Libuse Safránková in «Drei Nüsse für Aschenbrödel», 1973. DEFA-Stiftung

24 Kalorien für Aschenbrödel

Drei Haselnüsse für Aschenbrödel: Im tschechisch-deutschen Märchenfilm von 1973 lassen drei verzauberte Haselnüsse alle Träume in Erfüllung gehen. Doch auch ohne jede Magie ist die Haselnuss eine bemerkenswerte Frucht.

Thomas Weibel

Thomas Weibel

Thomas Weibel ist Journalist und Professor für Media Engineering an der Fachhochschule Graubünden und der Hochschule der Künste Bern.

Die Gemeine Hasel (corylus avellana), im Volksmund Hasel- oder Haselnussstrauch genannt, zählt zu den Birkengewächsen und, seiner Früchte wegen, zu den wichtigen Nutzpflanzen des Menschen. Schon vor 230’000 Jahren, so nehmen Forscher an, sammelte der homo erectus im thüringischen Bilzingsleben Haselnüsse zum Verzehr, und auch noch in der Mittelsteinzeit (~10’000-5000 v. Chr.), als die Menschen allmählich von der Sammelwirtschaft zum Ackerbau übergingen, lieferten Hasel- und andere Nüsse, aber auch Eicheln, Wurzeln und Knollen, einen Grundstock der Ernährung. Mit gutem Grund: Haselnüsse lassen sich gut lagern, und sie enthalten eine Menge Energie: Eine einzige getrocknete Haselnuss enthält – bei einem durchschnittlichen Gewicht von 1,2 Gramm – rund 8 Kalorien, in der Form von Eiweiss (12%), Fett (63%), Kohlenhydraten (10%), Wasser (4.5%), Ballast- (8%) und Mineralstoffen (2.5%). Eine einzige Haselnuss speichert damit gleichviel Energie wie 10 Gramm Kartoffel.
Haselstrauch, Illustration von Otto Wilhelm Thomé, 1885.
Gemeine Hasel (corylus avellana), (A) Zweig mit männlichen Blütenkätzchen, (B) Zweig mit Laubblättern, (C) Haselnuss in ihren Hüllblättern, (4) weibliche Blüte, bestehend aus Fruchtknoten und roter Narbe, (5) reife Haselnuss. Illustration von Otto Wilhelm Thomé, 1885. Wikimedia
Dass unsere Vorfahrinnen und Vorfahren die Haselnuss als Kalorienspeicher sehr geschätzt haben, ist aus zahlreichen Ausgrabungen von jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Ufersiedlungen im Voralpenraum bekannt, weil sich in diesen Böden organisches Material besonders gut erhalten hat. Auch bei den alten Römern war die Haselnuss sehr beliebt: Im Kochbuch mit dem Titel «De re coquinaria» («Über die Kochkunst») aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., verfasst vom römischen Feinschmecker Marcus Gavius Apicius, findet sich eine Einkaufsliste mit Lebensmitteln und Zutaten, die in keiner römischen Küche fehlen durften, darunter – neben Walnüssen, Pinienkernen und Mandeln – auch Haselnüsse. (An Apicius’ kochtechnischer Autorität konnte kein Zweifel bestehen, auch wenn sein Lebenswandel Plinius dem Älteren offenkundig missfiel, der ihn in seiner «Historia naturalis» einen «auf jede mögliche Schlemmerei ausgerichteten Geist» schmähte.)
Haselnüsse aus der Jungsteinzeit, gefunden in Egolzwil LU.
Haselnüsse aus der Jungsteinzeit, gefunden in Egolzwil LU. Schweizerisches Nationalmuseum
Nüsse können zwar Allergien auslösen, aber grundsätzlich sind sie sehr gesund. Eine 2015 erschienene Studie der Maastricht University legt nahe, dass bereits 10 Gramm Nüsse pro Tag das Sterberisiko senken können. Das liegt an ihrem hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren («gute Fette»), dem enthaltenen Vitamin E und verschiedenen B-Vitaminen (wie z.B. Riboflavin), an den Mineralien wie Magnesium, Phosphor, Kalium, Eisen und Kalzium, an den Ballaststoffen und weiteren wertvollen Pflanzenstoffen. Wer regelmässig Nüsse isst, hat laut der Studie insgesamt ein um 23 Prozent vermindertes Sterberisiko innerhalb der kommenden zehn Jahre. Positive Effekte liessen sich insbesondere bei neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz oder Parkinson, Atemwegserkrankungen und Diabetes nachweisen. Regelmässig Nüsse essende Probandinnen und Probanden verzeichneten statistisch weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen und erkrankten seltener an Krebs. Auch wenn der Haselstrauch in der Schweiz gut gedeiht und sich erste Pionierbetriebe der Gewinnung von Haselnüssen annehmen, lohnt sich der landwirtschaftliche Anbau von Haselnüssen hierzulande kaum. Die meisten Haselnüsse, rund 10’000 Tonnen mit einem Handelsvolumen von 77 Millionen Franken pro Jahr, werden von Bäckereibetrieben und Schokoladeherstellern importiert. Hauptproduzentin ist die Türkei, in der 75-80% aller weltweit gegessenen Haselnüsse angebaut werden.
Türkische Landarbeiterinnen beim Trocknen von Haselnüssen im Dorf Saçmalıpınar (Provinz Düzce).
Türkische Landarbeiterinnen beim Trocknen von Haselnüssen im Dorf Saçmalıpınar (Provinz Düzce). Wikimedia / Gerhard Pils
Im 1973 erschienenen tschechisch-deutschen Filmklassiker «Drei Nüsse für Aschenbrödel» sorgen drei verzauberte Haselnüsse dafür, dass das mittellose, von Stiefmutter und -schwester schikanierte Aschenbrödel auf wundersame Weise zu einem Jagdgewand, einem Ball- und schliesslich einem prachtvollen Brautkleid kommt. Doch auch ohne Zauberei ist die Haselnuss für so manche Überraschung gut. 1942, als rund um die Schweiz der Zweite Weltkrieg tobte, liessen Seeblockaden den Rohstoff Kakao für den Schokoladenhersteller Camille Bloch knapp werden. Doch Not macht erfinderisch, und Gründer Camille Bloch überlegte, dass sich mit Haselnüssen doch ein Teil des Kakaos müsste ersetzen lassen. In seinem Werk in Courtelary JU liess Bloch also eine dünne Hülle aus dunkler Schokolade in flache Formen giessen und mit ganzen Haselnüssen belegen, deren Import aus der faktisch neutralen Türkei problemlos möglich war. Dazu kam eine weiche, zu einem grossen Teil ebenfalls aus gemahlenen Nüssen bestehende Masse. Die flachen Tafeln wurden anschliessend in rechteckige, 50 Gramm schwere Riegel geschnitten und verpackt. Bei der Namensfindung für den neuen Schokoladenriegel, so will es die Firmengeschichte, liess sich Patron Bloch von der Erinnerung an sonnige Ferien im kroatischen Dubrovnik leiten. Weil sich der antike Name der Stadt in allen vier Landessprachen gleichermassen gut aussprechen lässt, heisst der urschweizerische Riegel bis auf den heutigen Tag «Ragusa».
Frühe «Ragusa»-Plakatwerbung um 1957.
Frühe «Ragusa»-Plakatwerbung um 1957. Camille Bloch

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