«Schweizerregiment de Bulkeley» in irischen Diensten und «Schweizerregiment von Eptingen» in französischen Diensten, Druckgraphik aus dem Jahr 1772. Animation von Klaas Kaat.

Geflammt, gefürch­tet, legendär

Von Reisläufern über Hundertschweizer zu Fremden Diensten – die in ganz Europa gefürchteten Schweizer Söldner führten ab dem 17. Jahrhundert in französischen Diensten erstmals Regimentsfahnen mit geflammten Eckquartieren. Sie wurden zum Symbol des ruhmreichen Schweizer Soldatentums.

Maël Roumois

Maël Roumois

Maël Roumois ist Historiker und Kurator für Waffen und Militaria am Schweizerischen Nationalmuseum.

In ganz Europa gefürchtet, genossen Schweizer Söldner lange Zeit einen ausgezeichneten, aber auch angsteinflössenden Ruf bei den europäischen Königs- und Fürstenhöfen sowie den gegnerischen Truppen. Seit dem 13. Jahrhundert verkauften Schweizer Militärunternehmer Söldner für militärische Feldzüge oder Kriege. Diese als «Reisläuferei» bezeichneten Einsätze waren zeitlich begrenzt.
Vor allem die französischen Könige setzen schon früh auf das Schweizer Kriegshandwerk. Im Jahr 1496 ging der französische König Karl VIII. sogar so weit, sein Leben komplett in die Hände der Schweizer zu legen: Er gründete mit den Cent-Suisses – auch bekannt als Hundertschweizer – seine persönliche Leib- und Palastwache. Es ist die älteste Schweizergarde, aufgestellt zehn Jahre vor der päpstlichen Schweizergarde in Rom im Jahr 1506. Ab dem 17. Jahrhundert schlossen die eidgenössischen Orte zunehmend langfristige Soldverträge ab. Die Schweizerregimenter wurden in die stehenden Heere der fremden Mächte integriert und nahmen für mehrere Jahre an Kriegen und Feldzügen teil.
Porträt von König Karl VIII. von Frankreich (1470–1498).
Porträt von König Karl VIII. von Frankreich (1470–1498). Wikimedia
Die Karte zeigt die Eidgenossenschaft um 1530 und veranschaulicht ihre Struktur mit den 13 Alten Orten.
Die Karte zeigt die Eidgenossenschaft um 1530 und veranschaulicht ihre Struktur mit den 13 Alten Orten. Wikimedia / Marco Zanoli
Nach der verlorenen Schlacht von Marignano im Jahr 1515 schlossen die 13 Orte der Alten Eidgenossenschaft 1516 mit der Krone Frankreichs den Ewigen Frieden. Dieser Vertrag bildet die Grundlage für das Soldbündnis von 1521. Durch diese Vereinbarung verpflichtete sich die Eidgenossenschaft, dem französischen König eine festgelegte Anzahl von 6000 Schweizer Söldnern zur Verfügung zu stellen, wobei diese Zahl bei Bedarf auch bis zu 16'000 Mann aufgestockt werden konnte. Bis zur Entlassung aller Schweizerregimenter während der Französischen Revolution 1792 standen immer mehrere Tausend eidgenössische Söldner in französischen Diensten.
Der Tuileriensturm am 10. August 1792. Die Schweizergardisten trugen rot-weisse Uniformen.
Der Tuileriensturm am 10. August 1792. Die Schweizergardisten trugen rot-weisse Uniformen. Wikimedia
Einige der Alten Orte schlossen mit dem französischen König einen offiziellen Staatsvertrag, eine sogenannte «Militärkapitulation». Darin wurden die genauen Rahmenbedingungen des Dienstes festgelegt, von der Truppenstärke und dem Sold bis hin zur Rechtsprechung und Religionsfreiheit der Soldaten. Die Schweizerregimenter blieben als feste Einheiten unter der Kontrolle der Orte, dienten aber als Verbündete Frankreichs.
Ein Beispiel einer Militärkapitulation für Schweizerregimenter in spanischen Diensten unter König Karl IV. nach 1800.
Ein Beispiel einer Militärkapitulation für Schweizerregimenter in spanischen Diensten unter König Karl IV. nach 1800. Schweizerisches Nationalmuseum

Im Dienst der Lilien

Jedes Regiment führte eigene Fahnen ins Feld. Die militärischen Feldzeichen einer Truppe waren von grösster repräsentativer Bedeutung und Symbolik: Die Fahnen seien «oft zerfetzt aus der Schlacht heimgebracht, blutbespritzt, mit Ehre bedeckt» gewesen. Die Fahnenweihe war ein feierlicher Akt, bei dem ein Feldprediger, ein für die Seelsorge zuständiger Militärgeistlicher, der die Soldaten auf Treue zur Fahne bis in den Tod einschwor.
Bereits im 16. Jahrhundert trugen die französische Infanterie und die mit ihnen kämpfenden Schweizer Söldnerregimenter ein bis zum Rand gehendes, weisses Kreuz. Dieses entwickelte sich zum festen Markenzeichen der Schweizer Regimentsfahnen in französischen Diensten und wurde später auch in anderen Ländern übernommen. In der Mitte des Kreuzes befand sich meist ein symbolisches Bild eines Heiligen, ein Wappen oder ein Spruch.
Replika einer Regimentsfahne der königlich-französischen Leibgarde, der sogenannten Cent-Suisses oder Hundertschweizer.
Replika einer Regimentsfahne der königlich-französischen Leibgarde, der sogenannten Cent-Suisses oder Hundertschweizer. Schweizerisches Nationalmuseum
Die Hundertschweizer verwendeten 1665 eine Fahne mit den lateinischen Worten «EA EST FIDUCIA GENTIS» («so ist die Treue dieser Nation»), was sie vermutlich bereits seit der Gründung als Motto führten. In zwei gegenüberliegenden Eckfeldern dieser Fahne ist ein reich verziertes «L» zu sehen, das zusammen mit einer Krone und Lilien für den französischen König Ludwig XIV. steht. In den anderen Eckfeldern stand sinnbildlich für das unerschütterliche Pflichtbewusstsein der Garde ein mitten im Wasser stehender Fels, der von Wellen gepeitscht und von Blitzen und Stürmen getroffen wird. In der Mitte des Kreuzes befand sich das königlich-französische Wappen mit Krone und Lilien.

Unter geflamm­tem Banner: Die Ordonnanz-Fahnen der Schweizerregimenter

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts tauchte auf den Schweizer Militärfahnen ein neues Muster auf: Ein durchgehendes weisses Kreuz, dessen Eckfelder mit in die Kreuzmitte zeigenden Flammen in unterschiedlichen Farben ausgefüllt waren. 1672, mit der Einführung des ersten ständigen Linienregiments, wurde das Muster zur offiziellen Vorschrift für die Schweizerregimenter in französischen Diensten. Die verwendeten Farben entsprachen dabei den Wappenfarben des jeweiligen Regimentsobersten. Er bezahlte die Ordonnanzfahnen seines Regiments selbst. So wie die Regimentsfahne seine Farben führte, so trug auch das Regiment den Namen des Obersten. Man sprach beispielweise vom Regiment von Erlach, Lochmann oder Reding.
Eine geflammte Ordonnanzfahne auf einem Gemälde von 1786.
Eine geflammte Ordonnanzfahne, Handzeichnung von 1978. Schweizerisches Nationalmuseum
Starb ein Oberst, schlug der Generaloberst der Stände dem französischen König einen Nachfolger vor, der von ihm dann als Regimentsoberst ernannt wurde. Mit dem Wechsel an der Spitze erhielt das Regiment einen neuen Namen und eine neue Fahne. Die alte Fahne wurde anschliessend verbrannt. Dieses Ritual hat zur Folge, dass nur wenige dieser Regiments- und Kompaniefahnen überlebt haben. Dank überlieferten Dokumenten wie Fahnenbüchern und anderen Zeichnungen und Beschreibungen sind heute trotzdem viele der damaligen Fahnenbilder und -farben bekannt.

Die geflammte Fahne wird zum Symbol des Schweizer Kriegsruhmes

1792 wurden alle Schweizerregimenter entlassen. Einige Orte, die Obersten für Frankreich stellten, übernahmen die geflammte Fahne für ihre eigenen Truppen. Städte gaben sich Stadtbanner mit durchgehendem Kreuz und geflammten Eckfeldern. Im 19. Jahrhundert wurde das Flammenmuster immer mehr verbreitet. Das Motiv der Flammen wurde nicht mehr nur auf Militärfahnen verwendet, sondern zierte auch die Fahnen von Studentenverbindungen, Bruderschaften, Talschaften, Chören und anderen Vereinen.
Das Soldaten-Liederbuch von 1914 zeigt einen typisierten Schweizerkrieger in Harnisch mit einer geflammten Fahne.
Das Soldaten-Liederbuch von 1914 zeigt einen typisierten Schweizerkrieger in Harnisch mit einer geflammten Fahne. Schweizerisches Nationalmuseum
Die geflammte Fahne verkörperte für viele das Schweizer Soldatentum mit ihren Tugenden («Treue und Ehre») und den kriegerischen Ruhm der Schweizerkrieger des Ancien Régime. Diese Symbolik machte sich in den 1930er-Jahren auch die rechtsextreme, faschistische Gruppierung der Nationalen Front, die den deutschen Nationalsozialismus verherrlichte, zu Eigen. Sie gestaltete eine Fahne mit dem durchgehenden weissen Kreuz und geflammten Ecken. Während des Zweiten Weltkriegs wurde diese «Nazi- und Faschistengruppe» verboten und die Fahne von der Zürcher Polizei beschlagnahmt. Sie befindet sich heute in der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums, als Schenkung der Zürcher Kantonspolizei 1990. In der jüngeren Zeit taucht die geflammte Fahne an Demonstrationen und Kundgebungen von rechtsextremen und anderen staatsfeindlichen Gruppierungen auf, die wie damals die Nationale Front die Symbolik von Heldentum und Patriotismus für sich vereinnahmen wollen, welche heute mit der geflammten Fahne verbunden wird, dem Kennzeichen des Schweizer Söldnerwesens.
Geflammte Fahne der Nationalen Front aus den 1930er-Jahren.
Geflammte Fahne der Nationalen Front aus den 1930er-Jahren. Schweizerisches Nationalmuseum
Auch heute noch werden geflammte Fahnen bei Kundgebungen eingesetzt, etwa im Rahmen einer Demonstration in Schwyz im Jahr 2021.
Auch heute noch werden geflammte Fahnen bei Kundgebungen eingesetzt, etwa im Rahmen einer Demonstration in Schwyz im Jahr 2021. Keystone

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