Wo einst die Notdurft verrichtet wurde, finden Archäologen heute wertvolle Hinweise auf das Leben von damals. Illustration einer Gemeinschaftslatrine in einem römischen Fort.
Wikimedia/Carole Raddato

Pecunia (non) olet – Latrinenarchäologie: die schmutzige Seite des Reichtums

Als Kaiser Vespasian (69-79 n.Chr) für die neue Steuer auf Urin – den man für das Färben für Textilien verwendete – kritisiert wurde, soll der Kaiser lakonisch darauf verwiesen haben, dass das Geld ungeachtet der Herkunft nicht stinke. Für so manchen Wissenschaftler heute ist die Latrinenarchäologie (die Untersuchung von Toiletteninhalten) nicht nur aufschlussreich, sondern eine wahre Fundgrube – ob es nun stinkt oder nicht.

Die Archäologie kann mit Recht als die wohl «schmutzigste» historische Wissenschaft bezeichnet werden. Sie ist auf die Gewinnung ihrer wichtigsten Quellen – Fundobjekte, Schichten und Reste von Baustrukturen und Schichten – im Boden angewiesen. Werkzeug und Vorgehen von Archäologinnen und Archäologen auf Grabung erinnern mehr an Geologen als an Historiker. Dennoch stellt die Archäologie historische und soziologische Fragen und versucht diese zu beantworten. Stehen schriftliche und bildliche Quellen zur Verfügung, so werden auch diese berücksichtigt. Somit liegt die Archäologie als Disziplin methodisch zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften.

Die Archäologie befasst sich recht selten mit zufällig zerstörten Strukturen – dem Nachweis von Naturkatastrophen wie dem Vulkanausbruch, der Menschen und Häuser im römischen Pompeji verschüttete – oder absichtlich verborgenen Objekten, viel häufiger mit aufgegebenen und entsorgten Dingen: Grob gesagt mit Abfall. Auch der Abfall stellt einen Spiegel der jeweiligen Gesellschaft dar, dessen Zerrbild die Archäologen durch die Filter der oft recht zufälligen Erhaltung und der kulturellen Distanz von mehreren hundert Jahren entschlüsseln müssen.

Bei Grabungen in der Lübecker Innenstadt wurde zwischen 2009 und 2016 etwa 100 Latrinen ausgegraben. Darunter dieses Toilettenhaus dem frühen 13. Jahrhundert. Der sogenannte Doppelsitz des Aborts ist in der Mitte gut erkennbar.
Foto: Archäologie der Hansestadt Lübeck

Als Latrinen werden mit Mauern oder Holzkonstruktionen ausgesteifte Schächte bezeichnet, die den Unrat von Aborten («Plumpsklos») aufnahmen. Diese im Spätmittelalter weit verbreiteten Schächte mussten in regelmässigen Abständen geleert werden. Die Drecksarbeit wurde von einem eigenen Berufszweig von niederem sozialen Stand durchgeführt, den man nicht ohne Ironie auch als «Goldgräber» bezeichnete. Die Archäologinnen und Archäologen heute werden nur selten vom Geruch des ehemaligen Inhalts belästigt, da der Kompostierungsprozess meistens abgeschlossen ist. Es sei denn, die Latrine lag unter dem Grundwasserspiegel – in diesem Fall kann man mit Recht von einem «unbeschreiblichen Aroma» sprechen!

Auf den ersten Blick mag es vielleicht überraschen, wie Funde in eine Latrine gelangten. Hier gibt es mehrere Kategorien: Einerseits wurden Küchenabfälle und Kehricht absichtlich in diesen «Universalmüllschluckern» entsorgt. Zum anderen ging am stillen Örtchen des Öfteren etwas verloren. Das konnten durchaus auch Wertgegenstände wie gefüllte Geldbörsen o.ä. sein – vielleicht kommt der sprichwörtliche Begriff des «Geldscheissers» daher. Und schliesslich konnten in der Latrine auch Dinge absichtlich versteckt werden, sogar mittelalterliche Mordopfer konnten bereits so aufgefunden werden. Die Füllung einer Latrine ist allerdings nur eine Momentaufnahme der Zeit nach ihrer letzten Leerung: Der Kompost – und die darin liegenden Funde – wurde bevorzugt als Düngemittel auf die Felder und in Gärten ausgebracht.

Blick in den bereits geleerten Latrinenschacht in der Lübecker Innenstadt.
Foto: Archäologie der Hansestadt Lübeck

Vergleicht man nun die Inhalte von spätmittelalterlichen Latrinen in gewöhnlichen Bürgerhaushalten und beim Hochadel, so sind die Unterschiede gar nicht so gross wie vielleicht erwartet. De facto gibt es wenige Dinge, die nicht in beiden Fällen auftreten können. Münzen in grösserer Anzahl, Waffen oder Luxusgüter wie Seide, Gold oder Korallen wurden auch in den Kloaken von Bürgern wie dem Lübecker Scharfrichter gefunden. Auch der Speiseplan scheint sich weniger in der Art der Lebensmittel, sondern eher in der Häufigkeit und Menge ihres Konsums unterschieden zu haben. Teilweise wurden sogar die gleichen Formen von Koch- und Serviergeschirr nachgewiesen. Gewisse Unterschiede gibt es aber doch. So findet man z.B. in Latrinen von Burgen wie dem Jagdschloss Kaiser Maximilians I. (1508-1519) in Thaur/Tirol nicht nur sehr hochwertige Gegenstände, sondern auch zu dieser Zeit noch keineswegs selbstverständliche Fensterscheiben. Natürlich spielen hier noch weitere Aspekte eine Rolle: Einerseits war der Herrscher ja keineswegs der einzige Bewohner der Burg, sondern mit seinem Hofstaat nur ein temporärer Gast. In seiner Abwesenheit dürfte ein relativ bürgerlicher Lebensstandard geherrscht haben. Nicht zu unterschätzen ist auch, dass einerseits die Ausstattung eines Jagdschlosses und die dort getragenen Utensilien vielleicht bewusst rustikaler gehalten waren als sonst im kaiserlichen Umfeld, und die allerkostbarsten Gegenstände ungeachtet des Standes selten ihren Weg in die Latrine gefunden haben dürften.

Die Latrinen sind auch Fundgruben von Alltagsgegenständen, wie beispielsweise dieser Geldbörse aus einer Latrine in der Lübecker Innenstadt.
Foto: Archäologie der Hansestadt Lübeck

Tragbares Essbesteck - sogenanntes «Mundzeug» - bestehend aus Messer und Esspfriem aus der Latrine von Schloss Thaur in Tirol. Die Klinge des Messers zeigt Reste der eingelegten Schmiedemarke H(H), nachgewiesen für die Werkstatt des kaiserlichen Waffenschmieds «Hans aus Hall» Sumersperger (Werkstatt in Hall in Tirol 1492-1498).
Fotos: Andreas Blaickner, Institut für Archäologien Universität Innsbruck

Reichtum

Fünfte Schweizerische Geschichtstage

5.-7.6.2019

Die Geschichtstage werden von der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte organisiert. An Panels, Referaten und Vorträgen beleuchten Geschichtsforschende das Thema «Reichtum» aus verschiedenen Perspektiven.

www.geschichtstage.ch

Elias Flatscher
Elias Flatscher ist Assistent für Mittelalterarchäologie an der Universität Zürich und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Archäologischen Bodenforschung in Basel. Er befasst sich vor allem mit Burgenarchäologie und dem Alltag im Mittelalter und der Frühen Neuzeit.

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