Karte von Südrussland um 1892.
Karte von Südrussland um 1892. Wikimedia

Im Dienste seiner Majestät

Wie der Genfer Raymond Charles Pyramus de Candolle (1864–1935) in der turbulenten Zeit der Russischen Revolution und des Griechisch-Türkischen Kriegs die Interessen der englischen Krone im Kaukasus vertrat.

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier

Christophe Vuilleumier ist Historiker und Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte. Er hat verschiedene Beiträge zur Schweizer Geschichte des 17. und 20. Jahrhunderts publiziert.

Raymond Charles Pyramus de Candolle, ein Urenkel des berühmten Gelehrten Augustin Pyrame de Candolle, wird am 24. August 1864 in Walton-on-Thames in der Grafschaft Surrey geboren. Ungeachtet seiner Genfer Abstammung erhält er einen britischen Pass, da sich der Wohnsitz seines Vaters Casimir Anne Pyramus de Candolle in England befindet.
Raymonds Urgrossvater, der Botaniker und Naturwissenschaftler Augustin-Pyrame de Candolle, um 1850.
Raymonds Urgrossvater, der Botaniker und Naturwissenschaftler Augustin-Pyrame de Candolle, um 1850. Schweizerisches Nationalmuseum
Raymond de Candolle wird Ingenieur, spezialisiert sich auf den Eisenbahnbau und übernimmt zur Jahrhundertwende als Generaldirektor die Verantwortung für die argentinischen Eisenbahnen, deren Bau zum Teil durch englische Investitionen finanziert wurde. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges tritt der 50-Jährige, der seit 1902 Träger der Imperial Service Medal für seine Dienste in Südamerika ist, mit dem Dienstgrad eines Brigadegenerals in das britische Heer ein. Dank seiner Fertigkeiten als Ingenieur und seiner Französischkenntnisse wird er bald zum Verbindungsoffizier des französischen Generals Berthelot ernannt, der zu dieser Zeit das französische Armeekorps in Rumänien leitet. Die Hauptaufgabe des Genfer Offiziers besteht darin, den Betrieb des rumänischen Eisenbahnnetzes und damit den Transport der alliierten Truppen zu gewährleisten.
Karte der Rumänischen Eisenbahnen, 1912.
Karte der Rumänischen Eisenbahnen, 1912. Wikimedia
Juni 1917: General Berthelot, der französische Minister Albert Thomas und der König von Rumänien. Ist Raymond de Candolle auch dabei?
Juni 1917: General Berthelot, der französische Minister Albert Thomas und der König von Rumänien. Ist Raymond de Candolle auch dabei? L’illustration 1917/1
Er verweilt einige Zeit im Balkan, bevor er weiter nach Osten zu Alexei Kaledin, dem kosakischen Ataman und General der Weissen Armee, versetzt wird. Dort übernimmt Raymond de Candolle vorübergehend das Amt des Konsuls und vertritt die britische Krone in Rostow. Die Stadt liegt 170 Kilometer vom politischen Zentrum Nowotscherkassk entfernt, wo sich Kaledins Hauptquartier und sein Freiwilligenheer befinden. De Candolles Unterstützung der Truppen, die gegen die bolschewistischen Revolutionäre kämpfen, ist von grosser Bedeutung. Am 18. Januar 1918 rufen die Kosaken infolge der Russischen Oktoberrevolution von 1917 ihre Unabhängigkeit aus und gründen die Volksrepublik Kuban, was die gesamte Region in eine erhebliche Instabilität stürzt. Das nationalistische Bekenntnis der Briten geht darauf zurück, dass bei der Aufteilung des südlichen Russlands in französische und britische Einflussgebiete gemäss dem Abkommen vom 23. Dezember 1917 das Kosakengebiet in die britische Zone fiel. Am 31. Dezember 1917 empfängt Raymond de Candolle den amerikanischen Diplomaten DeWitt, der sich anlässlich der Entstehung des neuen Staates von der militärischen und politischen Lage in Nowotscherkassk überzeugen will.
Nowotscherkassk, um 1910.
Nowotscherkassk, um 1910. Wikimedia
Das politische und militärische Umfeld der gesamten Region ist zu dieser Zeit hochexplosiv, was Raymond de Candolles Auftrag in strategischer Hinsicht besonders brisant macht. Am Ufer des Asowschen Meeres in einer ebenso exotischen wie feindseligen Gegend sitzt der Urenkel von Augustin Pyrame de Candolle allein in seinem luxuriösen Privatwaggon eines britischen Militärzugs und telegrafiert als Zeitzeuge dieser dramatischen Ereignisse die aus Petrograd kommenden Nachrichten weiter an Offiziere des britischen Geheimdienstes. Doch die unter de Candolles Leitung stehenden Mitglieder der britischen Mission werden von den Bolschewisten als Verbündete des Feindes betrachtet und müssen, als die Rote Armee Rostow ab dem 23. Februar 1918 besetzt, die Stadt verlassen und sich auf das von der westlichen Kriegsmarine kontrollierte Schwarze Meer zurückziehen, während das Freiwilligenheer geschlagen wird.
Politische Karte von Europa, 1919.
Politische Karte von Europa, 1919. Wikimedia
Wie ergeht es Raymond de Candolle in den letzten Kriegsmonaten? Die Quellen schweigen darüber. Erst kurz nach dem Krieg findet sich seine Spur in Smyrna wieder, dem seit 15. Mai 1919 von der griechischen Armee besetzten «Klein-Paris» der Türkei. Im Auftrag englischer Investoren arbeitet er dort erneut als Eisenbahningenieur und übernimmt schon bald die Leitung der Ottoman Railway Company. Doch wieder kommt ihm ein Krieg dazwischen: Im September 1922 wird Smyrna von Atatürks Truppen eingenommen. Von einem im Hafen liegenden westlichen Schiff aus verfolgt Raymond de Candolle am 9. September die blutige Eroberung der Stadt und die brutalen Übergriffe auf die Bevölkerung. Einige versuchen vergeblich, sich auf die europäischen Schiffe zu retten. Am 13. September bricht im armenischen Viertel ein Feuer aus, dass sich rasant ausbreitet und innert weniger Tage die Stadt vollständig zerstört. De Candolle bleibt noch eine Weile in Smyrna und versucht, mit General Nureddin Ibrahim Pasa eine Einigung über seine Eisenbahnlinie zu erzielen. Am 25. Januar 1935 stirbt Raymond de Candolle, der den Untergang zweier Städte miterlebt und unzählige Abenteuer überstanden hat, im Alter von 71 Jahren im Almonds Hotel in London.
Einmarsch der türkischen Armee unter Mustafa Kemal Pascha nach Izmir am 9. September 1922.
Einmarsch der türkischen Armee unter Mustafa Kemal Pascha nach Izmir am 9. September 1922. Wikimedia
Der Brand von Smyrna, 1922.
Der Brand von Smyrna, 1922. Wikimedia

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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