Die Schweizer Bergewelt wie sie die Japaner sehen. Die Zeichentrickserie «Alpenmädchen Heidi» wurde 1974 erstmal ausgestrahlt.

Heidi in Japan

In Japan würde Helvetia wohl Heidi heissen, so sehr hat die Kinderbuchfigur von Johanna Spyri das Image der Schweiz im pazifischen Inselstaat geprägt.

Der typische Schweizer ist, in Japan jedenfalls, eine kleine Schweizerin mit dunklen Haaren und roten Wangen. Und, obwohl das Mädchen im 19. Jahrhundert lebt, kommt es – ganz zeitgemäss – aus einer internationalen Patchwork-Familie mit einer Schweizer Mutter und mehreren japanischen Vätern. Die Rede ist von Heidi, der bekanntesten Figur aus der Feder der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827–1901). Die Abenteuer der kleinen Waise, die zum Grossvater in die Berge geschickt wird, waren bereits zu Lebzeiten der Autorin ein Erfolg und beeinflussten das Bild der Schweiz im Ausland. Die idealisierte Darstellung der ländlichen Gemeinschaft und ihre Verbundenheit zur Natur und den Bergen befeuern den Tourismus bis heute. Neben Spyris Buch, das in über 50 Sprachen übersetzt worden ist, war auch eine japanische Zeichentrickserie an diesem weltweiten Erfolg beteiligt.

Anfang der 1970er-Jahre kreierten zwei junge Japaner, Hayao Miyazaki und Isao Takahata, die 52-teilige Anime-Serie «Arupusu no Shōjo Haiji» – übersetzt, Alpenmädchen Heidi. Das Duo hat später das heute weltberühmte Studio Ghibli gegründet. Heute kennt man Miyazaki besonders für seine fantastischen Filme, die sich, wie Das wandelnde Schloss, nicht immer strikt an die literarischen Vorlagen halten. Für Alpenmädchen Heidi dagegen reiste der spätere Oscar-Gewinner zusammen mit dem 2018 verstorbenen Regisseur Takahata für einen Monat in die Schweiz, um das Setting möglichst realitätsnah zu gestalten. So sind in der Serie nicht nur Maienfeld, sondern auch die von den Zeichentrickfilmern besuchte Alphütte auf dem Ochsenberg oberhalb des Dorfes gut wieder zu erkennen – so gut, dass letztere mittlerweile unter dem Namen «Heidialp» vermarktet wird.

Porträt von Johanna Spyri. Die Fotografie ist in einem Studio entstanden.
Schweizerisches Nationalmuseum

Skizze für die Zeichentrickserie «Alpenmädchen Heidi», die 1974 erstmals ausgestrahlt wurde.
Yoichi Kotabe

Heidis Beliebtheit in Japan ist jedoch nicht nur auf die Anime-Version zurückzuführen. Bereits in den 1920ern erschien die erste von zahlreichen Heidi-Übersetzungen, die sich auch im 21. Jahrhundert noch gut verkaufen. Ihren eigentlichen «Durchbruch» erlebte die fiktive Schweizerin, die je nach Herangehensweise als Haiji transkribiert oder in Kaede umbenannt wurde, in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, als sich der Fokus auf die heile und unschuldige Natur zu richten begann. Interessanterweise sind es genau diese Motive, welche die Japaner auch im digitalen Zeitalter ansprechen – und im Zusammenhang mit Heidi für ein positives Image der Schweiz sorgen. Zusätzlich unterstützt wird der Heidi-Kult von einer boomenden Merchandiseindustrie, Themenparks und neuen Adaptionen.

Wie sehr Japans Heidi-Bild und im Speziellen Alpenmädchen Heidi von 1974 auch die Heidi-Vorstellungen im Rest der Welt beeinflusst hat, zeigt sich beispielhaft an der 2015 ausgestrahlten 3D-Animationsserie, die zwar von einem belgischen Studio in Zusammenarbeit mit deutschen, französischen und australischen TV-Sendern produziert wurde, deren Design aber massgeblich vom japanischen Vorbild aus den 1970er-Jahren geprägt worden ist.

Heidi in Japan

Landesmuseum Zürich

17.07. – 13.10.2019

Heidi ist in Japan fast so bekannt wie in der Schweiz. Die Ausstellung beleuchtet die Faszination für das Mädchen aus den Bergen und zeigt die Entstehungsgeschichte der japanischen Zeichentrickserie «Alpenmädchen Heidi», die als Startschuss für das heute florierende Anime-Genre gilt.

Claudia Walder
Claudia Walder ist Autorin und Redaktorin, unter anderem für das Schweizer Reisemagazin Transhelvetica und das Magazin des Schweizerischen Nationalmuseums.

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