Sigismund von Burgund. Fresko in der Dreifaltigkeitskirche (Konstanz), entstanden zwischen 1417 und 1437.
Sigismund von Burgund. Fresko in der Dreifaltigkeitskirche (Konstanz), entstanden zwischen 1417 und 1437. Wikimedia / Fb78

Sigismund – ein heiliger, aber unbehol­fe­ner König

Wie König Sigismund von Burgund (~ 476–523/524) durch schlechte politische Entscheidungen zum Märtyrer wurde.

Justin Favrod

Justin Favrod

Historiker und Chefredakteur der Zeitschrift «Passé simple».

Sigismund war ein wandelndes Paradoxon. Kaum ein Herrscher traf so viele politische Fehlentscheidungen. Aber zweifelsohne hatte auch nie zuvor ein Mann des Glaubens so viel Pionierarbeit geleistet. Als der burgundische Prinz geboren wurde, verband ihn nichts mit dem Gebiet, das einmal die Schweiz sein wird. Dieses Manko würde er allerdings noch aufholen. Als Sohn des Burgunderkönigs Gundobad verbrachte er seine Kindheit und Jugend bei Hofe in Lyon. Im Jahr 500 fand die Schlacht bei Dijon statt. Der Frankenkönig Chlodwig griff die Burgunder an. Gundobad stellte sich ihm gemeinsam mit seinem Bruder Godegisel, Unterkönig in Genf, entgegen. Mitten im Kampf liefen Godegisel und seine Truppen zur anderen Seite über. Für Gundobad und seine Leute gab es nur noch die Flucht. So tollpatschig sein Sohn einst sein würde, so geschickt war Gundobad. Er rettete die Situation durch eines seiner Bündnisse, stellte seinen Bruder und liess ihn hinrichten. Kurz darauf, um 504, machte er seinen ältesten Sohn Sigismund zum Anführer des nördlichen Teils des Burgunderreichs. Dazu gehörte vor allem das Schweizer Mittelland und das Wallis. Sigismund wurde in Carouge in der Nähe von Genf zum König ernannt.
Reliquienkästchen bemalt mit verschiedenen Heiligen, darunter Sigismund (rechts), ca. 1590.
Reliquienkästchen bemalt mit verschiedenen Heiligen, darunter Sigismund (rechts), ca. 1590. Schweizerisches Nationalmuseum
Sein Volk stammte aus Worms, war 443 n. Chr. an die Ufer des Genfersees gelangt und vertrat den halb-arianischen Glauben, einen Zweig des Christentums, der bei den Germanen Hochkonjunktur hatte. Laut dieser Lehre ist Christus Gott untergeordnet. Für die Glaubensrichtungen, die das Bekenntnis von Nicäa anerkannt hatten, war das eine schreckliche Häresie. Sigismund konvertierte um 505 zum Katholizismus. Darum baute er eine neue Kathedrale in Genf, deren Glocken zu Ehren des Katholizismus läuteten, denn sie war dem heiligen Petrus geweiht – dem ersten Papst. 515 ging er noch weiter und gründete das Kloster St. Maurice von Acaunum. Dieses war kein gewöhnliches Kloster mit Mönchen, die arbeiteten, um ihren Bedarf zu decken, sondern mit Mönchen, die in sieben Gruppen organisiert waren und Tag und Nacht ohne Unterbrechung Hymnen sangen. Die Mönche für dieses Projekt schaffte Sigismund aus allen Klöstern des Königreichs heran. Er stattete die Abtei im Wallis mit grosszügigen Finanzmitteln aus, um das Überleben dieser im Westen noch völlig unbekannten Innovation zu sichern. Und es funktionierte: Über Jahrhunderte hinweg sangen die Mönche den ewigdauernden Lobgesang und machten Acaunum zum berühmtesten Kloster in Europa. Sigismund ging als erster König auf Wallfahrt nach Rom und nach seinem Tod war er als erster Heiliger ganz auf ein bestimmtes Wunder spezialisiert: die Heilung des Sumpffiebers. Da er in St. Maurice zur Ruhe liegt, ergab das auch Sinn: Lange Zeit forderte das Fieber im Wallis zahlreiche Tote. Soweit zur Religion. Die Politik aber war eine andere Sache.
Chlodomer befiehlt die Hinrichtung von Sigismund.
Chlodomer befiehlt die Hinrichtung von Sigismund. Grandes chroniques de France
Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 516 herrschte Sigismund als König über das ganze Königreich Burgund. Er hatte bereits den Unmut seines Volkes auf sich gezogen, als er den Glauben seiner Vorfahren ablegte, und würde sich seinen früheren Schwiegervater, den König Italiens, Theoderich der Grosse, zum Todfeind machen. Mit der Tochter dieses mächtigen ostgotischen Königs war Sigismund in erster Ehe verheiratet und seine Frau Ostrogotho gebar ihm Prinz Sigerich. Ostrogotho starb und Sigismund heiratete eine ihrer Dienerinnen. Das Verhältnis zwischen Sigerich und seiner Stiefmutter war katastrophal. Sie überzeugte Sigismund davon, sein Sohn wolle ihn durch einen Komplott stürzen. 522 liess Sigismund seinen eigenen Sohn mit einem Kissen erdrosseln. Theoderich verbündete sich mit dem fränkischen König Chlodomer (einer der Söhne Chlodwigs). Eingekeilt in der Mitte wurde Sigismund besiegt. Er flüchtete nach Acaunum, doch seine burgundische Wache lieferte ihn, seine Frau und seine Kinder aus zweiter Ehe an Chlodomer aus. Sigismund und seine Familie wurden hingerichtet und die Leichen in einen Brunnen in der Nähe von Orléans, dem Hauptsitz Chlodomers, geworfen. Nur dank der wundersamen Erscheinung nächtlicher Lichter um den Brunnen herum sowie der Hartnäckigkeit eines Abtes von St. Maurice konnten die Verstorbenen ins Wallis zurückgebracht werden, wo sie als heilige Märtyrer verehrt wurden.
Archäologische Überreste im Kloster St. Maurice.
Archäologische Überreste im Kloster St. Maurice. ©Tera sàrl 2009
Sigismunds Bruder Godomar unternahm alles, um das Burgunderreich zu retten, doch 534 musste er vor den Franken die Flucht ergreifen. Ab diesem Zeitpunkt befand sich ein grosser Teil des heutigen Gebiets der Schweiz in der Abhängigkeit von fränkischen Königen.
Schrein des hl. Sigismund und seiner Söhne, ca. 1150-1200.
Schrein des hl. Sigismund und seiner Söhne, ca. 1150-1200. Wikimedia / Whgler

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschich­te einer Region oder eines Landes ist die Geschich­te der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persön­lich­kei­ten vor, die den Lauf der Schweizer Geschich­te geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählun­gen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», heraus­ge­ge­ben 2016 von Frédéric Rossi und Christo­phe Vuilleu­mier im Verlag inFolio.

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