«Rettung des Landes durch Claudius Cossus». Druck von Karl Jauslin (1842-1904) von 1885.
«Rettung des Landes durch Claudius Cossus». Druck von Karl Jauslin (1842-1904) von 1885. Nachlass Karl Jauslin, Museen Muttenz

Ein geschick­ter Diplomat

Wie Claudius Cossus im 1. Jahrhundert n. Chr. mit geschickten Reden die helvetischen Bewohnerinnen und Bewohner von Aventicum vor einem Massaker bewahrte.

Laurent Flutsch

Laurent Flutsch

Archäologe, Direktor des Römermuseums Lausanne-Vidy

Die Hauptstadt des galloromanischen Helvetiens verheert und geplündert, die Bewohner niedergemetzelt oder als Sklaven verkauft: Im Jahr 69 n. Chr. entgingen die Stadt Aventicum (das heutige Avenches VD) und das Volk der Helvetier nur knapp einer Katastrophe.

Seit 15 v. Chr. waren die Helvetier Teil des Römischen Reichs. Wie die anderen keltischen Stämme unter der Herrschaft Roms hatten auch sie sich assimiliert: Im Verlauf weniger Generationen übernahmen sie die lateinische Schrift und Sprache, die Architektur und neue Techniken, Bilder sowie Götter aus dem Mittelmeerraum. Die einheimische Aristokratie hatte sich der römischen Lebensart als Erste zugewandt. Indem sie politische, verwaltungstechnische, wirtschaftliche und kulturelle Belange übernahm, konnte sie nämlich ihren gesellschaftlichen Aufstieg sichern und gleichzeitig die kulturelle Anpassung der Bevölkerung fördern. So hatten die Helvetier, ohne die Traditionen ihrer Vorfahren aufzugeben, Aspekte der römischen Kultur in ihre Lebensweise integriert und waren zu dem geworden, was man heute Galloromanen nennt. Das Gebiet, das sie bewohnten – das Schweizer Mittelland vom Genfer- bis zum Bodensee –, war zur Civitas Helvetiorum, dem Siedlungsgebiet der Helvetier, geworden.

Aventicum zu seiner Blütezeit im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. Schulwandbild von 1962. Gezeichnet von Serge Voisard.
Aventicum zu seiner Blütezeit im 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. Schulwandbild von 1962. Gezeichnet von Serge Voisard. Schweizerisches Nationalmuseum / Ingold Verlag

Als Folge der resoluten Politik des Kaisers wurde das Land urbanisiert: Siedlungen nach Römerart mit ihrem rasterartigen Grundriss, dem Strassennetz, dem Forum und ihren öffentlichen Gebäuden säumten die wichtigen Strassen- und Flussachsen. Die Verwendung von Mauerwerk verbreitete sich nach und nach. Aventicum, der Hauptort der Civitas Helvetiorum, hatte im Jahr 69 weder Ringmauer noch Amphitheater, war aber bereits eine bedeutende und wohlhabende Stadt, ein religiöses und politisches Zentrum, ein florierendes Rom im Kleinformat, wo die einheimische Elite ihre Rechte wahrnahm und ihre Reichtümer investierte.

Aber im Jahr 69 lief die Stadt Gefahr, als rauchendes Trümmerfeld zu enden. Widmen wir uns kurz der Kette von Ereignissen, die zu dieser akuten Bedrohung führten. Im Jahr davor, am 11. Juni 68, hatte der römische Kaiser Nero seinem Leben ein Ende gesetzt. Der erste offiziell eingesetzte Thronfolger, Galba, war einige Monate lang an der Macht gewesen. Wie die anderen Stämme hatten auch die Helvetier dem neuen Kaiser die Treue geschworen. Aber am 2. Januar 69 lancierten die in der Rheinebene stationierten Legionen einen Putsch, indem sie ihren Oberbefehlshaber Vitellius zum Kaiser ausriefen. Zwei Wochen später, am 15. Januar, wurde Galba in Rom ermordet, denn die Prätorianergarde hatte einen gewissen Otho in die höchste Machtposition gebracht. Eine Wahl, die der Senat sofort anerkannte.

Marmorbüste von Kaiser Vitellius.
Marmorbüste von Kaiser Vitellius. Musée de Louvre

Die Lage Mitte Januar 69: Von Köln aus erhob Vitellius Anspruch auf den Titel, den man Otho in Rom verliehen hatte. Der Gegenkaiser und sein Heer mussten also gen Italien marschieren.

Vitellius verliess die Rheinebene in Richtung Süden und marschierte der Westflanke des Jura entlang, um über Vesontio (Besançon) nach Lugdunum (Lyon) zu gelangen. Einer seiner Feldherren, Caecina, sandte er jedoch nach Osten ins Schweizer Mittelland, um dort den Befehl über die 21. Legion, die in Vindonissa (Windisch AG) stationierte Legio XXI Rapax, zu übernehmen. Dort nahm die Geschichte eine böse Wendung.

In Vindonissa fand Caecina nämlich eine brenzlige Situation vor. Die Helvetier in der Region waren mit der Garnison wegen einer Geldangelegenheit in Streit geraten. Nach einem Bericht des römischen Historikers Tacitus, der ein halbes Jahrhundert später über die Ereignisse schrieb, hatte die 21. Legion durch «Habgier und Ungeduld» eine Geldsumme an sich genommen, die eigentlich als Sold für eine Truppe der Helvetier bestimmt gewesen war. Die erzürnten und auf Vergeltung sinnenden Helvetier fingen darauf ein Schreiben des Heeres ab und «behielten dabei auch einen Centurio und einige Soldaten in Haft». Dass sie wegen der Unkenntnis über Galbas Ermordung, dem sie einen Treueeid geschworen hatten, «von einer Regierung des Vitellius nichts wissen wollten», war der Sache auch nicht dienlich.

Das Legionslager Vindonissa im 1. Jahrhundert n. Chr.
Das Legionslager Vindonissa im 1. Jahrhundert n. Chr. ikonaut © Kanton Aargau

Diese lokalen Spannungen ärgerten Caecina, der als jähzornig und brutal bekannt war und den Ruf hatte, schnell und hart durchzugreifen. «Kriegslustig, wie er war», rückte der Abgesandte von Vitellius mit der 21. Legion aus und verwüstete die Region. Dafür rief er auch rätische Truppen zur Hilfe. Er griff die Bäderstadt Aquae Helveticae (Baden AG) an und den Helvetiern und ihrem eigens für diese Schlacht ernannten Heerführer, einem gewissen Claudius Severus, gelang es nicht, sie zu verteidigen. Es war ein Blutbad. Einige der Helvetier, «verwundet oder in der Absicht sich zu zerstreuen», flüchteten auf den nahe gelegenen Mons Vocetius (wahrscheinlich der Bötzberg im Aargau). Aber man jagte sie hinunter und sie wurden «in den Wäldern ringsum und selbst in ihren Schlupfwinkeln niedergemetzelt. Viele Tausende kamen um, viele Tausende verkaufte man in die Sklaverei», woraufhin «nach dem allgemeinen Drunter und Drüber» Caecina und sein Heer in Richtung Aventicum, der Hauptstadt der Helvetier, marschierten, mit der festen Absicht, dort genau das Gleiche zu tun.

Aber die helvetischen Machthaber wurden gewarnt und zeigten sich findig. Im Gegensatz zu ihren Landsleuten im heutigen Aargau mobilisierten sie kein Heer, sondern Unterhändler. Zunächst einmal warteten sie nicht, bis die römischen Truppen vor den Toren Aventicums standen, denn dabei hätten die Römer womöglich Lust auf ein Massaker und Plünderungen mit erhobenem Wurfspiess bekommen. Stattdessen sandten die Helvetier eine Delegation aus, die Caecina ihre Kapitulation unterbreiten sollte. So konnte der Marsch des Heeres unterbrochen und die kriegerischen Pläne des römischen Oberbefehlshabers durchkreuzt werden. Dieser war gezwungen, die Situation neu zu überdenken und einen Ausweg zu finden. Caecina hatte Julius Alpinus, einen der bedeutendsten Heerführer der Helvetier, als Kriegsanstifter bestraft, und kam nun zum Schluss, dass er nicht allein über das Schicksal von Aventicum und dessen Bevölkerung bestimmen konnte. Diese Entscheidung sollte Vitellius zufallen, dessen Lager sich zur Stunde in der Nähe von Lyon befand. Die helvetische Abordnung begab sich deshalb auf dem schnellsten Weg dorthin.

«Rettung des Landes durch Claudius Cossus». Druck von Karl Jauslin (1842-1904) von 1885.
«Rettung des Landes durch Claudius Cossus». Druck von Karl Jauslin (1842-1904) von 1885. Nachlass Karl Jauslin, Museen Muttenz

Den Gegenkaiser und seine Legionen für sich einzunehmen, war kein leichtes Unterfangen und die Verhandlung schien keinen guten Anfang zu nehmen. Laut Tacitus war es nämlich «schwer zu sagen, ob die Gesandten der Helvetier beim Imperator oder bei den Soldaten eine unversöhnlichere Haltung vorfanden. Die Soldaten forderten eine Ausrottung der Stadt mit Stumpf und Stiel, fuchtelten mit den Waffen vor dem Gesicht der Gesandten herum. Selbst Vitellius verzichtete nicht darauf, sich in hemmungslosen Drohworten zu ergehen.» Kurz gesagt, die Chancen, auch nur die geringste Milde für Aventicum und die helvetische Bevölkerung zu erreichen, schienen äusserst gering.

Zum Glück verfügte die Abordnung der Helvetier über einen begnadeten Unterhändler. Dieser Gesandte, ein gewisser Claudius Cossus, war «ein bekannter Redner». Aber wie die Waadtländer von heute, die, wie man sagt, einen ernstzunehmenden Scharfsinn unter einer leichten Tölpelhaftigkeit verstecken können wie niemand sonst, indem sie den Gegner mit Geschwätz einlullen, ohne wirklich etwas zu sagen, um dann im geeigneten Moment das entscheidende Argument vorzubringen, das ihnen den Sieg bringt, so war auch Claudius Cossus ein schlauer Fuchs. Dem angesehenen Redner, «der seine Kunst nicht ungeschickt hinter Zaghaftigkeit versteckte und deswegen umso stärker wirkte», gelang es so, «die Leute zu besänftigen». Besser noch: Die wankelmütige Menge erwies sich als «durch die unerwarteten Eindrücke leicht umstimmbar und ebensosehr zu Mitleid geneigt, wie sie vorher masslos in ihrer Wut gewesen war». So schaffte es Claudius Cossus, die Legionäre vollends von seiner Sache zu überzeugen. Da liessen sie «ihre Tränen strömen» und flehten Vitellius an, die Helvetier zu verschonen. Und dank ihrer eindringlichen Bitten um «einen besseren Bescheid» konnten sie «Straflosigkeit und Schonung für die Stadt erwirken».

So entgingen die Stadt Aventicum und die Helvetier einem verhängnisvollen Schicksal. Was aus Claudius Cossus wurde, ist nicht bekannt, denn er wird nur in diesem Bericht von Tacitus erwähnt. Zweifelsohne wurde ihm von seiner dankbaren Stadt Ehre zuteil. Doch das Andenken an diesen geschickten Diplomaten und Retter Helvetiens, der mit einer einzigen Rede nicht weniger als einen römischen Kaiser und dessen ganzes Heer «umstimmen» konnte, hätte es verdient, heute irgendwo im Bundeshaus in Marmor gemeisselt zu werden.

Serie: 50 Schweizer Persönlichkeiten

Die Geschichte einer Region oder eines Landes ist die Geschichte der Menschen, die dort leben oder lebten. Diese Serie stellt 50 Persönlichkeiten vor, die den Lauf der Schweizer Geschichte geprägt haben. Einige sind besser bekannt, einige beinahe vergessen. Die Erzählungen stammen aus dem Buch «Quel est le salaud qui m’a poussé? Cent figures de l’histoire Suisse», herausgegeben 2016 von Frédéric Rossi und Christophe Vuilleumier im Verlag inFolio.

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