Zweifel's Schweizerbaukasten war vor 100 Jahren ein beliebtes Spielzeug.
Schweizerisches Nationalmuseum

Das Kind als Baumeister

Vor rund 100 Jahren hat Carl Zweifel einen Holzbaukasten für Kinder entworfen. Das Spielzeug mauserte sich zum Verkaufsschlager und war pädagogisch wertvoll.

Anna Lehninger

Anna Lehninger ist Kunsthistorikerin und lebt in Zürich.

Vor 100 Jahren war die Welt eine andere. Games, Internet und Social Media lagen noch in weiter Ferne und auch im Regal des Spielzeugwarenladens sah es anders aus. Der Renner war eine Holzkiste von Carl Zweifel (1884-1963). Der Architekt aus Lenzburg hatte 1915 damit begonnen, seinen «Schweizerbaukasten» zu produzieren. Die Holzkiste war eine Schatztruhe mit zahlreichen Möglichkeiten, sich kreativ zu betätigen.

Von aussen schlicht anzusehen, offenbart Zweifels Holzkiste ihre Schätze Schicht für Schicht im Inneren: Übereinander sind sechs Laden gestapelt, die mit bemalten Holzbausteinen in verschiedenen Farben und Formen gefüllt sind. Die Steine müssen in einer bestimmten Folge innerhalb der Lade angeordnet sein, damit alle darin Platz haben. Dass sich dadurch auch interessante geometrische Muster ergeben und die einzelnen Laden «Bildcharakter» erhalten, ist reizvoller Nebeneffekt. Ein beigelegtes Heft enthält verschiedene Anleitungen zum Nachbauen, so ein «Kurhaus auf dem Lande», inklusive Grundriss. Schliesslich informiert eine Fotografie über das Aussehen des fertig aufgebauten Kurhauses mit Park – ein Idyll aus Klötzchen.

Schweizerbaukasten von Carl Zweifel, um 1920.
Schweizerisches Nationalmuseum

Nationalbezug im Kinderzimmer

Die Vorzüge des Schweizerbaukastens wurden schnell entdeckt. Bereits 1915, im Geburtsjahr von Zweifels Holzkiste, gewann der Kasten den dritten Preis am Spielwarenwettbewerb des Schweizerischen Werkbundes. Ein Jahr später bewarb der Katalog des Zürcher Spielwarengeschäftes Franz Carl Weber den Baukasten als «wahrhaft künstlerisch ausgeführtes Bauspiel» und die Gebäude aufgrund der farbenprächtigen Steine als «sehr malerisch und geschmackbildend». Der inhaltliche Fokus auf die Schweiz in den Kästen weist auf den verstärkten Nationalbezug in allen Bereichen des Alltagslebens während des Ersten Weltkriegs hin. Auch in den Kinderzimmern hielt die nationale Selbstbesinnung in mehr oder weniger direkter Form in Kinderbüchern, Brettspielen und Spielzeug Einzug.

Ein Blick über die Grenze offenbart, dass auch Künstler der Wiener Werkstätte wie Koloman Moser zeitgleich an ähnlichen Baukästen mit sorgfältig geformten und bemalten Holzklötzen arbeiteten. Geschmacksbildung, neue Formensprachen in Design und Architektur und reformpädagogisches Gedankengut verbanden sich in Form des Bausteins ideal.

Das Kind wird in diesem Spiel zum Architekten, der die beigelegten Baupläne lesen und interpretieren können muss. Als Baumeister fügt es die einzelnen Bausteine zu einem Gebäude zusammen. Schliesslich wird es zum Erbauer von Bauensembles, Dörfern und – bei entsprechendem Materialvorrat – ganzer Städte. Mit den Bausteinen konnten nicht nur Jungen nach Herzenslust planen, konstruieren und bauen, auch Mädchen wurden damit adressiert. Auf diese Weise wurden pädagogische Reformgedanken vor über 100 Jahren in Form von Spielzeug Mädchen und Jungen gleichberechtigt in die Hände gelegt.

Seine pädagogische Ausdeutung fand das Legen dreidimensionaler Formen durch den deutschen Pädagogen und Pestalozzischüler Friedrich Froebel (1782-1852), dessen «Spielgaben» für Kindergartenkinder auch bunte Bausteine enthielten. Das Spiel mit kleinen Holzscheiten und Bausteinen aus allerlei Materialresten hat es wohl schon lange vorher gegeben. Im 19. Jahrhundert wurde es aber zum Instrument pädagogischer Bemühungen um die Bildung von Kindern mit ästhetischen Mitteln.

Pazifistisches Spielzeug?

Kommerziell gedacht ist der «Schweizerbaukasten» sicher auch als Alternative zu Produkten des deutschen Spielzeugmarktes zu sehen: Diese waren in den Kriegsjahren in der Schweiz schwer oder gar nicht erhältlich und mit dem neuen Baukasten konnte hier ein freies Marktsegment besetzt werden. Das Schweizer Produkt war auch noch lange nach dem Krieg erfolgreich und Carl Zweifel vor allem im Verband der Schweizerischen Spielwarenfabrikanten einflussreich.

Ob der Schweizerbaukasten, der mitten im Ersten Weltkrieg auf den Markt kam, als ein «Friedensspielzeug» gedacht war? Parallelen zu anderen Bereichen der Kindheit tun sich auf: So erfand der britische Bauingenieur Hugh Lofting (1886-1947) in den Schützengräben von Flandern 1917/18 die berühmte Kinderbuchfigur des Dr. Dolittle und schuf so eine hilfsbereite und friedliebende Integrationsfigur, die im völligen Gegensatz zur früher verbreiteten Hasspropaganda in Kinderbüchern und -Spielzeug stand. Über Dolittle schrieb Lofting in illustrierten Briefen an seine Kinder, um nicht von den Gräueln des Krieges berichten zu müssen. Mit Zweifels Bausteinen lassen sich zwar nicht nur friedliche Dörfer und Städte errichten, sondern auch ganz vorzüglich Festungen anlegen. Den Anleitungen gemäss war die Intention seines Baukastens aber jene des Aufbauens und Werdens.

Loftings Geschichten über Doktor Dolittle erschienen 1920 als Buch.
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