
Der Schmuggelkönig von Chur
Anders als heute tobte im 17. und 18. Jahrhundert fast ständig ein Krieg direkt an den Grenzen der Alten Eidgenossenschaft. Diese Kriege waren mehr als eine Synthese der Krise – sie eröffneten Akteuren wie Thomas Massner einträgliche neue Geschäftsfelder.
Im Auge des Hurrikans
Vom Spediteur zum Spion
Hier tritt nun Thomas Massner auf den Plan. Der Churer Kaufmann bietet sich 1701 dem französischen Gesandten Graf Forval als nachrichtendienstlicher Mitarbeiter an. Massner nutzt sein grenzüberschreitendes, überregionales Netzwerk, das er als Kaufmann aufgebaut hat und richtet innert kürzester Zeit ein dichtes Netz an Agenten und Informanten in der Eidgenossenschaft, Oberitalien, Vorarlberg und Tirol ein.
Massner ist voller Ressourcen und Auswege und fähig, die allerschwierigsten Dinge zu unternehmen.
Zwischen Kaiser und König
Aus seiner mehrfachen Bindung macht Massner kein Geheimnis. Er versucht diese beiden Seiten als etwas Vorteilhaftes zu verkaufen. Dem neuen französischen Gesandten Graville verspricht er, dank seiner Tätigkeit in der Spionageabwehr des Feinds den sicheren Nachrichtenverkehr für Frankreich durchführen zu können. Doch auch gegenüber von Rost schildert er angebliche Vorteile, die für die Kaiserlichen aus der Doppelbindung entstehen würden. Massner schlägt dem Gesandten vor, «dann und wann einen Streich zum Vorteil unserer Feinde tun zu dürfen, um sich durch diese finezza bei ihnen in vorigem credit zu erhalten, und um dann desto leichter einen Hauptstreich anbringen zu können».
Zu diesem Zeitpunkt beherrscht Massner das Spiel zwischen den Fronten hervorragend. Er profitiert von der strategisch wichtigen Lage der Drei Bünde, von seinen Handelsnetzwerken und nicht zuletzt von seinem unbedingten Geschäftssinn. Wo Massner eine Möglichkeit auf Profit sieht, setzt er alle Mittel ein, um diesen zu realisieren.
Schmuggelbekämpfer und Schmuggler zugleich
Nach dem Kriegsausbruch haben Leopold I. und Ludwig XIV. umfassende Handelsverbote erlassen. Deren Ziel ist es, den Gegner wirtschaftlich zu schwächen. Die Folge ist, dass viele Güter offiziell nicht mehr ins Reich ein- oder ausgeführt werden dürfen, was zu weit verbreitetem Schmuggel führt.
Als Konterbandekommissar überwacht er die Rheingrenze zu Vorarlberg und kontrolliert dabei auch sich selbst. Der Kommissar Massner nutzt seine neue Autorität, um als Kaufmann Massner Schmuggel im grossen Stil durchzuführen. Er schmuggelt Pferde sowie selbst geprägtes Falschgeld über den Rhein und er ermöglicht seinen norditalienischen Geschäftspartnern die ungehinderte Einfuhr ihrer eigentlich verbotenen Güter ins Reich. Massner wird zum Schmuggelkönig. Doch erfolgreicher Schmuggler zu sein, reicht Massner nicht aus.
Der Überfall von Leutkirch
In Chur lässt Massner die Kisten von seinen Leuten öffnen. Sie nehmen das Geld, verstecken es, schmelzen es später ein und füllen die Kisten mit Erde, Stein und Sand wieder auf. Massners Angestellter Ulrich Zellweger führt die Sendung – unwissend vom Betrug – wie vorgesehen über den Rhein und weiter bis zum Wirtshaus Lutz in Leutkirch. Hier kommt es zum Überfall. Eine Gruppe Soldaten bittet im Lutz um Nachtquartier, überwältigt den Wirt und raubt die zwischengelagerte Fracht aus dem Wirtshaus.
Es sind Massners eigene Leute, die diesen Überfall inszenieren. Er gab fünf Vertrauten den Auftrag, als Soldaten verkleidet dem Wagen Zellwegers zu folgen und die vermeintlich wertvolle Fracht zu stehlen. Spuren sollen verwischt werden. Die Packballen schneiden die falschen Soldaten ausserhalb des Ortes auf und lassen die leeren Packtücher als fehlleitende Fährte liegen.
Mit diesem zweiten Betrug versucht Massner nicht nur den ersten Betrug zu kaschieren, er will damit zusätzlich Geld einstreichen. Unverfroren berichtet er Caimo nach Augsburg vom unverhofften Überfall und fordert die Bezahlung der vereinbarten Transportkosten bis nach Leutkirch – denn bis dahin sei der Transport ja geglückt.
Eskalation und Isolation
Die Rache des Sonnenkönigs
Massner will zurückschlagen und versucht erfolglos den französischen Botschaftssekretär Merveilleux und später den Cousin von Ludwig XIV., Herzog Philipp von Vendôme, bei ihrer Durchreise durch die Drei Bünde gefangen zu nehmen.
Jetzt verlangt der französische Ambassador Du Luc die Bestrafung Massners von den Häuptern der Drei Bünde. Am 4. Juli 1711 tritt schliesslich in Ilanz ein Strafgericht zusammen, um über Massner zu richten. Das von französischen Parteigängern dominierte Gericht macht aus dem Verfahren ein Schauprozess: Thomas Massner wird zum Tod durch Vierteilung verurteilt.
Die Geschichte von Thomas Massner zeigt ein eindrückliches Streben nach Reichtum und Macht. Clever und umtriebig wird Massner zum Meister der Opportunität, nutzt den Krieg als Chance und legt einen fulminanten Aufstieg zum Topspion und Schmuggelkönig hin. Dabei profitiert er von einer breiten Unterstützung: Die Liste der Nutzniesser ist lang. Das Blatt wendet sich erst, als es Massner mit seinen durchschlagenden Strategien übertreibt und er den Rückhalt seiner mächtigen Patrons verliert. Der König auf Zeit zahlt den Preis für seine schier grenzenlose Gier und endet als leichtes Opfer seiner Feinde.


