25'000 Baslerinnen und Basler waren im Mai 1940 auf der Flucht vor der anrückenden Wehrmacht.
Foto Jeck Basel / Rolf Jeck

Massen­flucht aus Basel

Wenige Tage nach dem Überfall der Wehrmacht auf Holland und Belgien meldet die schweizerische Abwehr einen deutschen Truppenaufmarsch an der Nordgrenze. Die Zivilbevölkerung in der besonders gefährdeten Grenzstadt Basel wird von Angst ergriffen. Viele setzen sich in das Landesinnere und in die Westschweiz ab.

Gabriel Heim

Gabriel Heim ist Buch- und Filmautor sowie Ausstellungsmacher. Er befasst sich vor allem mit Recherchen zu Themen der Neueren Zeitgeschichte und lebt in Basel.

«Die Reise verlief sehr gut, die Züge waren voll. Es dauerte eher lang, aber die Kinder waren vergnügt und brav. Von Bern an waren wir mit den drei jüngeren Kindern Speiser-Riggenbach zusammen, welche in der Nähe von Coppet zu Bekannten fuhren. Auch Marianne Alioth reiste bis Lausanne mit, sie geht zu den Zellwegers nach Montana. Von Weitem sah man noch allerlei Bekannte. […] Es ist so schwer sich vorzustellen, dass Basel in Gefahr ist. Ich hoffe der Brief erreicht Dich in Frieden», schreibt Elisabeth Staehelin-Iselin aus ihrem «Fluchtort» Prangins am Genfersee an ihren Ehemann, der in Basel zurückgeblieben ist.

Die Bewohner der Brückenstadt am Rhein sind seit dem 10. Mai 1940 – dem Beginn der rasanten Westoffensive der Wehrmacht – zunehmend verängstigt, dass auch ihre kaum befestigte Heimatstadt leichte Beute der deutschen Truppen werden könnte. Zur steigenden Unruhe gesellt sich die Anspannung, denn schon am 14. Mai erwartet das Stadtkommando Basel, gestützt auf Meldungen des militärischen Nachrichtendienstes, einen unmittelbar bevorstehenden Angriff. In Basel wird die höchste Alarmbereitschaft ausgelöst, die Massenflucht aus der Grenzstadt setzt ein.

Panik in Basel

«Ein eindrückliches Bild von den überhasteten Abreisen kann man sich machen, wenn man weiss, dass in allen einschlägigen Geschäften Rucksäcke ausverkauft sind. Kaum prangten die grünen und roten Mobilmachungsplakate an den Anschlagwänden, als sich bereits die ersten einberufenen Milizen auf den Weg nach dem Bundesbahnhof machten, um ihre Sammelplätze zu erreichen. Dort herrschte ein unbeschreibliches Gewirr von einrückenden Offizieren und Soldaten sowie von Zivilpersonen, die in aller Eile Basel verliessen. Ununterbrochen rollten Mietautos heran und Dienstmänner schleppten schweres Reisegut herbei». Für Historiker Georg Kreis «ein demoralisierender Kontermarsch der Zivilisten, während die Soldaten in Richtung Grenze und Kampfzone marschierten».

Die durch den Basler Regierungsrat schon 1939 vorbereitete Zivil-Evakuierung greift nicht mehr, Panik macht sich breit. Die Geschäftsleitung der Hoffmann-La Roche siedelt nach Lausanne um, das Direktorium der Bâloise-Versicherung zieht nach Genf und die Diplomaten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich fliehen nach Château-d'Oex im Kanton Waadt. Die öffentlichen Verwaltungen transportieren unter Hochdruck Register, Grundbücher und Gerichtsakten ab und am frühen Morgen steht so manch ein Basler vor seinem über Nacht verwaisten Bäckerladen.

Wer konnte, verliess Basel im Mai 1940 mit Sack und Pack.
Foto Jeck Basel / Rolf Jeck

Herr und Frau Wiederkehr

«Am Sonntag und Montag hielt der Auszug an. Während des gestrigen Tages nahm er ein solches Ausmass an, dass man bereits von einer eigentlichen freiwilligen Evakuation sprechen konnte. Stundenlang waren Billet- und Gepäckschalter im Bundesbahnhof umlagert. Berghoch türmte sich das Reisegepäck auf. Die Gepäckwagen reichten bei weitem nicht aus und den Zügen mussten halbdutzendweise Güterwagen angehängt werden. In der vergangenen Nacht gewahrte man ununterbrochen Leute, die mit Kindern und Leiterwagen die Stadt zu Fuss verliessen», schreibt die Basler National-Zeitung am Dienstag, 14. Mai 1940, derweil Elisabeth Staehelin-Iselin in Prangins ihrem Mann berichtet: «Frau Speiser soll von Basel nach Coppet 80 Mal angehalten worden sein. Die Kontrolle der Autos, überhaupt aller Strassenbenützer ist sehr gross. Anscheinend wird überall nach Quislingen und der 5. Kolonne gefahndet. Ich las, dass man ja in Basel nicht mal mehr telefonieren dürfe in den öffentlichen Sprechstationen. Hier ist es so friedlich und schön. Es ist wahr, wir sind etwas ausserhalb, wenn man die Zeitungen alt erhält, kein Radio hört und dabei in einer idyllischen Landschaft lebt. Wir können uns hier nur schwer vorstellen, dass die Schweiz noch gefährdet sein soll. Mir ist es immer noch ganz unfassbar, dass die Deutschen solche Erfolge hatten und haben.»

Am 17. Mai titelt die National-Zeitung «Fühlbare Entspannung». An nur drei Tagen haben etwa 25'000 Baslerinnen und Basler ihre Stadt fluchtartig verlassen. Doch nicht nur sie hatten sich angesichts eines – wie sich herausstellen wird – militärischen Täuschungsmanövers der Wehrmacht nahe der Schweizer Nordgrenze – in Bewegung gesetzt. Insgesamt − so die Schätzungen − haben während der Pfingsttage Hunderttausend Menschen von Zürich und der Nordschweiz aus Zuflucht im Inneren und im Westen des Landes gesucht. Eine Episode dieses Exodus hält Soldat Max Frisch, der «in der Nacht als wir den deutschen Überfall erwarteten» auf dem Mutschellen-Pass stationiert ist, in seiner Aufzeichnung «Dienstbüchlein» fest: «Verdunkelung, Autos fuhren mit Blaulicht, Kolonnen von Privat-Autos aus Zürich; [...] Die Autos schwer beladen, Koffer, Taschen, Pelzmäntel, sogar Leuchter, die gerollten Teppiche auf dem Dach …. Ich war also entrüstet. Der [Soldat] mit der Taschenlampe, die schwere Kabelrolle auf dem Rücken, hatte einen realistischeren Kopf: Die haben halt ein Ferienhäuschen! – wir nicht».

Am 26. Mai lässt Elisabeth Staehelin-Iselin ihren Mann wissen: «Ich habe beschlossen, am Mittwoch heimzukommen, Ankunft um 16.25 Uhr. An jenem 26. Mai 1940 werden die britischen Truppen in Dünkirchen eingekesselt und im unversehrt gebliebenen Basel geht der Schulunterricht wieder los, während den fluchtartig Verreisten noch lange der Spott des «Herr und Frau Wiederkehr» anhängen wird.

Schnell weg und schnell wieder da: Die Flüchtlinge wurden später mit Spott überhäuft.
Foto Jeck Basel / Rolf Jeck

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