Harald Feller trat 1939 in den diplomatischen Dienst ein. 1943 wurde er nach Budapest versetzt und dort im Februar 1945 von den Sowjets entführt.
Harald Feller trat 1939 in den diplomatischen Dienst ein. 1943 wurde er nach Budapest versetzt und dort im Februar 1945 von den Sowjets entführt. Schweizerisches Bundesarchiv

Ein Schweizer Diplomat in Stalins Kerker

Harald Feller wurde 1945 von den Sowjets in Budapest entführt. Er verbrachte ein Jahr in Stalins Gefängnissen, gleichzeitig wurde in der Schweiz gegen ihn ermittelt. Nach seiner Rückkehr wurde der Berner von allen Vorwürfen entlastet. Interessiert hat das allerdings niemanden.

François Wisard

François Wisard

François Wisard ist Historiker und hat an der Universität Lausanne promoviert. Er hat mehrere Sachbücher geschrieben, unter anderem über einen Schweizer Freiwillige in der Waffen-SS.

Budapest, 12. Februar 1945: Die ungarische Hauptstadt wird nach wochenlangen brutalen Kämpfen, die rund 160'000 Todesopfer forderten, von der Roten Armee befreit. Mitten in den Trümmern des Palais Esterhazy in Buda (westlich der Donau) werden die schweizerische und die schwedische Fahne gehisst. Ein erstaunliches Bild am Ende der deutschen Besatzung: Die Schweizer Botschaft hatte dort eine Kanzlei eröffnet, während sich die Räumlichkeiten der schwedischen Botschaft weiter südlich befinden.
Der 32-jährige Berner Diplomat Harald Feller (1913-2003), erst seit zwei Monaten Leiter der Schweizer Botschaft, ist erleichtert. In erster Linie, weil die rund 50 Personen wohlauf sind, die im Palais Esterházy Zuflucht gefunden haben. Auch der schwedische Botschafter Carl Danielsson leb noch. Feller hat ihm und einem Teil seiner Equipe Asyl gewährt und falsche Pässe für sie ausgestellt, denn die Schweden hatten ihre Botschaft, die Ziel eines Angriffs der Nyilas (Pfeilkreuzler) wurde, verlassen müssen. Diese pronazistische ungarische Partei, die seit dem Staatsstreich von Oktober 1944 an der Macht war, verbreitete mit ihren Banden Terror auf den Strassen. Sie erschossen tausende Jüdinnen und Juden und warfen ihre Leichen in die Donau.
Die ungarischen Pfeilkreuzler verbreiteten in Budapest Angst und Schrecken. Das Bild wurde im Oktober 1944 gemacht.
Die ungarischen Pfeilkreuzler verbreiteten in Budapest Angst und Schrecken. Das Bild wurde im Oktober 1944 gemacht. Wikimedia / Deutsches Bundesarchiv
Erleichtert ist Feller im Februar 1945 auch, weil die Jüdinnen und Juden, die er ohne Wissen seiner Kollegen an seinem Wohnsitz in Buda versteckt und versorgt hat, jetzt gerettet sind. Und nicht zuletzt atmet er auch deshalb auf, weil er Ende Dezember 1944 ebenfalls Opfer der Nyilas wurde: Entführt, schwer körperlich misshandelt und mit dem Tod bedroht, verdankte er sein Überleben nur einer grossen Portion Glück.

Die Schweizer Botschaft 1944 in Budapest

Die Schweizer Botschaft (damals Gesandtschaft unter der Leitung eines bevollmächtigten Ministers) zählt drei Diplomaten und mehrere Dutzend Konsularbeamte, Sekretäre, Dolmetscher und anderes Personal, Schweizer und Ungaren. Sie befindet sich – wie noch heute – an der Stefánia ut, östlich der Donau.

Die im November 1944 im Palais Esterházy westlich der Donau in Buda eröffnete Kanzlei verfügt über einen grossen Luftschutzbunker. Während sich Harald Feller dort aufhält, übernimmt Max Meier, zuständig für die Visa-Ausstellung, de facto die Verantwortung für das Gebäude an der Stefánia ut.

Die wichtige Abteilung für fremde Interessen, geleitet von Carl Lutz, wird im Gebäude der ehemaligen amerikanischen Botschaft in Pest eingerichtet, er selber residiert in Buda. Botschafter Maximilian Jaeger wird nach dem Pfeilkreuzler-Putsch abberufen, sein Stellvertreter kehrt aus gesundheitlichen Gründen in die Schweiz zurück. Damit steht Feller ab Anfang Dezember 1944 an der Spitze der Botschaft.
Am 16. Februar 1945 treffen sich in Buda Vertreter der neutralen Staaten und des IKRK mit einem Repräsentanten der sowjetischen Militärbehörden. Für die Schweiz nehmen Harald Feller und Carl Lutz teil. Nach dem Treffen befiehlt ein Offizier Feller, ihn nach Pest zu begleiten: «Herr Feller, Sie müssen mitkommen.» Dieser zögert, hat aber keine Wahl. Unter den Augen von Lutz entfernt er sich zu Fuss, überquert in einem Boot die Donau und verschwindet.

Sowjeti­sche Verhöre in Budapest und Moskau

In Pest wird der Entführte von Agenten der sowjetischen Geheimdienste verhört: Warum sind der Schweizer Botschafter und sein Stellvertreter abgereist? Warum sind Sie selber in Budapest geblieben? Einige Tage später wird er in den Osten Ungarns gebracht. Dort trifft er seinen Kollegen Max Meier wieder. Der Konsularbeamte ist am 10. Februar unter ähnlichen Umständen entführt worden, ohne dass Feller davon gewusst hätte.
Karte aus dem Jahr 1833. Gut zu erkennen sind die Orte Buda (unten) und Pest, welche sich 1873 zu Budapest zusammenschliessen werden.
Karte aus dem Jahr 1833. Gut zu erkennen sind die Orte Buda (unten) und Pest, welche sich 1873 zu Budapest zusammenschliessen werden. Wikimedia
Die beiden Schweizer werden mit Lastwagen und Zug nach Moskau gebracht, wo sie am 4. März eintreffen und erneut verhört werden. Zuerst kommen sie in die Lubjanka, einen Tag später verlegt man sie ins Lefortowo-Gefängnis, das sich ebenfalls in Moskau befindet. Sie fühlen sich gut behandelt, müssen sich jedoch eine winzig kleine Zelle (4,5 mal 2,5 Meter) teilen und leben in völliger Isolation. Und sie wissen nichts von der Anwesenheit eines weiteren Häftlings, des Schweden Raoul Wallenberg. Aber vor allem wissen sie nicht, warum sie entführt worden sind und ob sie ihre Angehörigen jemals wiedersehen werden.
Die Kommunikation zwischen Budapest und der Schweiz ist seit Weihnachten 1944 unterbrochen. Die ersten verlässlichen Nachrichten über die Entführungen erreichen Bern Ende März 1945 via Bukarest. Die Schweiz unterhält zu diesem Zeitpunkt keine diplomatischen Beziehungen zu Moskau. Deshalb wendet sich Bern an amerikanische und britische Diplomaten, um mehr zu erfahren. Leider ohne grossen Erfolg. Immerhin bestätigen die Sowjets, dass sie Feller und Meier festhalten.
Artikel aus der Zeitung Der Bund vom 20. April 1945.
Artikel aus der Zeitung Der Bund vom 20. April 1945. e-newspaperarchives

Harte Verhand­lun­gen in Bern

Im Juli 1945 entsendet der Kreml eine Militärdelegation in die Schweiz. Ihre Aufgabe ist es, das Schicksal Tausender militärische Internierter in der Schweiz zu untersuchen und anschliessend ihre Repatriierung zu organisieren. Währenddessen blockiert Moskau mehrere Tausend rückkehrwillige Auslandschweizer in Gebieten, die unter sowjetischer Militärkontrolle stehen.
Im September, die beidseitige Repatriierung verläuft inzwischen zufriedenstellend, beginnt die bis zum Abschluss geheim gehaltene zweite Verhandlungsphase. Die Schweiz fordert die Freilassung von Feller und Meier und Informationen über das Schicksal weiterer Konsularbeamter, die in Nordpolen und im Fernen Osten festgehalten werden. Die Sowjets antworten: «Geben Sie uns Novikov und Kotchetov zurück!» Wladimir Novikov ist ein auf die Herstellung neuer Waffen spezialisierter Ingenieur, der aus Italien in die Schweiz geflohen ist. Genadij Kotchetov hat sein sowjetisches Militärflugzeug auf dem Flugplatz Dübendorf gelandet. Am 3. Dezember 1945 diskutiert der Bundesrat die Situation. «Wenn wir die 2 Schweizer retten können, indem wir die 2 Russen opfern, wäre ich dazu bereit», sagt Max Petitpierre. Der neue Aussenminister steht jedoch mit dieser Ansicht alleine. Seine Kollegen unterstützen ihn nicht, zwei von ihnen – Philipp Etter und Walther Stampfli – sprechen sich sogar ausdrücklich gegen eine Auslieferung Novikovs aus, da es keine gesetzliche Grundlage dafür gebe.
Max Petitpierre nach seiner Wahl in den Bundesrat vom 14. Dezember 1944.
Max Petitpierre nach seiner Wahl in den Bundesrat vom 14. Dezember 1944. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
Am 28. Dezember tritt der Bundesrat zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen. Moskau hat ein Ultimatum übermittelt: Sollte die Schweiz Novikov und Kotchetov nicht ausliefern, werden Feller und Meier nicht freigelassen. Die Schweizer Regierung gibt nach. Es wird jedoch Anfang Februar 1946, bis die beiden via Berlin zurückkehren. Die anderen, von Moskau zwar festgehaltenen, aber nicht inhaftierten Konsularbeamten werden ebenfalls via Berlin repatriiert.

Ermitt­lun­gen seit Mai 1945

Nach seiner Rückkehr ist Harald Feller fassungslos. Während seiner Gefangenschaft sind öffentlich schwerwiegende Anschuldigungen gegen ihn erhoben worden. Darüber hinaus steht er im Mittelpunkt einer gross angelegten Untersuchung, die in seiner Abwesenheit eingeleitet worden ist: Parallel zu ihren Bemühungen, Feller und Meier ausfindig zu machen und ihre Freilassung zu erwirken, versucht die Schweizer Diplomatie, den Grund für die Entführungen zu ermitteln. Ehemaligen Kollegen, die aus Budapest ausgewiesen worden sind, liefern Antworten oder vielmehr Kritik: Feller habe Schutzdokumente gefälscht und sehr enge Kontakte zu Pro-Nazis unterhalten. Ausserdem sei er homosexuell und trinke zu viel Alkohol. Max Meier hingegen bleibt weitgehend verschont.
TV-Beitrag über Harald Feller und sein bewegtes Leben während des Zweiten Welkriegs. SRF
Bereits im Mai 1945 hatte Bundesrat Max Petitpierre die Untersuchung angeordnet und Jakob Kehrli damit beauftragt, die Umstände und Gründe der Entführungen zu ermitteln und das gesamte Schweizer Botschaftspersonal zu befragen. Es gab viel Kritik, wobei die Aussagen teilweise widersprüchlich waren. Carl Lutz, der einzige direkte Zeuge, schilderte drei verschiedene Versionen der Entführung Fellers. Ausserdem beschuldigte er seinen ehemaligen Vorgesetzten, eine «Belastung» gewesen zu sein. Richter Kehrli kam zum erschreckenden Schluss, dass viele der Meinung waren, Feller habe sein Schicksal verdient. Dabei wusste zu diesem Zeitpunkt niemand, ob er überhaupt lebend zurückkehren würde.
Auch die Presse mischte sich ein. Am 14. Juni 1945 veröffentlichte der Schweizer Bert Wyler, der auch jüdische Medien belieferte, einen belastenden Artikel in der schwedischen Zeitung Aftonbladet: Feller habe Nazis bei sich zu Hause versteckt und ihnen, um sie zu retten, gefälschte Papiere besorgt. Die Genfer Zeitung Voix ouvrière ging am 22. Juni noch weiter: «Wir haben daraufhin die Meinung vertreten, dass dieser Herr Zeller [sic] vielleicht lieber den Deutschen in ihrem Rückzug nachgefolgt wäre.»
Der erste Untersuchungsbericht, der Ende Juli 1945 vorlag, blieb unveröffentlicht. Max Petitpierre und sein Departement hatten eine klare Priorität: die Rückkehr von Feller und Meier zu erreichen. Die Verhandlungen mit der sowjetischen Delegation boten dazu eine gute Gelegenheit. Diese Priorisierung wurde nicht von allen verstanden, vor allem nicht von Carl Lutz. Seit 1945 beklagte er sich darüber, dass er bei seiner Rückkehr nicht als Held empfangen worden sei, und nichts deutete darauf hin, dass er sich wirklich um das Schicksal seiner beiden ehemaligen Kollegen sorgte.
Porträt von Carl Lutz in Budapest, aufgenommen 1943.
Porträt von Carl Lutz in Budapest, aufgenommen 1943. Wikimedia
Nachdem Feller im Frühjahr 1946 lange befragt worden ist, kann er sich endlich verteidigen. Daraufhin räumt der Richter jeden Verdacht gegen ihn aus, auch was sein Privatleben betrifft. Er konstatiert lediglich einen einzigen Verstoss gegen die Vorschriften: die Aushändigung gefälschter Pässe an die Schweden. Er geht aber noch weiter: Harald Feller habe nicht nur nicht mit dem Feind kollaboriert, sondern sogar Verfolgte gerettet, jüdische und schwedische Personen! Jakob Kehrli erstellt dazu eine Liste von 32 Personen. Währenddessen verteidigt Max Petitpierre den fälschlicherweise Beschuldigen vor dem Parlament. Aber das interessiert niemanden mehr ... Feller selber bewahrt bis zu seiner Pensionierung Schweigen über seine aussergewöhnlichen Aktivitäten in Budapest und seine Gefangenschaft in Moskau.
Ab den 1950er-Jahren arbeitete Harald Feller als Staatsanwalt im Kanton Bern und machte sich daneben als Theaterregisseur und -schauspieler einen Namen. Artikel aus dem Burgdorfer Tagblatt vom 4. Januar 1993.
Ab den 1950er-Jahren arbeitete Harald Feller als Staatsanwalt im Kanton Bern und machte sich daneben als Theaterregisseur und -schauspieler einen Namen. Artikel aus dem Burgdorfer Tagblatt vom 4. Januar 1993. e-newspaperarchives
Wie lässt sich die Entführung Fellers erklären? Weder durch seine Taten noch durch sein Verhalten, so das Fazit von Richter Kehrli. Zweifellos wollte man ihm aber Informationen entlocken. Nach seiner Rückkehr zeigt sich der Schweizer Diplomat von zwei Dingen überzeugt: Der Befehl kam aus Moskau, und man hatte nichts gegen seine Person. Er sollte einfach als Verhandlungsmasse dienen.
Im Jahr 2000 wurden in Schweden im Rahmen offizieller Untersuchungen zum Schicksal von Raoul Wallenberg bisher unbekannte sowjetische Dokumente veröffentlicht. Es gab tatsächlich einen schriftlichen Befehl, der auf Anweisung Stalins im Januar 1945 erteilt worden war: die Schweizer Harald Feller und Max Meier sowie einen slowakischen Vertreter in Budapest zu fassen und nach Moskau zu bringen. Zuvor war bereits der Befehl ergangen, Raoul Wallenberg festzunehmen. In beiden Fällen waren es Agenten des militärischen Spionageabwehrdienstes, die mit der Operation beauftragt wurden. Heute ist bekannt, dass Moskau Wallenberg der Spionage verdächtigte.
Gab es eventuell einen ähnlichen Verdacht gegen die beiden Schweizer? Vielleicht. Auf jeden Fall ermöglichte die Entführung Fellers und Meiers dem Kreml, erfolgreich die Auslieferung eines auf die Herstellung neuer Waffen spezialisierten Ingenieurs und eines Militärpiloten zu fordern. Der Bundesrat gab zwar am Ende nach und stellte die Staatsräson über die Einhaltung der Gesetze. Er rettete aber auf diese Weise Beamte, die von Agenten eines fremden Staates entführt worden waren.

Harald Feller. Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin

François Wisard hat die erste Biografie über Harald Feller geschrieben. Darin zeichnet er das Leben des Berners nach, der Menschen vor den Nazis gerettet hat, nach Moskau verschleppt wurde und sich später in der Heimat vor einem Richter verantworten musste, nach. «Harald Feller. Retter von Verfolgten, Gefangener von Stalin. Die Leben eines Schweizer Diplomaten in Budapest» ist 2025 im Verlag elfundzehn erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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