Lina Bögli schrieb zwei Bücher über ihre Reisen durch die Welt. Diese wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Bögli gilt als erste Schweizer Reiseschriftstellerin.
Zentrum Lina Bögli, Herzogenbuchsee

In zehn Jahren um die Welt

Sommerzeit ist Reisezeit. Normalerweise. Aber nicht in diesem Jahr. Und so bleiben uns vor allem Zeit- und Kopfreisen. Die Weltreise der Bauernmagd Lina Bögli kombiniert dies in perfekter Weise.

Anfang Juli 1892. Lina Bögli ist 34 Jahre alt und arbeitet in Krakau als Kinder- und Zimmermädchen. Sie hat gerade die Entscheidung gefasst, eine zehnjährige Reise um die Welt zu unternehmen. Ein kühnes Vorhaben für eine ledige Frau. Mit ihren Ersparnissen bestellt sie für 1000 Franken ein Schiffsbillett von Brindisi nach Sydney. 400 Franken bleiben ihr für einige Einkäufe und die Fahrt nach Italien. In Sydney wird sie praktisch ohne Geld ankommen, das weiss sie jetzt schon. Für Australien entscheidet sie sich, weil sie sich vor dem Heimweh fürchtet und alles unternehmen will, um «den Rückzug unmöglich zu machen». Das erfährt man aus ihren Tagebüchern. Auch, dass sie Krakau wohl aus Liebeskummer verlässt.

Am 20. Juli 1892 besteigt Lina Bögli in Brindisi ein transatlantisches Dampfschiff. An Bord befinden sich zahlreiche englische Beamte, die sich auf ihre Posten in die kolonisierte Welt begeben. Frauen sind rar. Die meisten von ihnen sind Bräute, die nach Australien fahren, um dort ihre englischen Bräutigame zu heiraten. Die Reise nach Ozeanien führt über Port Said und den Suez Kanal nach Ceylon. Lina besichtigt Colombo, findet die Stadt aber nicht interessant. «Zu viele Grad Hitze, zu viele Schlangen und zu viele Bettler», lautet ihr knappes Fazit.

Lina Bögli in Krakau, 1892.
Zentrum Lina Bögli, Herzogenbuchsee

Am 24. August 1892, nach knapp fünf Wochen, steigt Lina in Sydney aus. Die Tochter eines Kleinbauern aus Oschwand im Berner Oberaargau ist stolz auf sich. Sie ist weit gekommen, dabei war der Einstieg in ihr Leben alles andere als einfach. Ihre Mutter starb als sie zwölf Jahre alt war. Von da an hatte Lina, wie viele arme Mädchen dieser Zeit, für wenig Geld als Dienstmagd gearbeitet. Mit 20 trat Lina Bögli eine Stelle als Kindermädchen in der gräflichen Familie von Sczaniecki in Polen an. In Krakau konnte sie am geistigen und kulturellen Leben der Adelsfamilie teilhaben und wurde von dieser moralisch unterstützt, als sie 1886 als 28-Jährige nach Neuenburg ging, um Lehrerin zu werden. Dafür wendete sie all ihre Ersparnisse auf. Nach einer zweijährigen Ausbildung und einem Abstecher nach London, um Englisch zu lernen, kehrte sie nach Krakau zurück und arbeitete fortan als Erzieherin bei den von Sczaniecki.

Port Said, Ägypten, Anfang des 20. Jahrhunderts.
Zentrum Lina Bögli, Herzogenbuchsee

Nun ist die Bauerntochter aus Oschwand also in Sydney. Lina findet eine Unterkunft bei einer Familie, deren Adresse ihr eine englische Freundin gegeben hat. Sie beginnt gleich, eine Stelle als Erzieherin zu suchen und wird nach zwei Wochen bei einer Privatschule fündig. Ihr Plan, sich die Reise durch Arbeit zu finanzieren, scheint aufzugehen. Der Lohn ist nicht schlecht, reicht allerdings nicht, um Geld für die Weiterfahrt zu sparen. Sie unterrichtet deshalb an drei Privatschulen gleichzeitig und bleibt vier Jahre in Australien. Während der Schulferien geniesst sie die Gastfreundschaft der Eltern ihrer Schülerinnen. Diese laden sie regelmässig auf ihre Landgüter ein.

Lina Bögli hält ihre Beobachtungen gerne fest. Diese zeigen wie eurozentrisch ihr Blick auf die Welt war. In einem Vortrag über Australien, den sie Jahre später in der Schweiz halten wird, beschreibt sie die Aborigenes wie folgt: «Weil sie Nomaden sind und heute da, morgen dort sind, verwenden sie nicht viel Gut und Lust auf das Häuser bauen und von Landbau haben sie keine Ahnung, ihre einzige Beschäftigung ist das Fischen und Jagen und zwar jagen sie Menschen und Tiere, die dann ohne weitere Zubereitung aufs Feuer gelegt werden, gebraten und dann mit Haut und Haar verspeist. Die australischen Neger sind daher auf der allerniedrigsten Kulturstufe der Menschheit.»

Aborigenes am Fluss Darling, Australien um 1902.
Zentrum Lina Bögli, Herzogenbuchsee

1896 bricht Lina auf nach Neuseeland. In der Tasche hat sie ein paar Arbeitszeugnisse, die ihr die Suche nach einer Stelle als Erzieherin erleichtern sollen. Diese will sie aber erst in Amerika antreten. Bis dann gönnt sie sich ein paar Monate Ferien. Ersparnisse hat sie genug. Diese Reise findet sie weniger angenehm als die erste. Das Schiff ist überfüllt, sie muss das Zimmer mit drei Schauspielerinnen teilen und ist ständig seekrank. Bei der Ankunft in Auckland findet sie kein Hotelzimmer, weil gerade das grösste alljährliche Pferderennen stattfindet. Schliesslich wird sie in einer kleinen Pension fündig.

Sie kommt schnell mit allerlei Leuten ins Gespräch und erfährt etwas Bewundernswertes: Die Frauen in Neuseeland haben seit 1893 das Wahlrecht! Lina hält in ihrem Reisebericht fest: «Dr. Mary soundso, Fräulein Mabel, Advokat, Frau Amy, Aktienhändlerin usw. Auch weibliche Geschäftsführer finden sich nicht selten, und in einigen der kleinern Orte der Insel haben es die Frauen sogar bis zum Gemeindeamtmann und Ortsvorsteher gebracht.» Nach einem knappen Monat in Neuseeland bricht Lina Richtung Honolulu auf. Unterwegs macht sie Halt auf Samoa, wo sie Einladungen der englischen Missionsstationen erhält, sie auf die kleineren Inseln des Archipels zu besuchen. Die koloniale Infrastruktur hilft Lina Bögli beim Reisen. Unterkunft und Arbeit wurden jeweils schnell gefunden und Passkontrollen gab es nicht.

Am 6. März 1897 steigt Lina in Honolulu aus. Sie wird sofort von der Schönheit der «Sandwichinseln» in Bann gezogen. Auf Hawaii wird Lina vom Unterrichtsminister zur Lehrerin für Deutsch und Französisch am Gymnasium ernannt. 1898 erlebt sie die Eroberung durch die USA mit. Trotz Widerstand der vertriebenen Königin Liliuokalani wird das Land amerikanisch.

Arbeitszeugnis von Lina Bögli, Sydney 1896.
Zentrum Lina Bögli, Herzogenbuchsee

Lina Bögli wird noch vier Jahre weiterziehen. Sie durchquert die USA und bereist Kanada. Unterwegs findet die Schweizerin immer wieder Stellen als Erzieherin. 1902 zieht es sie schliesslich zurück nach Europa. Am 12. Juli, nach zehn Jahren Weltreise, kommt sie am Krakauer Bahnhof wieder an und zieht sich auf einem Landgut der von Sczaniecki zurück, um ihren Reisebericht «Vorwärts» zu schreiben, der sie weltberühmt machen wird.  Doch das Fernweh packt sie 1910 erneut. Mit 52 reist sie mit der transsibirischen Eisenbahn nach China und dann weiter nach Korea und Japan. Auch dort schlägt sie sich als Lehrerin durch. 1914 kehrt sie in die Schweiz zurück und lässt sich in Herzogenbuchsee nieder.

Mehr zu Lina Bögli unter lina-boegli.ch

Denise Tonella
Denise Tonella ist Historikerin und Kuratorin beim Schweizerischen Nationalmuseum.

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2 Kommentare

Lise Tostrup Setek sagt:

Sehr interessant!

Esther Naef sagt:

Wirklich sehr interessant, ich werde das Zentrum in Herzogenbuchsee sicher mal besuchen …