Eine Entkörnungsanlage (sog. Gin) der Firma Volkart in Nagpur, im indischen Hinterland, 1914. Hier wird die Rohbaumwolle für den Export aufbereitet. Volkart gründet mehrere Pressen und anfangs des 20. Jh. die erste Entkörnungsanlage.
Stadtarchiv Winterthur, Firmenarchiv Gebr. Volkart

Das Schweizer Geschäft mit Indien

Die Geschichte der Winterthurer Handelsfirma Volkart zeigt, wie stark die Schweiz bereits im 19. Jahrhundert im europäisch kontrollierten Welthandel aktiv war. Besonders das Geschäft mit indischer Baumwolle bescherte Schweizer Kaufleuten grosse Gewinne.

Den Gründern der Handelsfirma «Gebr. Volkart» aus Winterthur gelang Mitte des 19. Jahrhunderts, wovon viele junge Wirtschaftspioniere träumten. Innert 50 Jahren stieg ihr Unternehmen zu einer der wichtigsten Handelsfirmen und Baumwolllieferanten auf. Infolge der damaligen protektionistischen Wirtschaftspolitik der europäischen Grossmächte und dank genauer Analysen des Marktes gelang es einigen Schweizer Firmen, neue Absatzgebiete in Asien und Amerika zu erschliessen. Vor allem junge Schweizer Kaufleute suchten ihr Glück in Übersee, sahen sie doch ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten in der Schweiz stark eingeschränkt. Und so begannen sie, Waren zwischen weit entfernten Märkten zu vermitteln: indische Baumwolle, japanische Seide und westafrikanischen Kakao in die ganze Welt. Im sogenannten Transithandel erreichte die Ware die Schweiz nie, hierhin flossen aber die Gewinne. Noch immer ist die Wirtschaftskraft dieses Geschäftszweigs stark unterschätzt – nur wenige wussten, wie stark Schweizer Handelsfirmen in den Welthandel eingebunden waren, wie Christof Dejung in seiner Habilitationsschrift «Die Fäden des globalen Marktes» eindrücklich beschreibt.

Baumwollberg in Khamgaon, Zentralindien, ca. 1948. Baumwolle wird in Zentralindien gelagert, an die Küste transportiert, verschifft und in Europa verarbeitet. Die Firma Volkart handelt mit indischer Baumwolle, ab den 1930er-Jahren aber mit grossen Verlusten infolge der Weltwirtschaftskrise und der indischen Unabhängigkeitsbewegung.
Foto: Ernst Würgler, ehem. Betriebstechniker bei Volkart. zVg. von Madeleine Gerber-Würgler, Winterthur

1851 gründeten die Brüder Johann Georg und Salomon Volkart das «Handelshaus Gebrüder Volkart» für den Handel zwischen Indien und Europa. Anfangs führten sie Güter wie Uhren, Glasperlen, Textilien und Farbstoffe nach Indien ein und exportierte Gewürze, Hölzer, Kaffee und Kokosbast nach Europa. Bereits in den 1860er-Jahren wurde der Export von indischer Baumwolle zur zentralen Geschäftsgrundlagen. Dabei kam dem Schweizer Unternehmen zu Gute, dass die Briten alles unternahmen, um Indien zu einem Rohstofflieferanten für ihre eigenen Textilfabriken, vor allem in Manchester, zu machen: das Eisenbahnnetz, das sie quer durch Indien anlegten, diente vorwiegend dem Transport der Baumwolle an die Küsten. Die verbesserte Infrastruktur erlaubte den europäischen Exportfirmen, Einkaufsagenturen und Baumwollpressen, sogenannte Gins, im Inneren des Landes zu errichten und indische Zwischenhändler auszuschalten.

Bis in die 1880er-Jahre gründete die Volkart Brüder sechs weitere Filialen in Indien, eine davon in Bombay, sowie eine Niederlassung in London. Vom Hauptsitz in Winterthur, dem Zentrum der kontinentaleuropäschen Textilwirtschaft, steuerten die Volkarts eines der weltweit grössten Handelsunternehmen und waren für bis zu zehn Prozent aller indischen Baumwollexporte nach Europa verantwortlich. Dabei arbeiteten sie eng mit indischen Kaufleuten zusammen, denn trotz der britischen Kolonialherrschaft waren europäische Handelsfirmen auf die indischen Kaufleute angewiesen. Volkart war denn auch stets darauf bedacht, ihre indischen Kaufleute korrekt zu behandeln. Im Gegensatz dazu standen die damaligen Verhaltensvorschriften, wie etwa die separierten Pausenräume für Europäer und Inder oder zu Hause der Umgang mit indischen Hausangestellten, die der rassistischen und paternalistischen Haltung der Kolonialherren nicht unähnlich war.

Der Anbau der Baumwolle und die vollständige Ausrichtung der Kleinbauern auf das «weisse Gold» hatte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen für Indien: Die Leidtragenden waren die indischen Bauersfamilien, die den schwankenden Weltmarktpreisen der Baumwolle ausgesetzt waren, weil sie ihre Subsistenzwirtschaft zugunsten der Baumwolle aufgegeben hatten. Verheerende Hungersnöte waren die Folgen.

Nach dem Ende der Kolonialzeit, in den 1950er-Jahren, begann Volkart ihre indischen Unternehmungen zu verkaufen und die Geschäfte in die westliche Hemisphäre zu verlagern. Nun konzentrierte sie sich die Firma auf den Kaffeehandel mit Lateinamerika und wurde ab 1950 zu einem der wichtigsten Rohkaffeehändlern der Welt.

In ihrer Heimatstadt Winterthur gründeten die Geschäftsleute aus den Volkart-Gewinnen grosszügige Stiftungen, wie etwa die Kunstsammlung Oskar Reinhart, die Schweizerische Gesellschaft für Theaterkultur mit dem renommierten Reinhart Ring oder das Fotomuseum Winterthur. Unter dem ursprünglichen Namen Volkart operiert heute nur noch die Volkart-Stiftung mit ebenfalls gemeinnützigen und kulturellen Vergebungen. Das Kaffeegeschäft wurde 1989 verkauft, 1999 stieg die Firma auch aus dem Baumwollhandel aus.

Nach Bombay, 1851, eröffnet Volkart weitere Filialen in Karachi, Cochin und Madras. Zwischenhändler werden dank Verkaufsagenturen im Landesinnern obsolet. Büro in Volkart-Filiale mit Mitarbeiter, 1903, Karachi, Repro.
Stadtarchiv Winterthur, Firmenarchiv Gebr. Volkart, Dep 42/1695.6

Volkart Etikette, ca. 1920.
Stadtarchiv Winterthur, Sign.-Nr. Dep 42/1971

Indiennes. Stoff für tausend Geschichten

Landesmuseum Zürich

30.08.2019 – 19.01.2020

Die Ausstellung im Landesmuseum erzählt die Geschichte rund um die Textilproduktion, thematisiert das koloniale Erbe und wandelt auf den Handelswegen zwischen Indien, Europa und der Schweiz. Äusserst sehenswert sind die vielen prachtvollen Stoffe, darunter hochkarätige Leihgaben aus dem In- und Ausland.

Pascale Meyer
Historikerin und Kuratorin am Schweizerischen Nationalmuseum

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2 Kommentare

Petra Livers sagt:

Vielen Dank für den interessanten Artikel.

[…] Museen und Ausstellungen müssen diesen Prozess entscheidend mitprägen. In der Ausstellung „Indiennes“ des Landesmuseum Zürich diskutieren wir Vermittlungs- und Erarbeitungsformen des „kolonialen […]