Vierpassförmige Fibel, mit einer Goldfolie überzogen und mit Filigranverzierung sowie verschiedenen gefassten Elementen. Ardon (VS), 7. Jahrhundert. Geschichtsmuseum Wallis Sitten.
©Musées cantonaux du Valais, Sion. Michel Martinez

Vom Abrakadabra zu Reliquienschreinen

Das Geschichtsmuseum des Wallis in Sion/Sitten lohnt derzeit eine Reise. Neben der attraktiven neuen Dauerausstellung bietet die Sonderausstellung «Frühes Mittelalter – Dunkle Zeiten» einen spannenden neuen Blick auf eine Epoche des Übergangs, wie wir sie selber auch gerade erleben.

In Sion ist die mittelalterliche Geschichte mit den beiden über der Stadt thronenden Burgruinen von Tourbillon und Valère besonders präsent. Die Basilika von Valère beherbergt nicht nur eine der ältesten noch spielbaren Orgeln der Welt. Die restaurierte Burg auf einem der Hügel ist auch der Sitz des in den verwinkelten Räumen sehr ansprechend neu eingerichteten Geschichtsmuseums des Wallis. Hier kann man eintauchen in die Vergangenheit einer Region, die seit der Antike vom transalpinen Handel, aber auch vom vorrückenden Christentum geprägt wurde.

Eine Schlüsselepoche war dabei das frühe Mittelalter, dem das Museum im Nebengebäude, dem «Pénitencier», dem ehemaligen Gefängnis, eine überraschende und reichhaltige Sonderausstellung widmet. Überraschend, weil das Mittelalter in unserer Phantasie zumeist aus eher spätmittelalterlichen Rittern, Mönchen, Handwerkern und Gauklern besteht, während wir die Anfänge dieser Zeit weniger gut kennen. Reichhaltig, weil man für eine Epoche, aus der nicht sehr viel Schriftliches überliefert ist, eine Fülle an attraktiven Ausstellungsstücken zusammengetragen hat.

Die vergleichsweise spärliche Überlieferung ist übrigens einer der Gründe, warum vor allem die Zeit zwischen 375, dem Beginn der Völkerwanderung, und 962, dem Gründungsjahr des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, oft als «dunkel» etikettiert wurde. Doch bei solchen Etiketten ist Vorsicht geboten. Als «dunkel» wurde das Mittelalter nämlich zuerst von den Renaissance-Gelehrten bezeichnet. Sie verfolgten damit durchaus eigene Interessen, wollten sie doch selber als Innovatoren und Wegbereiter einer leuchtenderen Zukunft punkten.

Der Ursprung des «Röstigrabens»

Inzwischen sieht die Forschung das Frühmittelalter längst nicht mehr nur als finstere Ära der Zerstörung, Stichwort Hunnensturm. Gerade dank neuerer archäologischer Funde weiss man heute, dass sich damals neue Strukturen und Ordnungen entwickelten, vor allem auf dem umkämpften Terrain der heutigen Schweiz. Etliche prägen noch unsere Gegenwart.

Beispiel «Röstigraben»: Die Sprachgrenze zwischen Romandie und Deutschschweiz entstand damals. Die über die ehemaligen Grenzen des römischen Reichs aus Norden vorrückenden Alemannen trafen im Mittelland auf die lateinisch geprägten Burgonden. Die Sprachgrenze markiert die Grenze des germanischen Vorstosses.

Beispiel Christianisierung: Die Kirche füllte mit Bischofssitzen und Klostergründungen allmählich das Vakuum, das nach dem Zerfall der römischen Zentralmacht entstanden war. So schuf sie die Basis für ihre dominante Rolle im Hochmittelalter.

Beispiel Raumentwicklung und Verkehrswege: Das römische Reich zerfiel. Was blieb, waren unter anderem Verkehrswege und städtische Zentren. Der Zerfall der Zentralmacht stärkte daneben die Autonomie der ländlicheren Gebiete.

Solche Entwicklungen erkennt man am besten per Zoom auf eine bestimmte Region. Die Ausstellung mit dem Untertitel «Aux sources du Moyen Âge – Entre Alpes et Jura» richtet ihn vor allem auf das Wallis und die Genferseeregion. Sie bereitet neuere Forschungen zugänglich auf und lädt zu einer anschaulichen Zeitreise ein.

Die Werkstätten im Handwerkerviertel von Sitten – Soux-le-Scex im 5. Jahrhundert. Im Hintergrund bauen die Arbeiter mit Hilfe eines Hebekrans die Kirche.
Illustration ©Cecilia Bozzoli

Crashkurs Geschichte

Zur Einstimmung gibt es eine Vitrine mit älteren Geschichtswerken, darunter ein Schulbuch von 1960. Mehrere Jahrhunderte werden da auf nur einer Doppelseite abgehandelt. Ja, so ähnlich sah auch unser Schulbuch aus. Kein Wunder, schneiden wir beim Blitztest zum frühen Mittelalter auf den iPads gleich daneben mässig ab. Auffrischung tut not!

Wir steigen also in den ersten Stock des «Pénitencier». Dort wird unser schütteres Wissen zunächst mit einer Zeitachse und einigen Schautafeln aufpoliert: Wer, wo, wann, was – ein nützlicher Crashkurs. Dann wird uns ein neuer Blick auf die Völkerwanderung ans Herz gelegt. Nein, das war nicht einfach eine Invasion von Barbaren, sondern ein über Jahrhunderte dauernder Migrationsprozess, der einsetzte, weil ein geschwächtes Rom erst die Grenzregionen aufgab und dann komplett zusammenbrach. Ob der Vergleich mit der heutigen Migration passt, der hier auch noch gezogen wird, sei dahingestellt. Im Übrigen wanderten schon damals nicht nur die Menschen. Auch Luxusgüter wie Seide, Glas, Wein kamen etwa aus Nordafrika und dem Orient. Hingegen wurden Alltags- und Gebrauchsgüter zunehmend vor Ort produziert, weil die einstigen Lieferketten aus der Römerzeit nicht mehr funktionierten. Schluss mit feiner Keramik, ab jetzt gab’s Holznäpfe. Der Übergang von Keramik (oder bei Gebäuden Stein) zu Holz erklärt, warum wenig von der damaligen Alltagskultur erhalten ist.

Besonders nachdenklich stimmt ein früh dokumentiertes, aber erst jüngst genauer erforschtes Naturereignis. Im Jahr 563 löste ein Bergsturz im oberen Rhonetal einen gewaltigen Tsunami am Genfersee aus. Nach einer guten Stunde erreichte eine 8 Meter hohe Flutwelle Genf.

Nach diesen Hintergrundinfos kommt das Schauvergnügen: Eine umfangreiche, kaum je in dieser Kombination gezeigte Auswahl bedeutender Exponate mit etlichen Leihgaben, darunter auch solche aus dem Schweizerischen Nationalmuseum. Während die Funde aus archäologischen Grabungen vor allem Rückschlüsse auf Alltagsstrukturen zulassen, sorgt die Sakralkunst aus Kloster- und Kirchenschätzen für ästhetische Höhepunkte.

Mittelalterlicher Spangenhelm aus Metall und Bronze mit figürlichen Verzierungen.
Schweizerisches Nationalmuseum

Mittelalterlicher Siegelring mit Inschrift und Bildnis aus Sierre.
Schweizerisches Nationalmuseum

Aussagekräftige Ausstellungsstücke

Drei Beispiele seien herausgegriffen: Auf einem silbernen Kreuzanhänger lesen wir die eingravierten Wörter ABRAXA – ABRAKADABRA, Beschwörungsformeln heidnischen Ursprungs. Sie zeigen, wie das frühe Christentum und der Volksglaube sich damals mischten.

Eines von mehreren Prunkstücken, mit denen die Schau aufwartet, ist der fein gearbeitete goldene Reliquienschrein des Heiligen Mauritius aus der Abtei St. Maurice weiter unten im Rhonetal. Sie wurde an seit Römerzeiten strategisch wichtiger Stelle am Fuss des seinerzeit – neben dem Bergell - einzigen bedeutenden Alpenpasses, des Grossen St. Bernhard, gegründet. Der Schrein steht für die aufblühende Verbindung von Handwerkskunst und Sakralkultur.

Ein Zeugnis der Migration ist der turmförmig deformierte Schädel einer Frau, einer von dreissig, die man am Genfersee gefunden hat. Die seltene Praxis der Schädeldeformation weist auf «Romani» aus dem eurasischen Raum hin.

Die Ausstellung in Sion lebt von solchen Stücken, die es sorgfältig in die entsprechenden Kontexte einbettet und damit zum Sprechen bringt. Sie nutzt dafür auch grossformatige, gemalte Alltagsszenen, die zwar Geschmackssache sein mögen, aber gerade für einen Besuch mit Kindern konkrete Anhaltspunkte bieten. Wer nach diesem Programm noch Schwung hat, kann ergänzend einen Abstecher zur Abtei St. Maurice einplanen. Dort kann man derzeit die Restaurierung eines wertvollen Reliquiars verfolgen und so noch genauere Einblicke ins frühmittelalterliche Kunsthandwerk gewinnen.

Krummstab des heiligen Germanus, der weltweit älteste bekannte Krummstab aus dem Klosterschatz von Moutier-Grandval, 7. Jahrhundert.
©Musée jurassien d’art et d’histoire, Delémont; Bernard Migy

Frühes Mittelalter – Dunkle Zeiten?

Geschichtsmuseum Sitten, Schloss Valeria

bis 5. Januar 2020

Ausstellung in leicht veränderter Form ab Februar 2020 in Lausanne, Saaltexte auch auf Deutsch. Der detaillierte wissenschaftliche Katalog liegt nur auf Französisch vor.

www.museen-wallis.ch

Hibou Pèlerin
Seit vielen Jahren fliegt Hibou Pèlerin zu kulturhistorischen Ausstellungen. Für den Blog des Schweizerischen Nationalmuseums greift sich Pèlerin die eine oder andere Perle raus und stellt sie hier vor.

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