Generalstreik in Grenchen 1918. Foto: Kultur-Historisches Museum Grenchen

Die Schweiz nach der Russischen Revolution

Nach der Russischen Revolution begann der Kampf in der Politik. Auch in der Schweiz.

«Ich bin eben lange unterbrochen worden durch Russen, die mir binnen wenigen Tagen alle Fäden der Bolschewiki-Organisationen in unserm Lande liefern wollen. – Herrlich wäre es, wenn ich im Stande wäre, mit positiven Tatsachen den Bundesrat zwingen zu können, einzuschreiten.» Diese Briefpassage von General Ulrich Wille an seine Frau vom 7. November 1918 zeigt, dass der Bolschewismus ein Jahr nach der Oktoberrevolution bei den helvetischen Eliten nicht nur ein abstraktes Feindbild geworden war, sondern auch als innenpolitische Bedrohung erschien. Das Lobbying antibolschewistischer Exilrussen trug dazu bei. Wille konnte die «positiven Tatsachen» nicht liefern, bereits einen Tag zuvor hatte der Bundesrat aber – auch auf Druck der Siegermächte des Weltkriegs – die Ausweisung der Sowjetmission unter Jan Berzin beschlossen. Diese hatte sich im Frühjahr in Bern als offiziöse Vertretung der Sowjetregierung etabliert und galt in bürgerlichen Kreisen als Revolutionszentrale.

Der Ausweisungsbeschluss wurde am 12. November vollzogen. Es war dies just der erste Tag des Landesstreiks, der grössten innenpolitischen Krise seit 1848. Dem dreitägigen Ausstand, der zeitgleich mit dem Kriegsende und dem Zusammenbruch der Monarchien in Deutschland und Österreich stattfand, lag eine Reihe sozialer und politischer Konfliktlinien zu Grunde, die lange vor 1914 bestanden und sich während des Kriegs verschärft hatten. Unmittelbarer Auslöser war aber die – ebenfalls am 6. November vom Bundesrat angeordnete – militärische Besetzung Zürichs und die gewaltsame Auflösung einer von 7000 Personen besuchten Feier zum Jahrestag der russischen Revolution am 10. November. Eine grossangelegte Untersuchung der Bundesanwaltschaft nach der Ausweisung der Sowjetmission förderte indessen kein belastendes Material zu Tage. Trotzdem hielt sich die Theorie, der Generalstreik sei von den Sowjets initiiert worden, in bürgerlicher Presse und Historiografie für fast vier Jahrzehnte. Die Öffnung russischer Archive entzog ihr dann in den 1990er Jahren definitiv den Boden.

Die Fehlinterpretation des Landesstreiks als bolschewistischer Umsturzversuch machte aus dem Antikommunismus nicht nur eine aussenpolitische Maxime, sondern auch eine innenpolitische Waffe gegen links. So wurden in der Zwischenkriegszeit Arbeitskämpfe gern als von Moskau ferngesteuerte Aktionen diskreditiert. Die in der Zeit des Landesstreiks entstandenen Bürgerwehren schlossen sich 1919 zum Schweizerischen Vaterländischen Verband (SVV) zusammen. Dieser konzentrierte sich in der Folge auf Streikabwehr, Koordination bürgerlicher Wahl- und Abstimmungskämpfe sowie, in Zusammenarbeit mit Bundesbehörden, die Bespitzelung linker Organisationen und unterschied dabei kaum zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten. Der Westschweizer SVV-Sekretär Théodore Aubert gründete 1924 die Entente Internationale Anticommuniste, die auch mit Organisationen aus dem rechtsradikalen Spektrum zusammenarbeitete. Aubert selber sollte dann von 1935 bis 1939 die faschistische Union Nationale im Nationalrat vertreten.

Häufig mischten sich in den Antibolschewismus antisemitische Töne. Bereits ein geheimer Lagebericht der Nachrichtensektion des Generalstabs vom Oktober 1919 sprach über die angeblich wachsende Bedeutung der «Judenfrage» und betonte, der Delegierte des sowjetischen Roten Kreuzes in der Schweiz habe «einen Anhang von Juden» um sich, «die als notorische Bolschewisten bekannt sind und mit denen mehr oder weniger anständige Russen nichts mehr zu tun haben wollen». 1938 stellte dann der von der «Aktion gegen den Kommunismus» verantwortete Propagandastreifen Die Rote Pest, die teuerste Schweizer Filmproduktion der Zwischenkriegszeit, den Landesstreik zusammen mit sozialen Unruhen in aller Welt als Teil einer globalen jüdisch-bolschewistischen Verschwörung dar.

Am ersten Tag des Landesstreiks 1918 verweist die Eidgenossenschaft die sowjetische Gesandtschaft des Landes. Der Bundesrat vermutet fälschlicherweise eine Verstrickung der Sowjets in den Landesstreik. Die diplomatischen Beziehungen werden erst 1946 wieder aufgenommen. Ausschnitt aus der Schweizer Illustrierten Nummer 46/47 von 1918. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Auf den Wahlplakaten der Freisinnigen von 1919 ist der Teufel Sinnbild für den Kommunismus. Foto: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung, ZHdK

Wahlpropaganda der Kommunistischen Partei der Schweiz vor dem Neumarkt in Zürich, 1926. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich

Auch die helvetische Aussenpolitik folgte einem strikt antikommunistischen Kurs. Zwar kamen sowohl von links als auch aus Wirtschaftskreisen immer wieder Forderungen nach einer Wiederaufnahme diplomatischer und offizieller Handelsbeziehungen. Das schweizerisch-sowjetische Verhältnis verschlechterte sich aber noch weiter, als 1923 der repatriierte Russlandschweizer und ehemalige Weissgardist Moritz Conradi bei einer internationalen Konferenz in Lausanne den sowjetischen Diplomaten Wazlaw Worowski erschoss. Der Bundesrat verzichtete darauf, der sowjetischen Regierung zu kondolieren, und das Lausanner Geschworenengericht sprach Conradi, dessen Komplize von Théodore Aubert verteidigt wurde, frei. Die Sowjetunion reagierte mit einem Handelsboykott gegen die Schweiz und der Ankündigung, künftig keine Gesandten mehr an Konferenzen auf Schweizer Boden zu schicken. Erst 1927 hoben die beiden Staaten die gegenseitigen Blockademassnahmen wieder auf. 1934 stimmte die Schweiz als einer von nur drei Staaten gegen die Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund, und erst 1946 wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen.

Spaltung der Arbeiterbewegung

Entgegen den rechten Verschwörungstheorien führte die russische Revolution weltweit und in der Schweiz auch nicht zu einer linken Revolutionsfront, sondern zu einer Spaltung der Arbeiterbewegung. Die 1919 in Moskau gegründete Dritte Internationale (Komintern) forderte von den Arbeiterparteien eine vollständige Unterwerfung unter ihre Richtlinien. Als die Sozialdemokratische Partei der Schweiz dies ablehnte, spaltete sich ihr linker Flügel ab und vereinigte sich im Frühling 1921 mit linksradikalen Kräften zur Kommunistischen Partei der Schweiz (KPS). Die überwiegende Mehrzahl der linken Wähler verblieb aber bei der SP: Während diese bis Ende der 1920er Jahre zur stärksten Partei des Landes aufstieg und 1931 einen Wähleranteil von 28,7 Prozent erreichte, konnte die KPS nie mehr als zwei Prozent der Wähler überzeugen. Auch die von den Kommunisten als Auftakt zum Zusammenbruch des Kapitalismus betrachtete Weltwirtschaftskrise ab 1929 änderte daran nichts.

Die SP integrierte sich in der Zwischenkriegszeit zunehmend in den bürgerlichen Staat und erlangte in den meisten bedeutenden Städten zeitweise Mehrheiten, die sie für eine sozialreformerische Gemeindepolitik nutzte. Die KPS verkam dagegen immer mehr zur Befehlsempfängerin Moskaus. Der zunehmende Verlust demokratischer Mitbestimmungsmöglichkeiten innerhalb der Partei führte einerseits zu Spaltungstendenzen. 1930 gründeten unzufriedene Kräfte die Kommunistische Partei-Opposition, die 1935 dann in der SP aufging. Zur selben Zeit bildeten auch Anhänger des von Stalin verfolgten Revolutionärs Leo Trotzki eigene Gruppierungen und wurden aus der KPS ausgestossen. Andererseits bewirkte die Stalinisierung eine Isolation der KPS selbst im Arbeitermilieu. Die zahlreichen Organisationen in ihrem Umfeld, die etwa Gewerkschafter, Frauen, Jugendliche, Intellektuelle, Arbeitslose oder Sportler an die KPS zu binden versuchten, bildeten eine eigene kleine, abgeschottete Lebenswelt. Diese Vereinigungen, zu denen seit Mitte der 20er Jahre auch ein Bund der Freunde der Sowjetunion zählte, waren ihrerseits in Kontakt mit entsprechenden internationalen kommunistischen Organisationen und sowjetischen Behörden.

Auch das Aufkommen des Faschismus überwand die Spaltung nicht. Vielmehr proklamierte die Komintern 1929 die «Sozialfaschismus»-These, gemäss der vorrangig die Sozialdemokratie als angebliche Stütze der Bourgeoisie zu bekämpfen war. Auch die KPS schwenkte auf diese Linie ein, die bis Mitte der 30er Jahre Gültigkeit hatte. An der Basis gab es allerdings gemeinsame antifaschistische Aktionen von Linken unterschiedlicher Schattierungen. Am bekanntesten sind die tragischen Ereignisse in Genf vom November 1932, als bei einer Demonstration von rund 8000 Menschen gegen die rechtsextreme Union Nationale militärische Ordnungstruppen in die Menge feuerten, 13 Personen töteten – unter anderem den Präsidenten der kantonalen KP – und über 60 verwundeten.

Paul Wyss, Wahlplakat der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz, 1919. Foto: Museum für Gestaltung Zürich, Plakatsammlung ZHdK

Aufgrund der Wirtschaftskrise und in Folge kommunistischer und faschistischer Strömungen entsteht im Umfeld des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes die Richtlinienbewegung. Sie wendet sich gegen Links- und Rechtsextremismus und fordert den gemässigten Sozialstaat. Die 1933 gegründete Zeitung «Die Nation» wird zu ihrem Sprachrohr. Foto: Universitätsbibliothek Basel

Schweizer Kolonisten in Waskino, 1928. Der erste von links ist Fritz Platten, der später Opfer der Stalinistischen Säuberungen geworden ist. Foto: Schweizerisches Sozialarchiv Zürich

Kiste mit Rubelnoten von Rückkehrern aus Russland. Die Noten stammen aus dem Bundesarchiv, Bern. Foto: Schweizerisches Nationalmuseum

Migration in beide Richtungen

Die Oktoberrevolution löste Migrationsbewegungen aus, die auch die Schweiz betrafen. Bis 1922 verliessen von den rund 8000 Russlandschweizern etwa 6000 das Land. Zwischen 1918 und 1920 brachten fünf Repatriierungszüge jeweils 200 bis 600 Heimkehrer in die alte Heimat. Viele waren durch die Enteignungsmassnahmen des neuen Regimes und die Verwüstungen des Bürgerkriegs mittellos geworden. Im Mai 1918 gründeten sie als Selbsthilfeorganisation die Vereinigung der Russlandschweizer, und im Oktober entstand die halbstaatliche Schweizerische Hilfs- und Kreditorengenossenschaft für Russland. Diese Russlandschweizer-Lobby trug dazu bei, die antikommunistische Grundstimmung in der Schweiz weiter zu verstärken. Die Lage der in Russland Verbliebenen verschlechterte sich insbesondere nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Die konsularischen Angelegenheiten der Russlandschweizer wurden nun vom Roten Kreuz wahrgenommen, dessen Delegierter in Moskau einen grossen Teil seiner Arbeitskraft für deren Unterstützung aufwandte.

Es gab aber auch Verkehr in die Gegenrichtung. Immer wieder reisten Schweizer Kommunisten zu Visiten ins gelobte Land. Eine dreistellige Zahl von Schweizern wollte sich sogar definitiv in der Sowjetunion niederlassen und aktiv am Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung mitwirken. Obwohl zumeist Kommunisten, handelte es sich weniger um stramme Parteisoldaten – die KPS lehnte offiziell die Auswanderung in die Sowjetunion ab –, sondern eher um Idealisten, die einem utopischen Traum nachlebten. Daneben waren Arbeits- und politische Perspektivlosigkeit in der Schweiz weitere Auswanderungsmotive. In gewisser Weise standen die Emigranten in der Tradition jener Schweizer, die zur Mitte des 19. Jahrhunderts an mehreren Versuchen mitgewirkt hatten, in den USA frühsozialistische Mustersiedlungen aufzubauen.

Treibende Kraft hinter den Siedlungsprojekten in der Sowjetunion war Fritz Platten, der 1923 die Vereinigung der Auswanderer nach Sowjetrussland ins Leben rief. Die Schweizer Behörden, die damals Emigration als Mittel zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit förderten, unterstützten das erste Auswanderungskontingent finanziell: Bund, Kanton und Stadt Zürich sowie die Stadt Schaffhausen subventionierten das Unternehmen mit insgesamt 5700 Franken. Die bürgerliche Presse begrüsste das Projekt ebenfalls, allerdings aus politischen Gründen. So schrieb die Neue Zürcher Zeitung zur Emigration Plattens: «Nachdem Russland der Schweiz schon viele gefährliche Agitatoren geschickt hat, wird man es nicht als unbillig empfinden, wenn es uns auch einmal einen solchen Umsturzapostel abnimmt» (NZZ, 30.9.1923).

1923 siedelten sich auf dem südrussischen Gut Nowa Lawa 68 Schweizer an. Weitere 39 kamen 1924 ins Gut Teplowka in der Nähe, zogen aber bereits 1925 nach Uwarowo weiter. 1927 gingen die noch verbliebenen 40 Schweizer nach Waskino, 75 Kilometer südlich von Moskau. Hier gelang es nach den aus personellen und klimatischen Gründen gescheiterten Projekten, ein wirtschaftlich erfolgreiches Mustergut aufzubauen, das 1930 dann kollektiviert wurde. Platten selbst lebte hauptsächlich in Moskau und besuchte die landwirtschaftlichen Genossenschaften nur sporadisch. Er geriet ab 1930 politisch ins Abseits, gelangte in den späten 30er Jahren in den Strudel der stalinistischen Säuberungen und wurde 1942 im Gulag erschossen.

Christian Koller
Historiker, Titularprofessor an der Universität Zürich und seit 2014 Direktor des Schweizerischen Sozialarchivs.

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