Wilhelmina (stehend) überwacht 1907 die Inventarisierung von Sammlungs- und Fundobjekten.
Wilhelmina (stehend) überwacht 1907 die Inventarisierung von Sammlungs- und Fundobjekten. Hallwylska Museet Stockholm

Wilhel­mi­na von Hallwyls Mission

Vor rund 100 Jahren sicherte eine Schwedin das Erbe der Schweizer Familie von Hallwyl, in die sie 1865 eingeheiratet hatte. Eine Spurensuche, die auch ins Landesmuseum Zürich führt.

Murielle Schlup

Murielle Schlup

Freischaffende Kunsthistorikerin und Kulturwissenschaftlerin

1927 fand die Sammlung Hallwil Eingang in das Landesmuseum Zürich. Ihre Präsentation ist seither weitgehend unverändert geblieben. Edelmobiliar, Kunstobjekte und Alltagsgegenstände drängen sich in Kabinetten und Vitrinen fast lückenlos aneinander. Porträts und Gemälde hängen dicht an dicht bis unter die Decke. Die opulente Sammlung erinnert an eine barocke Wunderkammer, ein Kunst- und Kuriositätenkabinett. Beim Betreten der Ausstellung wähnt man sich in einer begehbaren Zeitkapsel, die Einblicke in die gehobene Schweizer Wohn- und Lebenskultur des 17. bis 19. Jahrhunderts gewährt.

Um diese heterogene Sammlung und deren aus der Zeit gefallene Präsentation zu verstehen, hilft ein Blick auf das Leben und das Wirken der Donatorin Wilhelmina von Hallwyl (1844-1930).

Alter Adel trifft auf neues Geld

Die 1844 in Stockholm geborene Wilhelmina Kempe war ein Einzelkind. Ihre Eltern stammten aus dem deutschen Stralsund an der Ostsee. Mit Holzhandel kam die Familie zu grossem Reichtum. Im Sommer 1864 verweilte sie in Bad Homburg, einem führenden Kurort Europas. Dort, wo alter Adel auf neues Geld traf, wurde Wilhelmina mit Walther von Hallwyl verkuppelt. Der Schweizer Generalstabsoffizier, mittelos, aber von adliger Herkunft, stellte sich der zukünftigen Alleinerbin eines Industrieimperiums als Graf vor: «Eines Tages kam ein junger Herr zu Besuch, […] auf dessen Visitenkarte ‹le Comte W. de Hallwyl› stand», notierte Wilhelmina in ihren Memoiren. Einige Monate später fand die Hochzeit in Stockholm statt. Die Kempes erlangten dank Walthers nobler Abstammung Zugang in schwedische Adelskreise, was den Erfolg der Familienfirma förderte. Im Gegenzug kam Walther zu Wohlstand. Das Paar liess sich in Schweden nieder und gründete eine Familie.
Fotoporträt von Wilhelmina Kempe, 1860er-Jahre.
Porträt von Walther von Hallwyl, 1860er-Jahre.
Die vermögende Wilhelmina Kempe und der verarmte Walther von Hallwyl, fotografiert um 1865. Hallwylska Museet Stockholm / Hallwylska Museet Stockholm

Walther kauft Schloss Hallwyl

Weniger Glück hatte Walthers älterer Bruder Hans, der Stammhalter der Familie und Besitzer von Schloss Hallwyl. Trotz einer reichen Heirat führten ihn kostspielige Umbauarbeiten am Schloss, riskante Finanzgeschäfte und der Börsencrash von 1873 in den Ruin. Bankrott, musste er nicht nur das von seiner Frau Esther von May in die Ehe gebrachte Schloss Rued veräussern, sondern auch die Einrichtung von Schloss Hallwyl. Um das Stammschloss vor der Versteigerung zu bewahren, verkaufte er es 1874 an Walther. Die treibende Kraft hinter der Rettungsaktion war die historisch interessierte Wilhelmina.
Walther (links) und Hans von Hallwyl, porträtiert von Johann Friedrich Dietler, 1848.
Walther (links) und Hans von Hallwyl, porträtiert von Johann Friedrich Dietler, 1848. Schweizerisches Nationalmuseum
Seither blieb das Schloss ganzjährig unbewohnt und leer. Die von Hans initiierten Restaurierungen waren alle im Sand verlaufen. Zwar kümmerte sich ein Verwalter vor Ort um das Notwendigste. Doch Mauerrisse, Dachschäden, Wildwuchs und ein verschlammter Wassergraben zeugten vom fortschreitenden Zerfall. Als Wilhelmina 1903 in die Schweiz reiste, um im Schloss das Familienarchiv aufzusuchen, war sie schockiert über den desolaten Zustand. Sie setzte sich das Ziel, das jahrhundertealte Stammschloss zu erhalten und deshalb zu «[…] retten, was noch an dem Bau zu retten ist», schrieb sie dem Zürcher Franz Otto Schmid.

Die Sicherung des Familienerbes

Der marode Archivturm war der Ausgangspunkt für die Sicherung des Familienerbes. Wilhelmina erfasste mit Schmid die Überreste der Schlossbibliothek und die «alten, staubigen Papiere»: Urkunden, Verträge, Korrespondenz, Inventare und Pläne. Sie bat den Berner Geschichtsprofessor Wolfgang Friedrich von Mülinen – Hans’ Schwiegersohn – um Unterstützung, «[…] damit ich ganz genau erfahre, was machen und wie alles ordnen! Wir sind nur eine herumirrende Herde ohne Hirten». Schmid, mit dem Verfassen der Familiengeschichte beauftragt, liess im In- und Ausland Abschriften von weiteren Dokumenten anfertigen. 1926 übergab Wilhelmina das in Grundzügen erschlossene Familienarchiv mit 10'000 Franken für die Pflege dem Staatsarchiv des Kantons Bern zur Aufbewahrung. Dort ist es mit rund 70 Laufmetern bis heute der grösste Privatbestand.
Es gab viel zu tun: Fotografie des Schlosses Hallwyl, um 1900.
Es gab viel zu tun: Fotografie des Schlosses Hallwyl, um 1900. Staatsarchiv des Kantons Bern, FA von Hallwyl B 1317
Als nächstes mussten der Archivturm und die einstürzenden Mauern der Schlossgräben saniert werden. Bei deren Trockenlegung kamen Alltagsgegenstände zum Vorschein, die während Jahrhunderten darin entsorgt worden waren. Um diese stummen Zeugen früheren Lebens auf dem Schloss zu retten, beauftragte Wilhelmina den Schweden Nils Lithberg mit einer archäologischen Grabung. Die zwischen 1912 und 1914 geborgenen Funde wurden nach Stockholm transportiert und dort systematisch ausgewertet, restauriert, inventarisiert und fotografiert.
Von 1914 bis 1916 restaurierte der schwedische Architekt Anders Roland das Schloss. Gleichzeitig machte er die neugotischen An- und Umbauten aus der Ära von Hans wieder rückgängig. Wilhelmina strebte die Rekonstruktion des «ursprünglichen Zustands» an, wobei man sich auf die Zeit vor Hans’ ersten baulichen Eingriffen 1861 konzentrierte.
Zwischen 1914 und 1916 wurden auch die Grundmauern des Bergfrieds saniert.
Zwischen 1914 und 1916 wurden auch die Grundmauern des Bergfrieds saniert. Staatsarchiv des Kantons Bern, FA von Hallwyl B 1317
Das Denkmalpflegeprojekt war bezüglich Vorgehensweise und wissenschaftlicher Präzision für die damalige Zeit wegweisend. Schloss Hallwyl gilt als erste Burganlage der Schweiz, die methodisch vorbildlich erforscht worden ist. Die Ergebnisse der Grabung und der Restaurierungen gingen in die fünfbändige Dokumentation «Schloss Hallwyl» ein, die zwischen 1924 und 1932 in Stockholm publiziert worden ist.

Männli­cher Erbe fehlt

Wilhelmina und Walther von Hallwyl hatten vier Töchter, aber keinen Sohn. Deshalb war die männliche Linie des Schweizer Adelsgeschlechts mit Walthers Tod 1921 ausgestorben. Weil das Schloss nur im Mannesstamm weitervererbt werden durfte – so sah es der Stammerbenvertrag von 1369 vor –, musste sein Erhalt für die Zukunft gesichert werden. So übertrug Wilhelmina das Schloss 1925 in die von ihr gegründete Hallwil-Stiftung und machte es – in leerem Zustand – öffentlich zugänglich. Damit legte sie den Grundstein für das heutige Museum.
Wilhelmina und Walther von Hallwyl vor ihrem Schloss. Das Bild wurde um 1910 aufgenommen.
Wilhelmina und Walther von Hallwyl vor ihrem Schloss. Das Bild wurde um 1910 aufgenommen. Hallwylska Museet Stockholm
Für die dauerhafte Aufbewahrung der Fundobjekte von Schloss Hallwyl und weiterer «hallwilscher Privataltertümer» sah Wilhelmina von Hallwyl schon früh das Landesmuseum Zürich vor. Dort sollten sie in einem öffentlich zugänglichen «Hallwil-Zimmer» unterkommen. Nach mehrjährigen, teils zähen Verhandlungen mit der Museumsleitung setzte die Donatorin ihren Willen weitgehend durch: Der 1912 unterzeichnete Vertrag gewährte ihr das Recht, die Sammlung in einem separaten Museumsraum nach eigenen Vorstellungen einzurichten und hielt fest, dass die Präsentation für immer unverändert bleiben muss.
Bis zur Schenkungsübergabe plante Wilhelmina die Einrichtung bis in Detail: «Ich weiss schon genau, wie der Raum aussehen muss. Direktor [Hans] Lehmann wird ein komisches Gesicht schneiden, wenn er zu sehen bekommt, was er alles aufstellen muss», schrieb sie an Wolfgang Friedrich von Mülinen. 1927 wurden die letzten Objekte aus Stockholm ins Landesmuseum Zürich geliefert. Wilhelmina begleitete die Übergabe und koordinierte die Einrichtung der Ausstellung. Zur Sicherstellung der Sammlungspflege übergab sie dem Landesmuseum 100'000 Schweizer Franken. Zusätzlich gründete sie 1928 die Wilhelmina von Hallwil-Stiftung.
Das archäologische Kabinett der Sammlung Hallwil im Landesmuseum Zürich. Das Foto entstand 1927.
Das archäologische Kabinett der Sammlung Hallwil im Landesmuseum Zürich. Das Foto entstand 1927. Schweizerisches Nationalmuseum

Wilhel­mi­na von Hallwyls Vermächtnis

Bis zu ihrem Tod 1930 investierte Wilhelmina von Hallwyl viel Geld, Zeit und Herzblut in ihre Projekte, deren Abschluss sie mehrheitlich noch erlebte. 2006 wurde auch das Manuskript der Familiengeschichte unter dem Titel «Geschichte der Herren von Hallwyl» publiziert. Dass diese «Herren» in doppelsinniger Weise zu einem «vielseitigen Denkmal» gekommen sind, ist einer durchsetzungsstarken Frau, einer eingeheirateten Schwedin zu verdanken. Wilhelminas erfüllte ihre Mission, das Erbe der Familie von Hallwyl nachhaltig zu sichern – und schuf damit zugleich ihr eigenes Vermächtnis. Es ist in der Schweiz an drei Orten der Erinnerung und Vermittlung «aufspürbar»: Als Schlossmuseum im Aargau, als «Museum im Museum» in Zürich und als Forschungsarchiv in Bern. Ergänzende wissenschaftliche Publikationen beleuchten ein seit dem 12. Jahrhundert urkundlich bezeugtes Adelsgeschlecht, das die Geschichte unseres Landes mitgeprägt hat. Oder in den Worten Wilhelmina von Hallwyls: «Nicht nur das Schloss hat gewonnen, sondern auch die Wissenschaft – und die nicht am wenigsten».

Biografische Ausstellung zu Wilhelmina von Hallwyl

Die Autorin kuratierte eine neue Dauerausstellung zu Leben und Wirken der schwedischen Mäzenin Wilhelmina von Hallwyl im Schloss Hallwyl. Dort wird die über 800-jährige Schloss- und Besitzergeschichte lebendig vermittelt. 1994 ging das Wasserschloss am Hallwilersee in den Besitz des Kantons Aargau über. Seit 2006 ist es ein Standort von Museum Aargau. Es ist jeweils im Sommerhalbjahr geöffnet.

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