Ob sie wohl auch mal LSD verpacken mussten? Angestellte von Sandoz bei der Arbeit, um 1950.
Schweizerisches Nationalmuseum

Farbige Basler Welt

1943 erfand Albert Hofmann in Basel das LSD. Er konsumierte den Stoff bis ins hohe Alter. Andere mussten bald darauf verzichten: Bereits in den 1960er-Jahren wurde LSD verboten.

Farben! Albert Hofmann sah Farben. Er sah fantastische Formen, eine wogende Welt und Fontänen funkelnder Farben. Farben hatten auch ganz am Anfang seiner Erfindung gestanden, am Anfang der Basler Chemie. Im 19. Jahrhundert waren am Rhein textile Schnörkel fabriziert worden: Quasten, Bändel, Bordüren, kunstvoll verarbeitet – und gefärbt. Die Färber begannen die chemischen Prozesse zu verstehen und aus diesem Wissen entstand die pharmazeutische Industrie. Teil jener Branche war die Firma Sandoz, bei der Hofmann am 16. April 1943 im Labor stand und ein Kreislaufmittel suchte. Er besann sich auf Lysergsäurediethylamid, eine Substanz, die er fünf Jahre zuvor ergebnislos beiseite gelegt hatte. Er kramte sie wieder hervor und kam dabei vermutlich mit Dämpfen in Berührung, jedenfalls begab er sich benebelt nach Hause. Also testete er am Montag, 19. April, eine winzige Menge LSD im Selbstversuch.

Blick auf die Basler Chemie, um 1938.
Schweizerisches Nationalmuseum

In Stalingrad kesselten die Russen die Wehrmacht ein, in Warschau erhoben sich die Juden im Ghetto, in Frankreich durchkämmte die SS die Hinterhöfe und in Basel setzte sich Albert Hofmann nach dem Selbstversuch aufs Fahrrad und fuhr nach Hause. Es war eine verstörende Erfahrung. Der Raum wogte und zerfiel. Erst als Hofmann daheim auf dem Bett lag, wurde der Trip zu einer Stunden dauernden Traumreise. Am nächsten Morgen trat Hofmann in seinen Garten: «Alles glitzerte und glänzte in einem frischen Licht. Die Welt war wie neu erschaffen.»

Impfungen gegen Kinderkrankheiten, Kopfwehpillen, Krebstherapien: Erfindungen der Basler Pharmaindustrie haben viele Leben verbessert, aber kein Mittel entfaltete die Wirkung von LSD. Und kein Halluzinogen war so potent: Mit 10 Kilo LSD hätte Hofmann die ganze US-Bevölkerung auf einen Trip schicken können. Und genau dort, in den USA, experimentierten nach dem Krieg immer mehr Menschen mit dieser Substanz. Erst die Armee und der Geheimdienste, dann Forscher, Künstler und schliesslich eine immer breitere Masse junger Leute. Die Hippie-Kultur, ihre Formen und Farben, Flower-Power und die Anti-Vietnamkriegsbewegung wurden von LSD inspiriert. Pink Floyd, Steve Jobs und die Beatles. Und bei letzteren speziell das Lied «Lucy in the Sky with Diamonds».

Lucy in the Sky with Diamonds von den Beatles.
YouTube

Für Hofmann war LSD ein Zaubermittel, eine heilige Droge, die die Sinne verstärkte und das Bewusstsein erweiterte – und eine Substanz, für die er einen verantwortungsvollen Umgang forderte. Vergebens, denn der Konsum breitete sich rasch aus und 1966 wurde LSD in den USA verboten. Europa zog in den 1970er-Jahren nach. Die seriöse LSD-Forschung kam zum Erliegen und die experimentierfreudigen Jugendlichen wichen auf andere Substanzen aus. Härtere, problematischere, solche, die abhängig machten und tragische Enden schrieben.

Hofmann selbst konsumierte LSD bis ins hohe Alter. 102 Jahre wurde er und damit alt genug, um noch zu erleben, wie die Verbote rund um seine Erfindung ein kleines bisschen gelockert wurden. Für psychiatrische Untersuchungen.

Albert Hofmann an einer Diskussion in Zürich, 2006.
Wikimedia

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Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

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Ihr Kommentar





3 Kommentare

Adrian sagt:

Die Beatles bestreiten aber hartnäckig, dass es beim Lucy in the Sky with Diamonds um LSD geht. Auch wenn es naheliegend ist.

Benedikt Meyer sagt:

@Adrian: Die Debatte gibt es tatsächlich schon länger. Während John Lennon einen Zusammenhang abstritt, erklärte Paul McCartney 2004 in einem Interview mit dem Musikmagazin „Uncut“, es sei „ziemlich offensichtlich“ dass es in Lucy in the Sky with Diamonds um LSD gehe.

Gaston sagt:

Sehr schöner Text, inhaltlich wie sprachlich. Ob die Beatles auf LSD anspielten, ist eigentlich wurscht: Das Stück ist auch heute noch grossartig. Gefehlt hat mir aber ein Hinweis auf «LSD-Papst» Timothy Leary. Immerhin fand er in der Schweiz für ein paar Wochen eine Art Asyl. Sergius Golowin soll ihn dabei unterstützt haben.