Uhrenarbeiterinnen und Uhrenarbeiter der A. Schild SA (Assa) verlassen nach Feierabend die Fabrik. Foto aus dem Jahr 1924.
Uhrenarbeiterinnen und Uhrenarbeiter der A. Schild SA (Assa) verlassen nach Feierabend die Fabrik. Foto aus dem Jahr 1924. Stadtarchiv Grenchen, F.00.3_Dig385

Schmerz­mit­tel auf dem Frühstücksbrot

In den 1960er-Jahren kam es zu einem massiven Anstieg von Nierenerkrankungen im Jurabogen. Es waren die Folgen des jahrzehntelangen Schmerzmittelkonsums unter den Uhrenmacherinnen und Uhrenmachern der Region.

Bettina Kurz

Bettina Kurz

Bettina Kurz ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kultur-Historischen Museum Grenchen.

Um Punkt 6.45 Uhr läuteten zum ersten Mal die Glocken der Fabriktürme in Grenchen. Die Uhrenindustrie rief ihre Arbeitnehmenden in die Fabrik. Zu Hunderten strömten sie vom Bahnhof Nord in die Innenstadt. Seit den 1850er-Jahren entstand hier einer der wichtigsten Zweige der schweizerischen Uhrenindustrie. Die Fabriken und Arbeitersiedlungen verdrängten die Holzhäuser und Bauernhöfe im Dorf. Stattdessen prägten nun renommierte Fabriknamen wie ETA, ASSA, Baumgartner Frères und A. Michel S.A. das Stadtbild.

Eine Viertelstunde blieb den Arbeiterinnen und Arbeitern nach dem ersten Glockenläuten, um sich an ihrem Arbeitsplatz einzufinden. Um Punkt 7 Uhr wurden die Tore zu den Fabriken geschlossen – wer zu spät kam, musste eine Busse bezahlen. Die Strasse vom Bahnhof zur Innenstadt war gesäumt von kleinen Läden, Bäckereien und Restaurants. Hier deckten sich die Uhrmacherinnen und Uhrmacher noch schnell mit Zigaretten und Brötli ein. Besonders gefragt waren auch die Schmerzmittel, die in jener Zeit frei verkäuflich und problemlos an jedem Kiosk oder sogar an Automaten erhältlich waren. Zu den beliebtesten Produkten gehörten die Saridon-Tabletten des Basler Herstellers Hoffmann-La Roche, das Kafa-Pulver sowie Contra-Schmerz. Entweder bestellte man im Restaurant ein «Kafi mit» und rührte sich das Pulver in den Kaffee oder streute die Tabletten zerdrückt aufs Frühstücksbrot. Dass das «Saridon-Brötli» gerade unter den Uhrmacherinnen und Uhrmachern so verbreitet war, war kein Zufall.
Das Schmerzmittel Saridon war bei den Arbeiterinnen und Arbeitern der Uhrenfabriken beliebt.
Das Schmerzmittel Saridon war bei den Arbeiterinnen und Arbeitern der Uhrenfabriken beliebt. Wikimedia
Die Arbeit in den Uhrenfabriken war äusserst anstrengend, und die Arbeitszeiten lang. Die Uhrenfabrikation war traditionell in Partien aufgeteilt. Eine einzelne Person bewältigte nur eine kleinste Operation in der Produktionskette, schliff zum Beispiel den ganzen Tag Schlitze in winzig kleine Schrauben. Die Arbeit war dadurch sehr eintönig, trotzdem war stets höchste Aufmerksamkeit gefragt; eine tonnenschwere Stanzmaschine konnte bei einer kleinen Unachtsamkeit leicht einen Finger zerquetschen. Ausserdem musste an den winzigen Uhrteilen sehr präzise gearbeitet werden, oft mit einer monokularen Lupe, die das Werkstück zehn- bis zwanzigfach vergrösserte. Diese Anstrengung beanspruchte die Augen stark und führte, in Kombination mit dem grellen Licht, das für die Arbeit notwendig war, rasch zu Kopfschmerzen. Der ohrenbetäubende Lärm, den die Maschinen von sich gaben und die stickige Luft in den Fabriken trugen ihr Übriges dazu bei. Durch das Schleifen entstand ein Messingstaub, der sich überall festsetzte und der Geruch des Maschinenöls und des Reinigungsbenzins war so unverwechselbar und unangenehm, dass man in Grenchen sagte «es fabrigelet».
Die Arbeit in den Uhrenfabriken war oft eintönig, körperlich anspruchsvoll und nicht ohne Risiken. Aufnahmen aus der Uhrenfabrik Eterna, 1965.
Die Arbeit in den Uhrenfabriken war oft eintönig, körperlich anspruchsvoll und nicht ohne Risiken. Aufnahmen aus der Uhrenfabrik Eterna, 1965.
Die Arbeit in den Uhrenfabriken war oft eintönig, körperlich anspruchsvoll und nicht ohne Risiken. Aufnahmen aus der Uhrenfabrik Eterna, 1965. e-pics / e-pics
Für eine zusätzliche Belastung der Fabrikarbeiterinnen und Fabrikarbeiter sorgte, dass sich der Lohn häufig nach Anzahl gefertigter Stücke berechnete. Wer zuhause eine Familie zu versorgen hatte, stand unter enormem Druck, möglichst schnell und fehlerfrei zu arbeiten. Die ständige Sorge um das finanzielle Auskommen war allgegenwärtig. Die Fabrikaufseher fanden häufig Gründe, um Bussgelder vom Lohn abzuziehen, zum Beispiel fürs Zuspätkommen oder bei Streitigkeiten unter Mitarbeitenden.

Vor allem unter den Arbeiterinnen war der Schmerzmittelkonsum weit verbreitet. Damit reagierten sie auf die massive Doppelbelastung von Haushalt und Beruf. Die Uhrmacherinnen durften zwar die Fabrik am Mittag bereits um 11 Uhr verlassen, weshalb man sie in Grenchen die «Öufi-Frauen» nannte. Sie mussten jedoch innerhalb einer knappen Stunde einkaufen und das Mittagessen vorbereiten, das um 12 Uhr für die Familie auf dem Tisch stehen sollte, wenn ihre Familie nach Hause kam. Für diese Frauen gab es weder in der Mittagspause noch nach Feierabend wirkliche Erholungsmöglichkeiten. Zusätzlich galten sie in der Fabrik häufig als unqualifizierte Arbeitskräfte und mussten die monotonsten Tätigkeiten verrichten. Ihre Entlöhnung war dadurch deutlich geringer. Oft erhielten sie nur die Hälfte des Lohns eines qualifizierten Arbeiters.

Täglich bis zu 30 Tabletten

Angesichts der enormen Belastungen ist es nicht verwunderlich, dass viele Uhrmacherinnen und Uhrmacher Mittel suchten, um die Kopfschmerzen zu lindern und die Leistung zu steigern. Wie die meisten Schmerzmittel damals setzten sich auch Saridon, Kafa und Contra-Schmerz aus Paracetamol, das Schmerzen und Fieber bekämpfen sollte, und Phenazetin zusammen, ein Wirkstoff, der sich später als gefährlich herausstellen sollte. Da die Tabletten aber auch Koffein und Beruhigungsmittel enthielten, wirkten sie anregend, beruhigten die Nerven und steigerten so tatsächlich kurzfristig die Produktivität. Auf diese Arbeitssteigerung folgte jedoch alsbald der Phenazetin-Kater. Verlor die Tablette ihre Wirkung, setzten oft noch stärkere Kopfschmerzen und Müdigkeit als zuvor ein, was sich wiederum nur mit erneuter Einnahme von Schmerzmitteln bekämpfen liess. In diesem Teufelskreis gefangen, schluckten viele Arbeiterinnen und Arbeiter zwischen 10 und 30 Tabletten täglich. Sie waren überall und rasch verfügbar, viele Fabriken boten über den Betriebssanitäter selbst Schmerzmittel an – schliesslich profitierten sie von einer besseren Konzentrationsfähigkeit ihrer Angestellten. Der Chefarzt des Bürgerspitals Solothurn, der den Schmerzmittelkonsum in der Uhrenindustrie schon früh anprangerte, sprach 1958 von den «Tablettomanen», die nicht mehr ohne Schmerzmittel funktionierten.
Werbung für das Schmerzmittel Contra-Schmerz, 1944.
Werbung für das Schmerzmittel Contra-Schmerz, 1944. Schweizerisches Nationalmuseum
Schon vor 1900 wurde über den Konsum von Schmerzmitteln unter den Uhrenarbeitern berichtet, denn Kombinationspräparate mit Phenazetin kamen bereits 1887 auf den Markt. Erst als sich jedoch die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen übermässigem Schmerzmittelkonsum und Nierenschäden sowie Harnwegstumoren in den 1950er-Jahren verdichteten, begann sich auch die Medizin dafür zu interessieren. Anlass dazu gab ein massiver Anstieg von Nierenerkrankungen, insbesondere im Jurabogen, wo sich ein Grossteil der schweizerischen Uhrenindustrie angesiedelt hatte. Wie sich herausstellte, war besonders das in den Tabletten enthaltene Phenazetin problematisch. Es verursachte Nierenschäden, die als «Phenazetin-Krankheit» bezeichnet wurden. Es handelt sich dabei um eine chronische Entzündung des Nierengewebes. Die Erkrankung kann jahrelang symptomlos verlaufen, nur um dann fast schlagartig die gesamte Nierentätigkeit einzustellen. Zudem kam es vermehrt zu Tumoren in den Harnwegen, die ebenfalls mit dem Schmerzmittelkonsum in Verbindung gebracht wurden.

Die Häufung von Nierenerkrankungen im Jurabogen legte einen Zusammenhang mit der Uhrenindustrie nahe, und so fanden Anfang der 1960er-Jahre erste sozialmedizinische Befragungen über den Tablettenkonsum in der Uhrenindustrie statt. Aus heutiger Sicht scheint ein Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in den Fabriken, den individuellen Lebensumständen, der finanziellen Situation und dem Schmerzmittelkonsum naheliegend. Und auch die damals ermittelten Daten scheinen dies zu unterstützen: Es stellte sich nämlich heraus, dass rund vier Fünftel aller Schmerzmittelkonsumierenden in der Uhrenindustrie Frauen waren. Zudem waren es vorrangig die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Schmerzmittel konsumierten, jedoch nicht die Büroangestellten in derselben Fabrik. Wer im Akkord arbeitete, schluckte mehr Analgetika als Angestellte im Stundenlohn. Anstrengendere Arbeit sowie ein tieferer Ausbildungsgrad führten ebenfalls zu mehr Konsum, wurde festgehalten. Dennoch wurde zu jener Zeit kaum eine Verbindung zwischen Arbeitsbedingungen und der Einnahme von Schmerzmitteln hergestellt. Stattdessen verfolgten die Forscher der 1960er-Jahre andere Ansätze für den übermässigen Schmerzmittelkonsum in der Uhrenindustrie und suchten die Ursache vor allem in «Hast und Unruhe» der modernen Zeit oder in «frühkindlicher Milieuschädigung». Dementsprechend gab es kaum Stimmen, die sich gegen die prekären Arbeitsbedingungen in der Uhrenindustrie erhoben. Lange setzten sich weder die Schweizerische Unfallversicherung (SUVA), noch das Arbeitsinspektorat oder die Gewerkschaften für die Verbesserung dieser Bedingungen ein.
Blick in die Fabrikhallen der ETA, ca. 1960.
Blick in die Fabrikhallen der ETA, ca. 1960.
Während verschiedene Medizinervereinigungen schon früh für eine Rezeptpflicht phenazetinhaltiger Medikamente plädierten, wurde das Problem letztlich aufgrund der steigenden Kosten für die Behandlung gelöst. Seit den 1940er-Jahren hatten sich die Anzahl Patientinnen und Patienten mit schwer geschädigten Nieren verfünffacht. In den 1960er-Jahren entstanden die ersten Dialyse-Stationen in Schweizer Spitälern. Im Jurabogen mussten diese Kliniken oft überproportional viele Plätze anbieten. Besonders grosse Stationen entstanden in Biel und Bern. Mit dem Einsatz dieser Nierenersatztherapie wurde eine äusserst kostenintensive Behandlung für diese Patientinnen und Patienten verfügbar, und plötzlich interessierten sich auch die Krankenkassen und die Volkswirtschaft für das Problem. Kombinationspräparate mit Phenazetin wurden in der Schweiz 1983 verboten, und Hoffmann-La Roche änderte seine Saridon-Rezeptur.
Patientin während einer Dialyse in Genf, 1963.
Patientin während einer Dialyse in Genf, 1963. Dukas by RDB
In Grenchen löste die grosse Uhrenkrise in den 1970er-Jahren bereits früher das Problem. Die Einführung der billigeren Quarzuhren führte zum Preiszerfall mechanischer Schweizer Uhren. In Grenchen gingen tausende Arbeitsplätze verloren. Ein grosser Teil der Uhrenfabriken und Zulieferer mussten schliessen. Erst als Nicolas Hayek 1983 die Produktion der Swatch in der ETA in Grenchen initiierte, erholte sich die dortige Uhrenindustrie wieder. Zu diesem Zeitpunkt waren die phenazetinhaltigen Schmerzmittel in der Schweiz bereits verboten.

Vom Bauerndorf zur Technologiestadt

Die Dauerausstellung des Museum Grenchen nimmt Besucherinnen und Besucher mit auf eine spannende Zeitreise durch die Geschichte der Region Grenchen – vom Bauerndorf zur Technologiestadt. Sie beleuchtet die Entwicklung der Uhrenindustrie und deren Einfluss auf die Region.

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