutung für die Kriegführenden. Im bis dahin habsburgischen Herzogtum Mailand stehen sich die Truppen des Wiener Kaisers und des französischen Königs gegenüber. Diese benötigen die Bündner Pässe für die Truppenversorgung oder für mögliche Durchmarschpläne. Aufgrund seiner geografischen Lage wird der Freistaat der Drei Bünde wichtig und umkämpft.
Der Freistaat der Drei Bünde bis 1797. Er bestand aus dem Grauen Bund (braun), dem Zehngerichtebund (orange), dem Gotteshausbund (grün) und ihren gemeinsamen Untertanengebieten (grau). Bis 1797 waren die Drei Bünde ein Zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft und grenzten direkt an das Herzogtum Mailand, die Republik Venedig und die Grafschaft Tirol.
Der Freistaat der Drei Bünde bis 1797. Er bestand aus dem Grauen Bund (braun), dem Zehngerichtebund (orange), dem Gotteshausbund (grün) und ihren gemeinsamen Untertanengebieten (grau). Bis 1797 waren die Drei Bünde ein Zugewandter Ort der Alten Eidgenossenschaft und grenzten direkt an das Herzogtum Mailand, die Republik Venedig und die Grafschaft Tirol. Wikimedia
Um ihre Interessen durchzusetzen, schicken König Ludwig XIV. und Kaiser Leopold I. je einen Gesandten nach Chur, respektive nach Rhäzüns. Die Drei Bünde befinden sich im Auge des Hurrikans – umringt vom Krieg werden sie zu einer diplomatischen Drehscheibe.

Vom Spediteur zum Spion

Die Gesandten haben zwei hauptsächliche Aufträge: Sie sollen die Bündner Elitefamilien für ihr Lager gewinnen und sie sollen Nachrichtendienst betreiben. Informationen über den Feind und über das Kriegsgeschehen werden zur gefragten Ressource.
 
Hier tritt nun Thomas Massner auf den Plan. Der Churer Kaufmann bietet sich 1701 dem französischen Gesandten Graf Forval als nachrichtendienstlicher Mitarbeiter an. Massner nutzt sein grenzüberschreitendes, überregionales Netzwerk, das er als Kaufmann aufgebaut hat und richtet innert kürzester Zeit ein dichtes Netz an Agenten und Informanten in der Eidgenossenschaft, Oberitalien, Vorarlberg und Tirol ein.
Europa um 1700. Auf der Karte ist mit einer roten Linie umrundet das Heilige Römische Reich dargestellt. Es umfasst zahlreiche kleinere und mittlere, vor allem deutsche Herrschaften. An seiner Spitze steht ein von den Kurfürsten gewählter Kaiser, fast immer ist das ein Habsburger.
Europa um 1700. Auf der Karte ist mit einer roten Linie umrundet das Heilige Römische Reich dargestellt. Es umfasst zahlreiche kleinere und mittlere, vor allem deutsche Herrschaften. An seiner Spitze steht ein von den Kurfürsten gewählter Kaiser, fast immer ist das ein Habsburger. Wikimedia
Massner selbst reist wegen angeblichen geschäftlichen Angelegenheiten ins Reich und nach Italien, macht dort dann aber Auskundschaftungen für Frankreich. Er profitiert dabei von seinen Verbindungen zur politischen Elite seiner Heimat. Auf Empfehlung seines Schwiegersohns, des Churer Stadtvogts Schwarz, kann Massner sogar den kaiserlichen Generalkommissar für die Armeeversorgung im italienischen Heerlager besuchen und dort sensible Informationen in Erfahrung bringen.

Massner ist voller Ressour­cen und Auswege und fähig, die allerschwie­rigs­ten Dinge zu unternehmen.

Zitat des französischen Gesandten Forval
Massner leistet Frankreich wertvolle Dienste und wird zum wichtigsten Mitarbeiter für Forval. Doch er will seine Ressourcen nicht alleine für Frankreich einsetzen. Massner macht weiterhin fleissig Geschäfte mit dem Reich – und bietet sich auch der kaiserlichen Kriegspartei als Agent an.

Zwischen Kaiser und König

Im Oktober 1702 nimmt Massner mit Baron von Rost Kontakt auf. Dem kaiserlichen Gesandten bietet er seine Dienste in der Spionageabwehr an. Massner, der französische Spion, erhält das Vertrauen von Rosts und wird mit seiner neuen Funktion zum Doppelagenten.
 
Aus seiner mehrfachen Bindung macht Massner kein Geheimnis. Er versucht diese beiden Seiten als etwas Vorteilhaftes zu verkaufen. Dem neuen französischen Gesandten Graville verspricht er, dank seiner Tätigkeit in der Spionageabwehr des Feinds den sicheren Nachrichtenverkehr für Frankreich durchführen zu können. Doch auch gegenüber von Rost schildert er angebliche Vorteile, die für die Kaiserlichen aus der Doppelbindung entstehen würden. Massner schlägt dem Gesandten vor, «dann und wann einen Streich zum Vorteil unserer Feinde tun zu dürfen, um sich durch diese finezza bei ihnen in vorigem credit zu erhalten, und um dann desto leichter einen Hauptstreich anbringen zu können».
 
Zu diesem Zeitpunkt beherrscht Massner das Spiel zwischen den Fronten hervorragend. Er profitiert von der strategisch wichtigen Lage der Drei Bünde, von seinen Handelsnetzwerken und nicht zuletzt von seinem unbedingten Geschäftssinn. Wo Massner eine Möglichkeit auf Profit sieht, setzt er alle Mittel ein, um diesen zu realisieren.

Schmug­gel­be­kämp­fer und Schmugg­ler zugleich

Anfang 1703 ernennt Kaiser Leopold Thomas Massner zum Oberkommissar für Konterbande in Schwaben und Vorarlberg, anders gesagt: Er ist nun für die Schmuggelbekämpfung verantwortlich. Massner erreichte diese Ernennung durch von Rost und erhielt dabei das Recht, ein Drittel aller beschlagnahmten Waren für sich zu behalten. Das ist einträglich, denn zu dieser Zeit blüht der Schmuggel aus den Drei Bünden und der Eidgenossenschaft nach Vorarlberg und Schwaben.

Nach dem Kriegsausbruch haben Leopold I. und Ludwig XIV. umfassende Handelsverbote erlassen. Deren Ziel ist es, den Gegner wirtschaftlich zu schwächen. Die Folge ist, dass viele Güter offiziell nicht mehr ins Reich ein- oder ausgeführt werden dürfen, was zu weit verbreitetem Schmuggel führt.
Der Alpenrhein bei Vaduz. Gouache von Johann Jakob Schmidt, 1824.
Der Alpenrhein bei Vaduz. Gouache von Johann Jakob Schmidt, 1824. Liechtenstein. The Princely Collections
Ein Hotspot des Schmuggels entsteht im Rheintal zwischen Bündner Herrschaft und Bodensee. Die Grenze zum Reich verläuft hier mitten durch das Tal. Am Rhein scheiden sich die Herrschaftsrechte, hier werden Einfuhrverbote gültig, hier wird ein Pferd zu Konterbande, zu Schmuggelgut. Doch am Rhein gibt es auch passierbare Brücken und Furten, es gibt Nächte alles verhüllender Dunkelheit und es gibt genügend risikofreudige Einheimische, die die lukrativ gewordenen verbotenen Güter für einen guten Gewinn über die Grenze transportieren möchten. Ideale Voraussetzungen also für die Entstehung einer Schmuggellandschaft. Und mittendrin: Thomas Massner.
 
Als Konterbandekommissar überwacht er die Rheingrenze zu Vorarlberg und kontrolliert dabei auch sich selbst. Der Kommissar Massner nutzt seine neue Autorität, um als Kaufmann Massner Schmuggel im grossen Stil durchzuführen. Er schmuggelt Pferde sowie selbst geprägtes Falschgeld über den Rhein und er ermöglicht seinen norditalienischen Geschäftspartnern die ungehinderte Einfuhr ihrer eigentlich verbotenen Güter ins Reich. Massner wird zum Schmuggelkönig. Doch erfolgreicher Schmuggler zu sein, reicht Massner nicht aus.

Der Überfall von Leutkirch

Von Gewinnsucht getrieben beginnt Thomas Massner mit einer Reihe von Überfällen auf wertvolle Transitfuhren. Dabei schreckt er nicht vor brachialen Methoden zurück. Im Juni 1703 ist eine grosse Geldsendung des Mailänder Bankhauses Guidi zu den Caimo nach Augsburg unterwegs. Die fünf Kisten sind mit über 50’000 Louis blanc geladen und sollen von Massner von Chur bis nach Leutkirch ins Allgäu transportiert werden.
 
In Chur lässt Massner die Kisten von seinen Leuten öffnen. Sie nehmen das Geld, verstecken es, schmelzen es später ein und füllen die Kisten mit Erde, Stein und Sand wieder auf. Massners Angestellter Ulrich Zellweger führt die Sendung – unwissend vom Betrug – wie vorgesehen über den Rhein und weiter bis zum Wirtshaus Lutz in Leutkirch. Hier kommt es zum Überfall. Eine Gruppe Soldaten bittet im Lutz um Nachtquartier, überwältigt den Wirt und raubt die zwischengelagerte Fracht aus dem Wirtshaus.
 
Es sind Massners eigene Leute, die diesen Überfall inszenieren. Er gab fünf Vertrauten den Auftrag, als Soldaten verkleidet dem Wagen Zellwegers zu folgen und die vermeintlich wertvolle Fracht zu stehlen. Spuren sollen verwischt werden. Die Packballen schneiden die falschen Soldaten ausserhalb des Ortes auf und lassen die leeren Packtücher als fehlleitende Fährte liegen.
 
Mit diesem zweiten Betrug versucht Massner nicht nur den ersten Betrug zu kaschieren, er will damit zusätzlich Geld einstreichen. Unverfroren berichtet er Caimo nach Augsburg vom unverhofften Überfall und fordert die Bezahlung der vereinbarten Transportkosten bis nach Leutkirch – denn bis dahin sei der Transport ja geglückt.

Eskala­ti­on und Isolation

Der Schmuggelkönig und Doppelagent entwickelt sich zum umtriebigen und gewaltvollen Querulanten. Massner überfällt weitere Geldtransporte; Massner führt den französischen Generalleutnant Barbesières, den er sicher von Chur nach Bayern begleiten soll, bei Lindau in einen Hinterhalt und liefert ihn den Kaiserlichen aus; Massner überfällt eigenhändig den französischen Kurier Sonnery bei Chiavenna, nachdem er ihm den vermeintlich besten und sichersten Weg in Richtung Kirchenstaat empfohlen hat; Massner will seinen Schreiber Carlo Grisore lebendig einmauern lassen, weil dieser zu viel über die brutalen Geschäftspraktiken wusste.
Allianzschluss der Drei Bünde mit der Republik Venedig in Chur, 1706. Thomas Massner war an der Allianzbildung wesentlich beteiligt.
Allianzschluss der Drei Bünde mit der Republik Venedig in Chur, 1706. Thomas Massner war an der Allianzbildung wesentlich beteiligt. Rätisches Museum
Durch dieses Verhalten ist Massner längst zum Feind des französischen Königs geworden. Auch das Wohlwollen der Kaiserlichen schwindet aufgrund seiner Überfälle immer mehr. Massner sucht neue Allianzen und kann sich 1706 bis 1707 kurzzeitig erfolgreich als Agent des englischen Botschafters Abraham Stanyan und der Republik Venedig im Geschäft halten. Doch auch diese Engagements enden bald und Massner steht zunehmend isoliert da.

Die Rache des Sonnenkönigs

Nun erkennt Ludwig XIV. seine Chance, um sich am Bündner Querulanten zu rächen. 1710 wird Massners Sohn in Genf von einem falschen Freund bei einem Spaziergang auf französisches Territorium geführt, wo er verhaftet, nach Lyon gebracht und für die nächsten sieben Jahre in der Zitadelle als Staatsgefangener eingesperrt wird.
 
Massner will zurückschlagen und versucht erfolglos den französischen Botschaftssekretär Merveilleux und später den Cousin von Ludwig XIV., Herzog Philipp von Vendôme, bei ihrer Durchreise durch die Drei Bünde gefangen zu nehmen.
 
Jetzt verlangt der französische Ambassador Du Luc die Bestrafung Massners von den Häuptern der Drei Bünde. Am 4. Juli 1711 tritt schliesslich in Ilanz ein Strafgericht zusammen, um über Massner zu richten. Das von französischen Parteigängern dominierte Gericht macht aus dem Verfahren ein Schauprozess: Thomas Massner wird zum Tod durch Vierteilung verurteilt.
Anklageschrift gegen Thomas Massner, 1711. Massner wird unter anderem vorgeworfen, dass er «Ruh und Wolstand der Republic nicht nur schandlich und streffentlich wieder unsere Fundamental-Satzungen / Neutralität / Pundts-Brieff und aller Völckeren Recht / violiert und usurpiert / sondern auch das gemeine liebe Vatterland in gefahrliche und schädliche Impegni mit frembden Potenzen hierdurch gesetzt hat».
Anklageschrift gegen Thomas Massner, 1711. Massner wird unter anderem vorgeworfen, dass er «Ruh und Wolstand der Republic nicht nur schandlich und streffentlich wieder unsere Fundamental-Satzungen / Neutralität / Pundts-Brieff und aller Völckeren Recht / violiert und usurpiert / sondern auch das gemeine liebe Vatterland in gefahrliche und schädliche Impegni mit frembden Potenzen hierdurch gesetzt hat». Staatsarchiv Graubünden
Dieses Urteil war Ludwig XIV. 12'100 Livres wert – doch vollzogen wird es nicht. Massner hatte sich vor dem Prozess nach Liechtenstein abgesetzt. Von dort will er das Todesurteil mit einem in Tübingen gekauften Gegengutachten anfechten. Doch damit ist Massner erfolglos. Er bleibt im Exil und stirbt 1712. Sein Wagen erleidet in Balzers Radbruch und Thomas Massner stürzt in den Tod.
 
Die Geschichte von Thomas Massner zeigt ein eindrückliches Streben nach Reichtum und Macht. Clever und umtriebig wird Massner zum Meister der Opportunität, nutzt den Krieg als Chance und legt einen fulminanten Aufstieg zum Topspion und Schmuggelkönig hin. Dabei profitiert er von einer breiten Unterstützung: Die Liste der Nutzniesser ist lang. Das Blatt wendet sich erst, als es Massner mit seinen durchschlagenden Strategien übertreibt und er den Rückhalt seiner mächtigen Patrons verliert. Der König auf Zeit zahlt den Preis für seine schier grenzenlose Gier und endet als leichtes Opfer seiner Feinde.

Weitere Beiträge