In zahlreichen Demonstrationen und Protesten zeigte die jurassische Bevölkerung, was sie wollte.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Jura libre!

Die lange Geschichte des Juras kurz erzählt. Angefangen hat alles mit dem Wiener Kongress und einem Entscheid am Verhandlungstisch.

Dem Verteidigungsminister blieb nur der Rückzug. Am Fuss des «Vieux Fritz» genannten Soldatendenkmals auf dem Col des Rangiers hatte Bundesrat Chaudet 1964 eine Rede halten wollen. Die Militärmusik war aufmarschiert, dazu einige Kavalleristen und Soldaten mit Schweizerfahnen – sie waren deutlich in der Minderheit. Rund siebentausend Menschen drängten sich auf dem Pass, schwenkten Jura-Fahnen und verhinderten mit Sprechchören den Auftritt des Bundesrats. «Jura libre!»

Die Aktionen der Separatisten machten von sich reden. Insbesondere die «Béliers» überraschten immer wieder mit radikalen Aktionen. Sie verübten Brand- und Sprengstoffanschläge, besetzten Botschaften, störten den Berner Tag an der Expo 64, mauerten den Eingang des Berner Kantonsparlaments zu und gossen Teer in die Tramschienen der Bundesstadt. Die Lunte zu all diesen Problemen reichte anderthalb Jahrhunderte zurück – zu Napoleon und zum Wiener Kongress.

Damals war das sogenannte Fürstbistum Basel dem Kanton Bern zugeschlagen worden. Womit die Probleme programmiert waren: Welsche Katholiken im protestantischen, deutschsprachigen Bern. Immer wieder hatte es Spannungen gegeben und die erreichten ein neues Level, als das Kantonsparlament 1947 dem gewählten Jurassier Georges Moeckli die Leitung des Verkehrsdepartements verwehrte. Begründung: er spreche zu wenig Berndeutsch. Bei Protesten in Delsberg wurde daraufhin offen die Abspaltung gefordert.

Bundesrat Paul Chaudet an seiner gescheiterten Rede im Jura 1964.
Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

Die Separatisten organisierten sich als «Béliers» – «Widder» – und erfanden spektakuläre Protestformen. Pro-Berner hielten als «Sangliers» – «Wildschweine» – dagegen, während Bund, Kanton und Armee durch ihr hemdsärmeliges Verhalten zusätzlich zum Konflikt beitrugen. Als die Jurassier 1974 schliesslich an der Urne über den Bruch mit Bern befinden konnten, offenbarte sich vor allem die innere Spaltung des ehemaligen Fürstbistums. Der Norden votierte klar für die Sezession, der Süden, inzwischen protestantisch geprägt, sprach sich für den Verbleib bei Bern aus. Eine zweite Abstimmung bestätigte die Spaltung des Juras, in einer dritten entschieden einzelne Gemeinden, zu welcher Seite sie gehören wollten. Am 24. September 1978 segneten die Stimmenden der übrigen Schweiz die Teilung ab. Der Jura wurde zum 23. Schweizer Kanton.

Die Jurafrage verlor in der Folge an Brisanz. Ganz verschwunden ist sie aber nicht. Das zeigt nicht zuletzt das Schicksal des Soldatendenkmals auf dem Col des Rangiers. «Le vieux Fritz» wurde 1984 umgestürzt, 1987 angezündet, 1989 erneut gekippt und daraufhin entfernt. 2017 wechselte Moutier als vorerst letzte Gemeinde von Bern zum Jura.

Geschichte des Jura

Militärhistoriker Hervé de Weck hat die Geschichte des Juras in einer fünfteiligen Serie beleuchtet. Die Artikel sind 2017 auf dem Blog des Schweizerischen Nationalmuseum publiziert worden.

Teil 1: Die Jahre 1947 bis 1973

Teil 2: Endlich souverän!

Teil 3: Der Kampf geht weiter

Teil 4: Der Fall Flükiger

Teil 5: Deutsche Terroristen im Jura

Die 100-teilige Serie im Zeitstrahl

Benedikt Meyer
Benedikt Meyer ist Historiker und Autor.

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Ein Kommentar

Goldfrosch sagt:

Die Verweigerung von Bundesmitteln für einen geplanten Spielfilm, der den gewaltsamen Tod des Soldaten Flükiger.und einer Liebesaffäre der Tochter von BR Furgler nachzeichnet, musste die Missbilligung von amtlicher Seite hervorrufen und zur Streichung von öffentlichen Fördergeldern führen. Damit bleibt man der Linie treu, die Jurafrage auszusitzen und damit auch eine Diskussion um die Person Furglers, der vor der Öffentlichkeit als der Macher des Juras dastehen wollte und doch vor dem Terror der Beliers eingeknickt ist, von vornherein abblocken.
Mit dem Artikel des TA über den Fall Flükiger und die Versenkung einer filmischen Aufarbeitung halten die Betroffenen an einer Geschichtsklitterung fest, mit der die Berner Justiz sich selbst als befangen, obrigkeitshörig und stümperhaft entlarvt und bis heute nichts dazugelernt hat. Der Fall Moutier lässt grüssen.