Der Arbeiter Alois Jeremias und zwei seiner Söhne sitzen auf einem Rollwagen in einem Schieferstollen, um 1960.
Der Arbeiter Alois Jeremias und zwei seiner Söhne sitzen auf einem Rollwagen in einem Schieferstollen, um 1960. Kulturgutstiftung Frutigland

Vom Schiefer­stol­len in den Schulalltag

Der Schieferabbau rund um Frutigen lieferte das Material für Millionen von Schiefertafeln für die Schule. So verband harte Bergarbeit die abgelegenen Stollen direkt mit den Schulstuben weit über die Region hinaus.

Reto Bleuer

Reto Bleuer

Reto Bleuer ist ehrenamtlicher Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern.

Im 19. Jahrhundert etablierte sich die Wissenschaft der Geologie und damit die Erforschung der Gesteine in der Schweiz. Massgeblich dazu beigetragen hat Bernhard Studer, Professor für Geologie und Mineralogie an der Universität Bern. Einige Ergebnisse seiner Untersuchungen veröffentlichte er 1834 im Werk «Geologie der westlichen Schweizer-Alpen – ein Versuch». Darin beschrieb Studer den geologischen Aufbau der Niesenkette, eines rund 20 Kilometer langen Gebirgszuges in den Berner Voralpen, dessen Gestein abwechselnd aus Sandstein und abbaubarem Tonschiefer besteht.

Dass dort Schiefer gewonnen werden konnte, war allerdings schon vor Studers Publikation bekannt. Ein früher Hinweis stammt aus dem Jahr 1786: Damals liess der Schlossherr von Spiez sein Bootshaus am Thunersee mit Schiefer aus einer Grube bei Mülenen, am Fusse des Niesens, decken. Nach dem grossen Dorfbrand von Frutigen im Jahr 1827 erhielt der Schieferabbau einen zusätzlichen Schub. Aus Brandschutzgründen wurde das Eindecken der Dächer mit Holzschindeln verboten – da kam der regional verfügbare Schiefer wie gerufen. Allerdings erwies er sich als weniger witterungsbeständig als Dachschiefer aus anderen Regionen, sodass die Nachfrage stetig sank und der Abbau im Jahr 1868 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde.
Unerwartete Impulse erhielt die Branche anschliessend von der Konkurrenz: Drei Familien aus der Schieferhochburg Elm im Kanton Glarus siedelten gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nach Frutigen über und brachten Fachwissen, Kapital und Kundschaft mit.

Der Abbau hatte sich mittlerweile weiter taleinwärts ins Engstligental verlagert. Dort wies das Gestein eine andere Beschaffenheit auf als am Taleingang, was neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnete. Besonders gut eignete sich dieser leicht weichere und tiefschwarze Schiefer für die Herstellung von Schreibtafeln. Dies bestätigte auch der Berner Geologe Eduard Gerber in einem Gutachten zur Beurteilung der Vorkommen im Gebiet des Gantenbachs. Er schätzte das abbaubare Volumen auf rund eine Million Kubikmeter Rohschiefer und hielt fest:

Jedenfalls ist das Schiefer­vor­kom­men bei Frutigen eines der grössten der Schweiz, und es hat dieser Schiefer deshalb besonders hohen Wert, weil er sich infolge seiner Beschaf­fen­heit als vorzüg­lichs­ter Schiefer für Schulschreib­ta­feln bereits erwiesen hat […].

Eduard Gerber, Geologe
An der Ostflanke der Niesenkette, in den sogenannten Spissen, entstanden nach und nach Schieferstollen. Bisher lebten Bergbauernfamilien unter bescheidensten Verhältnissen zwischen steilen Hängen und tiefen Gräben auf diesen markanten Landrücken. Nun arbeiteten zeitweise weit über 200 Menschen in rund 20 Stollen im Schieferabbau.
Blick auf den zerfurchten Berg Gsür am Südrand der Niesenkette, die von Adelboden bis Frutigen läuft.
Blick auf den zerfurchten Berg Gsür am Südrand der Niesenkette, die von Adelboden bis Frutigen läuft. e-pics

Harte und gefähr­li­che Arbeit

Der Zugang zu den abgelegenen Gruben erfolgte über schmale, steile Pfade, die im Winter vereist und lawinengefährdet waren. Bevor einfache, teilweise abenteuerliche Seilbahnen gebaut wurden, dienten diese Wege auch als Transportstrecken, über die der Schiefer mit Hornschlitten oder dem «Räf», einer Rückentrage, zur nächstgelegenen Strasse gebracht wurde.

Auch die Arbeit unter Tage, in den bis zu 300 Meter tief in den Berg reichenden, niedrigen Stollen, war eine grosse körperliche Belastung. Die Schieferblöcke mussten zunächst durch Sprengungen freigelegt und anschliessend in Handarbeit mit Hammer und Meissel gelöst und zersägt werden. Mit der Einführung von Presslufthämmern sowie Fräs-, Bohr- und Spaltmaschinen konnte der Abbau zwar beschleunigt und die reine Handarbeit reduziert werden, doch die Staubbelastung in den ohnehin stickigen Stollen nahm dadurch noch zu. Viele der Bergleute erkrankten in der Folge an Silikose (Staublunge), litten unter schweren Atembeschwerden und starben später an Lungenschäden.
Eine Reportage aus dem Jahr 1941 dokumentierte den Schieferabbau beim Niesen. Mit Hammer und Meissel wurden die Blöcke gelöst.
Eine Reportage aus dem Jahr 1941 dokumentierte den Schieferabbau beim Niesen. Mit Hammer und Meissel wurden die Blöcke gelöst. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
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Zwei Arbeiter zersägen eine Schieferplatte.
Zwei Arbeiter zersägen eine Schieferplatte. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
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Ein Arbeiter schiebt einen Rollwagen aus dem Stollen.
Ein Arbeiter schiebt einen Rollwagen aus dem Stollen. Schweizerisches Nationalmuseum / ASL
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In den grösseren Grubengebäuden konnten die Arbeiter übernachten, viele kehrten aber jeweils ins Tal oder in ihre Häuser auf den Spissen zurück, da sie nebenbei kleine Landwirtschaftsbetriebe führten. Nach der morgendlichen Stallarbeit begaben sie sich in die Gruben und nach einem langen Arbeitstag kehrten sie zurück, um das Vieh erneut zu versorgen. Tagsüber übernahmen Frauen und Kinder die Arbeiten auf dem Hof.

Der Lohn aus dem Schieferabbau war für die meist kinderreichen Familien ein wichtiger Beitrag zum Lebensunterhalt. Prekär wurde die Situation, wenn der Vater durch einen Unfall ausfiel. Solche Unfälle waren keine Seltenheit: Zwischen 1875 und 1920 berichten Zeitungen von 24 Unglücksfällen mit 11 Todesopfern und 18 teils Schwerverletzten, wobei davon auszugehen ist, dass nicht alle in der Presse Erwähnung fanden. Rund ein Viertel der veröffentlichten Unglücksmeldungen stand in Zusammenhang mit der Handhabung von Sprengstoff. Die Zeitungsberichte zeigen zudem, dass auch Jugendliche im Schieferabbau mitarbeiteten. So verunglückte am 6. Juli 1915 der 13-jährige Johann Trummer tödlich, als er beim Transport von Schieferplatten ausglitt und über einen Felsen stürzte.
Die Schieferhütten waren nur schwer erreichbar und lagen in lawinengefährdetem Gelände.
Die Schieferhütten waren nur schwer erreichbar und lagen in lawinengefährdetem Gelände. zVg
Nebst dem aufstrebenden Fremdenverkehr und der Zündholzfabrikation in der Region war die Schieferindustrie ein zentrales Argument für den Anschluss Frutigens an das Eisenbahnnetz. Als 1890 das Konzessionsgesuch für die Linie Frutigen–Spiez beim Bundesrat eingereicht wurde, exportierten die lokalen Betriebe bereits über 5000 Tonnen Schiefertafeln pro Jahr. Mit der Eröffnung der Bahnstrecke im Jahr 1901 wurde der Transport deutlich erleichtert.

Die Ware wurde entweder als Rohschieferplatten oder als bearbeitete Schreibtafeln mit oder ohne Holzrahmen ausgeführt. Die Holzrahmen wurden lange Zeit in Heimarbeit in den Haushalten rund um Frutigen gefertigt. Auch die Idee der roten Hilfslinien auf den Tafeln entstand in der Region: Oberlehrer Johann Egger führte diese Linien ein; die so gestalteten Tafeln wurden fortan «Egger-Tafeln» genannt.
Zwei Männer befestigen Holzrahmen an Schiefertafeln.
Zwei Männer befestigen Holzrahmen an Schiefertafeln. Schweizerisches Nationalmuseum

Schiefer statt Papier

Die hohe Qualität des «Spissen-Schiefers» wurde weit über die Region hinaus anerkannt. An der Weltausstellung 1900 in Paris erhielten die Schiefertafeln von Kambly, Moser & Cie. aus Frutigen die Bronzemedaille. Die Schiefertafelfabrik Kanderbrück wurde an der Schweizerischen Landesausstellung 1914 in Bern in der Kategorie Steinbearbeitung mit Silber ausgezeichnet.

Exportiert wurden die Tafeln vor allem nach Deutschland und Frankreich, aber auch Schulen in Ägypten, Russland, Griechenland, der Türkei sowie zahlreichen südamerikanischen Staaten wurden beliefert.
Ein Mädchen schreibt mit Griffel auf eine Schiefertafel, 1930-1950.
Ein Mädchen schreibt mit Griffel auf eine Schiefertafel, 1930-1950. Staatsarchiv Basel-Stadt
Der inländische Markt war ebenfalls bedeutend, obschon die Schiefertafel gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend unter Druck geriet. Zahlreiche Lehrkräfte forderten, Schreibtafeln und Griffeln durch Papier und Füllfederhalter zu ersetzen, da die Schiefertafel für Kurzsichtigkeit sowie Rückenbeschwerden der Schülerinnen und Schüler verantwortlich gemacht wurde. Es entstand eine intensive und langanhaltende Debatte zwischen Personen, welche die Schiefertafel befürworteten, und solchen, die sie ablehnten. Einige Kantone und Gemeinden verboten daraufhin den Einsatz der Tafeln im Unterricht ganz oder ab einer bestimmten Klassenstufe.

Diese Diskussionen traten jedoch bald in den Hintergrund: Während der beiden Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise traf der allgemeine Rohstoffmangel auch die Papierindustrie stark, was zu einem Umdenken führte. Das Volkswirtschaftsdepartement empfahl den Kantonen die Schiefertafeln, um den Papierverbrauch zu reduzieren.

Gleich­zei­tig beehren wir uns nun, die Frage der Wieder­ein­füh­rung der Schiefer­ta­fel in den Schulen Ihrer wohlwol­len­den Aufmerk­sam­keit zu empfehlen. Wir glauben in der Tat, dass diese Einfüh­rung sich heute aus mehr als einem Grunde rechtfertigt.

Schreiben der Abteilung für industrielle Kriegswirtschaft an die Erziehungsdirektion des Kantons Schaffhausen, 11. September 1918
So erlebte die Schiefertafel in dieser Zeit einen erneuten Aufschwung und blieb noch über Jahrzehnte hinweg ein wichtiges Unterrichtsmittel. Das wirkte sich positiv auf den Schieferabbau am Niesen aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängten preisgünstige Importe, insbesondere aus Italien und Portugal, die einheimischen Schieferprodukte vom Markt. Die Nachfrage sank spürbar, und 1977 musste die letzte Schiefergrube in der Region Frutigen ihren Betrieb einstellen.

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