Interrailreisende vor dem Nachtzug Rom–Basel im Bahnhof Basel SBB, 1994.
Interrailreisende vor dem Nachtzug Rom–Basel im Bahnhof Basel SBB, 1994. SBB Historic

Interrail – Jugend auf grosser Fahrt

Für 275 Franken einen Monat mit dem Zug durch Europa reisen. Dieses Angebot wurde 1972 unter dem Begriff Interrail eingeführt. Es verleitete Sommer für Sommer Zehntausende Schweizer Jugendliche zu Reisen quer über den Kontinent. Für viele junge Menschen war dies gleichzeitig die erste selbständige Auslandreise überhaupt.

Marc Ribeli

Marc Ribeli

Marc Ribeli ist Historiker und betreut bei SBB Historic die Bereiche Foto-, Film- und Videoarchiv.

«Interrail, das Bahnabonnement für ganz Europa für alle Jungen, die nicht älter als 21 sind». Das Werbeplakat fasst das Angebot präzise zusammen. Zwar sind die beiden Reisenden nicht unbedingt als Jugendliche zu erkennen, doch bunte Kleidung und die Gitarre verweisen auf Symbole, die später immer wieder für die Visualisierung von Interrail-Reisen genutzt wurden. Noch häufiger wurden junge Menschen mit Rucksäcken dargestellt – auf dem ersten Plakat waren jedoch noch klassische Koffer zu sehen.
Das ikonische erste Interrail-Plakat aus dem Jahr 1973, entworfen vom Franzosen Guy Georget (1911–1992).
Das ikonische erste Interrail-Plakat aus dem Jahr 1973, entworfen vom Franzosen Guy Georget (1911–1992). SBB Historic

Jubiläum als Basis für freie Fahrt

Kreiert wurde das Interrail-Ticket 1972 im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums des internationalen Eisenbahnverbands (UIC). Innerhalb des vielfältigen Jubiläumsprogramms beschlossen 21 europäische Bahnverwaltungen, einen Interrailpass für die Jugend einzuführen. Personen bis zum 21. Altersjahr konnten vom 1. März bis zum 30. November während eines Monats in der 2. Klasse im Zug durch Europa reisen. Im Ausgabeland waren die Bahnfahrten zum halben Preis zu haben, auf den Staatsbahnen der übrigen Länder galt der Ausweis als Generalabonnement für beliebige Fahrten. Kaufpreis in der Schweiz: 275 Franken.

Dieses Angebot eröffnete insbesondere Schülerinnen und Schülern, Lernenden oder Studierenden eine kostengünstige Reisemöglichkeit. Unter diesen jungen Menschen stiess das Angebot denn auch auf eine grosse Nachfrage. Die ursprünglich nur für das Jahr 1972 und auf einige Monate befristete Aktion wurde zum Grosserfolg: Waren 1972 in der Schweiz noch 8726 Karten verkauft worden (in Europa 87'625), wurden es ein Jahr später bereits 13’059 verkaufte Karten in der Schweiz und 119'011 in Europa. Kein Wunder, entwickelte sich Interrail fortan zum permanenten Angebot. 1974 konnte der Pass bereits während des ganzen Jahres genutzt werden, nicht nur während der Hauptreisezeit. Zwei Jahre später wurde die Altersgrenze auf 23 heraufgesetzt, 1979 auf 26 Jahre.
Interrail-Musterticket der Schweizerischen Transportunternehmungen von 1973.
Interrail-Musterticket der Schweizerischen Transportunternehmungen von 1973. SBB Historic

Autostopp per Bahn

Für viele Jugendliche war Interrail gleichbedeutend mit der ersten Auslandreise, die unabhängig von den Eltern geplant und durchgeführt wurde. Auch mit bescheidener Reiseerfahrung bot sich so die Möglichkeit, eine Reise selbst zu gestalten, aus dem begrenzten lokalen Umfeld aufzubrechen und sich frei durch verschiedene Länder Europas zu bewegen. Die Einfachheit des Konzepts passte zu den bescheidenen Ansprüchen vieler junger Reisender. Sie waren grösstenteils mit leichtem Gepäck unterwegs, meistens mit einem Rucksack, was zum Aufkommen des Begriffs «Rucksacktourismus» oder «Backpacking» führte. Sie reisten budgetbewusst, schlugen sich mit wenig Geld durch, übernachteten in Zügen, Bahnhöfen, billigen Hostels oder auf Campingplätzen. Eine Auswertung der Deutschen Bahn umschrieb den typischen Interrailer als «[…] in seinen Wünschen nach Komfort, Entspannung und praktischer Gepäckbeförderung eher bescheiden. Wichtig sind für ihn die durch die Bahnreise gebotenen Möglichkeiten zu eigener sozialer Entfaltung. Im selbständigen Reisen manifestiert sich für ihn die Entwicklung zur Individualität mit emanzipatorischen Akzenten».
Erinnerungsfotos vor der Abfahrt: Rucksackreisende am Bahnhof Genève-Cornavin, 1973.
Erinnerungsfotos vor der Abfahrt: Rucksackreisende am Bahnhof Genève-Cornavin, 1973. SBB Historic
Zur Beliebtheit der Interrailreise trug auf der anderen Seite die Möglichkeit bei, auf einfache Weise gleichgesinnte junge Menschen aus anderen Ländern zu treffen. Anhand von Alter und signalisierenden Accessoires waren Interrailreisende leicht erkennbar, und so entstanden oftmals neue Bekanntschaften. Sie führten nicht selten dazu, dass ein Stück des Wegs gemeinsam zurückgelegt wurde, bis die Pläne wieder auseinandergingen. Auch in Zeitungsinseraten wurden Reisebegleitungen gesucht. Interrail traf den Zeitgeist und wurde Teil der Jugendkultur.
Zwei Reisende mit Rucksack am Bahnhof Zürich HB im Juli 1972.
Zwei Reisende mit Rucksack am Bahnhof Zürich HB im Juli 1972. e-pics
Dies lag auch daran, dass Interrail in einem Umfeld veränderter Kulturwerte lanciert worden war – nur wenige Jahre nach den Aktionen der 68er-Bewegung. Neben Trampen als Autostopp bot die ungebundene und spontane Art des Interrailreisens eine Art «Trampen per Bahn». Es ermöglichte die Emanzipation von der Erwachsenenwelt, bot neue Freiräume und passte gut zum Verständnis einer selbstbestimmten und unabhängigen Jugend. Das Ziel bestand nicht nur darin, wegzureisen, sondern auch sich selbst zu finden. Den Rucksack zu packen und mit dem Zug den Kontinent zu entdecken bot ein Gefühl von Freiheit.
Autostopp per Zug: Plakat «Bahn-Trampen» von 1978.
Autostopp per Zug: Plakat «Bahn-Trampen» von 1978. SBB Historic

Kilometer fressen

Auf der Interrailkarte wurden sämtliche Reiserouten eingetragen, sie diente damit als Reise-Logbuch, in dem alle Fahrten gespeichert wurden. Dem Freundeskreis oder Daheimgebliebenen konnten so die ausgeklügelte Reiseroute und die intensive Nutzung der Züge während des Gültigkeitszeitraums nachgewiesen werden, oftmals unterstützt durch Fotos, die man unterwegs aufgenommen hatte. Eine andere Reiseart war jene, die man heute als travel maxing bezeichnen könnte: das Sammeln möglichst vieler Kilometer. 1972 erreichte ein Schüler ein Kilometertotal von 19'000, der Rekord wurde Jahr für Jahr nach oben geschraubt, 1987 wurden 36'030 km erreicht und im Guinness-Buch der Rekorde eingetragen. Die SBB bemerkte zu dieser «Kilometerfresserei»: «Im Gefühl der fast unbegrenzten Möglichkeiten trachten Anfänger oft danach, in den verfügbaren 30 Tagen ebenso zahlreiche Städte abzuhaken, ohne dabei viel anderes als Bahnhöfe, Zeltplätze und Jugendherbergen zu sehen. Allerdings gehört diese Art legaler Masslosigkeit gerade zum Reiz einer ersten Inter-Rail-Fahrt.» 1975 wurde erstmals ein Interrail-Handbuch herausgegeben, das mit Tipps und Tricks zu einer gelungenen Reise beitragen sollte.

Destina­ti­on Europa

Nebst dem moderaten Preis war die Möglichkeit, die eigene Reiseroute individuell zusammenzustellen, eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg von Interrail. Reisepläne wurden oft kurzfristig geändert, Entscheide, welcher Zug bestiegen werden sollte, teilweise erst am Bahnhof gefällt. Das war der grosse Vorteil von Interrail. Optimal mit dem Zug erreichbar waren Städte, was die europäischen Metropolen zu sehr beliebten Destinationen machte.

«Es reicht, sommers einige Stunden den Aufbruch jüngerer Rucksacktouristen am Zürcher Hauptbahnhof zu beobachten. Abweichungen von der Nord-Süd-Route sind selten». Was die NZZ in den 1980er-Jahren berichtete, meldete die SBB auch für die Anfangsjahre des Interrail: Ein grosser Teil der Schweizer Jugend fuhr Richtung Norden. Umgekehrt schienen Reisende aus den skandinavischen Ländern gerne die Schweiz besucht zu haben: «[Es] hat sich eine gegenseitige Anziehung zwischen unserem Land und den vier Ländern Skandinaviens gezeigt, indem unsere Jugendlichen rund einen Viertel aller Personenkilometer im hohen Norden abgefahren haben, während die jungen Dänen, Finnen, Norweger und Schweden nahezu die Hälfte der in unserem Land geleisteten Inter-Rail-Kilometer buchen konnten». Akzentuiert wurde das grosse Interrail-Interesse an den nordischen Ländern durch die Eröffnung des ersten Interrail-Zentrums 1984 im Hauptbahnhof Kopenhagen. Angeboten wurden Speise- und Aufenthaltsräume, Duschen, Rucksackdepots, Getränke- und Sandwichautomaten von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts.
Frei wie ein Schmetterling quer durch Europa: Broschüren bewerben die Vielfalt der Destinationen.
Quer durch Europa: Broschüren bewerben die Vielfalt der Destinationen. SBB Historic
Als gesamteuropäisches Projekt verstanden, waren im Geburtsjahr von Interrail auch mehrere Bahngesellschaften aus sozialistischen Ländern Europas Teil der Interrailzone. Damit ergab sich eine vereinfachte Möglichkeit, Länder hinter dem «Eisernen Vorhang» zu bereisen. Dazu gehörten etwa Rumänien und Ungarn, im Anfangsjahr auch Polen und die DDR. Die Länder des Ostblocks beteiligten sich passiv: Interrail-Reisende waren willkommen, doch an die eigenen Bevölkerung wurden keine Fahrkarten verkauft.

Hoch im Kurs standen auch die mediterranen Länder wie Italien, Spanien oder Griechenland. Dies führte im Sommer mitunter zu Kapazitätsengpässen bei den Eisenbahnen der südeuropäischen Länder. Ein Sonderfall auf der Interrailkarte war Marokko, das es als einziger nichteuropäischer Staat in die Interrail-Union schaffte.

Die Bahn entdeckt die Jugend

Die Bahngesellschaften ihrerseits verbanden das neue Angebot mit Marketing-Überlegungen: Wurde der Interrailpass nach Verwendung am Schalter wieder abgegeben, so wurde dies mit 15 Franken vergütet. Dies sollte einerseits dazu beitragen, die Einnahmen unter den nationalen Eisenbahnunternehmen adäquat aufzuteilen, bildete aber auch einen Versuch, den Markt zu erforschen und die Bedürfnisse der Jugend zu erfahren. Statistische Grundlagen über deren Reiseverhalten waren nötig, um mit Angeboten wie Interrail ein neues Kundensegment zu erschliessen und die Jugendlichen für die Eisenbahn zu begeistern. Die Bahn verlor im Laufe der 1960er-Jahre Marktanteile an das Auto. Sie war gezwungen, diesem Symbol der Freiheit durch eigene Angebote etwas entgegenzusetzen. Weitere Konkurrenz zeichnete sich durch das Aufkommen von Charterfluggesellschaften ab. Um die junge Generation zu erreichen, verlängerte die Bahn die wenigen bestehenden Jugendangebote, wie etwa vergünstigte Halbtaxabonnemente oder Rail-Europe-Junior (Ermässigung von 25 Prozent auf internationale Billette), und entwickelte neue jugendspezifische Angebote. Die 1970er-Jahre waren das Jahrzehnt, in dem die europäischen Bahnen die Jugend entdeckten.
Die Bahn richtete ihr Augenmerk in den 1970er-Jahren verstärkt auf die Jugend.
Die Bahn richtete ihr Augenmerk in den 1970er-Jahren verstärkt auf die Jugend. SBB Historic

Einbruch, Aufbruch

Interrail war von Anfang an ein Erfolg – allerdings kein kontinuierlicher. Die 1990er-Jahre waren in der Summe ein Jahrzehnt des Verkaufsrückgangs. Die Einführung eines Zonensystems und Preiserhöhungen auf Druck der südeuropäischen Bahngesellschaften hatten das Interrail-System verkompliziert und der Freiheit Grenzen gesetzt. Die Liberalisierung der Flugbranche und das Aufkommen der Billigflugreisen machten europäische Städte und weiter entfernte Destinationen schneller und oftmals günstiger erreichbar. Der ökologische Fussabdruck wurde ausgeblendet. Mit dem Aufkommen der Klimabewegung wurde die Bahn wieder verstärkt gewählt.
Interrailreisende am Bahnhof Basel SBB in den 1990er-Jahren.
Interrailreisende am Bahnhof Basel SBB in den 1990er-Jahren. SBB Historic
Das Angebot wandelte sich im Laufe der Jahrzehnte immer wieder, etwa durch die Eliminierung der Altersgrenze oder die Ausweitung auf die erste Klasse. Das Ticket hat sich der Art des Reisens angepasst: Galt in den Anfangsjahren noch freies Reisen bei offenem Fenster, so braucht es heute oftmals weit im Voraus Sitzplatzreservationen und einen genauen Reiseplan. Dafür können heute Reiseinformationen live per «Rail Planner»-App abgerufen werden, klimatisierte und schnellere Züge machen das Reisen komfortabler. Zum 50-Jahr-Jubiläum des UIC entstanden, feierte Interrail seinerseits im Jahr 2022 sein 50-jähriges Jubiläum. Im Kern steht Interrail heute aber wie schon 1972 für eine flexible und vergleichsweise günstige Reisemöglichkeit.

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