Nach den Staatsratswahlen von 1864 kam es in Genf zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Illustration aus Le Monde illustré vom 3. September 1864.
Nach den Staatsratswahlen von 1864 kam es in Genf zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Illustration aus Le Monde illustré vom 3. September 1864. Bibliothèque de Genève

Genf unter Vormundschaft

Nach den Genfer Staatsratswahlen von 1864 kam es in den Strassen der Calvinstadt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen. Schliesslich musste die Eidgenossenschaft eingreifen und Genf für mehrere Monate militärisch besetzen.

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

Nachdem sie sich geweigert hatte, die Auflösung des Sonderbunds zu unterstützen, stürzte James Fazy 1846 die Genfer Oligarchie. Von da an übernahm seine Partei, die Radikalen, dauerhaft die Macht. Das Fazy-Regime führte eine repräsentative Demokratie ein, schuf 1847 eine Verfassung und bestimmte das Schicksal Genfs bis 1861. In diesen Jahren veränderten tiefgreifende Umwälzungen das Gesicht der Stadt, darunter die zunehmende Säkularisierung und der Abriss der alten Befestigungsanlagen, um Platz für neue Stadtviertel zu schaffen.
Fotoporträt von James Fazy, gemacht in den 1870er-Jahren.
Fotoporträt von James Fazy, gemacht in den 1870er-Jahren. Schweizerisches Nationalmuseum
Eine Niederlage erlitt Fazy 1861. Seine autoritäre Führung stiess einer Gruppe von Unabhängigen, Konservativen und Liberalen sauer auf. Sie isolierten ihn politisch und erreichten schliesslich, dass James Fazy nicht mehr in den Staatsrat gewählt wurde. Da er jedoch weiterhin die Stütze und treibende Kraft seiner Strömung blieb, zog der revolutionäre Redner trotzdem in den Grossen Rat ein, wo er Einfluss auf die Genfer Politik nehmen konnte. Auch, weil sich der Staatsrat nach seinem Ausscheiden erneut ausschliesslich aus Männern seiner Partei zusammensetzte: Adolphe Fontanel, Moïse Jacques Piguet, Moïse Vautier, Marc Mottet, Jacques Fol-Bry und Jean-Jacques Challet-Venel, der spätere Bundesrat.
Die Wahlniederlage war für James Fazy zwar eine Schmach, Aufgeben war jedoch nicht sein Wesen. Der Genfer hatte vor, so schnell wie möglich ins Machtzentrum der Calvinstadt zurückzukehren.
In den 1860er-Jahren befand sich Genf im Umbruch. Blick auf die Stadt in dieser Zeit.
In den 1860er-Jahren befand sich Genf im Umbruch. Blick auf die Stadt in dieser Zeit. Schweizerische Nationalbibliothek
In einem Klima heftiger Auseinandersetzungen zwischen Radikalen und Unabhängigen wurde im Juni 1862 erneut eine verfassungsgebende Versammlung gebildet, um die Genfer Verfassung zu revidieren. Das Vorhaben scheiterte an einer Volksabstimmung. Vor diesem sehr angespannten Hintergrund fanden die Wahlen vom 21. August 1864 statt. Ihr Ergebnis, mitten im Hochsommer, schlug ein wie eine Bombe. James Fazy, der in den Staatsrat zurückkehren wollte, scheiterte erneut. Der von den Mitgliedern seiner Partei mit grosser Mehrheit unterstützte Konservative Arthur Chenevière wurde mit 337 Stimmen zum Sieger erklärt, nur wenige Stimmen vor Fazy.
Arthur Chenevière schnappte sich im Sommer 1864 mit knappem Vorsprung den Sitz von Fazy im Genfer Staatsrat. Das Bild von Chenevière entstand um 1870.
Arthur Chenevière schnappte sich im Sommer 1864 mit knappem Vorsprung den Sitz von Fazy im Genfer Staatsrat. Das Bild von Chenevière entstand um 1870. Bibliothèque de Genève
Der knappe Vorsprung erhitzte die Gemüter der hartnäckigsten Radikalen, und ihre Mitglieder, welche die Wahlkommission kontrollierten, erklärten die Wahl bereits am nächsten Tag wegen Wahlbetrugs für ungültig. Bald schmückten Plakate die Genfer Wände der Stadt, auf welchen die Radikalen zur Mobilisierung aufriefen.

Volk von Genf! Das Grosse Büro, einziger souverä­ner Richter über die Wahl des General­rats […] hat die soeben stattge­fun­de­ne Wahl nicht für gültig erklärt. Die radikalen Bürger und alle Freunde der Verfas­sung sind aufgeru­fen, sich zu versam­meln, um die Verfas­sung und die Gesetze im Rahmen der souverä­nen Entschei­dung des Grand Bureau zu verteidigen.

Aufruf der Radikalen nach der Ungültigerklärung der Wahl
Die Anschuldigung war zu viel. Diese letzte Beleidigung, die als missbräuchlich, ja sogar tyrannisch empfunden wurde, galt den Unabhängigen als Kriegserklärung, woraufhin sie zum Aufstand schritten. Dieser griff auf zahlreiche Strassen der Stadt über und war so beängstigend, dass Élie Ducommun, der spätere Friedensnobelpreisträger und damalige Staatskanzler von Genf, beschloss, dem Bundesrat einen Eiltelegramm zu senden. Doch es war schon zu spät: Am 22. August 1864 kurz nach 13 Uhr wurde in Genf ein Alarm ausgelöst. Beide politischen Lager befanden sich zur gleichen Zeit auf der Strasse; die Unabhängigen stürmten das Arsenal und griffen die Staatsräte an, was die Radikalen dazu veranlasste, zu den Waffen zu greifen. Um 16.30 Uhr brach in der Rue de Chantepoulet eine Schiesserei aus, bei der mehrere Menschen in einem konservativen Zug ums Leben kamen.
Genf, 22. August 1864: Auf der Rue de Chantepoulet kommt es einer Schiesserei, bei der mehrere Menschen sterben.
Genf, 22. August 1864: Auf der Rue de Chantepoulet kommt es einer Schiesserei, bei der mehrere Menschen sterben. Bibliothèque de Genève
Ironie des Schicksals: Am selben Tag wurde im Rathaus der Calvinstadt die erste Genfer Konvention zur Verbesserung des Loses der Verwundeten und Kranken der Streitkräfte im Feld von 16 Staaten unterzeichnet. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die Bundesbehörden sofort reagierten und den Waadtländer Bundesrat Constant Fornerod, zuständig für das eidgenössische Militärdepartement, zum Kommissar für Genf ernannten. Einen Tag später, am 23. August, marschierten eidgenössische Truppen in der Calvinstadt ein und stellten die Ordnung wieder her. Die Hauptakteure wurden in der Folge rasch gefunden und festgenommen.
Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention am 22. August 1864. Gemälde von Edouard Armond-Dumaresq.
Unterzeichnung der ersten Genfer Konvention am 22. August 1864. Gemälde von Edouard Armond-Dumaresq. Wikimedia
Der Genfer Aufstand hatte in der Schweiz für grosse Aufregung gesorgt und die Massnahme, den Kanton unter eidgenössische Vormundschaft zu stellen, war konsequent und schien vernünftig. Doch damit war der Eingriff noch nicht zu Ende. Am 2. September 1864 bestätigte die Eidgenossenschaft die Wahl von Arthur Chenevière.

Ein Fall für das Bundesgericht

Schliesslich wurde das Bundesgericht, das erst ab 1875 einen permanenten Sitz in Lausanne hatte, einberufen. Unter dem Vorsitz des Waadtländer Staatsrats Victor Ruffy versammelten sich eine Riege von Richtern: Louis Mercanton, Gemeindepräsident von Cully (VD), der Berner Uhrmacher Victor Chappuis, der ebenfalls aus Bern stammende Notar Victor Bernard, Henri-Vincent Masson, Gemeindepräsident von Ecublens (VD) sowie die beiden Waadtländer Jean-Louis Loup und François Vignier. Die Untersuchung dauerte drei Monate und führte nach Anhörung von mehreren hundert Zeugen zur Anklage von 54 Personen. Nach einer Reduktion durch die Anklagekammer standen schliesslich im Dezember 14 von ihnen vor Gericht. Dieses wurde im Palais électoral in Genf abgehalten. Das Gebäude war gross genug für das zahlreich erscheinende Publikum, das gespannt den vom Generalstaatsanwalt der Konservativen, William Turrettini, vorgebrachten Anklagepunkten lauschte.
Angesichts der Schwere der Ereignisse und der Spannungen, welche die Stadt erschüttert hatten, schickte die Eidgenossenschaft Anfang Dezember 1864, kurz vor Prozessbeginn, erneut ein Berner Bataillon unter dem Kommando von Major Luginbühl in die Calvinstadt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, falls sich die Gemüter erneut erhitzen sollten. Dazu kam es jedoch nicht, und das Gericht konnte sein Urteil ohne grössere Probleme fällen, wobei mehrere Männer zu Gefängnisstrafen verurteilt wurden.
Im Dezember 1864 fand der Prozess gegen die Verantwortlichen des Genfer Aufstands im Palais électoral statt. Das Publikumsinteresse war gross.
Im Dezember 1864 fand der Prozess gegen die Verantwortlichen des Genfer Aufstands im Palais électoral statt. Das Publikumsinteresse war gross. Bibliothèque de Genève
Die Bundesarmee zog sich im Januar 1865 zurück, nachdem sie die Stadt vier Monate lang besetzt gehalten hatte. An diese Ereignisse denkt man in Genf kaum noch. Viel lieber erinnert man sich an glorreichere historische Episoden wie beispielsweise die Escalade.
Die Vormundschaft über Genf zeigte einerseits, dass sich die noch junge bundesstaatliche Autorität durchsetzen konnte. Andererseits war eine klare innere Konsolidierung erkennbar. Knapp 17 Jahre nach dem Sonderbundskrieg waren die Bestrebungen gross, einen politischen Konflikt nicht wieder in einen gesamtschweizerischen Bürgerkrieg eskalieren zu lassen. In Genf fühlten sich zwar viele Bürgerinnen und Bürger gedemütigt, das Eingreifen eidgenössischer Truppen hatte aber ohne Zweifel zur Stabilisierung der Stadt beigetragen und vielen vor Augen geführt, dass sich die Calvinstadt noch stärker in das bundesstaatliche System einfügen musste.

Weitere Beiträge