Berliner Blau, oft auch Preussisch Blau genannt, revolutionierte die Farbenwelt Anfang des 18. Jahrhunderts.
Berliner Blau, oft auch Preussisch Blau genannt, revolutionierte die Farbenwelt Anfang des 18. Jahrhunderts. Wikimedia

Ein Schweizer erlebt sein blaues Wunder

Eigentlich wollte Johann Jacob Diesbach einen roten Farblack entwickeln. Doch zu seiner Überraschung kreierte er ein leuchtendes Blau. Die Geschichte eines Schweizer Tüftlers in Berlin.

Barbara Basting

Barbara Basting

Barbara Basting war als Kulturredaktorin tätig und leitet derzeit das Ressort Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

Der Begriff «Chemie» stammt von «Alchemie». Bis zu den Systematisierungsarbeiten von Antoine Lavoisier um 1789 herum gab es keine klare Unterscheidung zwischen ihnen. Wie man aus Dreck oder sonst minderen Grundstoffen Gold oder wenigstens Silber machen konnte, sprich, mit kleinem Einsatz grossen Gewinn – das war ein Thema, das die Welt bis weit ins 18. Jahrhundert bewegte und an dem die Alchemisten eifrig herumtüftelten. Sie waren das, was man heute Freaks nennen würde – teils Quacksalber und Spintisierer, teils experimentierfreudige Tüftler und Wegbereiter der modernen Chemie.
Zwei Alchemisten versuchen Gold herzustellen. Druckgrafik von Christoph Weigel, 1698.
Zwei Alchemisten versuchen Gold herzustellen. Druckgrafik von Christoph Weigel, 1698. Wellcome collection
Insbesondere an Fürstenhöfen in finanzieller Schieflage trafen alchemistische Hochstapler auf offene Ohren. So erklärt es sich, dass beispielsweise der preussische Kurfürst Friedrich III., der spätere König Friedrich I. von Preussen, der sich mit Prestigebauten verschuldet hatte, um 1700 eine skurrile Alchemistenszene am Berliner Hof förderte.

Alchemis­ten überall

Die Berliner Alchemistenszene war zunächst weniger erfolgreich als jene am Hof Augusts des Starken in Dresden. Dort kam ein gewisser Böttger immerhin dem «weissen Gold», sprich Porzellan, auf die Spur, nachdem er ins Gefängnis gesperrt worden war. Alchemistische Hochstapler, deren Experimente teuer, aber fruchtlos waren, lebten gefährlich und wurden vereinzelt sogar hingerichtet.
Nicht nur in Dresden, auch in Berliner Alchemistenlabors entstanden Zufallsprodukte, die Geschichte schrieben. Zu ihnen gehört das Berliner Blau, heute bekannter als Preussisch Blau. Es war das erste synthetisch hergestellte, anorganische blaue Farbpigment. Seine Erfindung wirkte sich unmittelbar auf die Malerei wie auch auf die Stoffherstellung aus.
In der Kunst löste das Berliner Blau eine kleine Revolution aus. Von Watteau über die Impressionisten über den Japaner Hokusai bis hin zu Picassos «Blauer Periode» – alle verwendeten das Pigment. Es war leuchtend, intensiv, lichtecht und vor allem günstig.
Auf dem Holzschnitt von Katsushika Hokusai ist das leuchtende Blau markant. Das Bild wurde 1830 erstmals veröffentlicht.
Auf dem Holzschnitt von Katsushika Hokusai ist das leuchtende Blau markant. Das Bild wurde 1830 erstmals veröffentlicht. Wikimedia
Zuvor war blaues Pigment für Ölmalerei sehr teuer gewesen. Denn das einzige leuchtkräftige Blau, das zudem nicht ausblich, war das aus Lapislazuli gewonnene Ultramarin. Von dem Halbedelstein, der für die Pigmentherstellung aufwendig gerieben werden musste, war nur eine entlegene Fundstelle in Afghanistan bekannt. Der langwierige Import über Venedig, im Spätmittelalter und in der Renaissance das bedeutendste Handelszentrum für Farben, machte Lapislazuli zu einem teuren Statussymbol.
Der Halbedelstein Lapislazuli war begehrt, eine Unze kostete ähnlich viel wie die gleiche Menge Gold.
Der Halbedelstein Lapislazuli war begehrt, eine Unze kostete ähnlich viel wie die gleiche Menge Gold. Wikimedia
Da Maler den Auftraggebern ihre Farben gesondert in Rechnung stellten, konnte ein besonders wohlhabender Patron durch den Einsatz von Lapislazuli-Blau, etwa auf einem von ihm gestifteten Altarbild, seinen Reichtum markieren. Blau kam dabei hauptsächlich für die Gewänder der Muttergottes Maria infrage. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der von Giotto di Bondone in strahlendem Giotto-Blau gemalte Sternenhimmel, mit dem er seine Fresken in der Scrovegni-Kapelle für den Bankier Enrico Scrovegni in Padua überwölbt, sprengte die Dimensionen damaliger Freskomalerei auch wegen seines flächendeckenden Einsatzes von Lapislazuli.
Auch Jahrhunderte später leuchtet das Blau noch von der Decke der Scrovegni-Kappelle. Giotto trug die aus Lapislazuli hergestellte Farbe zwischen 1303 und 1305 auf.
Auch Jahrhunderte später leuchtet das Blau noch von der Decke der Scrovegni-Kappelle. Giotto trug die aus Lapislazuli hergestellte Farbe zwischen 1303 und 1305 auf. Wikimedia
Erst ein Unfall in einem Labor führte zu einer günstigeren blauen Farbvariante, der Erfindung des Berliner Blaus. Im Jahr 1700 tüftelte der Berliner Theologe, Arzt und Alchemist Johann Konrad Dippel an einem Universalheilmittel herum. Er nannte es Dippels Tieröl und behauptete, es sein ein Lebenselixier und praktisch gegen alle Krankheiten und Verletzungen einsetzbar. Das Öl wurde noch bis ins 19. Jahrhundert in Apotheken vertrieben, sein Erfinder gilt als Vorbild für Mary Shelleys Frankenstein. Durch seine Experimente war Dippel hoch verschuldet. Er sparte, wo er nur konnte. Mit unerwarteten Folgen: In seinem Labor arbeitete 1704 der Schweizer Farbspezialist Johann Jacob Diesbach. Er stammte aus einer Berner Familie und gehörte zu einer Gruppe von Schweizern, die damals in Berlin lebten, etwa um der religiösen Verfolgung der Pietisten zu entgehen, von Ansiedlungsprojekten zu profitieren oder als Söldner in der Schweizer Palastwache von Kurfürst Herzog Friedrich III. von Brandenburg zu dienen.
Alchemist und Erfinder Johann Konrad Dippel wollte mit seinem Tierfett einen medizinischen Coup landen.
Alchemist und Erfinder Johann Konrad Dippel wollte mit seinem Tierfett einen medizinischen Coup landen. Wikimedia / Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Diesbach, von dem kein Bild überliefert ist, widmete sich insbesondere der Entwicklung eines roten Farblacks, des sogenannten Florentiner Lacks auf der Basis getrockneter Cochenilleläuse. Für die Prozedur – die Läuse wurden ausgekocht und das Farbpigment unter anderem durch die Beigabe von Pottasche (Kaliumkarbonat) ausgefällt – erbat Diesbach eines Tages Pottasche von Dippel, weil sein eigener Vorrat zur Neige gegangen war.
Doch das Resultat der Ausfällung mit der Dippelschen Pottasche war ein sattes Blau statt des erwarteten Rots. Diesbach konnte sich keinen Reim darauf machen, «Sparfuchs» Dippel hingegen schon: Seine Pottasche war verunreinigt gewesen. Er hatte sie zuvor bereits für die Herstellung seines Tieröls verwendet. Dafür destillierte Dippel Tierblut mithilfe von Pottasche. Dem Berliner war rasch klar, dass die Verunreinigungen durch den Destillierprozess zum «Kippen» der roten Farbe geführt hatten. Der chemische Prozess war durch das in Blut enthaltenen Eisen ausgelöst worden. Johann Konrad Dippel experimentierte aufgrund seiner Vermutungen weiter und verbesserte die Rezeptur.
Cochenilleläuse werden bis heute als Grundstoff für rote Farbe verwendet.
Cochenilleläuse werden bis heute als Grundstoff für rote Farbe verwendet. Wikimedia / Leyo
Offenbar machte er aber seinem Kollegen Diesbach die Erfindung nicht streitig. Eine zeitgenössische Chronik, welche die Bezeichnung Berliner Blau erstmals verwendet, gibt Diesbach als Erfinder an und nennt 1706 als das Jahr der «Erleuchtung». Weniger zimperlich war der Berliner Johann Leonhard Frisch, der wenig später einen schwunghaften Handel mit Berliner Blau aufzog. Frisch war in der idealen Position dafür. Ganz im Gegensatz zu Dippel, der 1707 nach kurzer Inhaftierung, wohl aufgrund seiner Schulden und anderer Streitigkeiten, in die Niederlande floh.
Frisch war vielseitig gebildet, wirkte als Theologe und Naturforscher. Ausserdem hatte er sich mit naturhistorischen Illustrationen einen Namen gemacht. Vor allem aber stand er in engem Kontakt mit dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz, damals Präsident der Sozietät der Wissenschaften. Als Sozietätsmitglied hielt er Leibniz über die Entwicklungen und Entdeckungen aus der Berliner Alchemistenszene auf dem Laufenden. Dabei erwähnte er unter anderem das Berliner Blau, welches er hie und da auch Preussisch Blau nannte.
Brachte frischen Wind in die Geschichte rund um die Erfindung des Berliner Blaus: der Theologe und Naturforscher Johann Leonhard Frisch.
Brachte frischen Wind in die Geschichte rund um die Erfindung des Berliner Blaus: der Theologe und Naturforscher Johann Leonhard Frisch. Wikimedia / Deutsche Akademie der Wissenschaften
Als Erfinder erwähnte Frisch zwar zunächst Diesbach, den er bis 1716 sogar als Sozius beschäftigte. Er hielt sich aber zugute, dass er, Frisch, die Rezeptur selber weiterentwickelt habe. Später unterschlug er die Leistung Diesbachs gleich ganz. Aus heutiger Sicht war Frisch eine Art «Produktmanager» für das Berliner Blau. Dank Frischs Verbindung zu Leibniz erfuhr etwa der Basler Mathematiker Johann Bernoulli, ein Mitglied der Preussischen Akademie, von der Erfindung und erhielt sogar eine Probe der leuchtenden Farbe.
Der geflohene Dippel war derweil in den Niederlanden nicht untätig; er stellte auch im Exil Berliner Blau her und verkaufte es. So erklärt es sich, dass der Maler Pieter van der Werff die Farbe schon 1709 für sein in den Niederlanden gemaltes Gemälde «Die Grablegung Christi» verwendet hat. Zu den nicht wenigen Künstlern, die das Pigment schon sehr früh, also zwischen 1710 und 1715 einsetzten, zählten zudem der Franzose Antoine Watteau oder der heute weniger bekannte Schweizer Maler Joseph Werner, der an der Berliner Akademie wirkte.
Die Erfindung sorgte für Furore. Schon 1724 veröffentlichte der englische Arzt John Woodward das Rezept, das ihm der Berliner Hofapotheker Caspar Neumann mitgeteilt hatte. Neumann hatte das Rezept rekonstruiert. Später folgten weitere Chemiker. Ein eigentliches Patentrecht, von dem die ursprünglichen Erfinder profitiert hätten, wurde in Deutschland erst 1877 eingeführt.
Berliner Blau wurde im 19. Jahrhundert auch in grossen Mengen nach China und Japan exportiert, was erklärt, warum Hokusai es verwendet hatte. Es war ab 1843 die Grundlage für Cyanotypien, Blaupausen, der Vorstufe der Fotokopie, und heute noch wird es in der Medizin als Mittel gegen bestimmte radioaktive Vergiftungen eingesetzt.

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