Am 25. Dezember 1055 kam es auf dem Zürcher Lindenhof zu einer königlichen Verlobung. Illustration von Marco Heer.
Am 25. Dezember 1055 kam es auf dem Zürcher Lindenhof zu einer königlichen Verlobung. Illustration von Marco Heer.

Königli­che Verlobung auf dem Lindenhof

Auf dem Zürcher Lindenhof stand ab ca. 850 eine Königspfalz. Die Karolingerkönige und die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches machten dort immer wieder Halt auf ihren Reisen durch das Reich. Den vielleicht wichtigsten Moment erlebte der Lindenhof im Jahr 1055.

Anuska Merz

Anuska Merz

Anuska Merz studiert Allgemeine und Wirtschaftsgeschichte an der Universität Zürich. Sie arbeitet im Staatsarchiv Zürich und ist in der Redaktionsleitung der Zeitschrift etü tätig.

Für die Weihnachtstage im Jahr 1055 wurde Zürich kurz zum Mittelpunkt der europäischen Politik. Denn in diesen Tagen wurde auf der Pfalz auf dem Lindenhof ein grosses, machtpolitisch relevantes Fest gefeiert: die Verlobung Heinrichs IV. mit Bertha von Savoyen. Heinrich IV. war der designierte Thronfolger seines Vaters Heinrich III., dem damaligen römisch-deutschen Kaiser. Dieser arrangierte die Verlobung seines gerade mal fünfjährigen Sohnes aus machtpolitischen Überlegungen. Denn seine Position war geschwächt: Die Reichsfürsten waren mit seinem Regierungsstil nicht einverstanden und zudem verärgert darüber, dass der Kaiser seinen Sohn Heinrich IV. 1053 zum Mitkönig ernannt hatte. Die Verlobung Heinrichs IV. mit der vierjährigen Bertha, der Tochter Ottos von Savoyen, der auch Markgraf von Susa-Turin war, sollte in dieser krisenhaften Zeit immerhin den Einfluss Heinrichs III. in Norditalien festigen.
 
Nach der Verlobung wurde Bertha am salischen Kaiserhof grossgezogen – ein durchaus übliches Szenario im europäischen Hochadel. Heinrich III. starb ein knappes Jahr nach der Verlobung, wodurch Heinrich IV. noch im Kindesalter zum römisch-deutschen König wurde. Jedoch übernahm seine Mutter Agnes bis zu seiner Volljährigkeit die Regentschaft. Die Feier auf dem Lindenhof kennzeichnet einen Höhepunkt und zugleich das Ende der Geschichte der Zürcher Pfalz. Sie ist aber auch der Beginn von Heinrichs IV. Lebensreise.
Darstellung Heinrichs IV. aus dem 12. Jahrhundert.
Darstellung Heinrichs IV. aus dem 12. Jahrhundert. Cambridge, Corpus Christi College

Unbefleck­te Königin?

Das Leben Heinrichs IV. wurde Gegenstand zahlreicher Chroniken zeitgenössischer Autoren. Besonders umfangreich, aber auch ausgesprochen kritisch, sind die Annalen des Mönchs Lampert von Hersfeld. In seinen Jahrbüchern hält er die Geschichte der ihm bekannten Welt bis zum Jahr 1085 fest, wobei insbesondere die Einträge ab den 1040er-Jahren detailliert beschrieben werden. Zu seinen Ausführungen gehören ausführliche Schilderungen von Schlachten, Berichte über Streitigkeiten zwischen Fürsten und dem König, oder welche Gesetze letzterer erliess. Der Mönch hält auch zahlreiche Dürreperioden, Kometensichtungen sowie Gerüchte und Gerede fest und kommentiert die dokumentierten Ereignisse rege.
 
So weiss Lampert vom Wormser Hoftag 1069 schlüpfrige Details zu erzählen. An diesem eröffnete Heinrich IV. den versammelten Fürsten und Bischöfen, dass er die Ehe mit Bertha auflösen wolle. Laut dem Chronisten sagte der junge König, er passe nicht zu seiner Gemahlin, denn er habe «keine Möglichkeit der ehelichen Gemeinschaft mit ihr» – im Bett lief es also nicht. Immerhin hatte Heinrich IV. versichert, dass er sie «unbefleckt und mit unversehrter Jungfräulichkeit bewahrt habe», sodass einer zweiten Eheschliessung nichts im Wege stünde. Da die Anwesenden die Sache als «widrig» und «mit der königlichen Majestät ganz unverträglich» empfanden, aber niemand den König brüskieren wollte, wurde die Entscheidung vertagt. Erst die Drohung des Papstes Alexander II., den König zu exkommunizieren und ihm die Kaiserkrönung zu verweigern, brachte Heinrich IV. von seinem Scheidungsvorhaben ab. So endete die unglückliche Ehe erst mit dem Tod Berthas im Jahr 1087.

Reiseun­ter­künf­te

Doch Lamperts Chronik ist weit mehr als ein reicher Fundus für mittelalterlichen Klatsch und Tratsch. Sie ist auch eine wichtige Quelle für die Rekonstruktion der königlichen Reiserouten und -ziele, dem sogenannten Itinerar. Denn Heinrich IV. war ein sogenannter Reisekönig: Er regierte nicht von einer festen Residenz oder einer zentralen (Haupt-)Stadt aus, sondern zog das ganze Jahr über durch sein riesiges Reich. Die Pfalzen, abgeleitet vom lateinischen palatium (zu Deutsch: Palast), dienten den Reisekönigen als Herrschaftssitz, Stützpunkt und Unterkunft, mit dauernd stationiertem Personal und jederzeit verfügbaren Vorräten.
Die Ausbreitung des Heiligen Römischen Reiches um das Jahr 1000. Das Reich war eine dynastisch geprägte Wahlmonarchie. Mit der Kaiserkrönung durch den Papst erlangte der gewählte König auch die Kaiserwürde.
Die Ausbreitung des Heiligen Römischen Reiches um das Jahr 1000. Das Reich war eine dynastisch geprägte Wahlmonarchie. Mit der Kaiserkrönung durch den Papst erlangte der gewählte König auch die Kaiserwürde. Wikimedia
Die Grösse des Reiches war ein wichtiger Grund für diese umständlich und mühselig erscheinende Lebens- und Herrschaftsform, die seit den Karolingern und bis ins Spätmittelalter von den Königen und Kaisern des Heiligen Römischen Reiches praktiziert wurde. Das Heilige Römische Reich erstreckte sich um das Jahr 1000 nicht nur über das Gebiet des heutigen Deutschlands. Im Westen reichte es bis in die heutigen Benelux-Länder und Ostfrankreich; im Osten bis ins heutige Tschechien und Österreich; und im Süden bis nach Rom. Auch die heutige Schweiz gehörte zum Heiligen Römischen Reich. Das Reisen ermöglichte den römisch-deutschen Königen, sich an verschiedenen Orten sehen zu lassen und für die lokalen Fürsten ansprechbar zu sein. Sie konnten ausserdem persönliche Eindrücke der Untertanengebiete sammeln und vor Ort Recht sprechen. Auch boten die Besuche zahlreiche Möglichkeiten für prunkvolle Auftritte.

Verwei­ger­te Gastfreundschaft

Auch Heinrich IV. besuchte im Laufe seines Lebens zahlreiche Orte: Geboren wurde er im Jahr 1050 auf der Pfalz in Goslar, getauft in Köln, in Aachen zum König gesalbt und bekanntermassen in Zürich verlobt. Auf dem Hoftag in Worms 1065 wurde der 15-jährige Heinrich IV. schliesslich für mündig erklärt. Fortan herrschte er allein über das Heilige Römische Reich. Ein Jahr später wurde Bertha in Würzburg zur Königin gekrönt. In der Chronik Lamperts klingen die Einträge wie folgt: «1065 feierte der König Weihnachten zu Goslar, Ostern zu Worms.»
Die Kaiserpfalz in Goslar. Hier wurde Heinrich IV. geboren.
Die Kaiserpfalz in Goslar. Hier wurde Heinrich IV. geboren. Wikimedia

Hofstaat in Bewegung

Auf seinen Reisen wurde der König von einer grossen Gemeinschaft begleitet. Dazu gehörten seine Familie, ein Heer sowie der gesamte Hofstaat. Darunter waren die Inhaber wichtiger Ämter, wie der Kämmerer (Schatzmeister), der Marschall (Stallmeister), Truchsess (Küchenmeister) und Mundschenk (Getränkemeister), der Hofrat, Juristen, die Recht sprachen und für die Verwaltung zuständig waren, Gelehrte, Hauslehrer, Dichter und Spielleute. Für Wach-, Kriegs- und Geleitsdienste sowie für alle weiteren anfallenden Arbeiten brauchte der König verschiedenste Dienstleute, Mägde und Knechte.
Die Grösse des königlichen Hofes war auch ein Grund für das Reisekönigtum: Für den Unterhalt eines Hofes und zur Ausrichtung der Feste, Jagden und Turniere war es von Vorteil, auf dezentral erwirtschaftete Vorräte zurückgreifen zu können. Die enormen Belastungen, die sich aus der Beherbergung des Herrschers und seiner Entourage ergaben, konnten einem Ort nur temporär zugemutet werden.

Qual der Wahl

Die Wahl der Reiseziele war von verschiedenen Faktoren abhängig. Neben Verpflichtungen wie Krieg, Einladungen zu Festlichkeiten oder Hoftagen musste der König regelmässig die Reichsfürsten und -bischöfe mit seiner Anwesenheit beehren. Auch Besuche bei Verbündeten und Verwandten oder die Rückkehr an zentrale Orte der eigenen Biografie waren Teil der Reise. Die Itinerarplanung variierte von König zu König und oftmals hatten die einzelnen Herrscher sowie deren Dynastien unterschiedliche Kernlande. So war Goslar beispielsweise die zentrale Pfalz der Salier.
 
Für den letzten Ottonenkaiser, abermals ein Heinrich, diesmal aber der Zweite (973/8–1024), hat der Historiker Rudolf Schieffer die Reiseroute aus dem Jahr 1017 analysiert. Durch Chroniken und Urkunden sind 26 Aufenthalte an 21 verschiedenen Orten überliefert. Bei einer von Schieffer geschätzten Tagesetappe von 25 Kilometern liegen viele der Orte zu weit auseinander, um die Strecke ohne Zwischenhalte zu absolvieren. Schieffer kommt zum Schluss, dass sich die Übernachtungen von Heinrich II. und seinem Gefolge in diesem Jahr auf circa 50 verschiedene Orte verteilt haben mussten. Die Pfalzorte seien darunter nur eine Minderheit gewesen.

Monarchen auf dem Lindenhof

Während der Regentschaft von Heinrich IV. hatte die Pfalz auf dem Zürcher Lindenhof ihre Blütezeit bereits hinter sich. Doch ihre Geschichte reichte weit zurück: Um 850 errichteten die Karolinger auf dem Fundament der römischen Kastellmauern ein Pfalzgebäude – mutmasslich gleichzeitig mit der Gründung der Fraumünsterabtei. Die Anwesenheit von Karolinger-Königen in Zürich ist nicht belegt, aber wahrscheinlich.
Digitale Rekonstruktion der karolingischen Pfalz: So könnte die Pfalz auf dem Lindenhof im Jahr 878 ausgesehen haben.
Digitale Rekonstruktion der karolingischen Pfalz: So könnte die Pfalz auf dem Lindenhof im Jahr 878 ausgesehen haben. Amt für Städtebau Stadt Zürich, Archäologie / Marco Bernasconi
Bild 01 von 03
Auf die Karolinger folgten die Ottonen, die in Zürich einen Neubau errichten liessen. Im Jahr der Verlobung Heinrichs IV. mit Bertha von Savoyen erhob sich ein zweigeschossiger Monumentalbau auf dem Lindenhof.
Auf die Karolinger folgten die Ottonen, die in Zürich einen Neubau errichten liessen. Im Jahr der Verlobung Heinrichs IV. mit Bertha von Savoyen erhob sich ein zweigeschossiger Monumentalbau auf dem Lindenhof. Amt für Städtebau Stadt Zürich, Archäologie / Marco Bernasconi
Bild 01 von 03
Um 1218 hatte sich die Zürcher Pfalz zur Burg gewandelt.
Um 1218 hatte sich die Zürcher Pfalz zur Burg gewandelt. Amt für Städtebau Stadt Zürich, Archäologie / Marco Bernasconi
Bild 01 von 03
Die Zürcher Pfalz ist die einzige ihrer Art in der heutigen Schweiz. Schriftlich überliefert sind allerdings noch fünf weitere Königshöfe, wobei nur der Hof in Zizers, im heutigen Graubünden, auch archäologisch gesichert ist. Königshöfe waren kleinere Gutshöfe, welche wie die Pfalzen zum Reichsgut, also zum Besitz des gerade amtierenden Kaisers oder Königs gehörten. Die Anfänge des Hofes in Zizers werden auf das frühe 9. Jahrhundert, sein Ende auf das 11. oder 12. Jahrhundert datiert. Der Hof dürfte den Ottonen auf dem Weg nach Italien als Zwischenstopp gedient haben. Im Gegensatz zu den Pfalzen fanden auf den Königshöfen wohl keine repräsentativen Anlässe statt, sondern dienten sie nur der Unterkunft und Versorgung der königlichen Reisegesellschaften.
 
Die auf die Karolinger folgenden Ottonen begannen ab der Mitte des 10. Jahrhunderts Zürich immer häufiger zu besuchen. Für die Zeit zwischen 1004 und 1055 ist die Anwesenheit von römisch-deutschen Königen auf dem Lindenhof zehnmal bestätigt. Aus ungeklärten Gründen rissen die Ottonen jedoch das karolingische Pfalzgebäude ab und errichteten auf dessen Grundmauern ein grösseres. Für den Salierkaiser Heinrich III., der wiederholt in Oberitalien einmarschierte, war Zürich aufgrund der günstigen Lage ein zentraler Pfalzort. Nach der Verlobung seines Sohnes Heinrichs IV. 1055 sind jedoch keine weiteren Königsbesuche auf dem Lindenhof mehr überliefert. Es ist das Ende der Geschichte der Zürcher Pfalz als Unterkunft für umherziehende Könige.

Weitere Beiträge