Mit Karikaturen provozierte das Schweizer Satiremagazin «Nebelspalter» Nazideutschland immer wieder.
Illustration: Marco Heer

Mit spitzer Feder gegen die Nazis

Der Nebelspalter machte sich mit seinem satirisch-kritischen Stil früh einen Namen. Vor allem Carl Böcklis Karikaturen provozierten und wurden 1933 in Deutschland verboten.

Carl Böckli beginnt 1922 als freier Mitarbeiter für die Schweizer Satirezeitschrift Nebelspalter zu arbeiten. Fünf Jahre später wird er dessen Chefredaktor und macht aus dem kränkelnden Witzblatt eine renommierte kritisch-satirische Zeitschrift. Unter dem Kürzel Bö kommentiert der gelernte Grafiker über 35 Jahre das Weltgeschehen. Mit seinen Karikaturen wird er in den 1930er-Jahren und während des Zweiten Weltkriegs im deutschsprachigen Raum zum Inbegriff des geistigen Widerstands gegen totalitäre Ideologien.

In Bös frühen Karikaturen stehen soziale Themen wie Armut und der weit verbreitete Alkoholismus im Zentrum. Auf dem Titelblatt der Ausgabe vom 16. September 1927 lässt er die Trinker mitsamt ihren Flaschen im Alkohol treiben – über ihren Köpfen ein Plakat mit der Aufschrift «Lasst uns den billigen Schnaps!». Den Hintergrund zu dieser Karikatur bildet die anstehende Abstimmung zur Revision des Alkohol-Gesetzes. Diese wollte das Brennen von Schnaps zukünftig dem Staat vorbehalten und es Privaten verbieten.

Pressezensur

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Das bekommt auch der Nebelspalter zu spüren, der ab 1933 in Deutschland verboten ist. Bereits 1934 schränkt auch die Schweiz die Pressefreiheit ein. Doch die eigentliche Zensur setzt erst 1939 ein: Auf Beschluss des Bundesrats übernimmt die Armeeleitung die Überwachung der Medien. Die Zensurbehörde hat die Möglichkeit, Zeitungen oder Zeitschriften einzustellen, wenn diese ihrer Meinung nach die auswärtigen Beziehungen des Landes gefährden.

Carl Böckli: «Lasst uns den billigen Schnaps!» Titelblatt des Nebelspalters vom 16. September 1927.
Nebelspalter Verlag Horn

Dem Nebelspalter fällt jetzt die schwierige Aufgabe zu, seine Position kundzutun – ohne etwas explizit zu äussern. Bö gelingt dieser Hochseilakt, indem er seine Meinung in subtile Bildfindungen packt und diese mit einem Minimum an Wortkommentar kombiniert. Auf dem Titelblatt der Ausgabe vom 23. Juni 1939 zeigt Bö wie er sich als Redaktor jeden Tag einen Maulkorb verpasst: «Frühturn-Rezept für Redaktoren, eingeführt seit dem Verbot der S. Z. am Sonntag: Man nimmt einen Stuhl / Und hockt uf´s Mul!». Beim verbotenen Blatt handelte es sich um die in Basel erschienene Schweizer-Zeitung am Sonntag.

Zwischen Widerstand und Anpassung

Mit der Karikatur des kleinen Sennenbuben in der grossen Zange schafft Bö für das Titelblatt der Ausgabe vom 15. Januar 1942 ein starkes Bild zur Lage der neutralen Schweiz. Um die bedrohliche Umklammerung durch die kriegsführenden Mächte herauszustreichen, setzt er unter die Zeichnung knapp und präzis vier Worte: «Kleiner Kommentar zur Lage.» Bereits seit 1938 verdichtete Bö in der Figur des kleinen Berglers mit Sennenchäppi die Geistige Landesverteidigung. Dieses naive Kind darf frech und vorwitzig Dinge sagen oder tun, die sonst niemand darf.

Die Karikatur «Superneutralität» auf dem Titelblatt der Ausgabe vom 4. Juni 1942 macht in ihrer Absurdität klar, dass die Pressezensur so weit geht, dass über die Kriegsereignisse im Extremfall nichts mehr berichtet werden kann. Die Berichterstattung wird derart gefiltert, dass sie zur leeren Worthülse verkommt: «…und nun die englischen Nachrichten: Die englische Nachrichtenagentur meldet: nichts zu melden!»

Carl Böckli: Frühturn-Rezept für Redaktoren, Titelblatt des Nebelspalters vom 23. Juni 1939.
Nebelspalter Verlag Horn

Carl Böckli: Kleiner Kommentar zur Lage, Titelblatt des Nebelspalters vom 15. Januar 1942.
Bö-Stiftung im Museum Heiden

Bös Markenzeichen

Die Verbindung von Bild und satirischem Text – meist dialektal gefärbte Verse – zeichnen Bös Karikaturen aus. Fallen seine Text-Kommentare während der Kriegsjahre zuweilen kürzer aus, so spiegelt sich darin die Zensur. Umso prägnanter sind seine Zeichnungen.

Doch mit dem schlafenden Sennenbub auf dem Titelblatt vom 21. Oktober 1943 kehren die Verse zurück. «Pfuus Büebli pfuus…», rät Bö dem Schläfer. Da weder abgestimmt noch gewählt werde, falle es ja niemandem auf, wenn einer fehle. Der ironisch-beruhigende Vers spielt auf das bundesrätliche Vollmachtenregime im Zweiten Weltkrieg an. Ab Ende August 1939 regiert der Bundesrat mittels Notverordnungen, das Parlament erlässt fast keine Gesetze mehr. Von September 1939 bis Mai 1945 kommen insgesamt nur sieben Abstimmungen vor das Volk; 1943 keine einzige.

Aber nicht nur der Sennenbub hat Bürgerpflichten oder gar politische Ereignisse verschlafen. Auf dem Titelblatt vom 13. September 1945 klettert er auf der Leiter hoch, um den Uniformierten zu wecken: «Ganz im Vertraue, Herr Oberscht, de Chrieg isch uus!» Damit wird wohl auf die lange Spanne zwischen der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 und die späte Beendigung des Schweizer Aktivdienstes am 20. August 1945 angespielt.

Carl Böckli: «Pfuus Büebli pfuus (…)», Titelblatt des Nebelspalters vom 21. Oktober 1943.
Bö-Stiftung im Museum Heiden

Carl Böckli: «Ganz im Vertraue (…)», Titelblatt des Nebelspalters vom 13. September 1945.
Nebelspalter Verlag Horn

Made in Witzerland

Forum Schweizer Geschichte Schwyz

bis 24. Januar 2021

In der Wechselausstellung «Made in Witzerland» ist der Schweizer Satirezeitschrift Nebelspalter ein eigenes Kapitel gewidmet. Darin kommen selbstverständlich auch die zahlreichen Karikaturen von Carl Böckli vor.

Pia Schubiger
Pia Schubiger ist Kuratorin beim Schweizerischen Nationalmuseum.

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