Postkarte «Am Lagerfeuer», gezeichnet von Pfaderin Elsa Denner, 1940.
Postkarte «Am Lagerfeuer», gezeichnet von Pfaderin Elsa Denner, 1940. Schweizerisches Nationalmuseum

Der lange Weg zur «Pfadi-Ehe»

Die Pfadi ist einer der grössten Schweizer Jugendverbände, in dem Mädchen und Jungen gemeinsam aktiv sind. Ihre Geschichte als geschlechtergemischte Organisation reicht aber gerade mal ein paar Jahrzehnte zurück.

Noemi Steuerwald

Noemi Steuerwald

Noemi Steuerwald ist Historikerin und spezialisiert auf die Geschlechter- und Sportgeschichte.

Die Schweizer Pfadi begann als strikt nach Geschlechtern getrennte Jugendbewegung. 1913 entstand der Schweizer Pfadfinderbund (SPB) für die Männer und Jungen; ein Jahr später folgte der Bund Schweizer Pfadfinderinnen (BSP) für die Frauen und Mädchen. Beide Organisationen orientierten sich in ihren Erziehungskonzepten an geschlechtsspezifischen Rollenbildern. Der SPB knüpfte an die Ideen des Gründers der Boy Scouts an, Robert Baden-Powell. In seinen Erziehungsschriften entwarf der Brite Eigenschaften wie Ritterlichkeit, Disziplin und Konkurrenzfähigkeit als Leitlinien des pfadfinderischen Männlichkeitsideals.
Der Pfadigründer Robert Baden-Powell sah in der Bewegung eine Entwicklungsmöglichkeit zum Mann. Gemälde von Hubert von Herkomer.
Der Pfadigründer Robert Baden-Powell sah in der Bewegung eine Entwicklungsmöglichkeit zum Mann. Gemälde von Hubert von Herkomer. Wikimedia / National Portrait Gallery
Der BSP folgte einem in sich widersprüchlichen Leitbild. Einerseits orientierten sich die Erziehungsideale an traditionellen Geschlechterbildern; andererseits bot die Pfadi jungen Frauen aber auch neue Freiheiten und Möglichkeiten. Pfadfinderin zu sein, hiess immer auch, Fähigkeiten zu lernen, die sonst als «männlich» galten. Diese Spannung zeigt sich in der Schrift Für dich Pfadfinderin! aus dem Jahr 1966. Das Büchlein bietet Ausführungen zu Knoten, Orientierung und Naturkunde, aber auch zur Haushaltsführung, Kinderbetreuung und Säuglingspflege.

Geschlech­ter­tren­nung bis Ende der 1960er

Die strikte Geschlechtertrennung wurde Ende der 1960er-Jahre erstmals zur Diskussion gestellt. In dieser Dekade kam die Pfadi in der Schweiz unter Zugzwang. Gemischtgeschlechtliche Erziehung, die sogenannten Koedukation, war in Schulen, Kindertagesstätten und weiteren erzieherischen Einrichtungen bereits eine Selbstverständlichkeit. Gleichzeitig prägte der Zeitgeist der 68er-Bewegung die Auseinandersetzung mit pfadfinderischen Traditionen. Die antiautoritäre Kritik an Eltern, Schule, Staat oder Armee zwang auch die Pfadibewegung, ihre Rolle als Jugendorganisation neu zu definieren. Ein zentrales Argument war, dass in der Pfadi noch eine als autoritär, reaktionär und militärisch bewertete Tradition lebendig sei.
In den 1960er-Jahren geriet die Pfadi wegen ihres autoritären Stils zunehmend in Kritik.
In den 1960er-Jahren geriet die Pfadi wegen ihres autoritären Stils zunehmend in Kritik. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Dass die beiden Bünde ihr Geschlechterkonzept aber so grundlegend überdachten, lag vor allem am Druck aus der Basis. Lokale Pfadiabteilungen des SPB und BSP führten immer häufiger gemeinsame Lager und Aktivitäten durch, einige von ihnen schlossen sich auch zu geschlechtergemischten Abteilungen zusammen. Die Pfadi stand folglich vor der Aufgabe, eine gesellschaftliche Entwicklung, die bereits in der innerverbandlichen Praxis ihren Niederschlag gefunden hatte, strukturell, organisatorisch, aber auch ideologisch auf nationaler Ebene anzupassen.
Um auszuloten, wie eine geschlechtergemischte Pfadi in der Praxis aussehen könnte, wurde 1975 der Koordinationsstab BSP und SPB gegründet. Dieses Gremium übernahm die Koordination der Zusammenarbeit und die Ausarbeitung eines strukturellen Rahmens für geschlechtergemischte Abteilungen. Die Gründung des Koordinationsstabes markierte den Beginn der Zusammenarbeit auf Bundesebene. Die Themen, die in diesem Rahmen diskutiert wurden, zeigen schnell, dass es um weit mehr ging als um oberflächliche Formalitäten. Die Fusionsverhandlungen waren Debatten über Geschlechtergleichheit, Egalität und Partizipation im Schweizer Pfadisystem.

Geschlech­ter­kon­flik­te im Wald

Während die lokale Basis zunehmend geschlechtergemischte Tätigkeiten forderte, sahen Akteurinnen und Akteure auf Bundesebene das gleichstellungspolitische Potenzial geschlechtergetrennter Gruppen gefährdet. Sie argumentierten, dass die dortige Auflösung traditioneller Rollenverteilung ein wichtiges Mittel sei, um diskriminierende Geschlechterstereotypen abzubauen: «Durch die Fusion besteht die Gefahr, dass das alte Rollenverhalten zwischen Mädchen und Knaben zum Zuge komme. Das Mädchen soll dem Knaben nicht nur die Nägel halten, sondern selber nageln», schrieb eine Pfadizeitschrift zum Thema. Aber auch die Basis äusserte Kritik, wobei sich gerade beim SPB ein Röstigraben auftat. Gegner kamen vor allem aus der französischen Schweiz, weil sich die Pfadi dort stärker an den militärisch geprägten Organisationen Frankreichs orientierte. Sie bemängelten, dass geschlechtergemischte Aktivitäten die männlichkeitskonstitutiven Elemente von Baden-Powells Erziehungskonzepten verwässern könnten.
Englische Pfadfinderinnen beim Campieren. Das Bild wurde 1930 aufgenommen.
Englische Pfadfinderinnen beim Campieren. Das Bild wurde 1930 aufgenommen. Wikimedia / Deutsches Bundesarchiv
Während bestimmte Fraktionen des SPB die autoritären, nationalistischen und männlichkeitskonstitutiven Dimensionen traditioneller Pfadikonzepte verteidigten, befürchteten Abteilungen des BSP, dass sie Gestaltungs- und Handlungsräume verlieren könnten. Diese Positionen prägten die weiteren Fusionsverhandlungen und bildeten den gesellschaftspolitischen Resonanzboden, durch den die Verantwortlichen navigieren mussten.

Vom Flirt zur «Ehe»

Das Bemerkenswerte an den Fusionsverhandlungen ist, dass sie in engem Austausch mit der Basis erfolgten und stark praxisorientiert waren. Es handelte sich nicht um ein am Schreibtisch entworfenes Projekt, sondern entstand aus einer engen Verschränkung von Verbandspolitik und gelebtem Pfadialltag. Zahlreiche geschlechtergemischte Aktivitäten waren in diesem Sinne «Praxis für die Praxis», wie es ein Bericht der Zeitschrift Trèfle des BSP treffend bezeichnete. Bereits in den 1970er-Jahren hatten zahlreiche Kantonalverbände begonnen, die Ausbildungskurse für Leitpersonen des BSP und des SPB zusammenzulegen. 1979 folgte die Ausarbeitung eines gemeinsamen Ausbildungsmodells. Diese Kurse waren einerseits eine Art Experimentierraum, um eine geschlechtergemischte Zusammenarbeit zu erproben. Andererseits schufen sie wichtige persönliche Kontakte und Netzwerke zwischen Leitpersonen beider Bünde.
Bis dahin hatte sich der Koordinationsstab vor allem mit der Ausarbeitung von Konzepten für geschlechtergemischte Abteilungen, Gruppen und Aktivitäten befasst. Das erste gemischtgeschlechtliche Bundeslager (BuLa) von 1980 markierte eine entscheidende Kursänderung. In diesem Lager entstand an der Basis ein breiter Konsens, dass die Koedukation in der Pfadi umfassender eingeführt werden sollte als bisher beabsichtigt. Die Frage einer vollständigen Fusion beider Bünde und damit einer gesamtschweizerischen, geschlechtergemischten Pfadiorganisation rückte erstmals in den Fokus. Im November 1982 stimmten die Nationalkomitees des BSP und des SPB getrennt der Aufnahme formeller Fusionsverhandlungen zu. In der Folge wurde die Fusionskommission (FuKo) gebildet, die sich paritätisch aus zehn Vertreterinnen und Vertretern beider Bünde zusammensetzte.
1980 fand das erste Bundeslager der Pfadfinderinnen und Pfadfindern statt. SRF
Den Vertreterinnen des BSP war bewusst, dass mit der Auflösung ihres Bundes auch ein Raum verloren ging, in dem Frauen unter sich waren und unabhängig von männlich geprägten Machtstrukturen handeln konnten. In den Akten zu den Fusionsverhandlungen steht einschlägig: «Der BSP hat als selbstständiger Verband Frauen die Möglichkeit gegeben, echte Führungsverantwortung zu übernehmen, ihre Vorstellungen und Ziele zu definieren und umzusetzen in der Praxis. Das war und ist uns wichtig. Es gehört(e) wesentlich zum Selbstverständnis des BSP. Die Fusion bedeutet bis zu einem gewissen Grad Aufgabe dieser Selbstständigkeit und Preisgabe eines Gestaltungsraumes für Frauen.» Hinzu kam, dass der SPB gut doppelt so gross war wie der BSP. Dies liess die Befürchtung entstehen, dass der kleinere Frauenverband vom SPB vereinnahmt und so marginalisiert würde. Im Zentrum der Politik der zehn BSP-Vertreterinnen der FuKo stand deshalb die Forderung nach strukturellen Absicherungen, die die Mitsprache und Mitbestimmung von Frauen auch in männerdominierten Räumen gewährleisten sollte. Dazu gehörte die Doppelbesetzung aller wichtiger Ämter auf Bundesebene durch jeweils eine Frau und einen Mann, eine Quotenregelung für zentrale Entscheidungsgremien auf nationaler Ebene sowie das Prinzip der doppelten Mehrheit bei wichtigen Verhandlungen.
Die «Pfadi-Heirat» war geglückt. Artikel in der Zeitung Der Bund vom Mai 1987.
Die «Pfadi-Heirat» war geglückt. Artikel in der Zeitung Der Bund vom Mai 1987. e-newspaperarchives
Die Fusionsverhandlungen zogen sich über fünf Jahre. BSP und SPB schickten 1985 ein erstes Fusionspaket in die Vernehmlassung an die Basis. Dieses mit dem typischen Abkürzungsfetisch bezeichnete «FuPak» wurde aber abgelehnt, und zwar von den Abteilungen des SPB. Auf Grundlage der geäusserten Kritik erarbeitete die «FuKo» ein zweites «FuPak», das ebenfalls keine volle Zustimmung fand. Noch einmal formulierten sie ein Paket, das schliesslich den Delegiertenversammlungen von BSP und SPB getrennt zur Vernehmlassung vorgelegt wurde. Die Abstimmung über die Fusion fand am 24. und 25. Mai 1987 in Luzern statt. Mit einer Mehrheit von über 75 Prozent wurde sie angenommen.
Der Beschluss sah nun einen gemeinsamen Dachverband für 17'000 Mädchen und Frauen sowie 43'000 Knaben und Männer vor. Die beiden Bünde bestanden noch bis im September 1987, da die neue Pfadibewegung Schweiz (PBS) erst zu diesem Zeitpunkt funktionsfähig war. Mit der ersten Delegiertenversammlung der PBS lösten sich die beiden alten Bünde BSP und SPB auf. Die «Pfadi-Heirat», wie sie die nun ebenfalls fusionierte Zeitschrift Trèfle/Kim bezeichnete, war geglückt.
Ab 1987 gingen die Schweizer Pfaderinnen und Pfader gemeinsame Wege.
Ab 1987 gingen die Schweizer Pfaderinnen und Pfader gemeinsame Wege. Schweizerisches Nationalmuseum
Die Debatten um die Fusion der beiden Bünde sind ein Lehrstück direktdemokratischer Praxis. Die Bundesebene stand in engem Kontakt mit der Basis: Die Vertretungen gingen selbst aus ihr hervor und kannten die Diskussionen, Anliegen und Vorbehalte aus erster Hand. Die Fusion wurde nicht von oben herab ausgearbeitet. Es handelte sich vielmehr um ein Projekt von der Pfadi für die Pfadi, getragen von einem Dialog zwischen den unterschiedlichen Ebenen der Organisation.
Die Diskussionen um die Geschlechtermischung machten zugleich deutlich, dass hier Fragen verhandelt wurden, die weit über die Pfadi hinausreichten. Die Vertreterinnen des BSP verteidigten die Pfadi als Raum, in dem Frauen Rollen übernahmen, Fähigkeiten erlernten und Erfahrungen machten, die ihnen im Alltag häufig verwehrt blieben. Die im Zuge der Fusionsverhandlungen festgelegten strukturellen Massnahmen waren deshalb mehr als eine interne Reform. Sie zeigten, wie Gleichberechtigung konkret umgesetzt werden konnte – zu einer Zeit, in der Frauenquoten noch kein Thema waren und die Gleichstellung der Geschlechter erst ein paar Jahre zuvor in der Verfassung verankert worden war. Nach anfänglichen Vorbehalten ging die Pfadi der Gesellschaft damit mit gutem Vorbild voran, ganz im Sinne ihres Programms.

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