
Schmerzmittel auf dem Frühstücksbrot
In den 1960er-Jahren kam es zu einem massiven Anstieg von Nierenerkrankungen im Jurabogen. Es waren die Folgen des jahrzehntelangen Schmerzmittelkonsums unter den Uhrenmacherinnen und Uhrenmachern der Region.
Eine Viertelstunde blieb den Arbeiterinnen und Arbeitern nach dem ersten Glockenläuten, um sich an ihrem Arbeitsplatz einzufinden. Um Punkt 7 Uhr wurden die Tore zu den Fabriken geschlossen – wer zu spät kam, musste eine Busse bezahlen. Die Strasse vom Bahnhof zur Innenstadt war gesäumt von kleinen Läden, Bäckereien und Restaurants. Hier deckten sich die Uhrmacherinnen und Uhrmacher noch schnell mit Zigaretten und Brötli ein. Besonders gefragt waren auch die Schmerzmittel, die in jener Zeit frei verkäuflich und problemlos an jedem Kiosk oder sogar an Automaten erhältlich waren. Zu den beliebtesten Produkten gehörten die Saridon-Tabletten des Basler Herstellers Hoffmann-La Roche, das Kafa-Pulver sowie Contra-Schmerz. Entweder bestellte man im Restaurant ein «Kafi mit» und rührte sich das Pulver in den Kaffee oder streute die Tabletten zerdrückt aufs Frühstücksbrot. Dass das «Saridon-Brötli» gerade unter den Uhrmacherinnen und Uhrmachern so verbreitet war, war kein Zufall.


Vor allem unter den Arbeiterinnen war der Schmerzmittelkonsum weit verbreitet. Damit reagierten sie auf die massive Doppelbelastung von Haushalt und Beruf. Die Uhrmacherinnen durften zwar die Fabrik am Mittag bereits um 11 Uhr verlassen, weshalb man sie in Grenchen die «Öufi-Frauen» nannte. Sie mussten jedoch innerhalb einer knappen Stunde einkaufen und das Mittagessen vorbereiten, das um 12 Uhr für die Familie auf dem Tisch stehen sollte, wenn ihre Familie nach Hause kam. Für diese Frauen gab es weder in der Mittagspause noch nach Feierabend wirkliche Erholungsmöglichkeiten. Zusätzlich galten sie in der Fabrik häufig als unqualifizierte Arbeitskräfte und mussten die monotonsten Tätigkeiten verrichten. Ihre Entlöhnung war dadurch deutlich geringer. Oft erhielten sie nur die Hälfte des Lohns eines qualifizierten Arbeiters.
Täglich bis zu 30 Tabletten
Die Häufung von Nierenerkrankungen im Jurabogen legte einen Zusammenhang mit der Uhrenindustrie nahe, und so fanden Anfang der 1960er-Jahre erste sozialmedizinische Befragungen über den Tablettenkonsum in der Uhrenindustrie statt. Aus heutiger Sicht scheint ein Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen in den Fabriken, den individuellen Lebensumständen, der finanziellen Situation und dem Schmerzmittelkonsum naheliegend. Und auch die damals ermittelten Daten scheinen dies zu unterstützen: Es stellte sich nämlich heraus, dass rund vier Fünftel aller Schmerzmittelkonsumierenden in der Uhrenindustrie Frauen waren. Zudem waren es vorrangig die Arbeiterinnen und Arbeiter, die Schmerzmittel konsumierten, jedoch nicht die Büroangestellten in derselben Fabrik. Wer im Akkord arbeitete, schluckte mehr Analgetika als Angestellte im Stundenlohn. Anstrengendere Arbeit sowie ein tieferer Ausbildungsgrad führten ebenfalls zu mehr Konsum, wurde festgehalten. Dennoch wurde zu jener Zeit kaum eine Verbindung zwischen Arbeitsbedingungen und der Einnahme von Schmerzmitteln hergestellt. Stattdessen verfolgten die Forscher der 1960er-Jahre andere Ansätze für den übermässigen Schmerzmittelkonsum in der Uhrenindustrie und suchten die Ursache vor allem in «Hast und Unruhe» der modernen Zeit oder in «frühkindlicher Milieuschädigung». Dementsprechend gab es kaum Stimmen, die sich gegen die prekären Arbeitsbedingungen in der Uhrenindustrie erhoben. Lange setzten sich weder die Schweizerische Unfallversicherung (SUVA), noch das Arbeitsinspektorat oder die Gewerkschaften für die Verbesserung dieser Bedingungen ein.


Blick in die Fabrikhallen der ETA, ca. 1960. Memobase, Zentralbibliothek Solothurn / Memobase, Zentralbibliothek Solothurn
Vom Bauerndorf zur Technologiestadt
Die Dauerausstellung des Museum Grenchen nimmt Besucherinnen und Besucher mit auf eine spannende Zeitreise durch die Geschichte der Region Grenchen – vom Bauerndorf zur Technologiestadt. Sie beleuchtet die Entwicklung der Uhrenindustrie und deren Einfluss auf die Region.


