Darstellung der Wilden Jagd aus dem 19. Jahrhundert von Johann Wilhelm Cordes.
Darstellung der Wilden Jagd aus dem 19. Jahrhundert von Johann Wilhelm Cordes. Wikimedia

Der Reforma­tor und die Geister

Ludwig Lavater war nicht nur Nachfolger von Huldrych Zwingli, sondern auch ein grosser Liebhaber von Geistergeschichten. Er sammelte und veröffentlichte sie in einem Buch.

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr

Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschafter und lebt in Zürich.

In der Reformationszeit soll sich in Chiavenna im norditalienischen Veltlin eine merkwürdige Geschichte zugetragen haben. Der dortige Pfarrer liess auf dem Friedhof Krebse mit kleinen Kerzen auf dem Rücken herumlaufen. In der Predigt führte dieser Pfarrer die Erscheinung als Beweis für Arme Seelen an: Seelen von Verstorbenen, die keine Ruhe finden konnten. Der Betrug flog aber auf, weil der Mann Gottes nicht alle Krebse wieder einsammeln konnte. Die Geschichte war im 16. Jahrhundert populär und findet sich im sogenannten Gespensterbuch des Zürcher Pfarrers Ludwig Lavater (1527 – 1587), das 1569 beim Zürcher Drucker Froschauer zum ersten Mal gedruckt wurde. Es trägt einen umständlichen Titel, der aber den Inhalt des Buches exakt beschreibt: Von Gespänstern, Unghüren und Fällen, die meistens wenn Leute sterben sollen oder wenn sonst grosse Änderungen sich abzeichnen, kurzer und einfältiger Bericht, gestellt durch Ludwig Lavater, Diener der Kirchen zu Zürich im Jahr 1569.
Porträt von Ludwig Lavater, um 1670.
Porträt von Ludwig Lavater, um 1670. Schweizerisches Nationalmuseum

Wenn der Theologe Gespens­ter­ge­schich­ten sammelt

Ludwig Lavater war Theologe und für kurze Zeit Vorsteher (Antistes) der Zürcher Kirche in der Nachfolge von Ulrich Zwingli. Er hat sich primär mit theologischen Themen befasst und einige Bücher hinterlassen. Grossen Fleiss hat er aber auf die Sammlung von Gespenstergeschichten verwendet und lag damit ganz im Trend der Zeit: Die Humanisten, zu denen er auch gehörte, durchforsteten die damals bekannte Literatur und stellten thematische Sammlungen zusammen. Im Gespensterbuch von 1569 finden sich Dutzende von Gespenster- und Geistergeschichten. Sie sind in eine theologische Erklärung verpackt: Lavater unterscheidet genau zwischen wahren und falschen Geistern und hat eine eigene Erklärung für die Existenz von wahren Geistern. Sind es für die Katholiken arme Seelen so sind es für ihn Engel, womit sich seine Erklärung nicht wesentlich von der katholischen Version unterscheidet. Pfarrer Lavater hat seine Geschichten nicht selber erfunden, sondern aus der gelehrten Literatur seiner Zeit zusammengetragen. Anders als sein Zeitgenosse, der Zürcher Naturwissenschaftler Conrad Gessner (1516- 1565), der viele seiner Beobachtungen durch lokale Korrespondenten erhielt, beschränkte er sich auf schriftliches Material aus gedruckten Quellen. Sein Buch ist deshalb auch ein anregender Rundgang durch das damalige Geistesleben. Die Geschichte von den Lichterkrebsen hat er nach eigenen Angaben beim Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466 – 1536) gefunden. Sie muss in jener Zeit sehr populär gewesen sein, denn sie wurde in unzähligen Variationen erzählt.
Das Gespensterbuch von Ludwig Lavater, 1569.
Das Gespensterbuch von Ludwig Lavater erschien erstmals 1569 und wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Zentralbibliothek Zürich

Bewaff­ne­tes Heer am Himmel

Eine wichtige Quelle ist für ihn auch der umtriebige Abt Johannes Trithemius auch Johannes von Trittenheim (1462 – 1516) genannt. Trithemius hatte offenbar ein grosses Interesse an hintergründigen und merkwürdigen Geschichten. Er hat eines der ersten Werke über Kryptografie geschrieben (Steganographia/Polygraphia). Trithemius überliefert auch eine Geschichte vom wütenden Heer: Demnach sollen im Jahr 1098 in der Nähe des Klosters von Worms ein Heer von bewaffneten Männern am Himmel erschienen sein. Ein Mönch ging nach draussen, bekreuzigte sich und fragte, wer die Männer seien. «Wir sind keine lebenden Kriegsleute, sondern die Seelen derer, die einmal gekämpft haben», erhielt er zur Antwort. Sie seien vom Feuer umgeben, das Menschen aber nicht sehen können. Auf die Frage des Mönches, wie man ihnen helfen könne, antworteten sie: Mit beten und fasten. Wenig später hätten sie sich von dannen gemacht, vorher aber im Chor gerufen: «Betet für uns». Die Geschichte vom wütenden Heer ist eine Sage, die in ganz Europa in vielen Varianten überliefert wurde und Eingang in zahlreiche Sagensammlungen des 19. Jahrhunderts fand. Das Geisterheer soll besonders in den Raunächten zwischen Weihnachten und Neujahr sein Unwesen getrieben haben. Erscheinungen wie diese deuten im zeitgenössischen Glauben auf bevorstehendes Unheil hin.
Ein Berggeist (unten rechts) treibt sein Unwesen.
Ein Berggeist (unten rechts) treibt sein Unwesen. Illustration im Buch von Olaus Magnus aus dem 16. Jahrhundert. Wikimedia
Ein Berggeist und ein kleiner Teufel arbeiten in einem Bergwerk.
Ein Berggeist und ein kleiner Teufel arbeiten in einem Bergwerk. Illustration im Buch von Olaus Magnus aus dem 16. Jahrhundert. Wikimedia

Von Trollen und Kobolden

Besonders reizvoll sind die Geschichten von Berggeistern, die Lavater in seinem Buch zusammengetragen hat. Er beruft sich unter anderem auf Olaus Magnus, Bischof von Uppsala, und dessen monumentale Darstellung der nordischen Völker «De gentibus septentrionalibus» von 1555. Seine wichtigste Quelle ist allerdings Georgius Agricola (1494 – 1555). Der deutsche Arzt und Wissenschaftler schrieb mit dem Buch «De re metallica» die erste umfassende illustrierte Darstellung über den Bergbau. Darin findet sich auch ausführliches Kapitel zum Thema Berggeister mit dem Titel «Über die Lebewesen unter Tage». Von Agricola übernimmt Lavater die Einteilung der Berggeister: Demnach gibt es bösartige, von denen man sich hüten muss, und gutartige: Trolle oder Kobolde, später wurden daraus die Zwerge, die in der Figur der Gartenzwerge noch heute fortleben. Eine Berggeist-Geschichte kennt er aber von einem Briefkontakt mit einem Bekannten aus der Gegend von Davos: Demnach soll in einer Silbergrube von Davos lange Zeit ein Berggeist gehaust haben. Man habe beobachten können, wie er Steine von einem Gefäss ins andere schüttete. Der Besitzer der Grube, Peter Buol, habe sich jeweils bekreuzigt und sei unversehrt geblieben. Einmal aber hätten die Bergknappen den Berggeist beschimpft und mit Flüchen überschüttet. Da habe er einen von ihnen genommen und ihm den Kopf umgedreht, bis sein Gesicht nach hinten schaute. Der Knappe hätte mit dieser Missgestaltung noch viele Jahre weitergelebt. Diese Geschichte wurde über verschiedene Autoren weitererzählt und kam schliesslich auch den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm zu Ohren. Sie haben das Motiv in eine ihrer Sagen eingebaut und mit anderen Motiven gemischt; es findet sich im Buch «Deutsche Sagen» von 1816.

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