
Vom Schieferstollen in den Schulalltag
Der Schieferabbau rund um Frutigen lieferte das Material für Millionen von Schiefertafeln für die Schule. So verband harte Bergarbeit die abgelegenen Stollen direkt mit den Schulstuben weit über die Region hinaus.
Dass dort Schiefer gewonnen werden konnte, war allerdings schon vor Studers Publikation bekannt. Ein früher Hinweis stammt aus dem Jahr 1786: Damals liess der Schlossherr von Spiez sein Bootshaus am Thunersee mit Schiefer aus einer Grube bei Mülenen, am Fusse des Niesens, decken. Nach dem grossen Dorfbrand von Frutigen im Jahr 1827 erhielt der Schieferabbau einen zusätzlichen Schub. Aus Brandschutzgründen wurde das Eindecken der Dächer mit Holzschindeln verboten – da kam der regional verfügbare Schiefer wie gerufen. Allerdings erwies er sich als weniger witterungsbeständig als Dachschiefer aus anderen Regionen, sodass die Nachfrage stetig sank und der Abbau im Jahr 1868 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde.
Der Abbau hatte sich mittlerweile weiter taleinwärts ins Engstligental verlagert. Dort wies das Gestein eine andere Beschaffenheit auf als am Taleingang, was neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnete. Besonders gut eignete sich dieser leicht weichere und tiefschwarze Schiefer für die Herstellung von Schreibtafeln. Dies bestätigte auch der Berner Geologe Eduard Gerber in einem Gutachten zur Beurteilung der Vorkommen im Gebiet des Gantenbachs. Er schätzte das abbaubare Volumen auf rund eine Million Kubikmeter Rohschiefer und hielt fest:
Jedenfalls ist das Schiefervorkommen bei Frutigen eines der grössten der Schweiz, und es hat dieser Schiefer deshalb besonders hohen Wert, weil er sich infolge seiner Beschaffenheit als vorzüglichster Schiefer für Schulschreibtafeln bereits erwiesen hat […].
Harte und gefährliche Arbeit
Auch die Arbeit unter Tage, in den bis zu 300 Meter tief in den Berg reichenden, niedrigen Stollen, war eine grosse körperliche Belastung. Die Schieferblöcke mussten zunächst durch Sprengungen freigelegt und anschliessend in Handarbeit mit Hammer und Meissel gelöst und zersägt werden. Mit der Einführung von Presslufthämmern sowie Fräs-, Bohr- und Spaltmaschinen konnte der Abbau zwar beschleunigt und die reine Handarbeit reduziert werden, doch die Staubbelastung in den ohnehin stickigen Stollen nahm dadurch noch zu. Viele der Bergleute erkrankten in der Folge an Silikose (Staublunge), litten unter schweren Atembeschwerden und starben später an Lungenschäden.
Der Lohn aus dem Schieferabbau war für die meist kinderreichen Familien ein wichtiger Beitrag zum Lebensunterhalt. Prekär wurde die Situation, wenn der Vater durch einen Unfall ausfiel. Solche Unfälle waren keine Seltenheit: Zwischen 1875 und 1920 berichten Zeitungen von 24 Unglücksfällen mit 11 Todesopfern und 18 teils Schwerverletzten, wobei davon auszugehen ist, dass nicht alle in der Presse Erwähnung fanden. Rund ein Viertel der veröffentlichten Unglücksmeldungen stand in Zusammenhang mit der Handhabung von Sprengstoff. Die Zeitungsberichte zeigen zudem, dass auch Jugendliche im Schieferabbau mitarbeiteten. So verunglückte am 6. Juli 1915 der 13-jährige Johann Trummer tödlich, als er beim Transport von Schieferplatten ausglitt und über einen Felsen stürzte.
Die Ware wurde entweder als Rohschieferplatten oder als bearbeitete Schreibtafeln mit oder ohne Holzrahmen ausgeführt. Die Holzrahmen wurden lange Zeit in Heimarbeit in den Haushalten rund um Frutigen gefertigt. Auch die Idee der roten Hilfslinien auf den Tafeln entstand in der Region: Oberlehrer Johann Egger führte diese Linien ein; die so gestalteten Tafeln wurden fortan «Egger-Tafeln» genannt.
Schiefer statt Papier
Exportiert wurden die Tafeln vor allem nach Deutschland und Frankreich, aber auch Schulen in Ägypten, Russland, Griechenland, der Türkei sowie zahlreichen südamerikanischen Staaten wurden beliefert.
Diese Diskussionen traten jedoch bald in den Hintergrund: Während der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise traf der allgemeine Rohstoffmangel auch die Papierindustrie stark, was zu einem Umdenken führte. Das Volkswirtschaftsdepartement empfahl den Kantonen die Schiefertafeln, um den Papierverbrauch zu reduzieren.
Gleichzeitig beehren wir uns nun, die Frage der Wiedereinführung der Schiefertafel in den Schulen Ihrer wohlwollenden Aufmerksamkeit zu empfehlen. Wir glauben in der Tat, dass diese Einführung sich heute aus mehr als einem Grunde rechtfertigt.





